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BLOG vom 19.07.2011


Frauenfussball-WM (3): „Prachtnelken“ besiegen die US-Girls
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Wir haben hier im Finale wirklich sehr gut gespielt, doch wir waren letztlich einfach nicht scharf genug.“
(Pia Sundhage, US-Nationaltrainerin)
*
„Die Amerikanerinnen hatten wirklich starke Angriffe (…) Es war für uns das erste Mal, dass wir so ein WM-Finale selbst auf dem Platz miterlebt haben. Deshalb konnten wir unser Spiel nicht so entfalten.“
(Norio Sasaki, Trainer der „Prachtnelken“)
*
Zuerst einmal: herzlichen Glückwunsch an die Japanerinnen zum WM-Titel.
 
Das war ein dramatisches Finale im Spiel um Platz 1 bei der Frauenfussball-WM am 17.07.2011 im Frankfurter Stadion. Es war ein glücklicher Sieg der „Prachtnelken“ („Nadeshiko“), wie die japanische Nationalmannschaft genannt wird, über die sieggewohnten US-Fussballerinnen. Die Mannschaft der USA hatte in der 1. Halbzeit hochkarätige Chancen, um Tore zu schiessen. Die erfolgverwöhnten und schusskräftigen US-Mädchen hatten jedoch das genaue Schiessen verlernt. Sie zielten nicht ins Tor, sondern trafen 3 Mal den Pfosten oder die Latte. Als es nach 120 Minuten (reguläre Spielzeit: 90 Minuten, 2 × 15 Minuten Verlängerung) 2:2 stand, wurden 5 Spielerinnen von jeder Mannschaft für das 11-Meter-Schiessen ausgesucht. Und da verloren die US-Girls ihre Nerven. Sie verschossen 3 Elfmeter; die nervenstarken Japanerinnen nur einen (Endergebnis 5:3, es wurden alle Tore gezählt!). Dann brach der Jubel los, die Prachtnelke wurden zum ersten Mal Weltmeister. Es war eine famose Leistung über den haushohen Favoriten USA. Was die japanische Mannschaft auszeichnete, war, dass sie niemals aufgab. Beeindruckend waren ihr Kurzpassspiel, ihre Laufleistung und der Kampfgeist, nachdem die Mannschaft der USA zweimal in Führung gegangen war.
 
Versteinerte Mienen der US-Girls
Bei der anschliessenden Siegerehrung blickten die US-Girls mit versteinerter Miene in die Gegend. Dies änderte sich auch nicht, als 2 Spielerinnen (Hope Solo, Abby Wambach) Pokale für ihre im Turnier gezeigten guten Leistungen überreicht bekamen. Besonders fiel mir das versteinerte Gesicht der Supertorfrau Hope Solo auf. Sie konnte die Niederlage nicht fassen, hatte wohl fest mit dem Weltmeistertitel gerechnet. Nur Amby Wambach zeigte ein Lächeln. Es war ein gequältes.
 
„Elf Samurai gegen den Tsunami“
Der japanische Trainer Norio Sasaki erinnerte an die leidgeprüften Menschen in seiner Heimat. Er bedankte sich für die Unterstützung. Der bescheidene Coach äusserte noch dies in einer Presskonferenz: „Wir haben heute unsere Schwachpunkte kennengelernt. Das sollte nun die Grundlage dafür sein, es bei den nächsten Olympischen Spielen besser zu machen.“
 
Lange Zeit wurde nicht über eine Prämie gesprochen. Für das Weiterkommen oder bei Erreichung des WM-Titels meinte eine Spielerin, vielleicht gebe es als Geschenk eine Uhr. Dann hatte sich der japanische Fussballverband erst vor dem Endspiel entschlossen, 13 000 Euro für jede Spielerin locker zu machen (zum Vergleich: jede deutsche Spielerin sollte für den WM-Titel 60 000 Euro als Prämie bekommen).
 
Für den japanischen Fussballverband kam der Titel völlig überraschend. Die Funktionäre hatten erst 2015 in Kanada (hier wird die nächste WM ausgetragen) mit einer solchen guten Leistung gerechnet.
 
Vor dem Spiel sagte die Champions-League-Siegerin Lara Dickenmann – sie gilt als die beste Schweizer Fussballerin –, wie in der „Basler Zeitung“ unter der Schlagzeile „Elf Samurai gegen den Tsunami“ nachzulesen war (www.bazonline.de): „Es wird schwierig für die Japanerinnen. Sie sind den Amis körperlich unterlegen. Sie können die physische Differenz aber mit anderen Qualitäten wettmachen.“  Die US-Spielerin Abby Wambach erklärte richtigerweise, es komme nicht auf die Grösse an, sondern auf die Taktik. Die US-Girls überragten die zierlichen Japanerinnen um 10 bis 20 cm.
 
Obwohl das WM-Endspiel um 3.45 Uhr Ortszeit angepfiffen wurde, waren viele Bars und Restaurants im Zentrum von Tokio überfüllt. Am frühen Morgen des 18.07.2011 war der Jubel in Japan grenzenlos. Tausende Japaner tanzten und sangen und umarmten sich auf Tokios Strassen. Nach der nuklearen Katastrophe, dem Erdbeben und dem verheerenden Tsunami hatte das Land endlich wieder einmal einen Grund zum Jubeln. „Das ist eine Chance, die nukleare Katastrophe und alles andere für eine Zeitlang zu vergessen“, bemerkte ein Fussballfan. Abby Wambach, Spielführerin des US-Teams, stellte Bemerkenswertes fest: „Japan hat durch die Fukushima-Katastrophe so viel gelitten. Das Land hat den WM-Sieg mehr gebraucht als wir. Er wird diesem Volk Hoffnung geben.“
 
Und welches waren die Worte der überragenden Homare Sawa, die als beste WM-Spielerin und Torschützin (5 Treffer) ausgezeichnet wurde? Die Spielführerin brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass sie und ihr Team den Landsleuten nach all dem Leid etwas Freude bereiten konnte. Sawas Mutter sagte zum Sender Fuji: „Ich habe gefühlt, dass in diesen grossen Momenten ganz Japan gelächelt hat.“
 
Auch wir waren froh, dass Japan den WM-Titel sich erspielt hat. Wir waren alle von der  Spielweise der Japaner überrascht, die wirklich ein modernes und begeisterndes Fussballspiel zelebrierten. Sicherlich werden die Spielerinnen in Japan wie Heldinnen empfangen werden.
 
WM-Bilanz auf einen Blick
Obwohl die deutsche Mannschaft frühzeitig ausgeschieden war (ausgerechnet im Spiel gegen Japan, das in der Verlängerung 1:0 verloren wurde), hielt die Begeisterung in den meist vollen Stadien an. Auch die Fernsehgucker kamen auf ihre Kosten. Noch nie wurden so viele Zuseher gezählt wie bei der Frauenfussball-WM. Bis zu 18 Millionen Fernsehzuschauer waren bei den Spielen der Deutschen präsent (das Endspiel sahen in Deutschland noch 15 Millionen). Es handelt sich also, wie in der Online-Ausgabe des Spiegels (www.spiegel.de) zu lesen war, keinesfalls um eine Randsportart.
 
Nur in der Vorrunde zeigten sich spielerische Mängel bei den Torhüterinnen und im Besonderen bei den Schiedsrichterinnen. Das änderte sich jedoch erfreulicherweise bei den folgenden Spielen.
 
Ob die Begeisterung nach der WM anhält, ist vielleicht zu bezweifeln. In der Bundesliga der Frauen gibt es nur wenige Spitzenmannschaften. Das Leistungsniveau ist zu unterschiedlich, und die Zuschauerpräsenz bei den Spielen bescheiden. Fernsehübertragungen sind nur bei Pokalspielen vorgesehen. Die Fernsehanstalten (ARD, ZDF) gaben bekannt, sie würden nach der WM keine Spiele von der Frauenbundesliga übertragen. Warum eigentlich nicht? Die Anstalten übertragen sonst oft jeden „Mist“.
 
Vielleicht entscheiden sich jetzt vermehrt Mädchen und junge Frauen für den Fussball. Es bleibt zu hoffen, dass Schulprojekte und Aktivitäten von Vereinen einen Schub bringen werden.
 
Für mich war der Frauenfussball bei dieser WM wirklich sehenswert. Vorher hatte ich mit der Kickereien der Frauen wenig am Hut. Ich werde in Zukunft den weiteren Weg der Nationalmannschaft und Vereinsmannschaften aufmerksam verfolgen.
 
 
Internet
www.spiegel.de (mit Material von dapd und sid)
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Sport
23.05.2005: „Hopp Gigi Oeri!“ Der Fussball und die nationale Identität
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