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BLOG vom 12.07.2011


Frauenfussball-WM (2): Lesben tabu, Powerfrau und Tränen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
In diesem 2. Teil der Abhandlung über die 6. Frauenfussball-WM (2011) berichte ich über weitere bemerkenswerte Ereignisse.
 
Pfeifen bei der Arbeit
Wie schon im 1. Teil meiner Ausführungen erwähnt, war die südkoreanische Schiedsrichterin Sung-Mi Cha, die das Spiel Deutschland gegen Nigeria verpfiff, grottenschlecht. Auch andere Schiedsrichterinnen kamen in die Kritik. So erzielte im Spiel Brasilien gegen Norwegen (3:0) die Weltfussballerin Marta ein irreguläres Tor. Dem Führungstor in der 22. Minuten ging ein klares Foulspiel der Brasilianerin an Holstad Bergen voraus, das die Schiedsrichterin nicht ahndete. Jeder im Stadion bemerkte das Foul. Da brauchte man keine Zeitlupe.
 
Den Gipfel der Fehlentscheidungen erreichte die Ungarin Gyoengyi Gaal. Sie hatte wohl Tomaten auf den Augen, wie man so schön sagt. Da fing im Spiel Australien gegen Äquatorial-Guinea (3:2) die afrikanische Abwehrspielerin Bruna einen Ball im Fünf-Meter-Raum mit der Hand und hielt ihn sekundenlang fest. Es gab keinen Elfmeter, sondern das Spiel lief weiter.
 
Der Hauptgrund für die schlechte Leistung der Schiedsrichterinnen liegt bei der Fifa. Diese entsendet nicht die besten Pfeifenfrauen, sondern achtet peinlich genau auf die Kontinentalquote. Viele Schiedsrichterinnen kommen in ihren Ländern gar nicht mit Spitzenfussball in Berührung. Sie haben also wenig Erfahrung. Die Fifa will anscheinend nichts ändern. Sie befürchtet bei Wahlen oder anderen Entscheidungen bei den Nichtnominierten eine Stimmenenthaltung oder sie würden Fifa-Leute aus anderen Ländern bzw. Erdteilen dann nicht wählen.
 
Ich finde das unmöglich. Bei solchen Spielen (auch bei der Männer-WM) sollten die Besten pfeifen und nicht die mit wenig Erfahrung.
 
Bei den darauf folgenden Spielen war die Leistung der Schiedsrichterinnen zum Glück ganz passabel. Wahrscheinlich wurden die Besten für das Viertel- und Halbfinale zurückgehalten oder sie bekamen entsprechende Unterweisungen, wie man besonders bei Fouls durchgreift.
 
Keine Lesben in der Mannschaft
Nigerias Trainerin Eucharia Uche duldet keine Homosexuellen in der Nationalmannschaft. Sie sagte vor der WM 2011 der nigerianischen Zeitung „Daily Sun“ dies: „Die Lesben in unserer Mannschaft waren wirklich ein grosses Problem. Aber seitdem ich Trainerin des Teams bin, hat sich das erledigt. Es gibt keine lesbische Spielerin mehr in meinem Team. Ich kann diese dreckige Lebensweise nicht tolerieren.“
 
Die Trainerin hat nach eigenen Angaben deshalb Erfolg, weil sie den Voodoo-Zauber zelebriert. Der Zauber war im Spiel gegen Deutschland jedoch vorbei. Die Nigerianer verloren das Spiel und schieden aus.
 
DFB-Frauen schieden aus
Im Traum hätte ich nie gedacht, dass die deutsche Nationalmannschaft der Frauen durch die zierlichen und agilen Japanerinnen aus dem Turnier katapultiert werden könnte. Die Deutschen, die wie eine Kampfmaschine auf das japanische Tor zurannten, fanden kein Mittel, um den Ball an der 1,70 m grossen japanischen Torfrau Ayumi Kaihori vorbei ins Netz zu schiessen. Die Japanerinnen hatten in der Verlängerung eine geniale Szene, die zum 1:0-Sieg führte. Das Tor schoss aus spitzem Winkel Karina Maruyama.
 
Die Kleinste der Japanerinnen mass gerade einmal 1,54 Meter und hatte eine Schuhgrösse von 34 (meine 5-jährige Enkelin wird sie bald einholen; schon jetzt hat sie eine Schuhgrösse von 28). Die erwähnte Torfrau Kaihori war noch die Grösste. Soweit ich unterrichtet bin, betrug die Durchschnittsgrösse der Japanerinnen 1,64 m. Die Deutschen waren 10 bis 15 cm grösser!
 
Das Ausscheiden war für viele ein Schock, weil eben keiner damit gerechnet hatte. Viele tippten einen deutschen 3:0-Sieg. Nach dem Spiel flossen bei etlichen deutschen Spielerinnen die Tränen. Sie haben zwar aufopferungsvoll, aber ohne Fortune, gekämpft. Die bisher erfolgverwöhnten deutschen Spielerinnen hatten ihren attraktiven Kombinationsfussball vermissen lassen. Vielleicht ist ihre Spielweise schon überholt. Nun können sie sich neu orientieren.
 
Nationalspielerin Inka Grings äusserte: „Es war ein schwarzer Tag für uns. Wir haben alles versucht, aber wir hätten heute wohl das leere Tor nicht getroffen (…).“
 
Die sympathischen Japanerinnen wirkten sehr bescheiden, auch ihre Antworten: „Ehrlich gesagt, bin ich einfach nur sehr froh. Ich wollte irgendwann mal gegen Deutschland gewinnen. Dass es nun auf dieser grossen Bühne geklappt hat, freut mich natürlich sehr“, sagte Homare Sawa. Der japanische Trainer Norio Sasaki: „(…) Unser Spiel soll den Menschen in den Katastrophengebieten Mut machen.“
 
Ein Leser der Online-Ausgabe von „focus“ (www.focus.de) brachte es auf den Punkt: „Mich überzeugte der Wille, nicht nur Amerikanerinnen um Hope Solo, sondern auch zum Beispiel der japanischen Frauen. Sie sind mit Einsatz dabei, haben den Willen und auch die Zuversicht, etwas zu erreichen zu wollen, und da werden die Stars von Morgen geboren, auch wenn man sie nicht tagtäglich in den Medien oder Hochglanzmagazinen sieht.“
 
Powerfrau Hope Solo
„Es war ein Spiel zum Ausflippen“, wie die Redakteurin Martina Philipp von der „Badischen Zeitung“ am 11.07.2011 über das Spiel Brasilien gegen USA bemerkte. Es war dramatisch, weil die Brasilianerinnen 2:1 bis 2 Minuten vor Ende der Verlängerung führten und sich schon als die sicheren Sieger glaubten. Dann kamen die kämpfenden US-Girls in Unterzahl (sie verloren eine Spielerin durch die Rote Karte) und erzielten durch ihre Spielführerin Abby Wambach mit einem wuchtigen Kopfball den Ausgleich. Im anschliessenden Elf-Meter-Schiessen waren die US-Girls besser und siegten unerwartet mit 7:5.
 
Brasiliens Star Marta, die als die weltbeste Spielerin gilt, schoss 2 Tore. Sie fiel aber durch ständiges Gemeckere auf. Sie erntete dafür Pfiffe und wurde als Zicke bezeichnet. Auch eine andere Spielerin fiel negativ auf. Sie täuschte, um Zeit zu schinden, eine Verletzung vor, wurde daraufhin mit einer Trage an den Spielfeldrand getragen. Kaum waren die Helfer an der Seitenlinie, sprang die Verletzte wie durch ein Wunder von der Trage und rannte wieder aufs Spielfeld. Leider schadeten diese Vorkommnisse der Mannschaft, die mir im übrigen mit ihrer Spielweise sehr gut gefiel.
 
Die 1,75 m grosse Hope Solo, die ich persönlich für die attraktivste Spielerin halte, fiel durch gute Paraden auf. Sie hat ein unglaubliches Selbstbewusstsein, sie „verkörpert perfekt den amerikanischen WM-Spirit ,niemals aufgeben’.“ Sie erinnert mich an den „Titan“ Oliver Kahn (ehemaliger deutscher Nationaltorwart), der auch in ausweglosen Situationen die Mannschaft mit Worten nach vorne peitschte.
 
Das Credo von Hope Solo lautet: „Gut aussehen, gut fühlen, gut spielen.“ Ich bin überzeugt, dass die Powerfrau Solo zur besten Spielerin der WM gekürt werden wird.
 
Man mag es kaum glauben, dass diese Frau auch persönliche Rückschläge erlitten hat. Bei der WM 2007 übte sie Kritik an Nationaltrainer Greg Ryan. Er hatte sich für die andere Torfrau (Briana Scurry) entschieden. Daraufhin verlor die USA mit 0:4 gegen Brasilien. Bei einer Befragung durch Journalisten zeigte sie sich sehr aufgebracht und äusserte, sie hätte die Bälle gehalten. „Das war Hochverrat im Land des heiligen Teamspirit“, wie Frank Hellmann betonte. Darauf war Schluss. Sie musste alleine nach Hause fliegen. „Es war, als hätte ich eine ansteckende Krankheit: 30 Personen guckten dich nicht an, reden nicht mit dir.“ Kritik ist also in der glorreichen US-Mannschaft nicht erlaubt!
 
Im selben Jahr folgte ein weiterer Schicksalsschlag. Ihr Vater starb mit 78 Jahren an einem Herzinfarkt. Der traumatisierte Vietnam-Veteran wohnte obdachlos ein Jahrzehnt in den Wäldern rund um Seattle. Er wollte wohl die Erlebnisse des Krieges in der Einsamkeit verarbeiten. Hope Solo besuchte ihn öfters, es gab lange Gespräche. Sein einfaches Leben machte ihn glücklich, wie Hope Solo bemerkte.
 
Bald darauf durfte sie wieder in der US-Mannschaft spielen. Aber dann kam ein weiterer Rückschlag: 2009 erlitt sie eine langwierige Schulterverletzung. 11 Schrauben sind heute noch in ihrer Schulter! Unglaublich: Die körperlichen Qualen erträgt sie, „weil sie noch nach seelischem Balsam lechzt“, mutmasste Frank Hellmann, Mitarbeiter der „Badischen Zeitung“.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Sport
23.05.2005: „Hopp Gigi Oeri!“ Der Fussball und die nationale Identität
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