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BLOG vom 09.07.2011


Gedanken an den 09.07.1386: Wie ich zur Schlachtfeier kam
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ähnlich wie das Rütli am Urnersee sind neben anderen geschichtstriefenden Stätten Sempach und Morgarten Symbole der Schweizer Freiheit und Unabhängigkeit. Mit patriotischen Gedenktagen wird jeweils in Erinnerung gerufen, wie gross die Anstrengungen und die Opferbereitschaft unserer Vorfahren waren, um die Schweiz zu dem zu machen, was sie trotz US- und EU-Attacken noch heute ist: ein freies, wenn auch in die globalisierende Welt eingebundenes und damit zunehmend ausgebeutetes, gebeuteltes Land.
 
Dass an die ehrenvolle Unabhängigkeitsgeschichte erinnert wird, passt nicht ins Konzept jener links-grünen Gruppierungen, welche die Schweiz dem freien Spiel ausländischer Mächte und Kräfte überlassen wollen und die sich bis in den Bundesrat hinein ausgebreitet haben. Stichwörter: Bakngeheimnis und (vorgesehen) Rechtshilfe bei Schnüffelaktion ausländischer Staaten in den Schweizer Banken. Man kann es kaum fassen. In Kriegszeiten wäre das als Landesverrat bezeichnet worden.
 
Rechts- und Linksextremismus
In den vergangenen Jahrzehnten, wohl seit 1968, war eine auffällige Polarisierung festzustellen: Wer sich zur Heimatliebe bekannte und sich für die Erhaltung traditioneller Schweizer Werte einsetzte, wurde als Rechtsextremist bezeichnet. Wer aber die Eigenarten des Landes zerstören und die störrische Alpenrepublik der amerikanisierten Fehlkonstruktion EU und indirekt den USA zum Frasse vorwerfen wollte, war voll im Trend und und galt nicht etwa als Linksextremist. Dabei hatte der Medienmainstream, der immer linker von der Mitte zu agieren begann, seine klare Position, indem man Auswüchse auf der rechten Seite herauf- und jene der Linken herunterspielte. Die grossen Massen mit ihrer differenzierten und vielleicht auch diffusen Haltung fielen indessen kaum auf, passive Zuschauer, die jetzt am Erwachen sind.
 
Schlachtfeiern als Schlachtfelder
Die Spannungen zwischen den extremen Positionen nahmen zu und entluden sich zunehmend auf den Schlachtfeldern beim Anlass von Schlachtfeiern, in Sempach LU etwa ab dem Jahr 2003. Die Radikalen nutzten den Publikumsaufmarsch für ihre eigenen, gegensätzlichen Zwecke. Es kam zu Handgreiflichkeiten. 2009 musste auf dem Sempacher Schlachtfeld die Polizei eingreifen, was mit unangenehmen Begleiterscheinungen und hohen Kosten (rund 300 000 CHF) verbunden war. Deshalb kapitulierte der Regierungsrat des Kantons Luzern. Er warf sämtliche Flinten ins Korn und beschloss, die Schlachtfeier von 2010 auf einen Gedenkgottesdienst zu beschränken.
 
Mit Blick auf die Feier 2011, 625 Jahre nach der Schlacht bei Sempach, verfügte die Regierung eine Neugestaltung der Feier mit Verzicht auf den traditionellen Umzug, um einen Anlass zum Randalieren aus der Welt zu schaffen, sozusagen eine Schlachtfeier light mit mehr Chilbi- und Volksfestcharakter: ökumenischer Gottesdienst, Morgenbrot, Umtrunk, Städtlifest und Sempacherlauf. Ein folkloristischer Umzug mit historischen Kostümen sollte zu einem Mittelalterfest ausgeweitet werden. Im Rahmen eines Forums sollten sich interessierte Leute mit den Ursprüngen des Territorialstaats Luzern befassen und über Gegenwart und Zukunft nachdenken. Die Rechnung ging auf, aber viele Luzerner empfanden die Abschaffung der traditionellen Umzugs als „Kniefall vor den vermummten Linksextremen“, wie ich von einem in der Nähe wirkenden Bauern weiss, der sich darüber fürchterlich aufregte.
 
Sicher ist nichts gegen ein Volksfest einzuwenden, nichts gegen ein Nachdenken über Gegenwart und Zukunft – das tue ich an dieser Stelle schliesslich auch ‒, aber dass ein bedeutendes historisches Ereignis nicht mehr der Hauptgrund für besinnliche Feierstunde sein darf, ist ein gesellschaftlicher Schandfleck, bezeichnend für die heutige Zeit der Verunsicherung, der Labilität. Im Schulunterricht drückt man sich heute oft um die Schweizergeschichte herum, weil sie den Globalisierungsgottesdienst nur stören würde.
 
Was in Sempach vor 625 Jahren geschah
Was soll denn eigentlich daran verwerflich sein, dass sich 1386 ein eidgenössischer Haufen von heimatverwurzelten Männern am 09.07.1396 gegen den Angriff der stolzen, blasierten, schwer gepanzerten Ritter der Habsburger unter Leopold III. auf handwerkliche Art mit Hellebarden (und nur von einem kleinen Brett am Arm geschützt) zur Wehr setzte und am Schluss die übermächtigen Angreifer gerade noch vernichtend schlug? Und dabei kam auch der machtgierige Leopold III. im Alter von 35 Jahren um.
 
Der am 04.07.2011 verstorbene Otto von Habsburg, der christlichen Werten zugetan war und das österreichische Monarchie-Kapitel definitiv beendete, hätte vielleicht intelligenter als Leopold III. gehandelt: „Wenn ich eine Schlacht zu Pferd nicht gewinnen kann, muss ich hinuntersteigen und zu Fuss weiterkämpfen. Ich muss versuchen, meine Ideen, die sich ja nicht geändert haben, dort zu vertreten, wo sie heute vertretbar sind“, sagte er einmal. Zwar hatten das auch die adligen Ritter in ihren Kettenhemden bei Sempach getan (um die Pferde zu schonen), aber als Fusskämpfer eigneten sie sich nicht. Das müsste man schon üben. Zum Glück gingen auch Otto von Habsburgs monarchistische Ideen insbesondere für Österreich und Ungarn nicht; er hatte ja keine Armee. Die beiden Länder wollten nichts mehr mit ihm und seinem Traum von einer Rückkehr zu den alten Machtstrukturen zu tun haben. Sie haben mein Mitgefühl.
 
Dank der Niederlage von Leopold III., der sein Reich gegen Westen ausweiten wollte, sind wir keine Habsburger und keine Österreicher geworden, und wer weiss, was aus uns nach dem Zusammenbruch der Donau-Monarchie und des Habsburger Reichs (1918), dessen Herrscher zunehmend mit Inzuchtschäden zu kämpfen hatten, geworden wäre; der gebildete und kultivierte Otto von Habsburg entging diesem Schicksal und verstiess mit seinen Ideen bloss gegen die Zeitrechnung.
 
Die Schlacht bei Sempach war ein wichtiges Ereignis für die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft, schuf klare Verhältnisse, die sich bis heute bestens bewährt haben. Genau das ist es, was den global Anpassungswilligen am äusseren linken Rand nicht in den Kram passt, obschon sich unter dem Eindruck des Zerfalls der Globalisierungsidee und jenem der dahinter stehenden Grossmächte wie die USA und ihrer europäischen, hereingefallenen Vasallen sich diese Phalanx automatisch aufweicht. Die offen zu Tage tretenden Fakten sind zu stark, die Missstände unübersehbar. Es braucht dazu nicht einmal mehr den legendären Arnold von Winkelried, der sich in die 3,5 m langen habsburgischen Speer geworfen und damit eine Bresche in die Verteidigungslinie gesprengt haben soll, so dass die als grob bekannten Bauernsöhne in die Habsburger Reihen vordringen und die Feinde niedermetzeln konnten; dazu waren die handlichen Hellebarden weit besser geeignet als die überlangen Spiesse der Angreifer. Witzbolde behaupten zwar noch heute, Winkelried habe gerufen: „Hörid emol uif mit dem cheibe Stosse!" (Hört auf, mich zu stossen). So oder anders: Was zählt, ist nur der militärische Erfolg. Und der war da.
 
Eine Sempachfeier ohne Aufhebens
Die Vorgeschichte der Geschehnisse auf dem Sempacher Schlachtgelände ist mir wie jedem älteren Schweizer aus der Schule und die Begebenheiten um die Erinnerungsfeiern aus den Medien einigermassen bekannt. Doch dass ich selber am 06.07.2011 zu einer gewissermassen auf mich zugeschnittenen Erinnerungsfeier auf dem Schlachtgelände gleich neben der Kapelle, die auf das Jahr 1472/73 zurückgeht, kommen würde, hätte ich nicht in den kühnsten Träumen erwartet.
 
Ich war gerade in Sempach gewesen und hatte der Schweizerischen Vogelwarte einen Besuch abgestattet (darüber werde ich separat berichten) und begab mich auf die Heimfahrt über Hildisrieden, Neudorf, Beromünster LU und durchs vertraute Wynental AG. Wenig oberhalb von Sempach, beim Hof Galee, marschierten aus dem Steinibüelwald Soldaten in langen Zweierkolonnen zur Ortsverbindungsstrasse Richtung Hildisrieden. Ich hielt an, fotografierte, und die Soldaten winkten freundlich, offensichtlich gut gelaunt. Sie benützten den Veloweg. Ich überholte sie, geriet bei der Schlachtkapelle in ein emsiges militärisches Treiben, das ich als Staffage für ein paar Fotos nützen wollte. Als ich die Fahrt durch den militärischen Auflauf geschafft hatte, parkierte ich das Auto neben der Wirtschaft „Zur Schlacht“, gleich hinter der Kapelle, in deren Inneren ein riesiges Schlachtgemälde mit der Winkelriedszene im grösseren Zusammenhang eine Seitenwand ausfüllt – es wurde oft übermalt und dann wieder restauriert. Über dem Nebeneingang ist eine Liste der gefallenen Eidgenossen aufgepinselt.
 
So war ich um 14.30 Uhr zufällig gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie mir das immer wieder passiert; manchmal scheint mir alles in den Schoss zu fallen. Ich fotografierte die dekorativ aufgestellten, bereiften Mowag-Schützenpanzer („Piranhas“), in denen etwa 10 Soldaten Platz finden und die bis 110 km/h schnell fahren können, zusammen mit mehreren Hundert Soldaten und der Kapelle. Immer mehr Soldaten marschierten aufs Schlachtgelände und stellten sich in geordneten Formationen auf, letzte Zuckungen preussischen Militärgeists mit seinen Ordnungsprinzipien.
 
Hier sei die Fahnenabgabe des Gebirgsinfanterie-Bataillons 77 (Geb Inf Bat 77) in Vorbereitung, erfuhr ich, als ich einen Soldaten fragte. Ich staunte nicht schlecht, hatte ich dieser Einheit doch zwischen 1962 und 1977 selber angehört und in deren Rahmen mehrere Wiederholungskurse (WK) in Schiers, Davos, Tamins und auf der Lenzerheide absolviert. So ein Zufall! Ich kannte wegen meines Alters, in dem man eher zu den grauen Mäusen als zu den Feldgrauen hört, zwar keinen Knochen mehr, und auch innerhalb dieser Einheit war mein Name logischerweise unbekannt, hatte ich doch keine erinnerungswürdigen Spuren hinterlassen, sondern einfach meine Pflicht getan. Es gab keine Speere, in die man sich werfen konnte. Dennoch fühlte ich mich hier irgendwie geborgen und in alte Zeiten zurückversetzt.
 
Das Militärspiel „Heer Ost“ intonierte um genau 15 Uhr den Militärmarsch „Marignan“, 1939 von Jean Daetwyler im Auftrag des Zentralwalliser Musikverbands komponiert. Er ist das Präludium für militärische Aufzüge und Empfänge mit einem Hauch von Anklang an die Walliser Folklore geblieben.
 
Die kleinen Winkelriede
Oberstleutnant Guido Helbling, ein schlanker, grossgewachsener Führer, bestieg ein provisorisches, erhöhtes Rednerpodest auf der Motorhaube eines Panzers und wirkte noch grösser. Er befahl: „Helm weg!“ – ein Befehl, dem bei der sommerlichen Hitze auch der widerspenstigste Soldat, sollte es ihn überhaupt geben, mit grösstem Vergnügen nachkam. Helbling sprach zu seinen tapfer und andachtsvoll an der prallen Sonne ausharrenden Mannen; die Hitze soll schon den Habsburgern zu schaffen gemacht haben.  „Wo wir heute stehen, haben sich am 09.07.1396 etwa 1400 Eidgenossen versammelt“. Der Kommandant  schilderte, wie sich diese durch die List von Winkelried durchsetzen konnten. Dieser Held umfasste so viele Spiesse wie möglich, stiess sie zurück und rief: „Der Freiheit eine Gasse!“ Die langen Spiesse der Habsburger waren für den Nahkampf ungeeignet. Bei diesem heldenhaften Einsatz habe sich die Eidgenossenschaft aus der habsburgischen Umklammerung gelöst, fügte Helbling bei, allfällige historische Defizite bei seiner Zuhörerschaft ausbügelnd. Elegant schlug er den Bogen zu seinen Mannen: Sie alle seien „kleine Winkelriede“, die persönliche Interessen zurückstellten und sich zugunsten der Allgemeinheit einsetzten, so wie sich ein Einzelner selbstlos für die Allgemeinheit hingab.
 
Helbling blickte auf den WK 2011 zurück (so viel Geschichte durfte auch noch sein), und er sagte, dass oft das Motto „Fantasie verlass mich nie!“ tonangebend gewesen sei. Er hoffe, dass die Lücken in der Sicherheitspolitik gestopft werden können. Immerhin konnte die Blend-Schock-Patrone 08 eingeführt werden. Erstaunlich sei immer wieder, wie in der Schweizer Armee nach kurzer Einarbeitungszeit eine rasche Kampfbereitschaft erstellt sei.
 
Dann folgte das seit Jahrzehnten übliche, bewährte Ritual des Lobs für die Einsatzbereitschaft der Wehrmänner und die Fortschritte in der Ausbildung, die Kommandanten ja auch auf sich selber beziehen können. Allfällige Verbesserungsmassnahmen würden im nächsten Wiederholungskurs vorgenommen – die Wehrkraftstärkung auf der Basis von Selbstvertrauen und eines unaufhörlichen Weiterlernens. So war es immer und wird es hoffentlich bleiben. Ich fühlte mich sehr angesprochen, obschon ich am 31.12.1987 aus der Wehrpflicht entlassen wurde.
 
Das zivile Publikum umfasste nur einige wenige Personen, da offenbar in den Medien kaum auf diesen Anlass aufmerksam gemacht worden war. Nur ein paar Insider wussten Bescheid. Auch die Gäste wurden zu einem stärkenden Buffet eingeladen. Ich beschränkte mich auf 2 Gläser Mineralwasser, da die Wehrmänner die Häppchen zweifellos mehr verdient hatten als ich.
 
2 Tage später ging ihr WK zu Ende. Und für mich war die Begegnung mit dieser Einheit ein Trost: Die Schweizerarmee – sie gibt es noch.
 
Wie einst die Widerstandskämpfer in Sempach, so wird man die Armee auch in Zukunft brauchen. Allein schon die momentanen Wirtschaftskriege und die militärischen US-Aktionen mit dem von ihr gesteuerten Kampfverband Nato im Nahen und Mittleren Osten sowie im südlichen Mittelmeergebiet sind eindeutige Indizien für das, was auch uns Unangepassten blühen könnte.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Bezug zu Sempach
03.06.2007: ISOS und Kanton Luzern: Schulung des Ortsbilder-Sehens
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