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BLOG vom 22.10.2010


Die Uno und die Pfauen-Symbolik im internationalen Genf
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Seit Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, berühmter Diplomat während der Französischen Revolution, wissen wir es: Genf ist nicht einfach eine Stadt oder ein Kanton, sondern ein Erdteil. Ein Erdteil für sich. Und innerhalb dieses Kontinents gibt es ein spezielles Festland, sozusagen einen Unter-Kontinent: Das Areal mit den gewaltigen Bauten internationaler Organisationen – etwa 200 davon sind in Genf ansässig – am nördlichen Stadtrand, an erhabener Lage über dem Genfersee.
 
Das baulich dominante Ereignis ist der Palais des Nations. Der Völkerbundsrat in Genf beschoss im März 1928 einen Neubau nach einem (abgewandelten) Entwurf der Architekten Henri Paul Nénot (Frankreich), Julien Flegenheimer (Schweiz), Carlo Broggi (Italien), Camille Lefèvre (Frankreich) und Joseph Vago (Ungarn). Der riesige, monumentale antikisierende, spätneoklassizistische Völkerbundspalast, der zwischen 1929 und 1936 im Ariana-Park erbaut wurde, erhielt 1973 noch 2 Seitenflügel mit viel Glas, ein zusätzliches Bekenntnis zur modernen Architektur. Er steht in der Parkanlage mit ihrem prächtigen Baumbestand wie Zedern und Zypressen. Diese ausgedehnte Anlage ist zum Teil eine Leihgabe an die Uno, und ist somit im Prinzip eine Enklave in der Schweiz. Der Park, der ursprünglich der Genfer Familie Revilliod de Rive gehörte und 1890 der Stadt Genf vermacht wurde, beherbergt noch heute Pfaue, die dort jederzeit Auslauf erhalten müssen – laut Donatoren-Auflage. Einen Pfau habe ich selber gesehen. Der Park wird von der Stadt Genf den Vereinten Nationen überlassen, so lange diese existieren.
 
Der 1920 auf britisch-amerikanischen Grundlagen gegründete Völkerbund, der die Zusammenarbeit der Nationen verbessern und den Frieden gewährleisten wollte und hier seinen Hauptsitz hatte, wurde 1946 aufgelöst; die USA hatten ihren Beitritt verweigert. 1945 wurden die Vereinten Nationen (United Nations, UN) gegründet, die ihren Hauptsitz natürlich in New York haben mussten und 3 weitere Sitze („Büros“) erhielten: Genf, Nairobi und Wien; der Internationale Gerichtshof wurde in Den Haag angesiedelt. Der Uno gehören heute 192 Länder an, und seit 2002 gehört auch die Schweiz dazu.
 
Die Schweiz und die Uno
Die Schweiz war eines der letzten Länder, die der Uno beitraten, nicht weil ihre quadratische Flagge nicht zu den Rechtecken der übrigen Nationen passte (eine ebenfalls erfrischende Ausnahme ist Nepal, deren Flagge aus 2 zusammengefassten Wimpeln besteht). Nein, denn bis dahin herrschte in der Schweiz die Ansicht vor, ein Beitritt sei mit der Neutralität unvereinbar; eine Ausnahme aber bildeten technische Spezialorganisationen.
 
Noch heute ist die bewährte Schweizer Version von Neutralität selbstverständlich mit Boykotten, Sanktionsmassnahmen und multinationalen Strafexpeditionen, wie sie gerade vonseiten der USA ständig inszeniert werden, inkompatibel. Doch hat man sich inzwischen an solche Machenschaften gewöhnt, und die CH-Mitgliedschaft ist in der Schweiz kein Thema der Auflehnung mehr. Man bringt sich ein, hofft, auch in dieses Gremium so etwas wie demokratische Grundsätze und Neutralitätsphilosophien einbringen zu können. Der Schweizer Alt-Bundesrat Joseph Deiss ist zurzeit Uno-Präsident. Er will die Uno effizienter machen, damit sie nicht von anderen, selbst ernannten, machtgierigen Akteuren wie den G-20, wieder unter US-Vorherrschaft, in den Hintergrund abgedrängt wird. Für einmal hatte die Schweizer Bundesrätin Doris Leuthard Recht, als sie an der Uno-GV 2010 sagte, die Uno sei die einzige Organisation, welche die Legitimität habe, alle Nationen und Völker zu repräsentieren. Und die Uno dürfe nicht zu einem „historischen Monument“ verkommen.
 
Noch am 16.03.1986 hatten die Schweizer Stimmberechtigten sowie alle Stände den Uno-Beitritt mit rund 76 % Nein überraschend deutlich abgelehnt. Die Gegner erachteten die Uno als ineffizient und zu kostspielig. 1994 wurde eine Vorlage, welche die Entsendung von Schweizer Uno-Blauhelmtruppen vorsah, ebenfalls klar verworfen, worauf der Bundesrat schlaumeierisch „Swisscoys“ in Krisengebiete entsandte.
 
Auch heute erfüllt die Uno lange nicht alle Wünsche nach Gleichberechtigung aller Länder, sondern sie wird von den US-Interessen (auch über die Nato) dominiert – der Hauptsitz New York ist und bleibt ein augenfälliges Symptom dafür.
 
Die Genfer Internationalität
In Genf beschäftigt die Uno 8500 Personen (Budget: 8 Milliarden CHF, wovon etwa 5 Mia. CHF in Genf ausgegeben werden; die Schweiz steuert 237 Mio. CHF an die Uno und ihre Organisationen in Genf bei). Bei allen in dieser Stadt niedergelassenen internationalen Organisationen sind insgesamt 16 000 Personen beschäftigt (www.fipoi.ch).
 
Die Uno-Filiale in Genf (2. Hauptsitz) ist vor allem mit der allgemeinen Verwaltung der europäischen Dienstleistungszweige betreut. Dazu gehören Repräsentations- und Verbindungsfunktionen sowie technische Arbeiten und Studien. Seit je sind auch die Wirtschaftskommission für Europa (Economic Commission for Europe, UN/ECE) und das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) dort ansässig.
 
Genf war immer weltoffen, schon im Mittelalter, als Messen viele Händler anzogen. Aber zur internationalen Stadt wurde es dank des Bankiers Henri Dunant, der wegen einer nebulösen Affäre Napoléon sprechen wollte und dadurch aufs Schlachtfeld von Solferino geriet. Dort sah er Tausende von Verwundeten, die ihrem Schicksal überlassen wurden. Das beeindruckte ihn tief, und zusammen mit 4 weiteren Persönlichkeiten gründete er 1864 das Rote Kreuz, das sich 1920, gleichzeitig mit dem Internationalen Arbeitsamt, in Genf niederliess. Vor dem Eingang zum IKRK-Museum steht die Skulptur „Die Versteinerten“, 1979 von Carl Bucher geschaffen: lebensgrosse, gefesselte und eingehüllte Figuren, die das Leid darstellen, das von Menschenrechtsverletzungen und Kriegen ausgeht, ein ausserordentlich berührendes Kunstwerk. Im Inneren des Bauwerks sind Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsleitungen sichtbar, ein Hinweis auf den provisorischen Charakter der Rot-Kreuz-Arbeit.
 
Internationale Organisationen geniessen, den Botschaften nicht unähnlich, eine internationale Immunität, und so weiss denn der unkundige Besucher, der zwischen der Route de Lausanne, der Avenue de la Paix und dem Chemin d’Impératrice das wahre Uno-Wesen ergründen oder den dortigen Botanischen Garten besuchen will, eigentlich nie, ob er sich auf Genfer Boden oder auf dem internationalen Territorium befindet. Man erreicht diesen Sektor mit den Buslinien, 8, E oder F vom Bahnhof Cornavin (mit ähnlicher Architektur wie der Völkerbundspalast) aus oder man kann, von auf der Lausannerstrasse heranfahrend, einfach den Wegweisern folgen und das Auto im Parkhaus „Nations“ abstellten.
 
Bis zum Eingang des Völkerbundspalasts hat man gut 500 Meter zurückzulegen, die sich lohnen, denn die Gegend ist mit vielen Monumenten dekoriert, die den aufmerksamen Besucher eigentlich in eine trübselige Stimmung versetzen. Denn viele Künstler versuchten in einem geradezu himmelschreienden Akt der Verzweiflung, zu mehr Frieden auf der Welt aufzurufen. So steht in der Nähe des Uno-Hauptgebäudes eine rostende Kanone mit einem verknoteten Rohr, ein Impuls zu Frieden und zum Unterlassen des Schiessens und Tötens, das heute von Drohnen aus geschieht, ein neues Motiv für Kunstschaffende. Und der „Broken Chair“, ein über 6 Meter hoher Stuhl mit einem abgebrochenen Bein, steht seit 1997 als eindrückliches Mahnmal für die Opfer von Landminen beim Friedensplatz. Daniel Berset hat diese Skulptur aus verleimtem Holz für Handicap International geschaffen. Heute rüttelt das Kunstwerk die Staaten der Welt dazu auf, die insbesondere von den USA, der Nato und Israel so beliebten Streubomben auf ewig von der Erdoberfläche zu verbannen, da sie mit ihrer Splitterwirkung genauso wie Landminen die Zivilbevölkerung der Welt bedrohen und auch unschuldige Zivilpersonen verstümmeln, ihnen ein oft nicht mehr lebenswertes Leben zumuten oder sie gleich töten. Israel hat im Libanon 2006 Streubomben mit insgesamt mehr als 4 Millionen Submunitionen abgeworfen. Im Irak liegen noch bis zu 10 000 solcher Bomben US-amerikanischer Herkunft herum. Die Amerikaner haben das von ihnen verwüstete Land verlassen.
 
An einer Parkmauer sind 2 lange Fresken von Hans Erni, grandios, schwungvoll, mit vielen Friedenssymbolen . Die Flaggenallee hinter einem hohen Gitter dürfen Normalsterbliche nicht begehen, aber wenigstens durch die Eisenstäbe hindurch fotografieren. Zum Eingang in den Völkerbundspalast muss das Fussvolk der Avenue de la Paix nordwärts folgen.
 
Es ist geradezu eine wohltuende Abwechslung, wenn man am friedlichen Ariana-Museum vorbei kommt, das Einblicke in 12 Jahrhunderte Keramikgeschichte und 7 Jahrhunderte Glasherstellung vermittelt. In diesem schönen, neoklassizistischen bis neubarocken Palast sind 20 000 Ausstellungsstücke aus der Schweiz, Europa, dem Vorderen Orient und Fernen Osten zu sehen. Er ist zudem Sitz der Internationalen Akademie für Keramik.
 
Im Palais des Nations
Nach einem abwechslungsreichen Spaziergang findet man den Eingang zum Völkerbundspalast. Der hellbeige, gigantische, etwa 600 Meter lange, steinerne Bau mit den 34 Konferenzräumen und den fast 2800 Büros kann täglich besichtigt werden; laufend werden Führungen, vor allem in englischer und französischer Sprache, angeboten. Die deutsche Sprache spielt dort, den Nilosaharisch ähnlich, eine unbedeutende Rolle. Im Kiosk im Gate 39 des Palais des Nations ist es mir dementsprechend nicht gelungen, eine deutschsprachige Publikation über die Uno-Bauten aufzutreiben. Dafür wird dort ein reger Flaggenhandel betrieben – die Schweizer Flagge als Tischmodell war gerade ausverkauft.
 
Der Eingang zum Palais des Nations, dessen Hauptfassade zum Mont-Blanc blickt, führt durch das Portail de Pregny an der 14, Avenue de la Paix (der Friedensstrasse). Man kommt sich, nachdem man Portal und Türen durchschritten hat, wie auf einem Flughafen vor, muss einen Ausweis zeigen, wird fotografiert, muss alles Metallzeug inkl. Portemonnaie auf ein Förderband legen und einen Metalldetektor-Rahmen durchschreiten, womit festgestellt werden kann, ob man zu Terroristenszene gezählt wird oder nicht. Ich fiel, im Vertrauen gesagt, nicht darunter. So konnte ich also Mittags um 12 Uhr an einer Führung teilnehmen, was 10 CHF und für bedürftige Senioren wie unsereiner 8 CHF kostet. Ich schloss mich der englischsprachigen Gruppe an, welche von der Bulgarin Sonia Holden unter die Fittiche genommen wurde, ein junges, liebenswürdiges Wesen mit lebhaften, dunklen Augen und einer angenehmen, etwas schwachen Stimme, das aber ein gepflegtes Queensenglish sprach.
 
Wir wurden in den verglasten Zuschauerbereich oben im La Salle des Assemblées, den grossen Versammlungssaal, geführt, dessen Volumen selbst die Pariser Oper in den Schatten stellt – so jedenfalls liest man es in praktisch allen Beschreibungen. Arien werden hier kaum gesungen; dafür liessen gerade einige Hundert müde, vom Mittagshunger geplagte Zuhörer eine Powerpoint-Präsentation über Vorschläge im Hinblick auf Kleinstunternehmen (Micro entities) über sich ergehen. Wenn ich mich nicht irre, referierte Jeroen Hooijer, Generaldirektion Binnenmarkt und Dienstleistungen der Europäischen Kommission. Die Versammlungsteilnehmer hatten mein Mitgefühl. Vis-à-vis der Zuschauertribüne mühten sich Übersetzer ab, das Präsentierte in den 6 Uno-Amts- bzw. Arbeitssprachen Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch verständlich zu machen.
 
Geradezu ins Schwärmen kam Sonia Holden, als sie uns über mehrere Treppen hinauf zum Saal XX (Saal der Menschenrechte) geführt hatte, dessen Himmel seit November 2008 an eine knallig bunt bemalte Tropfsteinhöhle erinnert. Diese künstlerische Ausschmückung der Decke des gerade unbenützten Saals, in dem 700 Personen Platz finden, ist ein Geschenk des Staats Spanien; die 20,5 Millionen Euro stammen aus der Entwicklungshilfekasse – wie es mit auf Abwege geratenen Entwicklungsgeldern halt so geht. Der Mallorquiner Miquel Barceló, Spaniens höchstdotierter Maler, wurde mit der gestalterischen Aufgabe betraut. Unsere Führerin schilderte, wie der Künstler und seine 15 bis 20 Helfer etwa 1500 Quadratmeter Fläche Disneyland-artig mit einer Schmier-, Streich- und Tropftechnik in eine herabhängend Deckenlandschaft verwandelten, aus der Stalaktiten und Kleingebirge nach unten wachsen. 35 Tonnen Farbe wurde von Gerüsten aus auf eine Aluminium-Wabenstruktur hingekleckert, und auch ein Höhlenforscher wurde als Berater beigezogen. Die Höhle dient als Metapher für die Agora, wo sich erstmals die Menschen zum Gespräch trafen“, sagte Barceló bei der Einweihung am 20.11.2008. Der grosse afrikanische Baum, unter dem man sitzt und palavert , sei die einzig mögliche Zukunft für Dialog und Menschenrechte. Und Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte bei jener Gelegenheit die Diplomaten auf, künftig denselben Sinn für Kreativität wie Barceló auch in ihren Debatten über Menschenrechte einzubringen: „Lasst uns den Status quo nicht akzeptieren! Seien wir visionär, kreativ und dreist.“ Besser als über Menschenrechte zu debattieren wäre allerdings, sie durchzusetzen, wenn mir dieser undiplomatische Zwischenruf gestattet ist.
 
Zum Genfer Uno-Sitz gehört eine opulente Bibliothek, die der Völkerbund 1920 dank der Stiftung John Rockefeller Junior gründen konnte. Sie umfasst über 600 000 Bände und andere Schriften aus dem Bereich der Wirtschafts-, Rechts- und Staatswissenschaften.
 
In den Genfer Uno-Gebäuden finden jährlich etwa 8000 Versammlungen und Zusammenkünfte statt, mehr als im New Yorker Uno-Komplex; Säle können gemietet werden. Und in den breiten, zu Sälen ausgewachsenen Gängen und Passerellen wie dem „Saal der verlorenen Schritte“, in Galerien usf. finden Kunstausstellungen („Cultural Activities“) in Fülle statt; gerade wurde eine farbenfrohe Schau mit Werken aus dem Sultanat Oman gezeigt. Zudem fand zum Jahr der Biodiversität die Ausstellung „La biodiversidad en el arte“ (Biodiversität in der Kunst) mit Werken des peruanischen Künstler Rafael García Miró statt. Eines der Werke zeigt La Ultima Cereza, die letzte Kirsche. Und was hat uns wohl der Delfin Rosa del Amazonas, der pinkfarbene Delfin, zu sagen?
 
Man wird zum Denken angeregt, spürt das emsige Treiben, das Menschen aller Nationen und Hautfarben veranstalten. Auch unsere Touristengruppe war international zusammengesetzt, allen voran machte sich ein junger Amerikaner mit einer dicken, schmalen Brille und einer wollenen Mütze mit Ohrklappen, an denen Wollfäden mit Zotteln hingen, bemerkbar, wollte den Unterschied zwischen dem Uno-Bau in NY und jenem in Genf erfahren. Ein gertenschlanker Japaner kaprizierte sich vor allem aufs Fotografieren.
 
Begegnung mit Toni Frisch
Die Internationalität ist an allen Ecken und Ende spürbar. Und so bleibt es nicht aus, dass es auch immer wieder zu neuen, wertvollen Kontakten kommt; ich durfte das selber erfahren. Im rot eingefärbten, eher schlichten Salon Dunant des Haut-Cuisine-Restaurants „Vieux-Bois“ an der 12, Av. de la Paix, direkt neben dem Völkerbundspalast (www.vieux-bois.ch), wo sich auch die Hotelfachschule Genf befindet, entdeckte ich beim Kaffee den stellvertretenden Direktor und Delegierten für humanitäre Hilfe und Chef des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH): Toni Frisch. Er sass an einem Tisch in der Nähe, erledigte Telefonanrufe, machte Notizen.
 
Botschafter Frisch ist jedes Mal, wenn eine Katastrophe irgendein Land heimsucht und die Schweiz zu Hilfeleistungen aufgerufen ist (wie kürzlich nach dem Erdbeben in Haiti oder nach der Überschwemmungskatastrophe im Norden von Pakistan), mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme am Radio und Fernsehen zu vernehmen, und immer wieder haben mich seine besonnene Berner Art und sein ausgesprochener Weitblick überzeugt. Er ist nicht einer, der medien-spektakuläre Aktionen in Szene setzt, sondern vor Ort die Bedürfnisse abklärt und sich genau überlegt, was eine ins Elend getriebene Bevölkerung kurzfristig (Trinkwasser, medizinische Hilfe und Unterkunft) und vor allem auch längerfristig braucht, eben auch dann, wenn sich der Medienrummel gelegt hat. Er sorgt dafür, dass das Geld aus der Schweiz nachhaltig existenzsichernd eingesetzt wird, auch Jahre nach der Katastrophe, wenn sie von der Weltöffentlichkeit längst vergessen ist. Sein Wirken steht für Professionalität und zeigt, dass auch (und gerade) einzelne Nationalstaaten eine wirksame Hilfe leisten können.
 
Genau das wollte ich ihm persönlich sagen, ihm meine Sympathie für seine Arbeitsweise bekannt geben. Als er gerade einen Telefonanruf beendet hatte, ging ich zu ihm, stellte mich vor und sagte, es sei mir ein Bedürfnis, ihm ein kurzes Kompliment zu machen. Er zeigte sich spontan erfreut, fordert mich auf, mich zu ihm zu setzen, und wir führten ein lebhaftes Gespräch, auch über seine Beziehungen zum Aargau, woher seine Grossmutter (aus Schinznach-Dorf) und seine Frau (aus Seon) stammen. Er werde Ende April 2011 65 Jahre alt sein und in Pension gehen, sagte er, wolle aber nicht herumsitzen, sondern als Nachfolger von Vreni Spoerry das Präsidium von Pro Senectute übernehmen.
 
Toni Frisch hatte gerade einen Auftritt am „Day for Disaster Reduction“ (Tag für Katastrophen-Risikominderung, 13.10.2010) hinter sich (http://www.unisdr.org/eng/public_aware/world_camp/2010/) . Diese sei eine Verpflichtung für Regierungen und private Spendeorganisationen, auch wenn es leichter sei, auf Katastrophen zu warten und den von ihnen verursachten Schaden der Öffentlichkeit vorzuführen. Es müsse gelingen, die Aufmerksamkeit auch zu erhalten, wenn der Schaden latent vorhanden, also unsichtbar sei.
 
Und am gleichen Abend musste oder durfte er ein weiteres Referat halten, aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend.
*
Ich war mir bewusst, dass ich nur einen kleinen Teil dessen, was dieser Genfer Kontinent zu bieten hat, sehen und erleben konnte. Beeindruckt hat mich vor allem das verzweifelte und ständige Ringen und eine friedlichere und sicherere Welt – eben um eine Katastrophen-Reduktion. Und dieses Ringen müsste nicht so ausgeprägt sein, wenn diese Welt anders wäre, wenn die Völker ihr selbstbestimmtes Leben führen dürften, wenn es keine machtgierigen Staaten gäbe, die sich ständige Übergriffe (auch zur Rohstoffsicherung) erlauben, Leben und Kultur in anderen Ländern vernichten. Täter und Geschädigte treffen sich in Genf, verhandeln, basteln an Lösungen, die am nächsten Tag nichts mehr gelten.
 
Wie die freiliegenden Leitungen im Rot-Kreuz-Haus hat alles einen nur provisorischen Charakter. Die Welt wird, solange es Menschen gibt, nie vollkommen sein. Der erwähnte Pfau eignet sich als Symboltier dafür nicht schlecht: Er steht für Schönheit, Reichtum, Liebe, Leidenschaft, aber auch für Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit.
 
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