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BLOG vom 04.12.2010


Reaktionen auf Blogs (100): Brücken zurück nach Nirgendwo
Präsentator der Leserpost: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die 100. Ausgabe der Blog-Reaktionen, sozusagen die Jubiläumsnummer, ist Biografischem gewidmet, dem Menschlichen, dem Allzumenschlichen.
 
„Ich habe die Geschichte Eurer Eltern mit besonderer Aufmerksamkeit und auch mit etwas Wehmut gelesen, weil ich doch mit Vater und Mutter Hess auch einen Teil meiner Zeit verbrachte”, schrieb Hansruedi Wüthrich (E-Mail: testavo@gmail.com) nach der Lektüre des Blogs „Erinnerungen an eine Mutter, die heute 100 geworden wärevom 18.10.2010 ans Textatelier.com. In diesem Blog habe ich einige Erinnerungen an meine Mutter aufleben lassen, weil Einblicke ins Leben von damals nicht nur auf Interesse stossen, sondern auch Zeitdokumente sind. Mir ist das kürzlich beim Lesen von Ulrich Bräkers Schilderung der Jugend und Mannesjahre unter dem Titel „Der arme Mann von Tockenburg“ (Toggenburg) bewusst geworden. Dies ist ein Lebenszeugnis aus dem 18. Jahrhundert, das der Autor bescheiden „Kritzeleien“ nannte; er lebte zwischen 1735 und 1798. Daraus wurde kulturhistorisches Dokument, das einen Eindruck vom Leben einfacher Leute gibt, die sonst im Dunkel der Geschichte verschwinden, einer Geschichte, die sich als Wissenschaft ja vor allem auf den höchsten Ebenen der Machthaber aus dem religiösen oder/und weltlichen Sektor abspielt.
 
Hansruedi Wüthrich, der viele Jahre das Notariat, Grundbuch- und Konkursamt Grüningen ZH leitete,, hat bei der Schilderung von Menschen eine ähnliche schollenverhaftete Sprache wie seinerzeit Bräker. Seine Beziehungen zu unserer Familie, also jener von Paul und Klara Hess-Fässler, hat er 1959 aufgenommen, zu Beginn der 1. Sekundarschulklasse in Wald im Zürcher Oberland. Beim Appell durch den Lehrer blieb ein Schüler übrig. Als der Lehrer ihn fragte, woher er komme, antwortete der Neuankömmling: „Chome vo Wald-Schönegrond“ (Ich komme aus Wald-Schönengrund, einem Teil der Neutoggenburger Gemeinde St. Peterzell). Der aus dem Toggenburg eingetroffene Knabe war mein Bruder Rolf P. Hess. Das habe ich von Hansruedi Wüthrich erfahren, den ich gebeten hatte, sich und seine Beziehungen zu unserer Familie zu beschreiben. Er fährt, jetzt im Originalton, fort:
 
Die Vorgeschichte
Hansruedi Wüthrich: Die Antwort ist mir in Erinnerung geblieben, weil mir der Dialekt von Rolf (um den handelte es sich nämlich beim „vorigen“ = überzähligen Schüler") grossen Eindruck machte, und zudem wusste ich nicht, was er mit „Schönegrond“ meinte.
 
Die freundschaftliche Beziehung zu Rolf (und seiner Familie) dauert damit bereits mehr als 50 Jahre, und so lernte ich auch Eure Eltern kennen. Während seiner Welschlandzeit und auch während der seiner ersten Zeit in Hongkong war ich sozusagen ein Bindeglied zwischen Rolf und seinen Eltern ‒ ich habe sie öfters besucht und auch für Rolf den Kontakt mit seinen Eltern gehalten. Dank der Neuerung „Compuserve“ wurde die Verständigung mit Rolf mit den Jahren viel einfacher und schneller als vorher mit der Luftpost. Auch heute noch halten wir ständig Kontakt übers Internet.
 
1971 wurde mir das zürcherische Notarenpatent erteilt, und am 12.07.1971 habe ich meine Tätigkeit beim Notariat Dübendorf als Notar-Stellvertreter angetreten. 1977 wechselte ich in der gleichen Funktion nach Grüningen. Es folgten 1978 die Heirat in Las Vegas und 1980 der Hausbau in Grüningen, 1982 wurde unser Sohn geboren. Wir unternahmen mehrere grössere Reisen, so u. a. 1985 in 6 Wochen rund um die Welt mit dem 3-jährigen Sohn (USA, Hawaii, Tahiti, Australien, Hongkong, wo wir Vater Paul Hess antrafen), eine weitere Reise rund um die Welt via Hawaii ‒ Japan ‒ Hongkong und nochmalige Aufenthalte in den USA und auf Hawaii. Flussreisen mit gemieteten Booten in Frankreich und Deutschland, Wandern in den Bergen etc. etc. gehörten ebenfalls zu meinen Freizeitunternehmungen. Nicht zu vergessen das Pilzsammeln: Einmal im Jahr geht es ins Berner Oberland in die Eierschwämme und Steinpilze! Da waren auch Rolf und seine Frau Alice schon einmal dabei!
 
1986 wurde ich als Amtsnotar des Kreises Grüningen gewählt. Schwierigere Zeiten gab es nachher: Der Tod meiner Frau 1992 setze mir ‒ insbesondere auch wegen unserem damals 10-jährigen Sohn ‒ sehr zu. Nach genau 45 Jahren und 1 Monat im Staatsdienst habe ich mein Amt auf den 01.04.2009 abgegeben und geniesse seither meine „neue Freiheit“. Reisen mit dem WOMO (Wohnmobil) bedeuten für mich die grosse Freiheit, und damit durchstreifen wir ganz Europa. Das WOMO erlaubt mir trotz meiner seit Jahrzehnten andauernden Einschränkungen bei der Nahrungsaufnahme ein unbelastetes Reisen ‒ das ist für mich eine sehr grosse Erleichterung. Daneben bin ich weiterhin für einige ausgewählte Kunden als Berater auf meinem Fach tätig, vgl. auch meine Website www.testavo.ch..
 
Erlebnisse mit den Hess-Eltern
Unter dem Titel „Ein Stück Heimat“ zeichnete Hansruedi Wüthrich einige Erinnerungen an unsere Eltern wie folgt auf:
 
Mutter Klara Hess war für mich immer erste Anlaufstelle, wenn es darum ging, bei meinen Kleidern etwas zu ändern ‒ ich sehe sie heute noch mit den Nadeln im Mund vor mir – eben so, wie man eine Schneiderin sich vorstellt.
 
Geblieben ist mir auch die Geschichte, aus jener Zeit, als sich Eure Eltern entschieden, ein neues Möbel zu kaufen und ich sie mit dem Auto nach Mönchaltorf führte, zu Möbel Oertli. Die bevorstehende „lange“ Reise brachte Mutter ziemlich in Aufregung, sodass sie vorher Reisetabletten schlucken musste ... Ihr Mann hatte keine solchen Schwierigkeiten und war gerne zu einer Spritzfahrt bereit. Vater war ja schliesslich gewohnt, mit dem formschön verkleideten Kreidler-Florett R-50 herumzufahren (!).
 
Auch die Geschichte mit dem Kakadu, der den Eltern zuerst Freude machte und dann langsam in der Wohnung die Macht übernahm, ist mir immer noch in bester Erinnerung.
 
Geblieben ist mir auch die Story, die Vater mir nach seiner Pensionierung erzählte: Es ärgerte ihn, dass es Mutter nicht passte, dass er ihr „helfen“wollte, indem er z. B. Einkäufe tätigte. Mutter wiederum sagte mir, dass sie jetzt ein Leben lang diese und jene Aufgabe erfüllt habe und plötzlich rede Paul ihr immer drein ... und er gebe ihr das Gefühl, dass sie nichts mehr richtig mache.
 
Auch die Geschichte beim Abflug in Hongkong (nach einem Besuch bei der Familie ihres Sohns Rolf), als der chinesische Freund Vater Paul noch ein Päckchen zusteckte und er dieses erst einmal in seinem „Tschopen“-Sack (in seiner Weste) verstaute, ohne weiter darüber nachzudenken (ich auch nicht). Bei der Sicherheitskontrolle wurde dieses Päckchen entdeckt, und da weder er noch ich wussten, was darin war, wurde Paul beinahe zum Terroristen gestempelt ... Ich konnte dann den Sicherheitsbeamten schlussendlich von der Wahrheit der Geschichte überzeugen, und das Päckchen wurde konfisziert. War das eine (verständliche) Aufregung für Vater Paul!
 
Ich habe es übrigens so empfunden, dass die Eltern auf Walter immer sehr stolz gewesen sind. Sie haben sich auch mir gegenüber nie in irgendeiner Weise darüber beklagt oder darüber gesprochen, dass Walter zu wenig religiös wäre (wie dies in seinem Tagebuchblatt zum Ausdruck kam). Gegen aussen war dies überhaupt kein Thema. Dass vielleicht Rolf ‒ als der jüngere der beiden Söhne ‒ spezielle Sympathien genoss, ist vermutlich auch darauf zurück zu führen, dass Rolf sich seinen Eltern gegenüber immer sehr „diplomatisch“ verhalten hat – wir haben damals gesagt: figulant. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Letztgeborenen immer einen besonderen Bonus bei den Eltern haben.
 
Ich lese immer wieder Artikel von Dir, Walter, und ich muss sagen, dass ich Dich um Deine Fähigkeiten, Dich auszudrücken und zu „Papier“ zu bringen, bewundere. Ich habe zuletzt Deine Reiseberichte-Serie über die Toscana gelesen. Wir sind ein paar Tage später als Ihr mit dem WOMO ebenfalls über Genua ‒ Levanto auf die Insel Elba gefahren und nachher durch die Toscana (u. a. via Siena, Florenz) wieder nach Hause zurückgekehrt. Dein Bericht hat unsere Reiseerfahrungen bestens ergänzt - wir sind mit dem WOMO und insbesondere in Begleitung eines Hundes (Foxterrier) etwas zurückgebunden, was den Besuch z. B. von Museen etc. betrifft, und eher auf Wanderungen ausgerichtet. Deshalb lesen wir auch gerne andere Reiseberichte ‒ eben in Ergänzung zu unseren eigenen Erfahrungen.
 
Letzthin hat mich ein fremder Mann angesprochen, als ich mit dem Hund unterwegs war. Er fragte mich unvermittelt: Sind sie pensioniert? Als ich bejahte, meinte er: Wenn ich sie anschaue, bin ich dafür, dass das Pensionsalter auf 70 Jahre hinaufgesetzt wird. So genau wusste ich nicht, soll ich jetzt geschmeichelt sein oder nicht: Tatsache ist, dass ich mich nicht als Pensionär fühle ... und ich habe mich dann entschieden, die Sache positiv anzusehen!
 
In diesem Sinne wünsche ich Euch alles Gute und grüsse Euch alle ganz herzlich
 
Hansruedi
 
Rousseau und seine Spaziergänger-Träume
Die literarische Form der Autobiografie gibt es in manchen Abwandlungen: Briefromane wie Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“, die jetzt von E-Mail-Romanen abgelöst werden (so hat die in Wien lebende Autorin Silvia Pistotnig eine Geschichte rund um E-Mails geschrieben), ferner polemische Rechtfertigungen, psychologische Deutungen, romanhaft zusammengefügte Faktenansammlungen, möglichst wirklichkeitsnahe Beschreibungen usf. Der Schriftsteller, Pädagoge und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau (17121778) war häufig auf Wanderschaft, oft auf der Flucht; sein spätes, unten angesprochenes Werk „Rêveries du promeneur solitaire“ (Träumereien des einsamen Spaziergängers) enthält autobiografische Rückblicke. Im Blog „Zwischen Nuss & Muschel: Ist Rousseau glaubwürdig?“ vom 02.11.2010 wies Emil Baschnonga auf Widersprüche in Rousseaus Werk hin, seine Hypochondrie, ihm missfiel die „seichte Geschwätzigkeit“.
 
Damit rannte unserer Londoner Blogger bei der Schriftstellerin Lislott Pfaff aus Liestal BL/CH (E-Mail: summervogel@eblcom.ch offene Türen ein:
 
Gegenwärtig lese ich von Rousseau „Les rêveries du promeneur solitaire" in der deutschen Übersetzung von Ulrich Bossier, Reclams Universal-Bibliothek 2003). Ich kann den Eindruck von Emil Baschnonga nur bestätigen: Rousseaus monotone Seelenergüsse sind zum Teil abstossend, langweilig, er ist ein ewiger Jammerlappen. Laut dem Nachwort zu den „Träumereien“ von Jürgen von Stackelber litt Rousseau an Verfolgungswahn. Dieses Eindrucks kann ich mich bei der Lektüre des genannten Werks nicht verwehren.
 
Bibersteiner Lebensbilder
Zum Blog „Behinderungsaspekte: ,Bi de Lüt’ vom Schloss Biberstein““ fügte Lislott Pfaff noch an:
 
Lieber Walter,
vielen Dank für Deinen einfühlsamen Bericht über das Leben der Insassen von Schloss Biberstein. Ein richtiger Aufsteller – so schön, dass es sowas noch gibt in unserer miesen Welt und dass das Schloss nicht schon lange von einem Ölscheich gekauft wurde und womöglich in ein Harem umfunktioniert wurde ...
 
Herzlich: Lislott
 
Typische Schweizer Orte
Wie Wanderungen sind auch die Berichte darüber oft Grenzgängereien. „Die Welt ist meine Vorstellung“, schrieb Arthur Schopenhauer (17881860) zum Auftakt seines Werks „Die Welt als Wille und Vorstellung“. So gibt, wer seine Beobachtungen aufzeichnet, eigentlich nur seine Vorstellungen wieder, so dass auch ein Ausflugsbericht eigentlich mehr über den Autor aussagt als über das, was er (vermeintlich) gesehen hat. Wenn alles gut geht, wird solch ein Bericht (im Sinne von Schopenhauer) zu einem „System von Gedanken“, das einen architektonischen Zusammenhang hat, wobei aber jeder Gedanke seine Einheit bewahren muss.
 
Einer, der das Talent hat, präzise Gedanken in einen ökologischen Zusammenhang zu bringen, ist der Naturwissenschaftler Heiner Keller (E-Mail: info@doracher.ch). Zu meinem Ausflugsbericht „Gottschalkenberg: Hoch überm Morgarten-Schlachtgelände“ vom 09.11.2010 schrieb er:
 
Ein Genuss, typisch Walter Hess. Von der eigenartigen Brücke nach Nirgendwo ‒ und trotzdem oder gerade deswegen lockt sie Touristen an ‒ über uninteressiertes Servierpersonal und Güllebauern bis hin zu den (früheren) Talibans der Innerschweiz. Ich gratuliere und hoffe auf weitere Ausflüge zu typischen Schweizer Orten.
Heiner Keller
 
Solch fulminante Kommentare sind Raritäten. Für mich hat er vor allem deshalb Gewicht, weil der Ökologe Heiner Keller (ANL, AG Natur und Landschaft Aarau) einer meiner wichtigsten Lehrmeister bei der Hinführung zu Zusammenhängen in der Natur ist (ich durfte an unzähligen seiner Exkursionen teilnehmen, die auch Lehrstücke fürs Hinterfragen und kritische Denken sind). Und wenn der Meister den Schüler lobt, dann spricht das vor allem einmal für den Ersteren.
 
Hinweis auf die bisher erschienenen „Reaktionen auf Blogs“
12.11.2010: Reaktionen auf Blogs (99): Südtiroler, Knebelverträge, Jäger
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