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BLOG vom 30.12.2010


Reaktionen auf Blogs (102): Von Fuss- und Gedankenfesseln
Präsentator der Leserpost: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Julian Assange, der WikiLeaks-Gründer, darf jetzt mit einer Fussfessel in London wieder einigermassen frei herumlaufen. Der vorgeschobene Grund für den internationalen Haftbefehl war nicht etwa die Publikation von amerikanischen Geheimdokumenten (250 000 Depeschen, in denen US-Diplomaten ihre Gastländer in niederträchtiger Art verspotten), nein, nein, sondern wegen der mutmasslichen Vergewaltigung von 2 Frauen in Schweden. Er hat die Vorwürfe zurückgewiesen und von einer Intrige gesprochen. Im Blog Assanges Festnahme: Rein sexbezogene Angelegenheit ... vom 08.12.2010 habe ich über diese Meisterleistung kriminalistischen Spürsinns und publizistischer Verdrehungskünste berichtet. Martin Eitel (E-Mail: m.eitel@gmx.net ist auch einer, der die US-amerikanischen Machenschaften durchschaut und wertet. Er schrieb:
 
Der Umgang der USA mit WikiLeaks und Assange hat eine gewisse Parallele mit der chinesischen Zensur gegenüber Google, wenn auch im Fall von WikiLeaks private US-Unternehmen in vorauseilendem Gehorsam zugunsten der Regierung gehandelt haben. Sie wollten damit der US-Regierung gegen WikiLeaks Hilfe leisten.
 
Die USA nähern sich also nicht nur hinsichtlich der heruntergekommenen Infrastruktur in zahlreichen Städten dem Standard eines Dritte-Welt-Landes an, sondern auch hinsichtlich des Standards der bürgerlichen Rechte. Auch die massiven Militärausgaben, die sich die USA eigentlich gar nicht leisten können, werden den weiteren Abstieg der USA längerfristig nicht aufhalten können, zumal der Dollar aufgrund der unseriösen, verantwortungslosen Finanzpolitik der Regierung und der US-Notenbank seine führende Rolle immer mehr einbüssen wird.
 
Lislott Pfaff (E-Mail: summervogel@eblcom.ch) entblösste aufgrund der berechtigten Ängste Assanges, an die USA ausgeliefert zu werden, die Doppelmoral der globalen Sittenwächter:
 
Jaja, Meinungsfreiheit hat einen schweren Stand gegen Sex, der nur in Hollywood-Filmen straffrei ausgeübt werden darf. Sonst nirgends auf der Welt. Gottseidank, so stirbt die Menschheit endlich aus, und die Natur wird dann wieder die Meinungsfreiheit auf der Erde übernehmen. Dank WikiLeaks...
 
Das Wort „Partner“
Einen erfrischenden Briefverkehr löste das Blog Partner – ein Wort, das mir sehr auf die Nerven geht vom 07.12.2010 aus, das Emil Baschnonga in London verfasst hatte. Ursula Rausser (E-Mail: wegwarte@solnet.ch) brachte dazu praxisbezogene Überlegungen an, und damit zeigte sie auf, wie unzulänglich unsere Sprache unter Umständen sein kann:
 
Obwohl für mich das Wort „PartnerIn“ längst nicht so negativ besetzt ist (oder eigentlich bis jetzt gar nicht war), kann ich Ihre Einstellung nach den negativen Erfahrungen gut nachvollziehen. Nur, wie sollte ich meinen jetzigen Mann, der fast 30 Jahre älter ist als ich, denn vor der Heirat nennen (ich bin auch nicht mehr die Jüngste). Also z. B.: „Hallo, das ist mein Freund Sepp“? ‒ „Das ist mein Mann“ war für mich in dem Moment unmöglich, weil wir ja nicht verheiratet waren. Also war er mein „Lebenspartner“ bis wir geheiratet haben.
 
Viele Paare sind in dieser Situation und kennen einfach keinen gescheiteren Ausdruck. Hätten Sie nicht ein paar Vorschläge auf Lager?
 
Ursula Rausser
 
Meine provisorische Antwort:
 
Liebe Ursula,
danke für diese interessante Rückmeldung, die ich gern an Herrn Baschnonga in London weiterleite. Er ist ein kreativer Mensch und findet sicher eine Lösung.
 
Partner ist schon ein Allerweltswort, wie sich auch aus der Duden-Definition ergibt:
 
Part|ner, der; -s, - [engl. partner, unter Einfluss von: part zu mengl. parcener < afrz. parçonier = Teilhaber, zu: parçon < lat. partitio (Gen.: partitionis) = Teilung]: 1. a) jmd., der mit anderen etw. gemeinsam [zu einem bestimmten Zweck] unternimmt, sich mit anderen zusammentut: der ideale P. beim Tanzen, für Wanderungen sein; sie sind seit längerer Zeit P. im Doppel; b) jmd., der mit einem anderen zusammenlebt, ihm eng verbunden ist: er ist ihr ständiger P.; einen P. fürs Leben suchen; c) jmd., der mit anderen auf der Bühne, im Film o. Ä. auftritt, spielt: ihr [männlicher] P. war ...; als P. von jmdm. einspringen; d) (Sport) Gegenspieler. 2. Teilhaber.
 
Soweit der Dudenverlag, der verschiedene Anwendungsmöglichkeiten des eher schwammigen Begriffs auflistete. Solche Sammelbegriffe verdrängen immer Ausdrücke, die feiner definieren.
 
Mit den besten Wünschen
Walter
 
Die Antwort von Emil Baschnonga (E-Mail: e.baschnonga@export-expansion.com) an Frau Rausser folgte auf dem Fusse:
 
Liebe Frau Rausser
Ich glaube, „mein (lieber) Freund“, damals auf Ihren zukünftigen Mann bezogen, dürfte mehr aussagen, als „Partner“. Gegebenenfalls mag „mein Verlobter“ die feste Beziehung des Paars unterstreichen.
 
Mit herzlichen Gruss
Emil Baschnonga
 
Diese sprachliche Konfusion ging nicht spurlos an mir vorbei, und ich grübelte in der Sprachen-Abteilung meiner Bibliothek. Daraus stiefelte ich diesen Brief zusammen:
 
Liebe Ursula,
zum Glück hast Du durch Deine glückliche Heirat das sprachliche Partner-Problem elegant umschifft. Doch verstehe ich schon: Dir ging es um die Zeit vor der definitiven „Partnerschaft“, um den damals 80 Jahre alten „Partner“ - und die passende Sprachregelung für eine moderne Frau.
 
Ich habe meinen Duden „Die sinn- und sachverwandten Wörter" zu Rate gezogen (Band 8). Für Partner bietet dieses Buch an: Briefschreiber („Hallo, darf ich Ihnen meinen Briefschreiber vorstellen ....“), Geliebter und Teilhaber an. Demgegenüber ist Emil Baschnongas „Freund“-Vorschlag um Grössenordnungen besser.
 
Zu Wort „Freund“ ist die Synonyme-Ausbeute im erwähnten Nachschlagewerk viel reicher: Herzensbruder ... Weggefährte, Getreuer, Intimus, Vertrauter, Busenfreund(!), Gespan, Kumpel („Darf ich Ihnen meinen Kumpel vorstellen ..?“), Kamerad, Kollege, Komplize (!), Zecher (!), Liebhaber (schön!) ...
 
Da ist also auch nichts Brauchbares darunter. Wahrscheinlich haben schwammige, immer brauchbaren Begriffe wie eben „Partner“ die Sprachentwicklung behindert ...
 
In der Vorphase zur Hochzeit könnte man von meinem „zukünftigen Mann“ (dem Zukünftigen) sprechen, oder, weniger präzise bis nichtssagend, von „meinem Begleiter“.
 
Das ist wirklich eine knifflige Knacknuss.
 
W. H.
 
Ursula Rausser reagierte dem aussichtslosen Lage, den treffenden Begriff zu finden, so:
 
Sehr geehrter Herr Baschnonga
Lieber Walter
Es tröstet mich ein bisschen, ist aber auch schade, dass Sie ebenfalls keine besseren Vorschläge zu haben scheinen. Von einem 80-jährigen Mann als „mein (lieber) Freund“ oder als mein „Verlobter“ zu sprechen, fand ich schon fast peinlich („ein lieber Freund“, der mein Lebenspartner ist, finde ich persönlich so unmöglich, wie wenn ein Mann von „meiner lieben Frau“ spricht). Das Adjektiv „lieb“ finde ich in diesem Zusammenhang richtiggehend als abwertend. So verschieden können Empfindungen sein. Es ist ja schon eigenartig, dass es kaum ein passendes Synonym zu „Partner“ geben soll.
 
Ich freue mich deshalb auf Eure Neukreationen, Ihr habt sicher dabei mehr Fantasie als ich!
 
Herzliche Grüsse
Ursula Rausser
 
Auch Emil Baschnonga suchte verzweifelt nach einem Werkzeug zum Durchschlagen des gordischen Sprachknotens, was ja laut Legende schon im alten Persien nicht gelungen sein soll:
 
Lieber Walter
Besten Dank für Deine Nachforschungen! Unter den Synonymen zum Wort Freund liesse sich einfach der gerade zu einer bestimmten Situation am besten passende Ausdruck nennen – etwas anstrengend, aber immerhin machbar. Bin trotzdem froh, dass ich mich damit nicht (mehr) beschäftigen muss. Intimus oder Busenfreund finde ich speziell passend für einen Lebenspartner.
 
Gruss auch an Ursula Rausser
Emil
 
Oft, wenn man zu keiner befriedigenden Lösung gekommen ist, schliesst man das Gespräch mit dieser positiven Bilanz: Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
 
Mit oder ohne Fleisch?
Zündstoff bot die Vegetarismus-Diskussion zwischen Lislott Pfaff und mir. Die gegensätzlichen Standpunkte habe ich im Tagebuchblatt „Reaktionen auf Blogs (101): Ge(reh)pfefferte Vegi-Diskussion“ zusammengefasst. Heinz Scholz (E-Mail: heinz-scholz@online.de) betrachtete den respektvollen Disput aus reservierter Distanz:
 
Den Schriftwechsel zwischen Lislott Pfaff und Dir fand ich ganz erbaulich. Dieser zeigte die verschiedenen Meinungen deutlich auf. Ich finde es toll, dass Du auch ihre Ansichten tolerierst. Ich persönlich befinde mich bezüglich genussvollem Essen ganz auf Deiner Linie.
 
Auch ich verabscheue das Tun der schiessfreudigen Jäger, die aus reiner Mordlust (diese bezeichnen die Jagd als „sportliche Betätigung“) Tiere abknallen. Früher waren es die von auswärts angereisten Grosswildjäger, die in Afrika ihr Unwesen trieben. Dies soll heute noch in gewissen Teilen einiger Länder gegen Bezahlung möglich sein.
 
An meinem früheren Wohnort in Bayern (Buchdorf) bewunderten wir als Kinder in den 50er-Jahren das auf dem Boden liegende Tigerfell im Flur des Hauses eines Sägewerkbesitzers. Er hatte das Tier persönlich bei einer solchen Jagd-Lustreise abgeschossen. Damals dachten wir nicht daran, dass diese Tat verwerflich war. Kein Erwachsener störte sich daran. Damals hörten wir auch nichts von einem Artenschutz.
 
Heinz Scholz
 
Mein Bruder Rolf P. Hess (E-Mail: rolfphess@gmail.com) dachte beim Mittagessen über den Vegetarismus nach, den wir beide in hohen Ehren halten und dessen Anhängern wir voller Bewunderung gegenüberstehen:
 
Lieber Walter,
heute beim Mittagessen, als ich die seltene Gelegenheit hatte, ein saftiges Stück von einem Schaf zu geniessen, kam mir folgender ketzerische Gedanke:
 
Was würde Deine Freundin Frau Pfaff wohl sagen, wenn Du ihr einmal empfehlen würdest, sich eine ideale Welt vorzustellen, in der kein Reh- und anderes Fleisch mehr gegessen wird? Die Zuchten würden verschwinden, und die Tiere, die jetzt wenigstens ein paar Monate (Jahre?) sich eines hoffentlich angenehmen Daseins erfreuen können, wenn gewiss auch bei einigen Einschränkungen, hätten diese Gelegenheit nicht – gar nicht.
 
Da stellt sich doch wirklich die Frage: Was ist besser?
Rolf
 
Vegetarismus und Ökologie
Zur ehrenwerten Gesellschaft der Vegetarier gehört auch Dr. Johann Georg Schnitzer, dessen neues Buch unser Ernährungsfachmann Heinz Scholz beschrieben hat: J. G. Schnitzers Buch: Gesundheit, Getreide, Welternährung (Blog vom 06.12.2010). Zur Vorstellung dieses fundamentalen Werks liess sich Martin Eitel aus Berlin wie folgt vernehmen:
 
Dem Verfasser Heinz Scholz ist für die Vorstellung des von Johann Georg Schnitzer herausgegebenen Buches zu danken. Erst recht ist natürlich die Arbeit von Dr. Schnitzer zu würdigen, der sich die Mühe gemacht hat, die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Werner Kollath in aktueller Fassung zu publizieren und auf den Zusammenhang zwischen den Ernährungsfehlern und der inflationären Zunahme von bestimmten Krankheiten wie Bluthochdruck hinzuweisen.
 
Natürlich soll der Genuss eines Rehbratens, Schnitzels oder Rostbratens etc. nicht vermiest werden. Tatsache ist aber, dass selbst von medizinischer Seite ganz allgemein inzwischen der hohe Fleisch- und Wurstkonsum als gesundheitsschädlich kritisiert wird. Tatsache ist auch, dass es medizinisch als gesichert gilt, dass eine vegetarische Ernährung ohne Vitaminmangel realisierbar ist. Tatsache ist schliesslich im Weiteren, und zwar unabhängig wie man zu der Klimareligion des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change = Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen), steht, dass eine vegetarische Ernährungsweise in erheblichem Umfang zum Umweltschutz beiträgt. Die Millionen Kühe, Schweine, Ziegen, Puten, Enten etc. tragen nicht nur in erheblichem Umfang zur Verschmutzung des Grundwassers und zur Luftverschmutzung bei (z. B. durch das von ihnen produzierte Methangas), sondern sie benötigen Unmengen von Futter, zu dessen Erzeugung umfangreiche Anbauflächen benötigt werden.
 
Völlig unabhängig von gesundheitlichen Überlegungen und von Fragen des Tierschutzes ist daher eine vegetarische oder überwiegend vegetarische Ernährung unter ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll. Die Ernährung über die Fleischproduktion ist daher ein Irrweg, der einen unverantwortlichen Energie- und Landschaftsverbrauch zum Schaden zukünftiger Generationen zur Folge hat.
 
Martin Eitel
 
Die Kraft der Bäume
Um Konflikte zwischen Ökologie und Zivilisation drehte sich mein Blog „Die Trauerweide – Augenweide und ein Trauerspiel zugleich“ vom 24.11.2010. Lislott Pfaff berichtete von ähnlichen Erfahrungen:
 
Neben dem mit Granitplatten belegten Gartenweg, der zu meiner Haustreppe führt, ist ganz von allein und heimlich ein Feldahorn herangewachsen. Zu Beginn war er ein unscheinbares Pflänzchen in einer schmalen Rabatte, und da ich ‒ teils aus Bequemlichkeit, teils aus Respekt vor allem Grün, das nach Licht und Luft strebt ‒ nie etwas ausreisse bzw. jäte, konnte sich der Ahorn ungehindert in die Breite und Höhe entfalten. Was er sehr strebsam tat und sich inzwischen zu einem stattlichen Baum von etwa 10 m Höhe entwickelt hat. Und wie Walter Hess erklärte, entwickeln sich die Wurzeln eines Baumes im Boden ebenso weit wie die Krone bzw. noch weiter.
 
Kurz und gut: Meinem geliebten Ahorn gelang es, 2 der schweren Granitplatten des Gartenwegs zu „lüpfen“ (anzuheben), so dass ich immer wieder riskierte, über diese Unebenheit zu stolpern. Sicher wollte der Ahorn mir nichts zuleide tun, und der Gärtner konnte dann die Stolpersteine so aneinander angleichen, dass ich jetzt wieder ungehindert darüber schreiten kann. Was die Ahornwurzeln unterirdisch sonst noch anstellen, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber deshalb lasse ich mir die Freude über meinen autodidaktisch gewachsenen Ahorn nicht nehmen.
 
Lislott Pfaff
 
Ich lasse das gern als Schlusswort so stehen, weil diese Zuschrift indirekt ein Aufruf zur Toleranz ist, die auf allen Seiten nötig ist. Die Selbsterkenntnis kann aus Diskussionen herauswachsen, und sie ist der Weg zur Besserung. Und falls diese sich nur in ungenügendem Masse einstellen sollte, konnte es ganz sicher nicht schaden, wenigstens darüber gesprochen zu haben.
 
Viel Toleranz allerseits im 2011 und darüber hinaus!
 
Hinweis auf die bisher erschienenen „Reaktionen auf Blogs“
14.12.2010: Reaktionen auf Blogs (101): Ge(reh)pfefferte Vegi-Diskussion
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