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BLOG vom 14.12.2010


Reaktionen auf Blogs (101): Ge(reh)pfefferte Vegi-Diskussion
Präsentator der Leserpost: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Mensch: heruntergekommenes Tier.“
Karlheinz Deschner
*
Ich gebe es zu: Mit meiner asketischen Grundhaltung ist es nicht weit her. (Und ich hoffe auch, dass dem so bleiben mag.) Gebote und Verbote, deren Sinn ich nur schemenhaft zu erkennen vermag, sind mir zuwider, und lösen Trotzreaktionen aus. Beispiel: Die generelle Kriminalisierung der Raucher selbst dort, wo sie niemanden stören, hat bewirkt, dass ich mir wieder etwas häufiger ein Pfeifchen, eine Zigarre oder eine krumme Brissago gönne. Und wenn die Grossverteiler Coop und Migros den Salzgehalt ihrer Produkte im Rahmen der 2009 gestarteten sogenannten „Actionsanté“ reduzieren, fühle ich mich dazu berufen, meine Gäste mit Brot und Salz zu empfangen, einem wunderschönen russischen Brauch folgend. Brot und Salz sind besonders kostbare Lebensmittel, wie bis weit ins 20.Jahrhundert hinein bekannt war.
 
Die Salzreduktion zur Blutdrucksenkung hat sich laut dem Blutdruckforscher und Ernährungsspezialisten Dr. Johann Georg Schnitzer als Flop erwiesen, „weil diese (Salzreduktion) zu einer weiteren Verdickung des Blutes durch Wasserentzug führt. Das kann gerade zu jenen fatalen Herz-Kreislauf-Ereignissen führen, für die Bluthochdruckpatienten ohnehin besonders gefährdet sind. Aus dem gleichen Grund sind auch Diuretika gefährlich.“ Soweit das einleuchtende Schnitzer-Zitat (http://www.dr-schnitzer.de/bluthochdruckstudie02-0136.html).
 
Die Salzreduktion basiert ausgerechnet auf einem Programm des impfbegeisterten Bundesamts für Gesundheit (BAG), das die Schweinegrippe masslos hochgespielt hat und die Bevölkerung zu einem gesünderen Essen verknurren will. Aus jener amtlichen Küche, die mit der Pharma liiert ist, ist mir noch nicht viel tatsächlich Gesundheitsförderndes begegnet. Die Salzladungen finden sich vor allem in der Industriekost, um die ich ohnehin weite Bögen mache, so dass ich mir normal gesalzenes Holzofenbrot zum Beispiel aus unserer hervorragenden Schlossbäckerei in Biberstein AG leisten kann – dieses Brot schmeckt herrlich. Und ich bitte alle Brotesser, ihren Dorfbäcker dringend zu bitten, weiterhin normal gesalzenes Brot zu backen.
 
Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Menschen heute ein verqueres Verhältnis zum Essen haben; denn daran scheint überhaupt alles falsch zu sein: Man nimmt den Armen die Kalorien weg, frisst zu viel und schadet der Gesundheit, sieht leidende Nutztiere – die es ja wirklich gibt – und hat wegen gentechnologischer Eingriffe – die gibt es leider auch – miserable Gefühle, erliegt dem Industriefrass mit den E-Nummern. Und das Essen wird als Zeitverschwendung betrachtet, was an der Schnellfrasswelle abzulesen ist. Ein gestörtes Essverhalten führt zu psychischen Beeinträchtigungen – und umgekehrt.
 
Wie soll unter solchen Voraussetzungen eine lustvolle, gesunde Ernährung, die auch Freude macht, Wohlgefühle verursacht, überhaupt noch möglich sein? Ich möchte niemals in diese Vermiesungsfalle hereintappen, sondern eine verantwortungsbewusst produzierte Nahrung (inkl. gelegentlich Fleisch) ohne Schuldgefühle geniessen können, damit sie mir gut tut.
 
Vegetarismus-Diskussion
Bevor ich mich in weitere Beispiele meines Rebellentums gegenüber aufgezwungenen Einschränkungen verliere, komme ich nun ohne weitere Umwege auf den Vegetarismus zu sprechen, dem diese 101. Folge mit Blog-Reaktionen gewidmet ist. So berichtete ich im Blog vom 22.11.2010 („Wohlenschwil und Mägenwil: Bauernkrieg beim Muschelkalk“) von meiner Einkehr in der „Mühle“ in Gnadenthal u. a. so: „Offenbar war die Wildsaison noch nicht beendet, und ich konnte der Verlockung auf einen Rehpfeffer inklusive Stockschwämmli und Speck, aber auch mit Spätzli, Rotkraut, Birne und Preiselbeeren nicht widerstehen; meine vielen hoch geschätzten Bekannten aus dem Vegetarismussektor mögen mir diesen Ausrutscher bitte nachsehen. Da ich als gastronomischer Sünder und Ketzer ja ohnehin nicht für den christlichen Himmel tauge, kann ich mir solche Ausrutscher hin und wieder leisten.“
 
Ich habe jenes Essen in vollen Zügen und unbeschwert genossen, wusste aber beim Abfassen des Berichts darüber, was auf mich zukommen wurde. Meine liebe Freundin und Mitbloggerin Lislott Pfaff, Schriftstellerin und Tierschützerin in Liestal BL/CH (E-Mail: summervogel@eblcom.ch), wurde ihrer Aufgabe gerecht und mailte mir nach der Konsumation meines Tagebuchblatts:
 
Auch als gastronomische „Nichtsünderin“ (Vegetarierin) spekuliere ich nicht auf den christlichen Himmel, wo es wohl ziemlich langweilig wäre. Mein Verzicht auf den Verzehr von Fleisch hat andere Gründe: Erstens dauern mich die Tiere, die für die Genussucht von uns Menschen leiden und auf brutale Weise sterben müssen. Zweitens glaube ich nicht, dass der Mensch das Recht hat, über unschuldige Wesen (Pflanzenfresser), die ihm nichts angetan haben, auf dieselbe Weise zu herrschen wie seinerzeit Obrigkeit und Adel über den Bauernstand herrschten. Müsstest Du als konsequenter Jagdgegner nicht auch auf die Jagdbeute verzichten? Du kannst Dir meinetwegen so viele nicht-christliche Ausrutscher leisten, wie Du willst. Darum geht es doch gar nicht. Sondern schlicht und einfach um ein wenig Mitleid mit jenen unschuldigen Wesen, die wegen solcher „Ausrutscher“ leiden und sterben müssen.
 
Gruss: Lislott
 
Auf dem Boden zertreten, ja zermalmt, raffte ich mich zur folgenden Antwort auf, um mir selber wieder etwas auf die Beine zu helfen:
 
Liebe Lislott,
bei der Beschreibung des Rehpfeffers habe ich natürlich auch an Dich gedacht und mich auch entsprechend gewunden (das Herauswinden ist mir offensichtlich nicht ganz gelungen), und Deinen berechtigten Rüffel akzeptiere ich in meiner Rolle als ewiger = unverbesserlicher Sünder.
 
Hier ein paar Argumente zu meiner Pseudo-Entlastung: Das in der Schweiz aufgetischte Wild ist nur zum Teil eine Jagdbeute, immer mehr werden Wildtiere gehegt (gemästet) wie Rinder, Schweine usf., wobei der Umfang erst jetzt statistisch erfasst wird. Der Hirsch ist in der Schweiz seit 1992 als landwirtschaftliches Nutztier anerkannt ... über 500 Schweizer Bauern halten Hirsche. Das macht die Sache nicht tierfreundlicher, reduziert sie aber immerhin auf das Pro und Kontra zum Fleischfressen oder Vegetarismus.
 
Meine Philosophie läuft auf eine möglich breite und damit vielseitige Ernährung hinaus, zu der bescheidene Mengen von Fisch und anderem Tierfleisch gehören. Wir Bemühen uns in unserer Familie sehr um Produkte aus tiergerechter Haltung - wir kaufen Biobauern mit enthornten Kühen nichts ab. Im Prinzip gehört aber die Nutztierhaltung zu einem autarken, kunstdüngerfreien Betrieb. Ich möchte weder eine vernünftige Biolandwirtschaft und noch meine Nahrungspalette einschränken.
 
Als Journalist muss ich mich mit allem Alltäglichen befassen, um mitreden zu können. Im Zusammenhang mit meinem Bio-Bericht für die Zeitschrift „1A!Aargau“ habe ich in den letzten Wochen viele Biobetriebe besucht, und meine Ansichten einmal mehr bestätigt gefunden: Fleisch mit Mass, aus anständiger Haltung, genau wie beim Gemüse auch Pflanzen sind empfindsame Lebewesen, vielleicht die empfindsamsten überhaupt.
 
Wir haben uns im Familienkreis bei der Hochhaltung aller Grundsätze allerdings abgewöhnt, bei jedem Bissen ein schlechtes Gewissen zu haben, der sich etwas von unseren Grundsätzen entfernt. Wir möchten uns nicht ständig kasteien und die Lebensfreude verlieren, sondern auch dem Geniessen auf vertretbarer, ethischer Basis zu seinem Recht zu verhelfen. Ich glaube, dass mir dieser Spagat gut gelungen ist und selbst ich ein gutes Gewissen haben darf - ein Heiliger war ich noch nie und möchte diesen Beruf auch nie erlernen, nicht einmal als Quereinsteiger will in solch einen mir eher suspekten Berufsstand geraten. Da liege ich schon lieber etwas quer in der Landschaft herum. Auch habe ich mich immer gehütet, als Missionar aufzutreten, da ich mich selber auch nicht missionieren lasse, sondern mein Benehmen konsequent selber bestimme; die Voraussetzungen dafür eigne ich mir durch eine ständige Weiterbildung an.
 
Dass Du mir meine Haltung nicht verübelst, weiss ich inzwischen. Du lässt mich als Kuriosität seit je gelten, ohne aber zu vergessen, gelegentlich den Mahnfinger zu erheben.
 
Mit den besten Wünschen
Walter
 
Die Antwort von Lislott Pfaff vergoss etwas Balsam:
 
Lieber Walter,
nein, den Mahnfinger möchte ich auf keinen Fall erheben, und ich möchte Dich auch nicht zum Kasteien anhalten. Nur schien es mir unlogisch, dass Du plötzlich vom Genuss eines Rehpfeffers schwärmst, nachdem ich von Dir schon so viele Verleumdungen der Jägerei gelesen habe. Allerdings finde ich auch Hirschfarmen absolut daneben ‒ haben wir denn wirklich nicht genug andere Fleischlieferanten im Überfluss, müssen nun auch noch wildlebende Tiere sich mit einem womöglich engen Gehege und abgekürzter Lebensspanne zufrieden geben, nur um unsere Genusssucht zu befriedigen?
 
Übrigens habe ich meine Lebensfreude keineswegs verloren, weil ich auf den Verzehr von all dem verzichte, was Augen hat. Im Gegenteil, das erhöht mein Lebensgefühl erheblich, ohne dass ich mich dabei als Heilige fühle (ums Himmels willen!). Übrigens liegst nicht Du als Fleischesser quer in der Landschaft, sondern ich und andere Vegetarier (von den Veganern gar nicht zu reden); zumindest wurden wir bis vor Kurzem noch als Kuriosität belächelt, was heute nicht mehr unbedingt der Fall ist.
 
Aber kurios oder nicht, ich lasse mich deshalb nicht aus dem Konzept bringen, dazu liebe ich die Tiere einfach zu sehr.
 
Immerhin schätze ich es, dass Du meine Einstellung akzeptierst und mich auch im Textatelier.com darüber schwafeln lässt. Zum Glück bin ich ja nicht allein mit dieser Idee (siehe den Kirchenkritiker Karlheinz Deschner und andere Grössen aus Kunst und Literatur).
 
In diesem Sinne herzliche Grüsse:
Lislott
 
Liebe Lislott,
mir waren die Vegetarier immer sympathisch, sehr. Ich schätze sie und kann ihre (auch Deine) Überlegungen durchaus nachvollziehen. Bei der Jägerei werde ich weiterhin die Auswüchse bekämpfen (Treibjagd, hinterhältige Abschüsse von Hochsitzen aus, machoeske Lust am „Kampf“ usw.).
 
Ich setze mich auch immer für die Natur insgesamt ein, und Du hast ja selbst erlebt, dass ich Dich diesbezüglich im Zusammenhang mit der Publikation Deiner exzellenten und prägnanten Blogs im Textatelier.com noch nie um Mässigung gebeten habe! Das hätte gerade noch gefehlt! Bei der ehemaligen Zeitschrift „Natürlich“ habe ich gerade wegen meiner klaren Haltungen immer aufpassen müssen, dass ich nie als so etwas wie zu einem „Guru“ wurde - nur das ums Himmelswillen nicht! Ich war geradezu gezwungen, gelegentlich auch publizistisch über die Schnüre zu hauen, und ich schrieb einmal einen Standpunkt“ zum Thema „Sünder leben gesünder“.
 
Es gibt verschiedene Wege zum Glück ... und Du findest es auf Deine eigene, vorbildliche Art. Und ich kenne auch Deine Toleranz uns Unverbesserlichen gegenüber. Es lag mir schon immer sehr daran, meinen eigenen, ganz auf meine persönliche Struktur zugeschnittenen Lebensstil zu finden. Selbstredend bin ich nicht unbelehrbar, aber ich habe es mir angewöhnt, alle Argumente in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Einseitige Beschränkungen, d. h. solche, die nur auf einzelnen Aspekten beruhen und mir im grösseren Umfeld nicht einleuchten, sind mir zuwider. So betrachte ich, um beim Vegetarismus zu bleiben, auch die landwirtschaftliche Tierhaltung als Bestandteil der Erhaltung eines sinnvollen Nährstoffkreislaufs.
 
Ich teile immerhin Deine Ansicht, dass Wildfleischproduktionen im landwirtschaftlichen Stil ein Marketinggag ohne eigentlichen Sinn und Notwendigkeit sind – man kann ja nur hoffen, dass die Jagd davon konkurrenziert und dadurch unattraktiver wird. Doch zwingt die Politik unsere von den Globalisierungsauswüchsen bedrängten Bauern in solche Nischen hinein. Ich mag sie nicht verurteilen.
 
Wir Du, liebe Lislott, und ich bleiben bei unseren eigenen Lebensstilen, bei denen wir uns jeweils auf unsere eigene Art wohlfühlen. Es besteht keiner Notwendigkeit, sie in Übereinstimmung zu bringen.
 
Herzliche Wünsche
Walter
 
Die Rettung rarer Arten und der Vegetarismus
Der nächste Hammer aus Liestal ging– diesmal eher unerwartet – auf mich nieder, nachdem ich in aller (vermeintlichen) Unschuld über der Slow-Food-Essen in Aarau berichtet hatte, das im Dienste der Erhaltung alter Arten und Lebensmittel-Konservierungsverfahren stand (30.11.2010: „Slow Food AG/SO: Genuss auf rettender Geschmacksarche“):
 
Der Blog-Kommentar, der von Lislott Pfaff unverzüglich eintraf:
 
Es ist halt wieder die typische anthropozentrische Haltung: Seltene Tierarten züchten und erhalten, ums sie nachher essen bzw. geniessen zu können. Dazu wiederum Deschners bissiges Zitat: „Wer Tiere isst, steht unter dem Tier“. Soweit bin ich in meinen Überlegungen zwar noch nie gekommen; aber der Aphorismus ist doch bedenkenswert.
 
Lislott
 
Meine Briefpartnerin aus Liestal schlug mich sozusagen indirekt mit den Waffen, die ich ihr selber zugespielt hatte, ein geschickter Schachzug ihrerseits: Ich hatte ihr das Büchlein mit Karlheinz Deschners „Bissigen Aphorismen“ (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996), geschenkt – weil ich es mich selbst angeregt und begeistert hat. Dennoch fand ich Worte zu meiner Verteidigung, zumal ich stolzer Besitzer von Hunderten von erbosten Leserzuschriften bin, die ich alle beantwortet habe. Somit bin ich im Finden von Herausreden geübt.
 
Mein E-Mail:
 
Lieder muss ich Dir, liebe Lislott, widersprechen: Es geht um alte Arten, die noch nahe bei den Urformen sind und heute durch überzüchtete Arten verdrängt werden.
 
Du und Deschner haben recht, sicher; denn Euch geht es um Prinzipien, die immer auf Vereinfachungen, Zuspitzungen beruhen. Meine Frage: Sollen Raubtiere und andere Tiere fressende Tiere (und damit auch fleischfressende Pflanzen) am besten gleich ausgerottet werden ... auch sie verhalten sich ja auch höchst unethisch, töten auf grausame Weise. Ich habe noch nie behauptet, der Mensch stehe über dem Tier ... im Gegenteil. Wenigstens diesbezüglich bin ich konsequent. Hinsichtlich Ethik können wir von jedem x-beliebigen Tier fürwahr nur lernen.
 
Du weisst ja, ich bin kein Erzieher, fühle mich nicht berufen, andere Menschen auf den rechten Weg zu bringen. Ich bemühe mich um ein weites Blickfeld, um das Erkennen von Zusammenhängen ... sind denn alle Bauern, die Tiere anständig halten und schliesslich metzgen lassen, Verbrecher. Soll man auch sie ausrotten?
 
Noch ein Wort zu Jagd, die ich wahrhaftig nicht etwa verteidigen will, schon gar nicht die Sport- und Sonntagsjägerei:
 
Die alten Walser, die aus ihrer Zwischenstation im Wallis ins unwirtliche Gebirge (Alpen) abgedrängt wurden, hätten dort oben ohne Jagd nicht überleben können. Das Jagd gehört zur herkömmlichen menschlichen Kultur, zur Nahrungsbeschaffung. Was ist aber verwerflich finde: die Jagd als Freizeitvergnügen und sie auf eine Weise zu betreiben, die eindeutig Tierquälerei ist (Treibjagd). Ich sage Dir das nur, um Dir mein ständiges Bemühen um breite Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen.
 
Herzliche Grüsse und mit der Bitte um etwas Toleranz für Leute, die halt zu differenzierten Meinungen kommen
 
Walter
 
PS: So schlecht ist die Slow-Food-Philosophie auch wieder nicht! Mir ist die Erhaltung alter Sorten und Rassen schon ein Anliegen - immer bei anständiger Haltung beziehungsweise im Rahmen vernünftiger ökologischer Überlegungen.
 
Walter
 
Stichwort „Toleranz“
Lislott Pfaff griff das Stichwort „Toleranz“ auf und schrieb von Outlook zu Outlook:
 
Ja, lieber Walter, Toleranz ist wichtig in zwischenmenschlichen Beziehungen. Aus der Literatur von und über Karlheinz Deschner (mit der ich mich gerade beschäftige) geht allerdings hervor, dass er in Bezug auf seine Überzeugungen gegenüber Andersdenkenden nie tolerant war und ist. Sonst hätten seine Bücher (wie die mehrbändige „Kriminalgeschichte des Christentums“) auch nicht diesen durchschlagenden Erfolg erzielt. Wenn es um Äusserungen in der Öffentlichkeit wie dem Textatelier.com geht, möchte ich weiterhin zu meinen Überzeugungen stehen und sie auch zum Ausdruck bringen dürfen, ohne mich über andere Menschen erheben bzw. als Missionarin auftreten zu wollen. Andererseits beruht meine Überzeugung bezüglich Fleischverzehr auch nicht auf Ver- oder Geboten, die mir von aussen aufgezwungen wurden, sondern einzig und allein auf persönlichen Erlebnissen und den Erkenntnissen, die ich daraus gezogen habe.
 
Ich habe ja selbst mehr als ein halbes Leben lang gedankenlos Fleisch gegessen, bis mir im Zusammenhang mit dem Elend der Tierversuche ein Licht aufging. Heute tun mir nicht nur die Labortiere, sondern auch die Viecher, die schon jung unter dem Metzgermesser sterben müssen, einfach leid, ganz zu schweigen von den armen Kreaturen in den brutalen Intensiv- und Käfighaltungen ‒ c'est tout. Und dazu kann und will ich nicht schweigen. Deschner tat es auch nicht in seinen „Bissigen Aphorismen: „Moralische Bedenken gegen Kalbsbraten? Vonseiten der Erzieher nicht. Vonseiten der Jurisprudenz nicht. Vonseiten der Moraltheologie nicht. Von tausend anderen moralischen Seiten ebenfalls nicht. Vonseiten des Kalbes vielleicht?“
 
Der Landwirt Thomas Baumann vom Galeggenhof in Suhr AG, ein naturliebender Mensch, der seine Tiere weit besser hält als das Tierschutzgesetz vorschreibt, hat in einem Telefongespräch zugegeben, dass er jedesmal Mühe damit habe, wenn eines seiner Gitzi oder Jungschweine geschlachtet werden.
 
Auch seine Kinder beklagten sich, wenn Fleisch von den eigenen Tieren auf den Tisch komme. Aber wenn es um das Fleisch (z. B. Salami) von anderen Tieren gehe, die sie nicht kennen, ässen sie es gerne. Baumann zwingt sich also immer wieder zum Töten, obwohl es ihm zuwider ist. Das heisst, er unterwirft sich wiederholten Stress-Situationen, die er vermeiden könnte. Weshalb?
 
Mit dieser Inkonsequenz oder Gedankenlosigkeit beginnt das Verhängnis, denn es geht um grundsätzliche Überlegungen: Ich glaube, der Mensch hat sich doch in einer anderen Richtung entwickelt als das Raubtier, vor allem kann er ‒ im Gegensatz zu Letzterem ‒ sehr gut ohne Fleischverzehr überleben, es sei denn, es wäre wirklich ausser Tieren nichts Essbares mehr vorhanden. Aber bevor es soweit ist, wird der Mensch ohnehin nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Tiere (inkl. die Fische) ausgerottet haben. Dann bleibt höchstens noch die Lichtnahrung …
 
Das Ziel von Pro Specie rara ist es ja nicht, seltene Wildtierarten zu erhalten, um damit die Natur zu bereichern, sondern es geht um landwirtschaftliche Nutztiere, die einzig und allein für den Menschen und seine Bedürfnisse gezüchtet werden. Wie aus der nachstehenden Information von KAGfreiland hervorgeht, ist selbst bei den Bergbauern eine artgerechte Haltung ihrer Tiere oft nicht mehr die Regel. Aber ich habe nicht behauptet, alle Bauern seien deshalb Verbrecher und man sollte sie ausrotten, ebenso wenig wie die „anständigen“ Jäger (ich persönlich kenne zwar keine). Nur leben wir nun einmal im 21. Jahrhundert, d. h. in einer Welt, die in keiner Weise mehr mit jener der alten Walser und anderer Völker der Vergangenheit vergleichbar ist. Übrigens haben sich schon so „alte“ Grössen wie Erasmus von Rotterdam, Pythagoras oder Plutarch gegen das Fleischessen ausgesprochen. Schopenhauer seinerseits sagte: „Die christliche Moral hat ihre Vorschriften ganz auf den Menschen beschränkt, die gesamte Tierwelt rechtlos gelassen.“ Eben, es geht um die Gerechtigkeit.
 
Der Mensch hat sich selbst das Recht zugesprochen, andere Spezies zur Befriedigung seiner Bedürfnisse töten zu dürfen, auch wenn diese Bedürfnisse nicht zwingend sind. Sogar Wilhelm Busch, der grösste humoristische Dichter und Comics-Zeichner des 19. Jahrhunderts, kannte keinen Spass mehr, wenn es um den „Fleischgenuss“ ging: „Wahre menschliche Kultur gibt es erst, wenn nicht nur Menschenfresserei, sondern jede Art des Fleischgenusses als Kannibalismus gilt.“ Ich weiss, die Menschheit ist noch lange nicht soweit und wird wahrscheinlich nie soweit kommen, solange sie (noch) auf dieser unvollkommenen Erde existiert. Für die sogenannten Nutztiere tut es mir leid, aber mein Mitleid nützt ihnen ja nichts, wenn nicht zumindest ein kritisches Engagement dahinter steht.
 
Du siehst, auch ich bemühe mich um das Erkennen von Zusammenhängen und berufe mich dabei auf Menschen, deren geistige Grösse und Weitsicht über allen Verdacht erhaben ist im Wissen, dass ich diese Grösse nie erreichen werde.
 
Trotzdem herzliche Grüsse:
Lislott
 
Soweit der Brief mit dem nachsichtigen „trotzdem“- Ende ... was „dessen ungeachtet“ bedeutet. Ich empfand das als wohltuende Form von Verzeihung und zog noch einmal vom Leder:
 
Liebe Lislott,
ob Pfaff, Deschner oder Hess – sie alle können gern im Textatelier.com Ihre Meinung veröffentlichen, das ist überhaupt keine Frage. Ich schätze auch andere Ansichten, das heisst solche, die mit der meinigen nicht vollkommen kongruent gehen. Ich bilde mir nicht ein, neben all den relativ bescheidenen Fleisch-Portionen auch gleich noch die Weisheit gefressen zu haben.
 
Wenn ich in meiner vorangegangenen E-Mail um etwas Toleranz bat, dann wollte ich damit nur sagen, dass es nicht nötig ist, dass man jedem gleich an den Karren fährt, weil er halt eben einen Cervelat oder eine Scheibe Braten von einem Schaf, das einem Bergbauern die Existenzmöglichkeit verbesserte und eine schöne Zeit an saftigen Hägen verbringen durfte, gegessen hat. Eine Atmosphäre ständiger Belehrung, Feindschaft und Kritik ist ja auch nicht gerade das, was das Zusammenleben fördert.
 
Deine und Karlheinz Deschners Haltung schätze ich sehr – und ich bin beim Vertreten von eigenen Ansichten sicher auch nicht eben zimperlich. Man darf und soll aufrütteln, aber sich auch bewusst sein, dass man seine Weisheiten nicht aufdrängen darf. Ob man unsere Ansichten liest und auch gerade noch befolgt, ist jedermann selber überlassen.
 
Am Ende des Klimas von geschürten Kleinkriegen wie jenem von Nichtrauchern gegen Raucher stehen regelmässig staatliche Einschränkungen, die über der Schutz z. B. der Passivraucher hinausgehen. Es kommt zu Zwangsmedikamentierungen der Nahrung (Jodsalz im Schweizer Käse, Zwangsimpfereien) – und nun reduzieren Migros und Coop noch den Salzgehalt im Brot ... wahrscheinlich weil es in anderem Industriefutter zu viel Salz gibt. Bei all den zunehmenden Staatsübergriffen auf das persönliche Verhalten könnte ich kotzen – und dabei werde ich widerspenstig. Ich ertrage es nicht, immer erzogen, kriminalisiert und einem schlechten Gewissen belastet zu werden. Ich bemühe mich um ein ethisches Verhalten im Wissen, dass ich ein Sünder bin und ich bleiben werde. Unverbesserlich.
 
Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Herzliche Grüsse
Walter
 
Beruhigende Worte waren die Reaktion:
 
Lieber Walter,
meine ausserhalb jeglicher etablierten Ansichten positionierte Kritik hat nichts mit staatlichen Ein- oder Übergriffen zu tun und wird bestimmt auch keine solchen hervorrufen. Da kannst Du beruhigt sein. Es geht auch nicht ums Erziehen und Kriminalisieren von Bauern und Jägern oder von Menschen, die deren Fleischprodukte verzehren, sondern darum, jenen Lebewesen, die das hinterste Glied in der Kette unserer Sozialstruktur bilden und deshalb völlig rechtlos sind, wenn möglich zu ihrem Recht zu verhelfen.
 
Schöne Schneezeit!
Lislott
 
Die schändlichen Enthornungen
Zum Diskussionsende füge ich hier noch einen Brief an Lislott Pfaff an. Er stammt von Denise Marty von KAGfreiland (E-Mail: denise.marty@kagfreiland.ch) . Ich publiziere ihn hier mit ausdrücklicher Erlaubnis der Autorin und von Frau Pfaff:
 
Grüezi Frau Pfaff
Auch im Berggebiet werden Kälber enthornt. Auch in Anbindeställen. Im Berggebiet sind Anbindeställe noch verbreitet.
 
Ziegen werden leider noch sehr oft angebunden gehalten (auch bei Bio weiterhin erlaubt). Für die Laufstallhaltung werden Ziegen meistens enthornt (da habe ich aber keine Zahlen, weil wir uns in unserem Projekt auf das Rindvieh beschränken ...). Die ART (Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon) hat in einer neuen Studie gezeigt, dass es möglich ist, auch kleine Bestände von behornten Ziegen in Laufställen zu halten, wenn man genug Platz, Strukturen und Sichtschütze beim Fressen einplant.
 
Rindvieh darf laut dem schweizerischen Tierschutzgesetz an 275 Tagen pro Jahr angebunden gehalten werden. Die meisten Bauern machen aber beim Bundesprogramm RAUS (regelmässiger Auslauf ins Freie) mit, das bedeutet im Sommer 26 Tage pro Monat Weide und im Winter 13 × pro Monat Laufhof (das kann aber auch nur für eine Stunde sein). Insgesamt stehen diese Tiere immer noch sehr viel angebunden im Stall. Ein Vorteil im Berggebiet: viele Tiere gehen im Sommer auf die Alp und sind somit 3 Monate draussen und können sich frei bewegen.
 
Ich hoffe, dass ich Ihre Fragen ausreichend beantworten konnte.
 
Freundliche Grüsse,
Denise Marty
 
Dazu Lislott Pfaff: Eine weitere Desillusionierung: Auch die vermeintlich naturverbundenen Bergbauern halten ihre Tiere oft nicht naturgemäss bzw. artgerecht.
 
Vor dem Big Bang
Hier in Biberstein treffen nicht nur Rügen aus Liestal ein, sondern auch immer wieder Zustimmung vor einer temperamentvollen, den Weltenlauf kritisch verfolgenden Leserin Lislott Pfaff. Zu meinem Blog vom 14.11.2010 („G-20 in Seoul: Wie die Chaoten das Chaos gerettet haben") schrieb sie in erfrischender Spontaneität:
 
Ich komme zwar „hinden und vorne“ nicht draus bei all den finanztechnischen Manipulationen der USA. Aber was Walter Hess über dieses Land und seine Globalisierungsbestrebungen und seine weltweit verbreitete Frechheit schreibt – damit bin ich voll und ganz einverstanden. Ich begreife nur nicht, weshalb der grösste Teil der Menschheit diese Falschmünzerei nicht endlich durchschaut. Wahrscheinlich braucht es dazu noch etwas Geduld, der Big Bang wird dann schon alle aufwecken ...
 
Die Anglizismen-Seuche
Auf reine, begeisterte Zustimmung stiess das Blog vom 01.12.2010 über die „Anglizismen-Seuche: Verhunzung der deutschen Sprache“) von Heinz Scholz. Claudia Rawer aus Teufen AR (E-Mail: c.rawer@verlag-avogel.ch, Internet: www.gesundheitsnachrichten.ch und www.avogel.ch):
 
Lieber Herr Scholz,
Vielen Dank für Ihren “Anglizismus-Blog”, den ich mit Vergnügen gelesen habe. Auch mir gehen ab und zu einige Anglizismen doch über die Hutschnur: So, wenn aus Weihnachten X-Mas wird, jedes Dorffest zum Event (v)erklärt wird – und jeder Vertreter zum Senior Sales Manager.
 
Zu letzterem hatte schon vor Jahrzehnten der Science-Fiction-Autor Alan Dean Foster eine nette Idee: In einer Parallelwelt lebt ein mächtiger Zauberer, eine kluge Schildkröte namens Clodsahamp. Er merkt, dass in seiner Welt seltsame Dinge vorgehen, etwa Zeitverschiebungen, und er ist so klug, dass er weiss, dass er einen Techniker, einen Ingenieur braucht. Den muss er von der Erde holen, da es so etwas in seiner magischen Welt nicht gibt. Was er allerdings bekommt, ist Jon-Tom: Ein nicht allzu eifriger Student und Möchtegernmusiker, der auf dem Campus Toiletten putzt und Rohre säubert, also Hausmeister spielt, um etwas Geld zu verdienen – ein „technical sanitation engineer”. Kommt davon.
 
Herzliche Grüsse
Claudia Rawer

Damit verabschieden wir uns heute als writing acrobats of thought – schreibende Gedankenakrobaten, die vor Abstürzen nicht gefeit sind.
 
 
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