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BLOG vom 13.05.2011


Frühjahrskräuter (4): Brennnessel bei Rheuma und anderem
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Wer an Rheumatismus leidet und kein Mittel mehr findet, denselben auszutreiben, bestreiche oder schlage die schmerzenden Stellen täglich ein paar Minuten lang mit frischen Brennnesseln. Die Furcht vor der ungewohnten Rute wird bald der Freude über deren vorzügliche Heilwirksamkeit weichen“, schrieb einst Sebastian Kneipp. Die Anwender waren überzeugt, dass ihre Schmerzen durch diese Reiztherapie nachlassen. Rheumatiker halten heute von dieser heroischen Massnahme wenig und konsumieren lieber Zubereitungen. Darüber später etwas mehr.
 
Die Brennnessel (Urtica dioica L. = Grosse Brennnessel; Urtica urens L. = Kleine Brennnessel) gehört zu den Gespinstpflanzen. Aus den Fasern der Stängel bereitete man in früheren Zeiten feine Gewebe, wie das berühmte „Nesseltuch“. Im Ersten Weltkrieg wurden in Deutschland auf Grund der mangelnden ausländischen Rohstoffe 2,7 Millionen kg Nesselstoff hergestellt. Wie Bruno Vonarburg in seinem Buch „Energetisierte Heilpflanzen“ erwähnt, wurden in der Schweiz Nesseltücher bei der Käseherstellung verwendet. In Frankreich bereitete man schönes und festes Papier und in Deutschland wurden sogar Locken für Puppenköpfe hergestellt.
 
Damit noch nicht genug: Die Brennnessel zählt zu den wichtigsten einheimischen Heilpflanzen. Nahezu alle Teile der Pflanze liefern Hausmittel und Medikamente. Sie wurde schon in der Antike gerühmt und gelobt. So verfasste der griechische Naturphilosoph Phanias von Eresos, ein Schüler Aristoteles, ein Buch über diese Pflanze. Die Heilkundigen des Mittelalters schätzten besonders die harntreibende Wirkung der Brennnessel.
 
Walther Schoenenberger erkannte schon früh die Bedeutung der als „Unkraut“ bezeichneten Heilpflanze. Er betonte, dass der Brennnesselsaft „wie ein Motor in unserem Körper wirkt, er bringt Schwung in den Verdauungsapparat, regt die Nieren an, verstärkt die Harnausfuhr und baut Schlacken ab“. Aus diesem Grund hat sich die Pflanze bei Rheuma so gut bewährt. In seiner Schrift „Gesund durch natürliche Säfte“ erwähnte er, dass sich die Bayerisch-Königliche Familie in München immer nach dem Frühstück frisch gepressten Löwenzahn- und Brennnesselsaft vorsetzen liess.
 
Die Wirkungen der Brennnessel, die durch zahlreiche Studien nachgewiesen wurden, sind heute auch vom europäischen Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) in dessen Monografie anerkannt. Die Anwendungsgebiete sind diese: Durchspülungstherapie von Nieren und Blase, zur Vorbeugung von Nierengriess und zur unterstützenden Behandlung rheumatischer Beschwerden.
 
Dr. Tankred Wegener veröffentlichte in der renommierten „Zeitschrift für Phytotherapie“ (November 2009) eine Therapiestudie mit einem aus Brennnesseln hergestellten naturreinen Heilpflanzenpresssaft. Unter Praxisbedingungen in 6 Studienzentren (Fachärzte für Allgemeinmedizin und Innere Medizin) wurde die Wirkung und Verträglichkeit getestet.
 
114 Patienten erhielten 12 Wochen lang morgens und mittags 10 bis 20 ml Presssaft. Die Patienten litten unter urologischen Erkrankungen (Entzündung der Harnblase, Reizblase, Harnweginfekte, Neigung zur Bildung von Harnsteinen oder Nierengriess) und rheumatischen Erkrankungen, wie Arthrose, Polyarthritis und Gicht.
 
Bereits nach 6 Wochen sahen sowohl die Ärzte als auch die Patienten eine Verbesserung des Allgemeinzustands, der sich nach 12 Wochen noch weiter steigerte. Die Wirksamkeit wurde von den Ärzten für etwa 85 % der Patienten und von etwa 82 % der Patienten selbst als „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Damit wurde die Wirksamkeit des Presssafts aus dem Brennnesselkraut in der Durchspülungstherapie und bei rheumatischen Beschwerden eindeutig bewiesen. Ausserdem wurde eine ausgezeichnete Verträglichkeit attestiert (in 98 % der Anwendungen beurteilten Ärzte und Patienten die Verträglichkeit mit „sehr gut“ oder „gut“).
 
Hinweis: Keine Durchspülungstherapie mit Brennnesselzubereitungen bei Ödemen infolge eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit.
 
Von den Inhaltsstoffen in den Blättern ragen diese heraus: Gerbstoffe, Karotinoide, Vitamin C (330 mg/100 g), Kieselsäure (enthält Silizium oder: es handelt sich um die Sauerstoffsäure des Siliziums), organische Säuren, Glukokinine, Flavonoide, Eisen und Kalium.
 
Äusserliche Anwendung
Brennnesselblätter bei kalten Füssen, Furunkeln: Hier hilft eine Schuheinlage mit grünen oder getrockneten Brennnesselblättern. Gegen Furunkel, Eissen, Hundebisse hatte man ein probates Mittel: Auflagen von zerquetschten und mit Salz vermengten Nesselblättern.
 
Brennnesselblätter-Tee und der Brennnesselwurzel-Tee: Kopfschuppen, fettes Haar.
 
Prof. Dr. Alfred Brauchle (1898−1964) empfahl in seinem „Handbuch der Naturheilkunde“ den Brennnesselblätter-Tee zur Anregung des Haarwuchses (mehrmals wöchentlich damit die Kopfhaut behandeln). Brennnesseltee, zerquetschte Spitzwegerichblätter oder Gänsefingerkraut sind gute Mittel gegen Juckreiz.
 
Brühe gegen Blattläuse: Eine Brühe aus Brennnesselblättern ist ein gutes Mittel zur Blattlausbekämpfung und gleichzeitig ein Düngemittel.
 
Innerliche Anwendung
Frisches Kraut: Frische, junge Blätter sind Bestandteil einer Frühjahrskur. Sie liefern einen vorzüglichen Salat. Auch als Spinatersatz kann die Brennnessel verwendet werden.
 
Für das liebe Vieh: Nach Pfarrer Johann Künzle sind abgekochte grüne oder rohe gedörrte Nesseln eine gute Medizin für das Vieh. Kluge Bauern, so betonte er, werden alle auffindbaren Nesseln für das Vieh aufspeichern. Auch die Legeleistung der Hühner kann durch die Brennnessel (besonders durch den Samen), die ins Futter gemischt wird, verbessert werden.
 
Brennnesselblättertee, Tinktur: „Blutarmut“, Anregung des Stoffwechsels, Förderung der Harnausscheidung bei Arthritis, Gelenk- und Muskelrheumatismus.
 
Brennnesselsaft: Anregung der Nierentätigkeit, Förderung der Harnausscheidung; unterstützendes Mittel bei Schlankheitskuren und nach Ernährungsfehlern.
 
Brennnesselsamen bzw. Kombinationsmittel aus Brennnesselblättern mit Samen-Fluidextrakt: Steigerung der Vitalität; besonders Menschen empfohlen, die abgespannt, überarbeitet und Belastungen ausgesetzt sind. Die harntreibende Wirkung führt zu einer Entwässerung und Ausscheidung unerwünschter Stoffe aus dem Körper.
 
Eine nette Geschichte am Rande: Früher gaben gewiefte Pferdehändler in Ungarn den Tieren, bevor sie veräussert wurden, Nesselsamen ins Futter. Die Wirkung soll enorm gewesen sein. Die Tiere wurden lebhafter, bekamen ein glänzendes Fell und einen feurigen Blick. Aus den kümmerlichsten Gäulen wurden so ansehnliche Pferde. Wenn der Samen bei Tieren vortrefflich wirkt, warum soll er sich nicht bei älteren Menschen bewähren?
 
Die alten Römer haben das schon lange erkannt. Der römische Dichter Ovid (43 v. u.Z. bis 18 u. Z.) verwendete den Nesselsamen zur Herstellung eines Liebestranks. Auch hippokratische Ärzte aus dem alten Griechenland empfahlen den Samen zur Steigerung der Vitalität.
 
Brennnesselwurzel-Extrakt: Prostataerkrankungen. Untersuchungen ergaben bei Anwendung eines Wurzelextrakts eine Verkleinerung des Prostatavolumens und eine Verminderung des Restharnvolumens.
 
Teebereitung: 2 Teelöffel Brennnesselblätter mit 150 ml Wasser ansetzen, mit siedendem Wasser übergiessen und nach 10 Minuten abseihen. Täglich mehrmals eine Tasse trinken. Kurdauer: 4‒8 Wochen.
 
Homöopathie (D2−D4): nesselartige Hausausschläge, Gicht, Muskelrheumatismus, leichte Verbrennungen, Sonnenbrand, Milchmangel der weiblichen Brustdrüse, Wasseransammlungen im Gewebe.
 
Nebenwirkungen: In seltenen Fällen allergische Reaktionen (Hautausschläge, Ödeme, Magenreizung, verminderte Harnausscheidung).
 
Rezept gegen die Frühjahrsmüdigkeit
Frank Hiepe hat in der Serie „Achtung Pflanze“ der „Badischen Zeitung“ (www.badische-zeitung.de) in einem Video das folgende Rezept gegen die Frühjahrsmüdigkeit vorgestellt:
 
Zutaten: Brennnessel, Löwenzahnblätter, Giersch, Gänseblümchen, Milch, Banane, Orangensaft.
Zubereitung: Frische junge Brennnesselblätter, Löwenzahnblätter, Gierschblätter und Gänseblümchen mit einem Messer vorzerkleinern, dann in einen Mixer geben, die Blätter weiter zerkleinern, dann Milch, Orangensaft und Bananenschnitze hinzufügen und kurz mixen.
 
Tee bei Arthritis
Zutaten: Löwenzahnwurzeln, Birkenblätter, Brennnesselblätter, Wiesengeissbartblüten und Teufelskrallenwurzeln (30 g + 20 g + 20 g + 20 g).
Zubereitung:1 Teelöffel der Mischung mit 150 ml siedendem Wasser übergiessen; nach 15 Minuten abseihen. 3−4mal täglich eine Tasse eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten trinken.
 
Fitnesstee
Zutaten: 20 g Johanniskraut, 10 g Rosmarinblätter, 20 g wohlriechendes Eisenkraut, 10 g Brennnesselblätter, 20 g Hagebuttenfrüchte, 20 g Pfefferminzblätter.
 
Zubereitung: 1 Esslöffel der Mischung pro Tasse. Mischung mit kochendem Wasser übergiessen und anschliessend 5 Minuten ziehen lassen (Rezept von Gabriele Bickel).
 
Brennnessel-Nüdeli
Zutaten für 4 Personen: 1 Ei, 3 Eigelb, ½ TL Distelöl, 1 Prise Salz, 200 g Mehl, 100 g frische Brennnesselblätter.
Zubereitung: Die frischen, blanchierten Brennnesselblätter gut ausdrücken, pürieren und zusammen mit Ei, Eigelb, Öl und Salz mit dem Schneebesen gut verrühren. Nach und nach das Mehl dazusieben und so lange kneten, bis sich der Teig vom Schüsselrand löst. Der Nudelteig muss schön glatt, aber noch fest und zäh sein. Er wird zu einer Kugel geformt, in Klarsichtfolie eingeschlagen und 30 Minuten kühl gestellt. Dann den Teig durch eine Nudelmaschine treiben oder Nudeln mit der Hand herstellen. Die fertigen Nudeln lässt man trocknen und gart sie in wenig kochendem, leicht gesalzenem Wasser „al dente“. Die abgetropften Nudeln werden in Butter geschwenkt und auf einem warmen Teller angerichtet.
 
Serviertipp: Die Nudeln mit gegrillten Scampi garnieren, mit Flusskrebsmousselin umranden und mit gebackenen Brennnesselblättern und frischen Wildkräutern wie Bärlauch, Thymian, Sauerampfer und Waldklee verzieren (Rezept von Bernd Roser, „Sonnhalde“, Bürchau).
 
Brennnessel-Maultaschen
Nudelteig: 300 g Mehl, 100 g Griess, 40 g Öl, 1 Ei, etwas Wasser und Salz.
Füllung: Schafskäse, Brennnessel, Ei, gekochte Kartoffeln, Gewürze.
(Rezept von Jochen Stückler, Todtnauberg)
 
Die Nessel übertrifft alle!
„Was ist nichtiger und verachtlicher oder auch verhasster dann eine Nessel. Was ist holdseliger dann eine Hyacynthus, ein Narcissus, ein Gilgen (Lilie), doch dann übertrifft die Nessel alle samt“, schrieb der Arzt und Botaniker Brunfels in seinem „Contrafayt Kreuterbuch“ 1532.
 
Vielerorts wird auch heute noch die Brennnessel als Unkraut angesehen. Ich habe noch nie in einem „gepflegten“ Garten Brennnesseln gesehen. Die werden, wenn sie auftauchen, gnadenlos ausgerupft. Schöne Bestände der Grossen Brennnessel sehen wir immer wieder auf unseren Wanderungen an Wegrändern, Böschungen und Brachflächen. So auch kürzlich bei unserer Tour oberhalb des Eggenertals. Dort erblickten wir in der Nähe an einer Strassenböschung auf etwa 50 m Länge hochgewachsene Brennnesseln. Ein schöner Anblick. Dabei brachte ich die „Auspeitschung“ der Rheumatiker mit den Nesseln ins Gespräch. Aber keiner der Wanderfreunde würde so eine heroische Anwendung heute praktizieren. Auch als Rheumatiker nicht.
 
Auf jeden Fall schätze ich die Brennnessel sehr. Ich habe mich sogar vor einigen Jahren als Dichter von Versen versucht. Hier das Gedicht über die haarige und brennende Nessel: 
Die Brennnessel
Verachtet wird die Nessel sehr,
drum setzt sie sich wohl auch zur Wehr.
Berührst Du sie nur an den Haaren,
wirst Du gleich brennend Schmerz erfahren.
 
Rheuma, Hexenschuss und Gicht
wurden einst mit Peitschen ausgetrieben,
zwar brennt´s wie Feuer, juckt und sticht,
doch so wird schnell all´ Pein vertrieben.
 
Blätter, die noch zart und jung,
als Salat wir sie geniessen;
schenken Eisen und viel Schwung
uns kann danach nichts mehr verdriessen.
 
Wenn der Harnstrahl äusserst sparsam,
ohne Druck nur träufelnd tropft,
ist die Wurzel gut und heilsam,
bald sind wir nicht mehr verstopft.
 
Die Nesselsamen sind ein „Lebenswecker“,
die hat so mancher Mann recht gern,
die machen ihn nicht liebestoll, doch kecker,
und halten viele Leiden fern.
 
Die Urtica gilt es zu hegen,
zu lieben und zu achten immerdar,
denn sie spendet grossen Segen,
für Tier und Mensch - das ist wohl klar. 
Internet
www.gesundheit.de (Heilpflanzen-Lexikon)
www.badische-zeitung.de (Suchworte: „Achtung Pflanze“)
 
Literatur
Hess, Walter (Text); Rausser, Fernand (Fotos): „Die Brennnessel − eine feurige Kraft“, Wegwarte Verlag, Bolligen/BE 2009.
Künzle, Johann: „Das grosse Kräuterheilbuch“, Verlag Otto Walter AG, Olten 1945.
Scholz, Heinz; Hiepe Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2002.
Vonarburg, Bruno: „Energetisierte Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 2010.
 
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