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BLOG vom 17.10.2010


Reliquien-Handel: Vorhaut, Sandalen und Windel von Jesus
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Im Namen des Herrn lassen sich vortreffliche Geschäfte mit Reliquien (lat. für Überbleibsel) aller Art machen. In den meisten Fällen sind es Fälschungen, die auf dem Markt sind. Hoch im Kurs steht beispielsweise die Vorhaut Jesu (Sanctum Praeputium), seine Nabelschnur, Finger- und Zehennägel und Haare. Da muss ein findiger Zeitgenosse von Jesus aufgepasst haben und alle diversen Überbleibsel gesammelt haben. Sehr unwahrscheinlich ist, dass nach der Geburt des Arbeiterkindes aus Nazaret nach einer Routineprozedur ein Hautstückchen aufgehoben wurde.
 
Die Vorhaut wurde mit dem Finger der Katharina von Siena (1347‒1380) in einer Art Monstranz aufbewahrt. Im Traum soll Jesus ihr erschienen sein und die Vorhaut über den Finger als Ring übergestreift haben. Bis 1983 wurde die Reliquie in Carcata (Italien) bei einer festlichen Prozession den Gläubigen gezeigt. Dann wurde sie angeblich gestohlen. Es wird vermutet, dass auch der Vatikan hier seine Finger im Spiel hatte. Anfragen diesbezüglich blieben unbeantwortet. „Wollte der Vatikan verhindern, dass das Gewebe zum Klonen verwendet wird?“, spekulierte Rüdiger Dilloo im PM-Heft 04-2010.
 
Später wollten 14 Städte die Vorhaut besessen haben. Überall wirkten die Vorhaut und andere Reliquien Wunder. Besonders Frauen suchten die Wallfahrtsorte wie Chartres, Santiago de Compostela und Kloster Andechs auf. Sie waren fest überzeugt, dass diese Reliquie die Fruchtbarkeit fördere und zu einer Schwangerschaft verhelfe.
 
Kreuzsplitter und Lendenschurz
In vielen katholischen Kirchen sind Splitter des Kreuzes bzw. Pfahles* in Gold gefasst und in wertvollen Monstranzen aufbewahrt. Auch in meiner ehemaligen Realschule Hl. Kreuz in Donauwörth ist eine Kreuzreliquie ausgestellt. Um 1030 brachte Graf Mangold I. diese Reliquie als Geschenk des byzantinischen Kaisers aus Konstantinopel mit. In der Gnadenkapelle konnten wir oft auf dem Weg zum Chor, wo wir als Jugendliche bei Gottesdiensten jubilieren und singen mussten, den Kreuzpartikel sehen. Damals glaubten wir fest, hier befindet sich tatsächlich ein Splitter des Kreuzes. Wir wurden ja alle katholisch erzogen.
 
Die Kreuzreliquie ist historisch nachweisbar, seit Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, anlässlich einer Reise nach Jerusalem bei Grabungen 3 Kreuze auffand. Wie kam sie darauf, dass es das richtige Kreuz war? Nun, sie legte eine tote Frau auf die Kreuze, beim richtigen wurde die Tote auf wundersame Weise wieder lebendig. So die Legende. Übrigens wird auch im Dom zu Hildesheim ein 17 × 8 cm grosses Reliquien-Stück des Kreuzes aufbewahrt.
 
* Bibelforscher kamen inzwischen zu der Erkenntnis, dass damals keine Kreuze, sondern Pfähle für Tötungen verwendet wurden. Laut Übersetzungen der Urschriften aus dem Griechischen bedeutet staurós = Pfahl, Stamm. Es ist in den griechischen Schriften kein Stamm mit Kreuz aufgeführt (in diesem Text belasse ich jedoch die Bezeichnung Kreuz bzw. Kreuzpartikel, weil diese für die Reliquien üblich ist).
 
Auf der ganzen Welt gibt es so viele Holzstückchen vom Kreuz Christi, dass man ein ganzes zeitgenössisches Mittelmeerschiff bauen könnte. Diese spöttische Bemerkung stammt von Erasmus von Rotterdam. Aber vielleicht gab es eine wundersame Holzvermehrung, von der er nichts wusste.
 
Grabtuch von Turin
Es sind aber noch weitere Utensilien von Jesus in den Kirchen. So gibt es heilige Requisiten aus dem Alltagsleben von Jesus. Man kann es kaum glauben, dass beispielsweise in Prüm (Eifel) die Sandalen Jesu und in Aachen eine Windel und der Lendenschurz verehrt werden. Mönchengladbach hat sogar ein Stück vom Tischtuch des letzten Abendmahls ergattert.
 
Der Vatikan besitzt Brotkrümel und Fischgräten von der wundersamen Brotvermehrung sowie die Treppe, auf der Jesus zu Pontius Pilatus geführt wurde. Das Schweisstuch der heiliggesprochenen Veronika ist in einer Säule des Petersdomes eingemauert.
 
Auch die Dornenkrone und die Lanze, die Jesus tötete, fanden kirchliche Liebhaber (Notre-Dame, Paris, Wiener Hofburg).
 
Das 4,36 m lange und 1,10 m breite Grabtuch von Turin ist wohl wesentlich jüngeren Datums. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen mittels Radiokohlenstoffdatierung ist das Leintuch ein mittelalterliches Artefakt. Die Entstehung des Körperabbildes ist heute noch nicht eindeutig geklärt. Trotzdem wird das Tuch von Kirchenoberen und Gläubigen verehrt und für echt befunden. Meine persönliche Meinung: Es ist eine Fälschung! Auch das Seidentuch aus der Wallfahrtskirche des Abruzzendorfes Manopello dürfte eine Fälschung sein. Vor diesem Tuch betete kürzlich Papst Benedikt XVI. Ein Kopfschütteln aus dem Vatikan ist mir gewiss.
 
Weitere christliche Reliquien und Fetische: Breinapf von Jesus, Schweisstropfen von Jesus, Brustmilch von Maria, Hemd Marias, Wachs von der Sterbekerze Marias, Stroh aus der Krippe Jesus, Hirnschale des Heiligen Alto, Hirnschale des Heiligen Apolinaris, Kopfbedeckung von Papst Pius X., Auto von Joseph Ratzinger, Oberarmknochen des Heiligen Filipp usw.
 
Unter www.gavagai.desindsind die Reliquien aufgeführt. Wer sich dafür interessiert, in welchen Kirchen Splitter vom Kreuz Christi sich befinden, wird auch hier fündig.
 
Reliquien waren früher für die Klöster und Städte gefragt, zumal die Pilger nur so heranströmten und viel Geld in die Kassen brachten. Es wurden sogar Reliquien von Persönlichkeiten, die im Verdacht standen, einmal als Heilige verehrt zu werden, gesammelt. So rissen Leute laut einer Chronik von der Elisabeth von Thüringen Tücher auseinander, schnitten ihre Nägel, das Haupthaar und Brustwarzen ab. Es gab Zeiten, da waren die Menschen hysterisch nach solchen Objekten, die Segen spendeten.
 
Bischof Orwin von Hildesheim wollte unbedingt auch eine Reliquie ergattern. Er reiste nach Pavia, brach dort Altäre auf und stahl die Gebeine der Heiligen Epiphanius und Speciosa. Auch ein Erzbischof war scharf auf Gebeine von Heiligen. Alle diese Diebstähle wurden als „heiliger Raub“ bezeichnet.
 
Heute gibt es auch Privatsammler von Reliquien. So sagte ein Franzose, dass eine Reliquie wie ein Telefonhörer zum Himmel ist. Wenn es ihm schlecht geht, dann nimmt er eine Reliquie in die Hand und bittet einen Heiligen um Hilfe. Ihm kam wohl nicht in den Sinn, direkt zu Gott zu beten.
 
Heute ist der Aberglaube um Reliquien, Fetische, Glückbringer, Amulette immer noch vorhanden. Die Leute glauben, diese bringen Glück, Schutz und Heilung.
 
Auch in unserer Schulzeit verkaufte ein Lehrer, der gar nicht „heilig“ war, sondern oft seine cholerische Ader zur Schau stellte, Marien-Amulette, die er von einem Wallfahrtsort mitgebracht hatte. Er betonte, wer dieses Amulett besitzt, der hat den Segen Marias. Die meisten von uns kauften dieses wundersame Ding nicht. Kurze Zeit später wurde der rabiate Lehrer von der Schule entfernt. Da nützten ihm die Amulette nichts mehr.
 
Meine Grossmutter brachte von einer Wallfahrt nach Altötting ein geweihtes Medaillon mit, das sie mir vor ihrem Tod schenkte. Auf der Vorderseite steht „Unsere liebe Frau von Altötting“ und auf der Rückseite „Heiliger Bruder Konrad“. Dieses Amulett habe ich heute noch. Ich betrachte dieses Amulett nicht als Glücksbringer, sondern als ein Andenken an meine Oma.
 
205 Knochen im Koffer
Am 26.05.2010 berichtete die „Badische Zeitung“ von einem Schweizer, der Gebeine aus Griechenland nach Deutschland schmuggeln wollte.
 
Bei einer Routinekontrolle auf dem Flughafen von Thessaloniki entdeckten Zöllner in einem Koffer eines 43-Jährigen insgesamt 205 Knochen und eine silberne Reliquie des Heiligen Dimitrios. Der Schweizer erklärte, er solle die Gebeine verschiedener Heiliger im Auftrag eines Geistlichen zu einem griechisch-orthodoxen Abt nach Deutschland bringen. Er zeigte den Beamten eine kirchliche Bescheinigung, die nach Einschätzung der Ermittler eine Fälschung war. In weiteren Ermittlungen kam man auf einen mutmasslichen Komplizen. In seiner Wohnung fanden sie weitere 505 Knochenfragmente und 15 Totenschädel. Die aufgefundenen Stücke sollen laut Papieraufkleber von allen möglichen Heiligen stammen. Aber die Ermittler wurden weiter fündig. In der Wohnung entdeckten sie eine byzantinische Ikone, mehrere antike Ringe und Münzen und ein Kruzifix aus dem 19. Jahrhundert.
 
Die Burschen haben also einen schwunghaften Handel mit Reliquien betrieben. Die genaue Herkunft der Knochen wurde noch nicht ermittelt.
 
Gerd Höhler berichtete dazu Folgendes: „In Griechenland ist es üblich, Verstorbene nach einigen Jahren zu exhumieren, ihre Knochen zu reinigen und in Beinhäusern auf Friedhöfen aufzubewahren, um Platz für neue Gräber zu schaffen.“
 
Nun, die Reliquienhändler dürften hier reichlich Knochen finden und dann diese zu horrenden Preisen verkaufen.
 
Die Knochensammler, die geschnappt wurden, sollen jetzt wegen Störung der Totenruhe und Antikenschmuggel angeklagt werden. Sie müssen in Griechenland mit einigen Jahren Haft rechnen.
 
Ich bin jedoch überzeugt, dass wieder andere einen Schmuggel wagen. Sie dürfen sich jedoch nicht erwischen lassen. Der Reliquienhandel floriert auch in unserer Zeit.
 
Die Reliquienverehrung lehnen viele Protestanten ab. Adventisten und Zeugen Jehovas bezeichnen die Reliquienverehrung als Götzendienst.
 
Wer ist auf dem Holzweg und wer hat nun Recht? 
Hier kann uns die Bibel eine eindeutige Auskunft geben: kein Götzendienst, keine Verehrung von religiösen Bildern, Statuen und Schreinen, also auch Reliquien.
 
Internet
 
Hinweis auf ein Blog von Heinz Scholz mit Bezug zu Reliquien
 
Literatur
Angenendt, Arnold: „Heilige und Reliquien – Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart“, Nikol Verlag 2007.
Augstein, Rudolf: „Jesus Menschensohn", C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1972 (ab S. 221, Hinweise auf das Kreuz und den Pfahl)., C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1972 (ab S. 221, Hinweise auf das Kreuz und den Pfahl).
Deschner, Karlheinz: „Kriminalgeschichte des Christentums“, Band 3, 1990.
Dilloo, Rüdiger: „Der grausige Handel mit Reliquien“, PM, 2010-04.
Hermann, Horst: „Lexikon der kuriosesten Reliquien – Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds“, Rütten & Loening Verlag, 2003.
Höhler, Gerd: „205 Knochen im Koffer“, „Badische Zeitung“, 26.05.2010.
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