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BLOG vom 25.02.2011


Die späte Scheidung und die Orchideen von Rosemary
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Mehr und mehr Ehen scheitern, manchmal ganz unerwartet nach vielen Jahren. In der nachtehenden surrealistischen Geschichte geschah das nach genau 37 Jahren. Mögen der Leser und die Leserin das hinter der Geschichte kaschierte psychologische Knäuel entfädeln. Dabei sei angemerkt, dass das Gemüt eines Stoikers wie Mike dotterweich ist, doch steinhart und unnahbar verkapselt. Manchmal birst diese Schale, wenn sie vom Schlaghammer der Umstände getroffen wurde.
*
Das Ehepaar Jenkins lebte allem Anschein nach in einer glücklichen Ehe und bewohnte sein schmuckes Familienhaus in Epsom. Mike, seit Kurzem pensioniert, pflegte den Rasen vor und hinter dem Haus und erledigte die Einkäufe im „Waitrose“. Seine Gattin Rosemary, eine Frohnatur, hegte Orchideen auf der Veranda auf der Sonnenseite, wo sie buntfarbig blühten. Sohn und Tochter waren erwachsen und lebten in London. Mike war stolz auf seine Kochkünste, und die zum Abendessen geladenen Gäste aus der Nachbarschaft lobten ihn und genossen Speis und Trank. Bei solchen Anlässen spassten Mike und Rosemary nach bester englischer Art. Das Paar bot ein Bild der Harmonie. Hielt diese Harmonie an, nachdem die Gäste das Haus verlassen hatten? Niemand kann hinter geschlossene Türen sehen, und die Frage bleibt offen.
 
Mike war ein Stoiker und bewahrte seinen Gleichmut, als ihm Rosemary eines Abends gestand, dass sie ihn verlassen werde. Ihre Liaison mit einem wohlhabenden und alleinstehenden Gentleman hatte eine späte Blüte in ihrem Leben getrieben, die sich mit Mike nicht entfalten konnte. Mike stutzte erst, als sie ihm den Namen eines gemeinsamen Bekannten nannte. Er hiess James. Mike hatte hin und wieder eine Partie Schach mit ihm gespielt. Seit Mike pensioniert war, konnte Rosemary ihren Verehrer nicht mehr wie zuvor tagsüber treffen. Die Grundlage zur Scheidung war somit gelegt.
 
Mike bestand darauf, dass er das Haus behalten und auch seine Pension nicht länger mit ihr teilen wolle. „Schliesslich ist James reich genug und kann es sich leisten, deinen Unterhalt zu bestreiten“, meinte Mike lakonisch. „Und sobald du in seiner Villa in Esher einziehst, werden sich unsere Wege nicht mehr kreuzen“, fügte er hinzu. „Alles Übrige werden die Scheidungsanwälte erledigen.“ Wohl oder übel musste sich James mit dieser Regelung abfinden. Diese Scheidung nahm, im Gegensatz zu echt vielen anderen, ihren glimpflichen Verlauf – abseits eines Gerichtsprozesses.
 
Mike fand sich, allein gelassen, recht und schlecht zurecht. Nur hatte er nicht erwartet, dass ihn skurrile Albträume heimsuchen würden, die sich allnächtlich wiederholten, ausweiteten und vertieften. So kam es, dass Mike in einem tristen Industrieort zu tun hatte. Trotz grösster Mühe gelang es ihm nicht, diesen Ort zu erreichen. Seine Fahrkarte stimmte nicht mit seinem Ziel überein. Der Schaffner bestand darauf, dass er bei der nächsten Station aussteige und sich eine neue besorge. Niemand im Bahnhof kannte den Ort, den er erreichen wollte. Inzwischen war der Zug abgefahren. Weder Bus noch Taxi waren in Sichtweite. Der Bahnhof war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Es regnete, und Mike hatte keinen Schirm. Er stand verlassen in der öden Landschaft. Träume kennen keine logische Folge, so hartnäckig Mike auch versuchte, dem Traum seinen Willen aufzuzwingen.
 
Die nächste Etappe seines sprunghaften Albtraums erlöste ihn unverhofft aus dem Dilemma: Er war jetzt in einem Gebäude, ausgestattet mit hoher und breiter Glasfassade, die einer Riesenveranda glich, und setzte sich in eine Cafeteria im 2. Stock. Er kehrte seinen Rücken gegen den blendenden Sonneneinfall und überliess sich stoisch seinen trüben Gedanken. „Was wollen Sie?“ sprach ihn jemand an. Mike schaute auf. Es war die Serviertochter. „Eine Tasse Kaffee“, bestellte er automatisch. Woher kamen so viele Leute auf einmal, und wohin gingen sie? wunderte er sich. Ein gotischer Bogengang verschluckte sie nach und nach.
 
In der nächsten Traumetappe ging er durch diesen Kreuzgang, der sich vor ihm ins Unendliche verlängerte. Etwa 50 Schritte vor ihm ging ein Paar. Schliesslich erreichte er eine weitschweifige Empore ohne Geländer. Auf der linken Seite war eine breite Treppe, auch diese geländerlos. Das wunderte ihn nicht einmal. Das Leben ist nicht auf Geländer angewiesen. Neugierig trat Mike bis ans äusserste Ende der Empore. Etwa 30 Meter unter ihm war eine grosse menschenleere Halle.
 
Da sprang eine Frau über die Empore hinweg und stürzte in die Tiefe. Ein Wunder geschah: Sie lebte und kroch mühsam über den Marmorboden. „Die hat Glück gehabt“, näherte er sich einem Mann, der in die Tiefe starrte. Es war James. „Das ist ihre Frau, die da unten krabbelt“, sagte James. Das hörte sich wie ein Richtspruch an. „Nein, sie ist nicht mehr meine Frau. Wir sind geschieden“, erwiderte Mike und fragte James: „Warum stehen Sie ihr nicht bei?“ James zuckte die Schultern und löste sich wie ein Geist auf.
 
Mike sprang über die Treppen zur bunt besetzten Marmorfläche. Ein Samariter beugte sich über Rosemary. „Pflegst du meine Orchideen?“, wandte sich Rosemary an Mike. Ein Krampf erfasste Mike. Er wollte schreien, doch seine Stimme versagte. Die Reue hatte seinen Herzschlag ausgelöst. Die Traumdeutung erübrigt sich.
 
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