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BLOG vom 27.05.2011


Valsertal (02): Staubaufwirbelung nahe der Matterhorn-Kopie
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Neben dem Valser Mineralwasser, dessen Abfüll- und Verteilanlagen 2002 vom Coca-Cola-Imperium geschluckt wurden, ist der Valser Quarzit das bekannteste Produkt des Valsertals – sogar der Bundesplatz in Bern ist mit Valser Steinplatten (Orthogneis) belegt ... und zwar mit legal abgebauten. Das ist nicht ganz selbstverständlich, wie gleich darzulegen sein wird. Beide Produkte, Wasser und Steine, sind von der Natur bereitgestellt und müssen nur noch abgeleitet beziehungsweise abgebaut werden. Der von Hand gespaltene, polierfähige, frostbeständige und glitzernde Quarzit mit seinen verschiedenen Grün- und Grautönen ist berühmt ... neuerdings zum Teil auch wegen eines Bundesgerichtsfalls.
 
Viele Steine und wenig Bewilligungen
Der umstrittene Steinbruch befindet sich im Valser Quartier Mura. Diese Abbaustelle der Valser Naturstein AG (ursprünglich: Berni Bau AG) ist seit Ende Oktober 2010 in grossen Schwierigkeiten, nachdem das Bundesgericht in Lausanne einen Entscheid des Bündner Verwaltungsgerichts kassiert und einer Anwohnerin, Myrta Peng, Recht gegeben hat. Sie hatte wegen der Lärm- und Staubemissionen Klage erhoben und dürfte dann selber davon überrascht worden sein, dass sie damit durchkam und ein juristischer Knalleffekt resultierte (und ein Fuder Mist vor ihrer Haustür abgeladen wurde).
 
Nach den Erkenntnissen des Bundesgerichts wurden die Naturstein-Abbauer im Mura-Quartier seit 1930 ungerechtfertigt privilegiert. Nach den jüngsten Feststellungen des höchsten Schweizer Gerichts wurde der Steinbruch seit Jahrzehnten „ohne die erforderliche baurechtliche Bewilligung“ genutzt. Seit 2004, als die Zufahrtsstrasse ausgebaut war, wurde die Ausbeutung noch intensiviert. Nun muss eine formelle Abbaubewilligung beschafft werden.
 
Der andere, vollkommen legale Steinbruch hat sich am südwestlichen Dorfausgang von Vals etabliert, eingebettet in ein schroffes Tal, wo die relativ schmale Fahrstrasse gegen den Zervreila-Stausee anzusteigen beginnt. Bei unserer Exkursion im Valsertal nahmen Werner Allemann und ich am 19.05.2011 einen kurzen, flüchtigen Augenschein bei diesem Steinbruch neben dem Valser Rhein an der Basis der mächtigen Aduladecke (geologisch: untere Valserschuppen). An den Steilhängen standen für den Steintransport geeignete Baumaschinen in den abgetreppten Abbaustellen; die Firma Truffer AG, ein Familienunternehmen, baut hier ab und bearbeitet Steinplatten für die Baubranche. Die Steinplatten vor dem Berner Bundeshaus stammen von dieser Abbaustelle. Mächtige und kleinere Gesteinsbrocken mit eigenwilligen Formen lagen im Uferbereich des Bergbachs vor den grossen Betriebsgebäuden. Eine Hinweistafel „Zutritt verboten. Tägliche Sprengungen“ hielt uns vor dem Zutritt zum eigentlichen Steinbruch ab. Lastwagen karrten Steine und Aushubmaterial herum, wirbelten Staub auf, so dass der Mineralienbedarf unseres Körpers auf Wochen hinaus gedeckt sein dürfte.
 
Hier beginnt die relativ schmale Fahrstrasse, gegen den Zervreila-Stausee anzusteigen. Ich quälte meinen Prius III die steile, kurvige Strasse hinauf, dem Valser Rhein mit seiner bescheidenen Wasserführung folgend. Weiter oben sind einige Aushublagerplätze, und massive Baulastwagen konkurrenzierten mit uns um einen Anteil an der asphaltierten Strasse, die ein freundlich grüssender Arbeiter mit einem eisernen Besen von der herabgefallenen, stiebenden Fracht reinigte. Mit einem nervösen Handzeichen gebot er Halt, weil eben ein Lastwagen um eine Kurve heranbrauste. Wir hatten noch einmal Glück gehabt. Mir lief es kalt den Rücken hinunter.
 
Beim Zervreila-Stausee
Weiter oben, nach einem knapp 2 km langen, naturbehauenen, feuchten und mit Verkehrsampeln gesteuerten Einbahn-Strassentunnel, findet man sich unversehens bei der seit 1957 bestehenden, 151 Meter hohen Bogenmauer des Zervreila-Stausees. Der See, dessen Spiegel etwa 30 m unter der Mauerkrone lag, ist in ein eindrückliches Bergpanorama eingebettet – zwischen dem Frunthorn, dem Fanellhorn und dem Zervreilahorn (Plachtenhorn). Das letztere, 2898 m ü. M., wird auch als „Kleines Matterhorn“ bezeichnet, weil die Ähnlichkeit mit dem Zermatter Horn tatsächlich auffallend ist. Das Zervreilahorn ist zwar etwas schlanker und zerfurchter, ein bizarres Riff aus Adulagneis, neben dem auf der Oberseite noch Glimmerschiefer zum Vorschein kommt. Es handelt sich um einen berühmten Kletterberg, insbesondere der Nordostgrat, von hohem Schwierigkeitsgrad (IV+ an mehreren Stellen). Die Kraxlerei, die wir uns wegen unseres Bauchansatzes und aus Zeitgründen selbstverständlich nicht antaten, erfolgt über tiefe Risse und Blöcke, wie es sie den Mont Blanc kennzeichnen. Ohne die Absicherung mit grossen Keilen und Friends (Klemmgeräten) geht es nicht ab.
 
Wasserrinnsale, die als kleine Wasserfälle stiebend in die Tiefe sprangen, belebten zusammen mit einigen Schneeresten das Landschaftsbild – „es Giifelti“, wie die Valser zu dünnen Überzuckerungen mit Schnee sagen. Daneben poliert das Wasser den schieferigen Stein den ganzen Bergsommer lang auf Hochglanz.
 
Das einstige Dörfchen Zervreila (1780 m) am Fuss des Frunthorns, das nur im Sommer (insbesondere während der Heuernte) bewohnt war, ist im Stausee versunken. Es hiess ursprünglich Seurera und bestand aus etwa 10 Häuschen sowie einer Kapelle und diente als Ausgangspunkt für Aufstiege zum Rheinwaldhorn, Güferhorn und anderen Hörnern, an denen in der Umgebung keinerlei Mangel besteht.
 
Landschaftsgeschichten
Beim Stausee lädt ein Restaurant ein, und eine schmale Strasse steigt weiter bergan. Ich wollte ihr einfach ein Stück weit folgen. Da aber ein Wenden des Autos in diesem steilen Gelände unmöglich war, musste ich wohl oder übel bis zur Kapelle (1985 m ü. M.) weiterfahren. Dort oben ist Parkraum genug. Das Kleine Matterhorn war uns noch näher gerückt. Das originale Matterhorn sei hier und jenes bei Zermatt in Wallis bloss eine Kopie, scherzte einer von 2 Fischern aus Sagogn, Clau Battaglia, bzw. Ilanz, Hans Pfister, die wir unter der Kapelle antrafen; die Appenzeller-Hündin Luna, die sich über unsere Ankunft aufgeregt hatte, beruhigte sich schnell.
 
Die beiden geografiekundigen Männer mit feldgrauen Anzügen, hohen Wanderschuhen, Dächlikappen als Sonnenschutz und markanten Schnurrbärten liessen sich gern in ein Gespräch verwickeln. Sie unterrichteten und in Geografie und zeigten zum Lampertschtal mit der Lampertschalp (Alpe Soreda) mit der geschichtsträchtigen Alpsiedlung und zum Canaltal, das vom Canalbach durchflossen und ein Auengebiet von nationaler Bedeutung ist.
 
Der tiefe Pegelstand des Stausees (Oberfläche: 1,61 km2) sei für diese Jahreszeit durchaus normal, sagte Herr Pfister; der Wasserstand steige täglich um etwa 30 cm an. Der Pegelstand schwankt im Jahresverlauf um 73 m. Im Winterhalbjahr wird das im Speicher aus einem 63,9 km2 umfassenden Einzugsgebiet gesammelte Wasser von den Kraftwerkstufen Zervreila, Safien Platz und Rothenbrunnen in elektrische Energie verwandelt, und über den Tomül- und den Glaspass erfolgt die Verbindung zum schweizerischen Hochspannungsnetz.
 
Im See seien vor allem Bachforellen; „Rägebögler“ (Regenbogenforellen) gebe es nicht. Und als wir auf das unter Wasser ruhende Dorf Zervreila zu sprechen kamen, sagte Clau Battaglia mit Blick zur Staumauer, heute würde man wohl manches anders machen, insbesondere, was die Restwassermengen und die Fische betreffe, deren Zirkulationsmöglichkeiten oft zu sehr eingeschränkt seien; der Aufstieg sei für die Fische besser als der Abstieg zu bewerkstelligen. Wie ich später herausgefunden habe, war der naturverbundene Clau Battaglia früher Gemeindepräsident von Sagogn.
 
Hans Pfister seinerseits wusste viel Kulturhistorisches zu berichten, etwa von verfeindeten Frauen im Weiler Frunt am gegenüberliegenden steilen Abhang. Unmittelbar vor der Kapelle, die zu jenem Weiler gehört, fällt eine Felswand in die Tiefe. Und so habe man denn Frauen, die in Streit geraten waren, aufgefordert, ihre Zickenkämpfe nahe bei der Mauerkrone auszutragen ... und jene, die nicht in die Tiefe abgestürzt sei, habe offenbar Recht gehabt. Das Schmunzeln auf seinem wetterfesten Gesicht liess die Vermutung zu, es könnte sich um eine Erzählung aus der Valser Sagenwelt handeln. Anderseits ist es wahrscheinlich, dass in diesem „ruchen Tal“ auch die Sitten rau gewesen sein dürften.
 
Surselva
Endlich fuhren wir hinunter zur Staumauer, am Valser Steinbuch vorbei nach Vals und weiter nach Ilanz und Chur. Ich hatte das Gefühl, das Surselva-Gebiet etwas näher kennengelernt zu haben – das Gebiet „ob dem Wald“, d. h. oberhalb des Grossen Walds (Uaul Grond) beim Flimser Bergsturzgebiets mit der Ruinaulta, dem Naturdenkmal einer Katastrophe. Laut Werner Allemann umfasst die Surselva „für uns Walser gefühlsmässig das ganze Gebiet im Bündner Oberland, in dem romanisch geprochen wird, nicht aber die von den Walsern besiedelten Talschaften Safien und Vals. Eine deutschsprechende Walser Enklave ist auch das Gebiet von Obersaxen mit den vielen Dörfern und Weilern. Obersaxen liegt auf der nordwestlichen Seite der Mundaunkette, gewissermassen auf der Rückseite des Lugnez". Die Surselva ist dünn besiedelt und vielerorts noch im Naturzustand. Die Menschen, Walser eben, sind angenehm, bescheiden, von überbordender Hilfsbereitschaft. Das beziehe ich auch auf meinen geduldigen Begleiter Werner Allemann, der genau weiss, welche Defizite in meinem Graubünden-Repertoire noch abzuarbeiten sind.
 
 
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