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BLOG vom 21.06.2011


Das blutunterlaufene Auge irritierte und zog Blicke auf sich
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Die Sicht war nicht beeinträchtigt, obwohl das Auge violettrot blutunterlaufen war. Deshalb vielleicht habe ich keine Brille aufgesetzt und bin auch Tram, S-Bahn und Bus gefahren. Das Verbot, bis zur Heilung nicht Velo zu fahren, das halte ich ein.
 
Es schauten mich viele Leute kritisch an. Die meisten stellten freimütig Fragen, wollten wissen, was geschehen sei. Eine Frau wechselte sogar die Strassenseite, um mich genauer zu betrachten, als sie mich daherkommen sah. Wir leben im selben Umfeld, grüssten uns bisher nur. Das geplatzte Blutäderchen hat uns nun zu einem richtigen Kontakt zusammengeführt.
 
Ich erzählte der Augenärztin, wie mitfühlend ich überall behandelt werde und erfuhr, dass mein Fall zwar erschrecke, aber heilbar sei. Ich befände mich auf der besseren Seite. Die wirklich gravierenden Augenleiden sähe man nicht und beurteile sie deshalb falsch. Da könne eine Person das Gegenüber nur noch schemenhaft erfassen und grüsse deshalb nicht mehr. Und schon werde ihr das falsch und als Beleidigung ausgelegt.
 
Es gab auch Leute, mit denen ich verabredet war und die, als sie mich grüssten, nicht bemerkten, dass sie von 2 ganz verschiedenen Augen angeschaut worden sind. Erst eine Weile später und mit etwas Distanz zu mir, riefen beide: Ui-ui! Was ist denn da passiert?
 
In der S-Bahn im Hauptverkehr am Abend zwischen 17 und 18 Uhr störte es eine Frau, dass ihre papierene Tragtasche, die am Boden stand, von einer vorbeigehenden Person gestreift worden war. Vielleicht war da etwas Zerbrechliches drin. Empört schaute sie zu mir auf, wollte vielleicht meine Zustimmung und erschreckte gleich nochmals. Dieses Auge! Entsetzt wandte sie sich ab. Auf der weiteren Fahrt ignorierte sie mich konsequent. Wäre nicht das Gedränge im Zug gewesen, ich hätte sie angesprochen. Doch das war hier unpassend.
 
Ich beobachtete auch, wie Männer mein blutendes Auge betrachteten. Wie ein Arzt, wie um eine Diagnose zu stellen. Sehr aufmerksam, sehr kritisch. Ohne Scheu. Schauen und wegschauen, immer wieder. Es kam mir vor, als ob sie mein Auge fotografieren oder einscannen wollten. Im gegenüberliegenden Coupé der S-Bahn sitzend, war das gut möglich. Von ihnen kam keine Reaktion. Für sie war es vielleicht ein Rätsel, was meinem Auge fehle, und dem wollten sie nachgehen. Ebenso verhielt sich der Stift (Lehrling) vom Format eines Familienoberhauptes, der im Lebensmittelgeschäft an der Kasse sitzt. Fast unanständig lange schaute er mein Auge an und ich war danach stolz, dass ich diesen unverfrorenen Blick ausgehalten habe.
 
Ebenfalls an der Kasse des gleichen Ladens, aber an einem anderen Tag, wusste die junge und quirlige Südländerin sofort, was mir geschehen war. Sie nannte gleich ein Medikament, das ihr schon mehrmals geholfen habe, diese Blutaustritte zu stoppen. Es sei ein natürliches Produkt, ohne Rezept erhältlich, pries sie es an.
 
Im Bahnhof Zürich-Altstetten wollte ich ein Billett kaufen. Noch bevor ich meinen Wunsch aussprechen konnte, sah ich, wie mein Auge die Frau am Schalter elektrisierte. Bevor sie meine Bestellung hören wollte, musste ich erzählen, was mir geschehen sei. Dann berichtete sie, dass sie vor Jahren eine schwere Augenverletzung erlitten habe. 2 Mal sei das Auge operiert worden. Eine furchtbare Leidenszeit. Die ganze Geschichte sei sofort hochgekommen, als sie mich gesehen habe. Sie hätte gedacht: Oh die arme Frau, jetzt muss sie das alles, was ich erlebt habe, auch erleiden.
 
Alle diese Fragen und die Aufmerksamkeit um mein verfärbtes Auge haben mir bewiesen, dass in unserer Stadt viele einfühlsame und hilfsbereite Menschen unterwegs sind. Es war nicht eine billige Neugierde. Manche fragten nach meinem Befund, um herauszufinden, was geschehen sei, wie man mir helfen könne.
 
Ihnen danke ich allen. Solche Erfahrung ist neu für mich.
 
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