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BLOG vom 21.07.2011


Katastrophale AKW-/Elektrizitätspolitik: von Pleite zu Pleite
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Man soll nichts dramatisieren und nichts beschönigen, sondern in allen Lebenslagen die Verhältnismässigkeiten wahren. Die Energieinformationen und -diskussionen folgen allerdings ihren eigenen Gesetzen: Alles, was mit Kernenergie und der Radioaktivität zu tun hat, wird mit grösstem Misstrauen betrachtet, und Konsequenzen blieben nicht aus: Die Sicherheitsphilosophien wurden ständig weiter ausgebaut. Gut so. Im gleichen Stil soll und muss es weitergehen, auch bei der Entsorgung von radioaktiven Abfällen. Es ist verdienstvoll, wenn es Leute gibt, die in kompetenter Art dafür sorgen, dass höchste Sicherheitsstandards erzwungen werden.
 
Das Radon-Theater
Weniger Verständnis habe ich für das Heraufspielen des Radons, das vom Boden her ins Hausinnere gelangen kann und dort bei überisolierten Häusern gefangen bleibt. An meinem Wohnort Biberstein AG ist die Radon-Belastung „mittel“, im arithmetischen Mittel bei 118 Bq/m3 (Becquerel pro Kubikmeter). Nach meiner Interpretation ist das ein natürlicher, vollkommen unbedenklicher Wert.
 
Das Edelgas Radon entsteht bei üblichen Zerfall von Uran über die Vorstufe Radium, und hat mich noch nie in irgendeiner Weise beunruhigt. Es fällt mir nicht ein, den Radonwert in unserem Einfamilienhaus zu ermitteln und dafür 2 Dosimeter aufzustellen, wie es das Bundesamt für Gesundheit BAG http://www.bag.admin.ch empfiehlt. Es hat freundlicherweise gerade auch noch Empfehlungen mitgeliefert, wie man zu möglichst hohen Messwerten kommt: „ Die Zonen mit viel Luftzirkulation (Fenster, Türen) sind zu vermeiden. Es ist besser, die unteren Stockwerke des Hauses zu messen, da die Radonkonzentration in höheren Stockwerken tiefer ist. Die Messungen am besten während der Heizperiode planen, da dann die Radonkonzentration höher ist.“ Ich empfehle daraus einen Wettbewerb zu machen: Wer erzielt durch geschicktes Messen die höchsten Werte? 1. Preis: ein Geigerzähler.
 
Bis zum Jahr 1900, als Friedrich Ernst Dorn das Radon entdeckte, überlebte die Menschheit problemlos, obschon es das Radon bereits damals gab. Aber erst jetzt wird's plötzlich so richtig brenzlig ... Auf der Radon-Grundlage kann die Lungenkrebsangst gefördert werden.
 
Heilmittel Radioaktivität
Bemerkenswert ist, wie locker mit dem Gefahrenbewusstsein bei medizinischen Anwendungen der Radioaktivität umgesprungen wird. Die Strahlung wird plötzlich zum Heilmittel, ja zum Gesundbrunnen. Ein ganzer Geschäftszweig befasst damit, wobei dann von Strahlentherapie (auch Strahlenheilkunde, Radiotherapie, Radioonkologie) gesprochen wird. Die Radiotherapeuten sind die ganz grosse Ausnahme im strahlenden Bereich, obschon auch der medizinische radioaktive Abfall genau gleich sicher beerdigt werden muss wie derjenige aus Atomkraftwerken.
 
Permanente Erdölkatastrophe
Weniger Skrupel hat die zivilisierte Menschheit im Umgang mit dem Erdöl. Mögen da ganze gigantische Tankschiffe Meere und Küsten verseuchen, mögen Katastrophen wie jene mit der Bohrinsel Deep Water Horizon im Golf von Mexiko unermessliche ökologische Schäden herbeiführen, fordert merkwürdigerweise kein Mensch den Abbruch von Unterwasserbohrungen. Das Verbrennen von Erdöl, so weit es sich nicht in Meere (bei der Gewinnung und auch beim Auspumpen des Ballastwassers) sowie auf ungeschützte Böden bei Bohrungen auf dem Felde verirrt hat, ist u. a. wegen des Kohlendioxid-Ausstosses eine permanente Umweltkatastrophe. Auch die Erdölkriege der Amerikaner führen immer wieder zu Katastrophen bei Förder- und Transportanlagen. Die Erdölverheizung will man im Rahmen der Anti-KKW-Bewegung, der nach Fukushima nicht mehr widersprochen werden darf, sogar noch angefeuert. Der Umweltschutz bleibt in diesem Zusammenhang ohnehin auf der Strecke.
 
Gute Atomstromgeschäfte
Dass man alle möglichen umweltschädigenden Energieformen zulässt und fördert, darunter auch den Strom aus Erdgas (trotz des miserablen Wirkungsgrads: 39 %, der Rest ist Abwärme), aber die ergiebigste und verhältnismässig sichere Energieform Atomstrom kriminalisiert, will mir nicht in den Kopf. Jeder vernünftig denkende Mensch sieht doch ein, dass man bei Beibehaltung unseres verschwenderischen, auf Bequemlichkeit ausgerichteten Lebensstils nicht um die Atomkraft (und später die Fusionsenergie) herumkommen wird. Noch habe ich keine starke Bewegung von Energiesparern angetroffen.
 
Nun, die Russen und andere, vorab Energiepolitiker in osteuropäischen Ländern (Bulgarien, Tschechische Republik, Slowakei, Ukraine und Weissrussland), haben die Lage richtig eingeschätzt. Russland will bis 2030 mindestens 28 neue Kernkraftwerke bauen. Wir können den fehlenden Strom (bei grossen Transportverlusten und zunehmender Abhängigkeit) dann von dort beiziehen, genauso wie die KKW-freien Vorbilder Österreich und Italien Atomstrom heute schon im grossen Stil einführen und dafür tief in die Tasche greifen müssen.
 
Wie sich die Lage präsentiert, war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ FAZ vom 01.07.2011 und in „Zeit-Fragen“ vom 11.07.2011 nachzulesen („Manche Länder müssen Kernenergie verwenden“, ein Interview mit Kirill Komarow, stellvertretender Generaldirektor des staatlichen russischen Atomenergie-Konzerns Rosatom): „Wenige Tage nach Fukushima wurde der Ministerpräsident der Ukraine, Herr Asarow, gefragt, was er von der Zukunft der Kernenergie denke. Tschernobyl war ja die Nationalkatastrophe der Ukraine, und die Frage suggerierte, dass das Land nach Fukushima sicher alle Kraftwerke abschalten würde. Asarow aber sagte nein - weil die Ukraine kein reiches Land ist. Das ist sehr einfach: Der Preis für Atomstrom in der Ukraine ist zwei amerikanische Cent je Kilowatt. Strom aus Kohlekraftwerken dagegen kostet sechs Cent und aus erneuerbaren Energien elf. Wenn die Ukraine alle Kernkraftwerke abschalten wollte, wäre das das Ende der ukrainischen Wirtschaft.“
 
Kernkraftwerke erhöhen Krebsrisiko nicht
Ein schwerer Schlag für die Kernkraftgegner ist die am 12.07.2011 veröffentlichte Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISMP) der Universität Bern. Sie kam zum Schluss, dass es keine Hinweise dafür gibt, dass in der Nähe von Atomkraftwerken wohnende Kinder ein erhöhtes Krebsrisiko haben. Die Forscher können weder ausschliessen, dass AKW das Leukämierisiko vermindern, noch dass sie das Risiko erhöhen. „Das Risiko einer kindlichen Krebserkrankung im Umkreis von Schweizer Kernanlagen unterscheidet sich kaum vom Risiko, welches auch weiter entfernt wohnende Kinder haben“, sagte Forschungsleiter Matthias Egger. Die beobachteten Abweichungen der einzelnen Gebiete seien so klein, dass sie am ehesten durch Zufall erklärt werden könnten.
 
Die Studie wurde vom Schweizer Medienmainstream nur marginal beachtet; die Deutschen widmeten ihr mehr Aufmerksamkeit. Denn 2007 hatte es dazu in Deutschland eine etwas abweichende Studie gegeben. Auch die Autoren dieser KiKK-Studie („Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kern-Kraftwerken“) hatten zwar keine gesicherten Aussagen über die Ursachen des vermehrten Auftretens von Krebserkrankungen bei den Kindern, die sie festgestellt haben wollten, gemacht. Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz betonte damals, „dass die Studie keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen dem Betrieb einer kerntechnischen Anlage und den erhöhten Leukämiefällen darstellt“. Schon vor der Publikation der Schweizer Ergebnisse hatten britische Forscher in ihrem „Comare“-Bericht die deutsche Studie nicht bestätigen können. Sie vermuten, dass ihren deutschen Kollegen methodische Fehler unterlaufen sind.
 
Umweltziele verfehlt
In den Kontext Energie und Umwelt gehört der Bericht „Umwelt Schweiz 2011“ des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK bzw. des Bundesamts für Statistik BFS www.statistik.admin.ch. Darin kann man nachlesen, dass bei den Kernthemen wie dem Klimawandel oder dem Erhalt der Biodiversität die Ziele bisher nicht erreicht werden konnten. „Die von der Schweiz im Rahmen des Kyoto-Protokolls eingegangene Verpflichtung, die Treibhausgasemissionen im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2012 um mindestens 8 % gegenüber 1990 zu reduzieren, wurde bisher nicht erfüllt. Hauptursache für die Treibhausgasemissionen ist die Verbrennung fossiler Energieträger. Zwischen 1990 und 2009 ist der Verbrauch von Erdölbrennstoffen um 23 % zurückgegangen. Der Verbrauch von Treibstoffen hingegen hat in derselben Periode um knapp 16 % und derjenige von Erdgas um rund 68 % zugenommen.“
 
Selbstverständlich wird der Kohlendioxidausstoss beim geplanten und bejubelten Kernenergieausstieg und dem vermehrten Einsatz fossiler Brennstoffe zur Stillung des Elektrizitätshungers noch vergrössert werden, das Kyoto-Protokoll wird komplett zur Makulatur. Wind- und Sonnenenergie haben annähernd vernachlässigbare Grössen; ihr Ausbau wird im allerbesten Fall den Verbrauchsanstieg decken können, besonders wenn die Elektromobilität noch gefördert werden sollte.
 
Lauter Pleiten
In der Energiepolitik zeichnet sich ein ähnliches Debakel wie in der Finanzpolitik vieler Staaten ab, die über ihre finanzielle Verhältnisse gelebt haben und leben, allen voran der unübertroffene Pleitestaat USA unter dem Scharfschützen und Liebhaber hinterhältiger Drohnenangriffe, die auch Zivilisten treffen, Barack Obama. Er baut in seinem Traumland das Sozialwesen verbal aus, verpulvert aber das Geld regelrecht in Kriegen und kann seine Versprechungen nicht mehr umsetzen, weil das Geld fehlt. Rund 70 Millionen Rentner, Behinderte, Veteranen und andere Bedürftige sind von monatlichen Hilfsschecks aus Washington abhängig. In unverminderter Siegerlaune trompetete Obama: „Ich kann nicht garantieren, dass diese Schecks am 3. August 2011 rausgehen.“ Die US-Staatsverschuldung erhöht sich täglich um 4 Milliarden Dollar, und dann wird die Schuldenobergrenze erreicht sein. „Es kann sein, dass dann einfach kein Geld mehr in der Kasse ist“, sagte der Alleskönner. He can: Selbstverständlich wird die Schuldenobergrenze einfach erhöht werden. Das Problem wird nicht gelöst, sondern einfach vergrössert; der Dollarzerfall kann weitergehen
 
Man kann daraus lernen, wie man auch Elektrizitätsdefizite beliebig erhöhen und durch Stromzukauf ausbügeln kann. Und es scheint, als es ob es insbesondere die Deutschen und die Schweizer kaum erwarten könnten, bis sie in den Genuss höherer Strompreise kommen. Wenigstens diese Hoffnung wird ihnen restlos erfüllt werden. Das US-Muster hat noch eine grosse Karriere vor sich.
 
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