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BLOG vom 29.04.2011


Boswil AG: Alternativenergie Torf, Weiher und feuchter Wald
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Alternativenergie lautet heute eines der grossen Zauberwörter. Sie gilt als Heilsbringerin im Zeitalter der Atomenergie. Schon immer wurden irgendwoher Energieträger zusammengekratzt, die alle ihre Schattenseiten haben, wohl schon deswegen, weil sie auf Einflüsse des Sonnenlichts zurückgehen: Wo Licht ist, sei auch Schatten, heisst es. Dazu sei bloss an die weltgrösste Erdölkatastrophe aufgrund von US-Schlampereien im Golf von Mexiko hingewiesen – das Öl wurde noch mit Chemikalien zusätzlich verseucht. Die Folgen (wie das jetzige Delphinsterben) werden vom Land der unbegrenzten Lügen masslos heruntergespielt.
 
Ein alternativer Energieträger war früher manchenorts der Torf (Torfmull, mundartlich im Freiamt: Turben, Törben), der in Feuchtgebieten aus abgestorbenen Pflanzen entstand und sich in Braunkohle verwandelt hätte, wäre er unter einen grossen Erddruck geraten. Diese Braunkohle-Vorstufe wurde einst und insbesondere zur Zeit des 1. und 2. Weltkriegs, als Kohle und Erdöl schwer erhältlich waren, als Heizmaterial verwendet, oft auch als Einstreu und in der Gärtnereibranche. Dadurch wurden ganze Moore zerstört, Landschaften umgestaltet. Das geschah auch oberhalb von Boswil (Bezirk Muri) im aargauischen Freiamt; der Ort hat seine Berühmtheit vor allen durch die Alte Kirche erhalten, weil sie, beziehungsweise das gleich nebenanstehende ehemalige Pfarrhaus, seit Mitte der 1950er-Jahre als Künstlerheim und Zentrum geistiger Aktivitäten dient.
 
Die 3 Boswiler Weiher
Bewegt man sich von Boswil in östlicher Richtung gegen Unterniesenberg, kommt man nach einer weiten Strassenschlaufe nach diesem Weiler in der Gemeinde Kallern auf dem Lindenberg-Ausläufer zu einer kleinen Krete, von der ein Strässchen rechtwinklig nach links zum Egghau-Wald abzweigt. Unmittelbar nach dem Eintritt in den Wald ist ein Parkplatz mit Naturboden eingerichtet, bei dem ein gelber Wanderwegweiser zum „Feldenmoos“ zeigt. Ich war am Nachmittag des 16.04.2011 dort und machte mich gegen die 3 Weiher auf die Socken. Eine Gruppe von Knaben und Betreuer, alle mit Fischruten und anderem Anglerzubehör ausgerüstet, kam mir entgegen. Einer der Buben mit angedeuteter Siegerpose trug in einem Plastiksack eine tote Regenbogenforelle bei sich. Die Burschen hatten soeben Einführungsunterricht in die Hohe Schule der Sportfischerei erhalten.
 
Vom Parkplatz bis zu den Weihern sind es knapp 10 Minuten; diese Strecke ist übrigens ein Teilstück des Freiämterwegs. Die 2 bis 3 m tiefen Wasserstellen wurden 1962/63 und 1968/69 vom Förster Josef Keusch und seinen Waldarbeitern in mühevoller, harter Arbeit ausgehoben; die Weiher umfassen zusammen eine Fläche von rund 70 Aren. Diese Leistung muss anerkannt werden. Das Wasser stammt aus Quellen des Oberniesenberger Usserholzes und aus jenen des Hinterforsts. Der erste Weiher, knapp 150 m lang, ist mit seiner kleinen Insel der idyllischste von allen; ein Stockentenpaar genoss den Frieden auf der Wasseroberfläche zwischen Bäumen und Sträuchern. Auf einer kleinen, von starken Baumwurzeln befestigten Erhebung briet eine Familie Würste.
 
Der unmittelbar südlich anschliessende Weiher ist deutlich grösser. Hackschnitzel sorgen für eine weiche Bodenbedeckung. Auf der Ostseite ist direkt am Ufer ein Hag aus rohem Holz angebracht, an dem der Spazierweg vorbeiführt. Verschiedene edle Spender haben rustikale Sitzbänke aus halbierten Stämmen beigesteuert und wurden dafür in Broncetäfelchen auf der Banksitzfläche verewigt. 2 junge Damen lustwandelten hier mit je einem mausfarbenen Zwergesel, wie man sie auf süditalienischen Inseln oft sieht und denen ich ohne Weiteres den Friedensnobelpreis zuerkannt hätte. Die gescheiten Esel wurden am oberen Weiherende, wo ein Holzbrunnen seine Existenz mit einem kräftigen Wasserstrahl rechtfertigt, angebunden und wollten von mir gestreichelt werden, ein Wunsch, den ich ihnen trotz des staubigen Fells gern erfüllte.
 
Fischerglück
Ganz in ihrer Nähe studierte ich das Orientierungstafeldreieck, das zuerst einmal über die Fischarten, die in diesen Weiher eingesetzt worden sind, informiert: Regenbogenforelle, Flussbarsch (Egli), Zander, Hecht, Schleie, Karpfen, Rotfeder und Rotauge. 4 Fischer, Mitglieder des Sportfischer-Vereins Boswil, der den Weiher gepachtet hat und ihn hegen und pflegen muss , waren mit ihren Ruten eifrig bemüht, einen allfälligen Überbestand an Fischen zu verhindern. Einer zog gerade eine wohlgenährte Regenbogenforelle aus dem Wasser, und mit gezielten Genickschlägen beförderte er sie ins Jenseits bzw. ins Fisch-Nirwana, dessen Endstation irgendwo in menschlichen Mägen untergebracht ist. Ein anderer Fischer beklagte sich, dass ihm beim Auswerfen der Angel die Rute gebrochen sei, wobei natürlich die glasfaserverstärkte Fischerrute gemeint war.
 
Ein weiterer Angler zog gerade 2 lebensfrohe Bienenmaden, die er in einer mit Sägespänen gefüllten Dose mitgebracht hatte, auf die Angel auf. Die Angel bohrte sich durch die weichen, sich windenden Leiber, ein grausames Bild. Es waren Larven der Wachsmottenraupe, die Brutwaben der Bienen befallen und von den Imkern gar nicht gern gesehen werden. In der Natur haben sie aber eine wichtige Reinigungsfunktion, indem sie mit altem, unnützem Wabenmaterial aufräumen. Ihre Eigenschaft als Bienenschädlinge verlieren sie auch dann, wenn man sie an Fischer zu guten Preisen als Köder verkaufen kann.
 
Die Fischer beobachteten auf der spiegelglatten Oberfläche kleine Wellenkreise, die auf das Auftauchen von einem Fisch hindeuteten, schleuderten die Angel mit dem Köder punktgenau dorthin und hatten oft ein heilloses Petri-Glück.
 
Ein Kapitel Torfgeschichte
Ohne Torfabbau gäbe es in Boswil keine Weiher, keine Fische und keine Fischer. Na und? Man sagt ja, es gebe nur eine langweiligere Tätigkeit als das Fischen: das Zuschauen beim Fischen. Für mich galt das nicht. Ich sprach mit einem der älteren, mitteilungsfreudigen Fischer, dessen Vater hier noch Torf abgebaut habe, wie er sagte. Nach der Schule habe er selber, so der Fischer, oft von Boswil aus das Essen hierhin bringen und dann bei der Arbeit helfen müssen. Er erzählte, viele Turber, auch Törbeler genannt, (Torfstecher), hätten es zu Wohlstand gebracht, zumal für 1 Kubikmeter Torf 10 CHF bezahlt wurden, was damals sehr viel Geld war. Die Parzellen wurden zur Nutzung versteigert; der Ertrag ging an die Ortsbürgergemeinde Boswil.
 
In diesem Gebiet also wurde Schicht um Schicht abgetragen, so dass der heutige Boden auf den ungefähr 7 Hektaren bis zu 6 Meter tiefer als das ehemalige Moor liegt. Mit Torfmessern wurden bis 30 cm lange sowie 8 bis 10 cm breite und dicke Torfkuchenstücke abgestochen und während Wochen, je nach Wetter, an der Luft getrocknet. Rollwägelchen auf Schienen brachten seinerzeit das dunkle Material zur Verladestelle. Ein schlanker, wohl 4 Meter hoher Findling beim Brunnen deutet an, wo früher die Oberfläche war – ganz an der oberen Kuppe von ihm.
 
Nach dem 2. Weltkrieg ging die Nachfrage nach Torf zurück. Die Ortsbürgergemeinde liess Teiche ausheben – der 3. Weiher ist zwar eher ein Tümpel –, und das Aushubmaterial wurde dazu benützt, das umgebende Gelände anzuheben, um es wieder aufforsten zu können; auch eine „Naturanlage“ mit Weihern und Wäldchen für Erholungssuchende stand zur Debatte.
 
Forst statt Moor
Der entscheidende Fehler wurde aus meiner Sicht gemacht, als die Ortsbürgergemeinde Boswil 28 000 CHF hinblätterte, um Entwässerungskanäle ausheben zu lassen, die nicht nur für die Füchse waren, sondern die ökologischen Verhältnisse veränderten, ohne dabei die stehende Nässe komplett vertreiben zu können. Offenbar liegt eine wasserundurchlässige Lehmschicht darunter. Noch auf der Landeskarte der Schweiz, 1:25 000, Blatt 1110 („Hitzkirch“) von 2008, ist der südlich an die Weiherlandschaft angrenzende Wald als Torfland/Feuchtgebiet blau gestrichelt markiert.
 
Der damalige Förster Josef Keusch erachtete das „Feldenmoos“ (Feldemoos) als forstliches Versuchsgelände und pflanzte Föhren, Weisstannen, Pappeln, Eschen, Ahorne, Akazien, Schwarzerlen, Wassererlen, Aspen (Zittelpappeln) und Ulmen. Die Pappeln (für Spankörbe und Zündhölzer verwendbar) fühlten sich einigermassen wohl, den Aspen aber behagte das stehende Wasser (die Bodenfeuchtigkeit) nicht, Weisstannen und Eschen erfroren. Birken, Erlen, Weiden und Aspen waren schon vor dem Torfabbau hier gewesen.
 
Wie ich an den Schnittstellen bei einem aufgeschichteten Berg von Stämmen, die bisher nicht verkauft werden konnten, gesehen habe, grassiert hier erwartungsgemäss die Fichten-Rotfäule, wie immer, wenn Fichten mit dauernassen Füssen herumstehen müssen. Ich habe in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts oft gegen die von der ETH damals propagierte Verbreitung von Fichten, diese Milchkühe der Forstwirtschaft, an ungeeigneten Standorten angeschrieben.
 
Die schnellwüchsigen Fichten versprechen schnelle Erträge, falls sie nicht schon im Stehen faulen. Die Wassergräben sind im Boswiler Wald noch heute zu sehen und wären wohl längst überwachsen, würden sie nicht unterhalten. Ich würde sie auffüllen, das Feuchtgebiet akzeptieren.
 
Am sinnvollsten wäre es meiner Ansicht nach gewesen, die berührte, ausgebeutete Landschaft ihrem Schicksal zu überlassen und sich an der Wiederentstehung eines Moors, für das sich die Natur an dieser Stelle ohne Zweifel entschlossen hätte, zu freuen. Doch wollte man Ertrag und holte Verluste, auch für die Natur, heraus. Der angepflanzte Wald macht einen desolaten Eindruck, ein sinnlos zusammengestelltes, gesichtsloses Baumgestrüpp nach Menschenplan, der von der Natur durchkreuzt wurde. Die Entfaltungsmöglichkeiten der Natur wurden verbaut. Bei all dem Ungemach haben sich immerhin doch wieder einige Pflanzen angesiedelt: Holunder, Vogelbeere, Leberblümchen, Busch-Windröschen, Sumpf-Dotterblumen usf.
 
Ich ruhte mich auf der gemäss Inschrift von Erwin Berger gespendeten Holzbank aus. Von der nahen Kapelle Oberniesenberg setzte um 17 Uhr das Feierabendgeläute ein. Die Glocke schien etwas zu hinken. Die Klänge erhielten dadurch ein eigenwilliges Gepräge, forderten zum Überdenken des göttlichen Auftrags an die Menschen, die Erde untertan zu machen, auf. Jener Auftrag war falsch, hatte katastrophale Folgen, selbst wenn er in Übereinstimmung mit der Nutzung von Alternativenergien und deren Folgen steht.
 
Anhang
Der Freiämterstein und etwas Geschichte
Folgt man vom Unterniesenberggebiet der Fahrstrasse gegen Boswil, ist, ebenfalls im Gebiet Egghau, eine nächste Attraktion bereit: der sogenannte Freiämterstein Egghau. Diese Steingruppe wurde vom Murianer Bildhauer Leo Keusch aus Anlass des 700-Jahre-Jubiläums der Eidgenossenschaft geschaffen und am 13.10.1991 eingeweiht. Das Denkmal unter Baumkronen und einer opulenten Anlage zum Grillieren, die gerade eifrig genützt wurde, besteht aus „Mitholzer Kieselkalch“. Inzwischen ist das Feuermachen wegen der Trockenheit auch im Aargau verboten worden.
 
Eine Orientierungstafel erzählt ein Kapitel Freiämter-Geschichte: „Bis 1798 waren die Freien Ämter gemeine Herrschaften der alten Eidgenossenschaft. Turnusgemäss schickten Zug, Schwyz, Luzern, Zürich, Bern, Unterwalden und Glarus Vögte zur Eintreibung der Zinsen und Ausübung der Gerichtsbarkeiten in ihr Hoheitsgebiet. In der Reformationszeit hatte die Uneinigkeit unter den katholischen und reformierten Ständen auch Folgen für die Freien Ämter. Um den damit verbundenen Unruhen ein Ende zu bereiten, einigte man sich nach dem 2. Villmergerkrieg von 1712 für die Teilung des Freiamts. Die Grenzlinie wurde ,Von dem Kirchturm zu Lunkhofen bis zu dem alten Grenzstein bey dem Fahrwanger Hochgericht’ gezogen. Südlich dieser Linie teilten sich alle 8 alten Orte die Hoheit; im nördlichen Teil hatten nur die reformierten Orte Bern, Zürich und Glarus das Sagen.
 
Die Grenze Ober-Unterfreiamt verläuft mitten durch Boswil (ca. 600 Meter südlich vom Freiämterstein). Am 22./23.08.1712 markierten je 2 Gesandte und je 1 Feldmesser der eidgenössischen Orte, Bern, Zürich und Luzern die Vermessungspunkte einer schnurgeraden, knapp 11 Kilometer langen Linie vom Kirchturm Oberlunkhofen bis zur Grenzlinie des bernischen Herrschaftsgebiets beim Hochgericht in Fahrwangen.“
 
So viel zur Freiämter Steinzeit auf Kieselkalk-Basis.
 
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