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BLOG vom 01.12.2010


Anglizismen-Seuche: Verhunzung der deutschen Sprache
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
In letzter Zeit erfolgte durch den Anglizismus, also der Einfluss der englischen Sprache (Britizismen) ins Deutsche, eine unglaubliche Sprachverhunzung; vor allem auch aus dem amerikanischen Englisch (Amerikanismen) kommen manche Ausdrücke über den grossen Teich zu uns. Und unsere Politiker, Wissenschaftler und Geschäftsleute nehmen diese Wortentlehnungen gerne auf. Die Globalisierungssüchtigen wollen dann weltmännisch in Erscheinung treten und dem normal denkenden Menschen suggerieren, wie intelligent sie seien.
 
Es gibt zum Glück viele Kritiker, die das Denglisch (Bezeichnung für Anglizismen in der deutschen Sprache, also die sprachliche Mischform) verurteilen. Sie sind der Ansicht, dass durch die Ausdrücke die Verständlichkeit auf der Strecke bleibt. Laut einer repräsentativen Umfrage verstanden von 12 gebräuchlichen englischen Schlagworten für deutsche Kunden weniger als 10 % die Ausdrücke. 8 von 12 Unternehmen änderten darauf ihre Schlagworte. 39 % lehnten 2008 laut Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache die Lehnwörter aus dem Englischen ab. Auch der Einfluss des Apostrophs, als Deppenapostroph bezeichnet, wenn er am falschen Ort eingesetzt wird, ist auf den englischsprachigen Einfluss zurückzuführen. Das Thema ist unerschöpflich. Ich werde jetzt einige Beispiele zur Diskussion stellen.
 
„High Recharge Energy Shot“
Als ich vor einigen Tagen die Männerzeitschrift „GQ“ von meinem Schwiegersohn studierte, stiess ich bei den Anzeigen auf viele Anglizismen. Besonders die Auto- und Uhrenindustrie wirbt mit „Instruments for Professionals“, „Swiss manufactured high Sequency chronograph“ und BMW spricht von „Efficient Dynamics“.
 
Ganz amüsant finde ich Mischbezeichnungen, die zum Himmel schreien. So las ich unter „Coverthemen“ dies: „Favorit: Wenn der Hangover nicht nur den Kopf, sondern auch die Haut stresst – dann hilft ein Extrakick mit Energy Shot“. Eine deutsche Firma hat nämlich unter den Namen „Biotherm Homme High Recharge Energy Shot“ eine Paste auf den Markt geworfen, die Ginseng, Vitamine und andere Bestandteile enthält. Die Werbung verspricht „neue Elastizität im Gesicht, wenn man mal durchgefeiert hat“. Da verschwinden wie von Zauberhand die zusätzlichen Falten und die fahle Gesichtshaut nach dem Gelage. Wie praktisch.
 
Für Kids und Youngsters
Erst vor einigen Tagen kam mir eine Werbezeitschrift eines Elektrogeschäftes unter die Augen. Sie hiess „best of electronics“. In dieser Zeitschrift wurden „heisse Tipps für coole Tage“ offeriert. Bei der Vorstellung von Flachbildschirmen stand „Verbringen Sie die Feiertage mit neuester TV- und Blu-ray-Technik – und jeder Menge Unterhaltung.“ Als ich die deutsche Überschrift „Technik unterm Weihnachtsbaum“ las, frohlockte ich schon, als ich mir die deutschen Wörter unter die Augen zog. Aber dann kam der Hammer: Darunter stand dies: „Socken für Opi, Krawatten für Papi und Pralinen für Mutti? Das war einmal, heute kommen die Präsente-Highlights aus dem Bereich Multimedia.“ Da wurde es mir vor lauter englischen Ausdrücken ganz warm ums Herz. Ich dachte, ich sei wohl von gestern. Aber es ging noch weiter: Unter „Spiele & Fotofans“ wurden „Shootingstars an Heiligabend“ vorgestellt. Auf der folgenden Seite tauchte ein „himmlisches X-mas-Vergnügen“ auf mit der Ankündigung: „Was Kids, Youngsters und jung Gebliebene Weihnachten 2010 bewegt und auch 2011 beschäftigen wird.“
 
Zum Glück entdeckte ich auf den vorletzten Seiten der Werbeschrift Rezepte für Plätzchen, Bratäpfel und Glühwein. Endlich waren hier keine Anglizismen zu entdecken.
 
Der Alemanne wird, wenn er solches Kauderwelsch liest, die Bezeichnung „grusig“ in den Mund legen. Dies bedeutet „grässlich“.
 
Hier weitere Beispiele:
 
Alles ist event
Am 26.11.2010 beklagte sich ein Leserbriefschreiber in der „Badischen Zeitung“ über die Häufung von Fremd- und Fantasiewörtern in seiner Lieblingszeitung. So schrieb Redakteur Niklas Arnegger von einer „Scheidung, bei der es schlirft“. Auf einem Bauernmarkt in Freiburg beschwerte sich dieser Leser bei einer BZ-Mitarbeiterin. Die zeigte volles Verständnis. Dann fragte er: „Welche Tätigkeit haben Sie bei der BZ?“ Antwort der Mitarbeiterin: „Promotion“.
 
Am 25.11.2010 unternahmen wir eine Wanderung im Raum Lörrach. Wir kehrten anschliessend in einer Markgräfler Wirtschaft ein. Dort bediente uns die junge, attraktive Tochter des Kochs. Auf die Frage, welchen Beruf sie ausübe, antwortete sie: „Event-Managerin“. Ich dachte mir, sie hätte sich auch „Event-Fun-Managerin“ nennen können. Vorher wusste ich gar nicht, dass es solch einen Beruf gibt.
 
Einen Tag darauf fuhr ich an einem Matratzengeschäft in Schopfheim vorbei und entdeckte das Schild „Event-Rabatt von 20 %“. Viele Anlässe von heute sind generell Events…
 
Ganz schlimm finde ich die englischen Bezeichnungen auf Kosmetikartikel. Da gibt es beispielsweise Cremes mit der Bezeichnung „Elements of Nature“ (Hydro Soft für feuchtigkeitsarme Haut), „Effect Peeling“ (Reinigungsprodukt), „Timeless Anti-Age Concentrate“ (Anti-Age Revitalizing Cream).
 
Oder sehen Sie sich einmal in Ihrem Bad um, da werden sie staunen, welche hochtrabenden Bezeichnungen Sie dann entdecken. Sie lesen „Bodycare“, Zahncreme „Friscodent multicare“ und „After Shave Balsam“ oder „Moisturizing after shave balm“. Und was haben unsere Frauen auf dem Ablagebrett im Bad deponiert? Es könnte ein „Lipgloss“ oder ein „Lipstick“ sein.
 
Ein Wunder, dass es ab und zu deutsche Beschreibungen des Produktes auf der Rückseite der Packungen gibt. Die Hersteller wollen bei Verwendung von Anglizismen wohl suggerieren, dass ihre Produkte international gefragt sind. Ich finde solch eine Praxis unmöglich. Warum gibt es hier keine deutschen Bezeichnungen? In Frankreich dürften sich die Hersteller das nicht erlauben. Die Franzosen sind nämlich noch nicht so verrückt nach Anglizismen wie die Schweizer oder Deutschen und stehen zu ihrer eigenen Sprache.
 
After shave
Dass Bezeichnungen manchmal in die Hose gehen, soll die folgende wahre Geschichte beweisen:
 
Als das After shave bei uns in Mode kam, war es geradezu Männerpflicht, dieses nach der Rasur zu gebrauchende Wässerchen zu kaufen. So erstand auch ein Mann aus Oftersheim bei Schwetzingen D eine Flasche und stellte diese voller Stolz ins Badezimmer. Die Mutter, der englischen Sprache nicht mächtig, beäugte die Flasche und war der Meinung, der Inhalt würde für den After gut sein. Da sie gerade unter lästigen Juckreiz litt, goss sie eine gehörige Portion der alkoholischen Lösung auf ein Tuch und wischte sich damit den Allerwertesten ab. Sie dachte gerade noch, wie erfrischend das Mittel sei, als es schon höllisch zu brennen anfing. Sie hüpfte wie ein Irrwisch herum. Erst ein mit Wasser befeuchtetes Handtuch brachte Linderung der Schmerzen. Von nun an überliess sie dem Sohnemann das Wässerchen. Heute wird wohl die Frau das eine oder andere feuchte, sensitive  Toilettentuch mit der Zusatzbezeichnung „Bodycare“ benutzen. Aber vielleicht gab es auch da schon Verwechslungen.
 
Erfahrungen von Rolf und Walter
Rolf P. Hess beobachtete auch in der Schweiz eine Verhunzung der deutschen Sprache. Er versucht dann bei Besuchen in der Schweiz so wenig englische Ausdrücke zu benutzen wie immer möglich. So spricht er von Weichwaren statt Software usw.
 
„Manchmal aber erwischt es mich trotzdem. Ich mag mich erinnern, wie vor vielen Jahren mein Bruder Walter gelacht und mich belehrt hat, als ich von einem ,Fan’ sprach. Damals meinte ich einen Ventilator, der hier auf den Philippinen sehr üblich ist, um die heisse Luft erträglicher zu machen. Walter belehrte mich, dass ein Fan ein Verehrer ist.“
 
Dann teilte mir Rolf per E-Mail vom 23.11.2010 einen Witz aus seiner Schulzeit mit, der so lautet: 2 Deutsche fahren zum 1. Mal nach Paris und wollten dort nicht preisgeben, dass sie aus Deutschland stammen. Im besten Schulfranzösisch bestellen sie in einem Restaurant „Deux Martinis, s`il vous plaît.“ Der Kellner fragt: „Dry?“ Da brauste einer der 2 Deutschen Touristen auf, haut auf den Tisch und schreit: „Nein, verdammt nochmal, zwei!“
 
Auch Walter Hess hat überreichlich Erfahrungen mit den Anglizismen gemacht. Er gab mir einige seiner Beobachtungen bekannt:
 
Die Firma Cablecom, die unsere Fernsehkabel kontrolliert und eines der unbeliebtesten Unternehmen in der Schweiz mit miserablem Service ist, ging in US-amerikanischen Besitz über. Dass die Schweiz solch einen Ausverkauf der Kabelkontrolle zulassen konnte, spricht auch Bände.
 
Der Cablecom-Brief aus dem schweizerischen Otelfingen, der mich dieser Tage erreichte, betrifft „More flexible noctice periods“ (flexiblere Kündigungsfristen), die man ja auch nutzen sollte. Das Schreiben ist von A bis Z auf Englisch abgefasst. Was soll denn das Rösi Hintermoser aus dem Napfgebiet mit so einem Schreiben ohne ein einziges deutsches Wort anfangen? Wir haben in der Schweiz ja unzählige Sprachen, aber das Englische gehört gottlob noch nicht dazu. Vor allem infantile Radio- und Fernsehsprecher (Entschuldigung: TV-Speakers) wollen natürlich ihre Englisch-Kenntnisse zum Besten geben, sind ohnehin grösstenteils der Amerikanisierung verfallen.
 
Sie sind nicht allein: Die Weihnachtskonzerte in den Kirchen von Muhen und Brittnau im Aargau werden im „Landesanzeiger“ von der „Farmer`s Big Band“ (mit Deppenapostroph) als „Sweet Swinging Christmas“ angekündigt. Die anglisierte Weihnacht tönt in meinen Ohren wie Christenmast und trifft die Sache. Und daneben lesen wir, dass wir uns als Nail-Designer(in) ausbilden lassen können und nicht einfach als Nagelpfleger. Wie erfrischend daneben das in sauberem Deutsch daherkommende Inserat des „Jodlerklubs Maiglöggli“.
 
In der auf Deutsch und Französisch erscheinenden Zeitung „Gastro-Journal“ (18.11.2010) lese ich gerade, dass die „grosse Award-Night“ the „Best of Swiss Gastro“ sei. Ich erhalte da schon eher Brechreiz-Anwandlungen; der Appetit vergeht mir. Und der neue Bierzapf-Regulator heisst „Beerwaiter“ (mit DraftMore-Regulationssystem). Beerwaiter gehört übrigens zur eFACTS Group. Und ich weiss jetzt aus der gleichen Zeitschrift auch, dass es der Vino Santo del Chianti Classico 2004 ins Sortiment der Haecky Drink&Wine geschafft hat.
 
Es freut mich ungemein, dass es doch noch einige Kämpfer für die deutsche Sprachkultur gibt. Das Textatelier.com arbeitet an der Spitze der Bewegung mit. Natürlich sollte man nicht alle Anglizismen gnadenlos verbieten. Persönlich finde ich einige ganz sinnvoll, besonders in der Computer- und Alltagssprache (z. B. E-Mails, Blogs, Handy, Oldtimer, Ghostwriter). Übertreibungen aller Art sind mir aber ein Gräuel.
 
Schlimm finde ich, wenn in manchen Betrieben, wie beispielsweise in den Pharmafirmen in Basel, auch innerbetrieblich in Englisch gehaltene E-Mails verschickt werden. Ich habe es in meiner aktiven Arbeitszeit selbst erlebt, dass man Vorschriften in Englisch verfassen musste. Auch die Gerätebeschreibungen waren oft in Englisch gehalten, und das führt zu vielen Missverständnissen und Fehlern.
 
Erst kürzlich unterhielt ich mich diesbezüglich mit einem Mitarbeiter aus Deutschland, der in Basel in einer Pharmafirma arbeitet. Dieser muss seine gesamte Korrespondenz und auch Telefongespräche mit Mitarbeitern in anderen Standorten in aller Welt in Englisch führen. Er hat dann, wenn er sich mit Bekannten in Deutsch unterhält, Schwierigkeiten, die passenden deutsche Ausdrücke zu finden. Man könnte meinen, dass hier schleichend das Englische als Landessprache eingeführt wird. In der Schweiz gibt es ja schon ein Buch über die 5. Landessprache – Englisch.
 
Man muss jedoch anfügen, dass sich auch etliche deutsche Ausdrücke im englischen Sprachgebrauch etabliert haben, wie z. B. Kindergarten, Hamburger, Oktoberfest. Sie können unter „English words of German origin“ eine Liste im Internet-Lexikon Wikipedia finden:
 
Anmerkung: Im Handel ist das Buch „Der Anglizismen-Index“  erhältlich. In einer Beschreibung unter www.vds-ev.de/anglizismenindex/ steht u. a. das Folgende: „Der Anglizismen-Index beschreibt die deutsche Sprache nicht nur, sondern leistet einen Beitrag zu ihrer Weiterentwicklung, indem er aufzeigt, dass die deutsche Sprache in allen thematischen Bereichen ausbaufähig und lebendig ist.“
 
Kaum zu glauben: In dem Werk sind 7200 Anglizismen aufgeführt.
 
Ich finde, man sollte eine Sprache mit solchen meist vollkommen überflüssigen Wortentlehnungen, Scheinanglizismen und auch Fantasienamen nicht zu sehr verhunzen. Ich halte mich nach einem Zitat von Otto von Leixner („Aus dem Leben für das Leben“), der Folgendes aussprach:
 
„An deiner Sprache, Deutscher, halte fest! Weh dem, der diesen Schatz sich stehlen lässt. Wer erst beginnt, das reine Wort zu fälschen, dem kann gar bald auch Kopf und Herz verwälschen.“
 
Internet
 
Literatur
Junker, Gerhard H. (Herausgeber): „Der Anglizismen-Index, Gewinn oder Zumutung“, IFB Verlag Deutsche Sprache GmbH, Paderborn 2010.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Sprache von Heinz Scholz
 
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