Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     20. Juli 2018, 12:35 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 27.10.2010


Kirchenkritiker und Autor: Begegnung mit Karlheinz Deschner
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Dem berühmten Schriftsteller und Religionskritiker Karlheinz Deschner, der vor allem durch seine umfangreiche „Kriminalgeschichte des Christentums“ bekannt wurde (der 10. Band ist im Entstehen begriffen), konnten nie gravierende (siehe Prospekt zu Krimi IV, Seite 30 ff: „Robert Mächler über Karlheinz Deschner: Der Geschichtsschreiber als Ankläger", bes. S. 31) materielle Fehler nachgewiesen werden. Sein Werk ist breit abgestützt, nach den Kriterien der Wissenschaftlichkeit belegt und in einer literaturreifen, aber nicht abgehobenen, allgemeinverständlichen Sprache geschrieben. Das gibt den Büchern eine zusätzliche Ausdruckskraft, hebt sie über die knochentrockene, spröde Geschichtsschreibung, wie man sie häufig antrifft, und über kaum reflektierte Faktenansammlungen, die keine Atmosphäre wiedergeben, hinaus. Deschner zeigt Engagement für die gute Sache der Aufklärung von einseitig informierten Menschen, die das nicht zu wissen bekommen, was man zwar wissen könnte, aber niemand zu sagen wagt. Er stellte Lügengeschichten Wahrheiten entgegen, und mochten diese auch noch so unbequem, enthüllend sein.
 
Wenn er aber einmal in seinem Leben Unrecht gehabt haben sollte, dann mit seiner Aussage, als wir uns am 22.10.2010 im Aargauer Staatsarchiv in Aarau erstmals persönlich trafen: „Man sollte einen Schriftsteller, den man nur von seinen Büchern kennt, nie persönlich kennenlernen.“ Diese Feststellung kann zwar ihre allgemeine Gültigkeit haben, nicht aber für ihn. Für mich war die erste Begegnung mit diesem sanften, freundlichen, ausserordentlich bescheidenen und in seiner Ausdruckweise bedächtig abwägenden Mann ein tiefes Erlebnis.
 
Wie so oft, wenn man sich aus verschiedenen Informationen eine Person vorstellt und sie dann 1:1 vor sich sieht, erlebt man das Auseinanderklaffen von Vorstellung und Wirklichkeit. Ich habe mindestens 14 Bücher von Karlheinz Deschner gelesen, Porträts von ihm gesehen, mir daraus mein Bild gebastelt. Die meisten seiner Bücher (abgesehen von Romanen wie „Die Nacht steht um mein Haus“ und „Florenz ohne Sonne“) sind Ansammlungen von Kriminalromanen, zu welchen die Gestalter der Kirchengeschichte das Material geliefert haben. Und da ich schon in jungen Jahren erkannte, dass mit diesen Bibelreligionen Fundamentales nicht stimmen konnte, war ich für klärende Fakten entsprechend empfänglich. Es war ja alles viel schlimmer, als ich erahnt hatte.
 
So schreibt Deschner im Kapitel über die „Vernichtung des Heidentums“ (S. 513 im Buch „Abermals krähte der Hahn“) – ein zufällig ausgewähltes Beispiel: „Tolerant war die Kirche nur , solange sie eine Minderheit bildete und ihr eine erdrückende Mehrheit gegenüberstand. In dieser Zeit fanden die Christen kein Ende, aus ihrer Not eine Tugend zu machen und aller Welt zu versichern, wie gut sie doch seien.“ Es folgen Kapitel über die „Errichtung des Kreuzes über Ruinen und Leichen“ (S. 516), über die „Ketzerbekämpfung in der Antike“ (S. 519), Ketzerhinrichtungen (S. 524) und die von Kirchenlehrer Augustinus propagierte Zwangsbekehrung (S. 526). Darauf wendet sich der Autor dann der Inquisition zu und schreibt auf S. 533: „Was die Kirche braucht, ist blinder Gehorsam, das Rezept aller Diktaturen. Dazu werden ihre Anhänger systematisch erzogen“ (...) „und noch heute sind alle Grundgedanken, die zur mittelalterlichen Inquisition führten, im Katholizismus lebendig und gültig.“
 
Das klingt hart, schonungslos. Doch Karlheinz Deschner ist bei genauem Hinsehen kein Polterer. Eigentlich betätigt er sich einfach als Chronist, der die Geschehnisse sprachgewaltig beschreibt und zudem, die Fülle der einzelnen vor dem Leser ausgebreiteten Begebenheiten wertend (jede Geschichtsschreibung ist zwangsläufig unvollständig und subjektiv), eine grundsätzliche Kritik wagt. Von manchen Theologen und Historikern wird ein solches Vorgehen als unstatthaft bezeichnet. Doch sind interpretierte Klartexte zwingend nötig, wenn man verstehen will, auf welchem geistigen Unterbau unsere Kultur entstanden ist – nur auf diese Weise wird manches erhellt. Und wenn Deschner die „flammenreiche Vergangenheit“ des Christentums mit den „gesegneten Flammen der Scheiterhaufen“ getreulich schildert, wirkt das brutal, weil eben die Geschehnisse ebenfalls brutal waren.
 
Von Aarau über Unterentfelden nach Biberstein
In Begleitung von Gabriele Röwer, die der Ausstellung Robert Mächler im Aargauer Staatsarchiv an der Entfelderstrasse 22 in CH-5001 Aarau (www.ag.ch/staatsarchiv), wo Mächlers Werk eingelagert ist, den letzten Schliff gab, besuchten wir die auf eine Gedenktafel reduzierte Grabstätte von Robert Mächler im Friedhof von Unterentfelden (nach dem Eingangstor drehe man rechtwinklig nach links ab und gehe bis zur Backsteinmauer). Der kirchenkritische Schriftsteller erhielt 2 rote Rosen aus der Hand von Menschen, die freundschaftlich mit ihm verbunden waren und sein Andenken ehrend bewahren.
 
Unser nächstes Ziel auf den Mächler-Spuren war das Restaurant „Roggenhausen“, wohin die Frau Röwer und Herr Deschner ihren Freund Robert Mächler häufig begleitet haben. Im rustikalen, heimeligen Restaurant im Waldtal fühlten sich beide, auf den Wolken von Erinnerungen schwebend, wohl. Und schliesslich landeten wir in unserem Heim in Biberstein AG, wo Eva auftrags- bzw. wunschgemäss eine typische Schweizer Rösti, umgeben von einem Käsesortiment und einem Apfelmus aus Früchten, die noch einen Tag vorher am Baum gehangen hatten, zubereitete. Ein Glas Bordeaux aus Bioanbau („Tour Petit Buch“, 2005) wurde dazu gern akzeptiert. Unsere Gäste sind strikte Vegetarier, und Herr Deschner sagte, dass es ihm eine Herzensangelegenheit gewesen wäre, sich im Tierschutz zu engagieren, der an sich notwendigsten Sache überhaupt.
 
Das Schreiben im Alter
Wir hatten in den gut 7 Stunden unseres Zusammenseins ausgiebig Gelegenheit, über das Schreiben im Allgemeinen und das Schreiben im Alter im Besonderen zu diskutieren. Karlheinz Deschner arbeitet, wie erwähnt, jetzt am abschliessenden 10. Band der „Kriminalgeschichte“, deren Thematik beim Beginn des 19. Jahrhunderts enden wird. Der seit 1982 vorliegende Band „Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert“ kann als Fortsetzung betrachtet werden, sozusagen als 11. Band.
 
Mein 86-jähriger Gesprächspartner, der mit Frau Röwer am gleichen Tag aus Hassfurt am Main D bzw. Mainz D nach Aarau gereist war, erwies sich nach einer kurzen Ruhepause noch in den späten Abendstunden so vital, dass ich keinen Grund hatte, an der Fertigstellung der Kriminalgeschichte zu zweifeln. Es gehe einfach nicht mehr so schnell vorwärts wie früher, sagte er. Er ist seinem Arbeitsstil treu geblieben, schreibt die Manuskripte mit dem mexikanischen Modell einer mechanischen Schreibmaschine, für die es zum Glück noch Farbbänder und Ersatzteile gibt. Wäre er nur 10 Jahre jünger, sagte er, würde er noch auf den Computer umstellen; doch habe das jetzt wenig Sinn, und zudem sei er in technischen Fragen vollkommen unbeholfen. Ich hatte Verständnis für ihn, musste selber seinerzeit mit sanfter Gewalt vonseiten meines Bruders Rolf und dann auch im Geschäft hinter den Computer gezwungen werden.
 
Wichtig ist allerdings nicht, mit welchen Hilfsgeräten etwas geschrieben wird, sondern, was dabei herauskommt. Und das ist im Falle Deschners untadelig, setzt das Zeitalter der Aufklärung (18. Jahrhundert) in der heutigen Zeit, in der das Volk nur einen Teil des Wissensnotwendigen erfahren darf, fort. Das ist ein bedeutender Beitrag, den christlich beherrschten Völkern dazu zu verhelfen, ihre Ergebenheit in ihr angeblich gottgewolltes Schicksal zu überwinden und aus Untertanen frei denkende Menschen zu machen. Karlheinz Deschner ist sehr belesen, hat Zitate und Erkenntnisse von den wichtigsten Geistesgrössen im Kopf. Es ist auch nicht das Schreiben, sondern das Lesen und Zusammentragen von Materialien aus zuverlässigen Quellen, die den grössten Teil seiner Zeit und seiner Arbeitskraft einfordern. Selbst die Böden seiner Arbeitsräume seien über und über mit Büchern und anderen Dokumenten bedeckt, und doch finde er das Gesuchte immer wieder, erzählte er mir. Aber manchmal weiss man, in welchem Buch man nachforschen muss, wo das Gesuchte steht, findet aber die entsprechende Stelle nicht. Ich erinnerte mich an ähnliche Sucherfahrungen, die einen zur Verzweiflung treiben können: Man weiss, dass etwas auf der linken Seite in der Mitte eines Buchs steht, erinnert sich aber nicht mehr an die Seitennummer.
 
Deschner arbeitet hart, von morgens früh bis abends spät, braucht aber eine Ruhepause während der Mittagszeit; diese habe ihn am Leben erhalten, sagte er. Nur eine solche Disziplin ermöglicht es, ein derart umfangreiches Lebenswerk zu schaffen. Ich bin stolzer Besitzer der meisten seiner Bücher und hatte vor dem Eintreffen der Gäste meine ganze Sammlung beim Eingang in den Wohnbereich auf einem rustikalen Tisch und Stuhl ausgebreitet, eine Abwandlung des Roten Teppichs für besonders hochrangige Besucher. Ursprünglich wollte ich die Bücher wie eine Leitlinie vom Eingang bis zum gedeckten Tisch auf dem Boden aneinander reihen; denn meines Erachtens haben sie auch die Funktion einer solchen: Sie weisen den Weg zu einem erstrebenswerten Ziel.
 
Der Autor, der diese Fülle nun unverhofft vor sich sah, war vom Umfang seines eigenen Werks selber überwältigt; denn in seiner eigenen mehrere Tausend Bände umfassenden Bibliothek verschwinden die hausgemachten Bücher unter anderen Editionen. Jedes Buch ist ein Individuum und jeder Mensch auch, wie Frau Röwer den Denker Robert Mächler zitierte – genau genommen heisst das: Mächlers Individualethik umfasst die beiden Axiome von der Einmaligkeit eines jeden Menschen und der Gleichwertigkeit aller Menschen. Dabei seien alle Menschen gleichwertig, und wir übertrugen solche Leitsätze auf Völker und Nationen. Überlegenheitsgefühle sind verwerflich, für Deterministen wie Deschner durch nichts begründet, unter ethischen Prinzipien unstatthaft. Bei Röwer/Deschner hatte ich das Gefühl, dass sie in ihrer Bescheidenheit zum gegensätzlichen Extrem neigen, wohl eine Folge der realistischen Einsicht in die Bedingtheit von allem.
 
Hommage an Karlheinz Deschner
Anderntags, am späteren Nachmittag des 23.10.2010, fand im neubarocken Limmatsaal des Hotels Limmathof im Bäderquartier von Baden (am Kurplatz), in dem alle Register der ornamentalen Formen gezogen werden und wo schätzungsweise 150 Besucher eingetroffen waren, die Buchvernissage „Arme Teufel sind wir alle“ (mit Briefen von und an Robert Mächler) statt. Der Anlass war durch die Robert-Mächler-Stiftung organisiert worden (Präsidentin: Regula Niederer; Geschäftsführer: Woldemar Muischneek, sodann Christoph Bopp, Karlheinz Deschner und Gabriele Röwer). Die von Karlheinz Deschner noch zu Lebzeiten Robert Mächlers (1909–1996) und schliesslich, nach langem Zögern, mit dessen Einwilligung initiierte Stiftung vergibt seit 1999 alle 2 Jahre den Robert-Mächler-Preis für kritische Aufklärung und humanitäres Engagement, dotiert mit jeweils 20 000 CHF. Man war sich einig, dass in diesem Jahr 2010 der Preis Karlheinz Deschner zugestanden hätte, den dieser jedoch ablehnte. So blieb es denn bei einem Ehrenerweis.
 
Christoph Bopp, Stiftungsrat, hatte einleitend die näheren Umstände dazu bekannt gegeben: „Es ist nicht zu zweifeln, dass Karlheinz Deschner auch Mächlers ,Idealbesetzung’ für einen Träger des Robert-Mächler-Preises 2010 gewesen wäre. Nur: Deschner weigerte sich standhaft und entschieden, auch nur einzuwilligen, dass darüber nachgedacht werde. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Der Stiftungsrat musste sie akzeptieren – und tat es leicht widerstrebend auch. Aber die Tätigkeit der Robert-Mächler-Stiftung abzuschliessen (ihre Tätigkeit wird jetzt beendet), ohne die wichtige Stellung, die Karlheinz Deschner für Robert Mächler hatte, noch einmal in den Vordergrund zu stellen, machte dem Rest des Stiftungsrats (ohne Karlheinz Deschner) entschieden Unbehagen.“ Eine Lösung zur Aufhellung des „schwarzen Flecks“ wurde in einer Hommage gefunden. Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, streitbarer Verfasser des „Manifest für einen evolutionären Humanismus“ und jüngst „Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“, war die für diese Aufgabe geeignete Persönlichkeit. So wurden gewissermassen 2 Veranstaltungen zu einer einzigen zusammengefasst: die Vernissage des Mächler-Briefbands, verbunden mit dem Mächler-Gedenken durch Zeitzeugen, und die Deschner-Ehrung. Letztere war Höhepunkt der Veranstaltung im überfüllten Barocksaal mit seiner aristokratischen Eleganz und dem knarrenden Parkettboden, dessen Ausstattung nicht zur ausgesprochenen, gelebten und sich selbst auferlegten Bescheidenheit von Robert Mächler, zu seinem Leben in einer zum Kellerklause umgebauten Waschküche, passen wollte. Für den Doppelanlass waren die von Pastelltönen umgebenen profanen Ausschmückungen aus einer kulturbeflissenen, mittelalterlichen Zeit belebende Stilmittel.
 
Michael Schmidt-Salomon erinnerte daran, wie Deschner neben vielen anderen, darunter zahlreiche schriftstellerisch tätige Menschen, auch Robert Mächler mit seiner Religionskritik entscheidend beeinflusst hat. Viele Leute seien vom Deschner-Virus infiziert, wer immer dafür anfällig war. Schmidt lobte die Brillanz und Klarheit der Schreibweise Deschners. In seinen Büchern gebe es keine tote Bürokratensprache, sondern der Autor spiele auf der Klaviatur der Emotionen, dabei Wissenschaftlichkeit und künstlerische Ausdruckskraft vereinend, und damit habe Deschner auch mit seinen Kirchenkritiken „brillante Meisterwerke der Literatur“ geschaffen.
 
Der Geehrte ergriff zum Schluss der Veranstaltung mit gedämpfter Stimme selber das Wort. Das Mikrofon versagte seinen Dienst; doch war im Raum die Aufmerksamkeit total, als Deschner sprach, als er dien Determinismus allen Geschehens mit Verzicht auf (Autoren-)Stolz und Hochmut entlarvte, sich für mehr Ethik den Tieren gegenüber einsetzte und in Erinnerung rief, dass im Namen des Christentums die grössten Verbrechen der Menschheit begangen wurden. Der Applaus war lange, anhaltend (siehe auch www.deschner.info/).
 
Benjamin Scheck umrahmte mit seiner klassischen Gitarre den Anlass mit Werken von Domenico Scarlatti (Sonate e-moll K 198), Augustin Barrios (Marzurka Sarita & Maxixe) und Emilio Pujol (Salve).
 
Ansprachen zu Ehren Robert Mächlers
Salve: Ein Segensgruss, der Wunsch nach Unversehrtheit. Unterschwellig war dieses Bedürfnis auch in den Ansprachen zu Ehren von Robert Mächler zur Geltung gekommen. Nach einer Vorstellung des Mächler-Briefbands und Hinweisen auf dessen Entstehung durch die Herausgeberin Gabriele Röwer kam es zu mannigfaltigen, trefflichen und unbeschönigten Charakterisierungen der Person Mächler, und 3 Referate sagten ähnlich viel über den jeweiligen Referenten wie über den skizzenhaft umrissenen Autor aus.
 
Die Herausgeberin Röwer ihrerseits zeichnete ein Lebensbild Mächlers, betonte die Kongruenz von Mächlers Denken und Lebensweise. Vor dem Hintergrund seines Lebens machte sie seine Ansichten und insbesondere seine Religionsphilosophie (“sinnfreundlicher Agnostizismus") verständlich. Gabriele Röwer zeigte ihn als Kritiker  institutionalisierter Religionen und deren Anmassung, Antworten auf nicht beantwortbare Fragen zu finden. Frau Röwer wies zudem auf die Buchentstehung hin – Mächler hatte rund 400 Briefpartner, aber nur ein kleiner Teil (53 von ihnen) wurde ins Buch aufgenommen. Und die akribische Herausgeberin hat ihren eigenen Briefwechsel mit dem Mann in Unterentfelden glatt übergangen ... Und nur angetönt hat sie, dass sie etwa 3 Jahre Arbeit ins Buch investierte (“die heisse Phase hat 2007 begonnen") – eine in jeder Beziehung respektable Leistung.
 
Auch die Stiftung als solche, die das neue Buch finanziell unterstützte, setzte sich für die Erhaltung und Verbreitung des Mächler-Werks ein. Matthias Haupt sprach vom „Glück des Verlegers“, der sein Programm durch das neue Buch organisch ergänzen konnte – Frau Röwer habe die Wünsche und Vorstellungen des Haupt Verlags weit übertroffen.
 
Der Buchkritiker und Autor Werner Morlang umriss in anschaulichen Metaphern die Persönlichkeiten Robert Mächler und Robert Walser – „2 ungleiche Brüder im Geiste“. Mächler hat 1966 das Werk Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biographie“ (Kossodo, Hamburg 1966) verfasst und war an einigen Teilen der Walser-Gesamtausgabe beteiligt.
 
Der Historiker Pirmin Meier bezeichnete Mächler als „heimlifeiss“, mithin als jemanden, der seinen Wohlstand verbergen kann, und „telegen“ sei er in seiner zurückhaltenden, ernsten Art nicht gewesen. Meier erinnerte in seiner aufmüpfigen Ansprache an die Bemühungen um die Trennung von Kirche und Staat im Aargau, mit der sich der Verfassungsrat seinerzeit lange herumschlug und wobei Meier als Ratsmitglied nicht nur die Abschaffung der Kirchensteuer forderte, sondern auch verlangte, dass die politischen Gemeinden für ein würdiges Begräbnis zu sorgen hätten, weil viele Leute nur aus Angst davor, nicht standesgemäss und feierlich begraben zu werden, nicht aus der Kirche auszutreten wagen (für das Bestattungswesen sind ohnehin die Gemeinden zuständig). Wie unvollständig die Trennung Staat/Kirche noch immer vollzogen ist, geht aus einem Brief Morlangs an Mächler hervor (16.10.1989): „(...) Anderseits kann ich mir nicht vorstellen, dass in der Schweiz ein Agnostiker Bundesrat werden könnte, und das gilt wohl auch für die Regierungschefs anderer ,christlicher’ Staaten.“
 
Der Kulturbeauftragte und Publizist Philippe Dätwyler, der in der Nähe von Mächlers Behausung in Unterentfelden aufwuchs und seinen Nachbarn zuerst als „Gartenhaggestalt“ bei Spaziergängen wahrgenommen und ihn allmählich genauer kennengelernt hatte, pries Mächlers „feine Sprache“ im Stil des Erwägens und lobte Mächlers Verurteilen des voreiligen Urteilens. Mächler stellte alles unter Irrtumsvorbehalte, wohl auch seinen skeptischen Agnostizismus. Sind unsere Weltwahrnehmung und die Realität vielleicht tatsächlich eine einzige Illusion?
*
Die einzelnen Reden werden, wie angekündigt wurde, auf der Webseite www.robert-mächler-stiftung.ch aufgeschaltet, weshalb ich mich hier auf einige Fragmente beschränken konnte. Für Sinnsuchende sind dort mannigfaltige Anregungen zu finden. Aber ein Vernünftigungsprogramm für die ganze Menschheit wird sich selbst daraus nicht herstellen lassen.
 
Nachtrag
Karlheinz Deschner ist am 08.04.2014 nach einer langen Krankheit in Hassfurt D, wo er sein Haus und seinen Garten hatte, im Alter von 90 Jahren leider verstorben. Während der langen, leidvollen Krankheitszeit, in der er Spitäler möglichst meiden wollte, wurde er von der Schriftstellerin Gabriele Röwer liebenswürdig, einfühlsam betreut und unterstützt. Neben vielen feuilletonistischen Werken konnte der sprachgewaltige Autor seine 10-bändige „Kriminalgeschichte des Christentums" (Rowohlt Verlag) gerade noch vollenden - ein bleibendes Werk für alle, die sich nicht mit religiösen Verklärungstraktaten zufrieden geben und erfahren möchten, auf welchen „ethischen" Grundlagen ein Teil unseres Denkens und Handelns beruht. Er lieferte ein Musterbeispiel an faktenorientierter und engagierter Geschichtsschreibung. Es gibt keinen anderen Autor, von dem ich so viele Werke mit Gewinn gelesen habe. Die Kriminalgeschichte der Christenheit, die nicht allein aus dem Sektor Pädophilie immer neue Fakten hervorbringt, hätte eine Fortsetzung verdient. Ein 2. Deschner wird kaum aufzutreiben sein.
*
Karlheinz Deschner ruhe in Frieden. Sein grandioses Werk zur Aufklärung lebt weiter.
 
 
Buchhinweise
Röwer, Gabriele (Herausgeberin): „,Arme Teufel sind wir alle ...'. Briefe von und an Robert Mächler über Gott und die Welt", Haupt Verlag, Bern 2010.
Röwer, Gabriele (Herausgeberin): „Irrtum vorbehalten ‒ Aphorismen von Robert Mächler über Gott und die Welt", Haupt Verlag, Bern 2002.Haupt Verlag, Bern 2002.
Röwer, Gabriele (Herausgeberin):„Robert Mächler ‒ Ein Don Quijote im Schweizer Geistesleben?", Pano Verlag, Zürich und Freiburg i. Br., 1999.
 
Kriminalgeschichte des Christentums
Die bisher vorliegenden 9 Bände der „Kriminalgeschichte des Christentums“ sind seit 1968 bei Rowohlt, Reinbek D, erschienen: 
Band 1: Die Frühzeit. Von den Ursprüngen im Alten Testament bis zum Tod des hl. Augustinus (430).
Band 2: Die Spätantike. Von den katholischen „Kinderkaisern“ bis zur Ausrottung der arianischen Wandalen und Ostgoten unter Justinian I. (527–565).
Band 3: Die Alte Kirche. Fälschung, Verdummung, Ausbeutung, Vernichtung.
Band 4: Frühmittelalter. Von König Chlodwig I. (um 500) bis zum Tode Karls des Grossen (814).
Band 5: 9. und 10. Jahrhundert. Von Ludwig dem Frommen (814) bis zum Tode Ottos III. (1002).
Band 6: 11. und 12. Jahrhundert. Von Kaiser Heinrich II. dem „Heiligen“ (1002) bis zum Ende des Dritten Kreuzzugs (1192).
Band 7: 13. und 14. Jahrhundert. Von Kaiser Heinrich VI. (1190) zu Kaiser Ludwig IV. dem Bayern (1347).
Band 8: 15. und 16. Jahrhundert. Vom Exil der Päpste in Avignon bis zum Augsburger Religionsfrieden.
Band 9: Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung.
 
Hinweis auf Blogs von Walter Hess zu Religionsfragen
 
Hinweis auf einen Artikel zum Naturverständnis des Christentums
Textatelier-Rubrik „Kontrapunkte“:
Ein Naturverständnis, das zum Himmel schreit. Eine kritische Betrachtung zu Religion und Ökologie.“
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier