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BLOG vom 22.07.2011


Blaues Wunder: Warum der Blausee so blau, blau, blau blüht
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Jedermann weiss, dass Wasser farblos ist. Wenn aber dennoch einmal blaues Wasser aus dem Hahn kommen sollte, würde ich das Wasserwerk benachrichtigen, weil das ein Indiz für eine gravierende Verschmutzung wäre. Aber wieso sind denn die Seen und Meere blau? Man sagt, der blaue Himmel spiegle sich in ihnen. Eine andere Frage so nebenbei: Wieso ist der Himmel bei sonnigem Wetter blau, wenn die Luft doch farblos ist?
 
Am Blausee, der seinen Namen von der besonders intensiv blauen Farbe hat, ist es möglich, das Phänomen Blau zu ergründen. Der bekannte See befindet sich im oberen Teil des Kandertals im Berner Oberland, zwischen Frutigen und Kandersteg, 4 km nördlich von Kandersteg und nur 27 Meter von der Kander entfernt. An der Strasse zum oder vom alten, 100-jährigen Lötschberg-Bahntunnel zwischen Kandersteg BE und Goppenstein VS weist ein Wegweiser zu einem ausladenden Parkplatz unterhalb der Elsighorn-Felswand, die fast senkrecht aufsteigt. In einem Kioskgebäude kann man die Eintrittsgebühr von 5 CHF begleichen, Souvenirs kaufen und dann zum See spazieren, den man nach ein paar Minuten erreicht.
 
Felssturz-Folgen
Der romantische Weg zum See schlängelt sich an grossen Felsbrocken vorbei durch einen feuchten, bemoosten Wald mit Nadel- und Laubbäumen, Einschnitten und unförmigen Aufhäufungen von Ablagerungsmaterial, ein Schaustück urwüchsiger Natur. Das ist genau jene Umgebung, die mythologische Fabelwesen wie Elfen und andere Naturgeister zu schätzen wissen. Aus einigen nicht mit Moos überwachsenen Steinen schauen sie die Wanderer an; überall sind Gesichter zu erkennen.
 
Die grösseren und kleineren Felstrümmer sind Erinnerungsstücke an den Felssturz vom Fisistock, der sich vor etwa 15 000 Jahren ereignete und der die Ursache für die Blausee- und auch die Oeschinensee-Entstehung ist. Zu jener Zeit war der Kandersteg-Talkessel von einer Gletscherzunge zugedeckt. Beim Bergsturz rissen die Felsmassen viele Teile des Eises los und vermengten sich mit ihm. Nach der Eisschmelze kamen Löcher und Hohlformen zum Vorschein; von Hohlformen spricht man im Gegensatz zu Tälern immer dann, wenn sie nicht durch die Erosionstätigkeit des Wassers entstanden sind; die Bezeichnung wechselt also je nach den Entstehungsbedingungen. Einige Hohlformen wurden durch die Mitbringsel der Bäche eingeebnet, andere blieben bestehen, so auch die Wanne des blauen Blausees.
 
Erklärung für das unerklärliche Blau
Auf der Suche nach einer Erklärung für das ausgeprägte Blau hilft die Sage weiter: Vor langer Zeit (Märchen und Sagen drücken sich immer um genaue Zeitangaben herum) waren häufig eine hübsche Magd und ein junger Hirte an diesem See, wenn das Mondlicht mit den Tannenwipfeln und dem spiegelnden Wasser spielte. Das Liebespaar bestieg einen Kahn und gab sich seinem Glück hin. Eines Tages verunglückte der Hirt, der mit einer Bürde Heu ins Tal stieg; er fiel über eine Felswand. Seine Geliebte war untröstlich. Die Magd ruderte oft zur mitternächtlichen Stunde auf den See hinaus und liess auf dem Kahn ihrem Schmerz freien Lauf. Laut Ogi habe sie geweint, in der Berner Oberländer Mundart: „briegget, grännet, brüelet“ – bis sie, von ihrem unermesslichen Leid besiegt, kraftlos dahintrieb und beim ihrem Versuch, das Wasser der Vergessenheit zu trinken, die kühlen Fluten ihren Schmerz für immer auslöschten. Eines traurigen Morgens fand man das Schiff und die Magd auf dem Grund des Sees, der nur etwa 6 bis 10 °C warm ist. Das Wasser, bis anhin farblos, war tiefblau geworden. Und die Leute wussten warum: Es waren die Tränen der jungen Frau, die ihren blauen Augen entquollen waren.
 
Eine zusätzliche Glaubwürdigkeit der Sage vermittelt eine lebensgrosse Statue der Magd im See, die vom Glattfelder Künstler Raffael Fuchs 1998 geschaffen wurde. Sie hat etwas Patina angesetzt und könnte wieder einmal ein kräftiges Bürsten ertragen. Auch viele Baumstämme liegen seit Hunderten von Jahren kreuz und quer im Wasser, sind dort konserviert.
 
Die traurige Geschichte erzählte uns am 16.07.2011 der Bootsführer Markus Ogi (70) auf seinem Kahn, der zusammen mit alt Bundesrat Adolf Ogi in die Schule ging, mit diesem aber nicht verwandt ist. Markus Ogi war 40 Jahre lang Briefträger in Kandersteg und verbreitet nun als rudernder Bootsführer weiterhin Botschaften auf dem kleinen See, diesmal mündlich und beim Rudern. Er berichtete beim betont langsamen Dahingleiten davon, dass der Blausee in den Grundwasserstrom des Kandertals eingesenkt ist, das heisst: Zu-und Abfluss sind unterirdisch. Die Durchlaufmenge ist so gross, dass die Erneuerungszeit der 21 500 Kubikmeter Wasser in dem bis 10 (nach verschiedenen Quellen: 12) Meter tiefen See nur 45 Stunden beträgt. Die Quellwassermenge schwankt mit der Wasserführung der Kander. Im Winter friert der See nie zu.
 
Ogi sprach von einem mesotrophen See; so ist es auch in der Literatur vermerkt. Wahrscheinlich ist dieses kleine Gewässer wegen der ausserordentlich geringen organischen Produktion und des klaren Wassers nahe beim Prädikat oligotroph, also bei der obersten Stufe des Trophiesystems, mit dem die Limnologen die Stillgewässer rangieren. Nur gerade die Armleuchteralge (Chara contraria) konnte festgestellt werden. Im See leben etwa 400 Regenbogenforellen, die selbstverständlich eingesetzt wurden und als schnellwüchsige Fische gefüttert werden müssen; das kristallklare Wasser besitzt kaum Nährstoffe. Ob die Möglichkeit zum Fischen für jedermann jeweils im Oktober eine gute Idee ist, wage ich lebhaft zu bezweifeln. Um Fische sorgfältig von der Angel zu lösen und schonend zu töten, ist doch einiges an Können vonnöten. Das Fischerpatent kostet 100 CHF für 1 Tag, wozu dann noch 21 CHF pro kg gefangene Fische gezählt werden.
 
Die Auflösung
Man kann sie für „Forelle blau“ verwenden. Und so soll denn das Blau-Geheimnis nach all der sagenhaften Schöngeisterei endlich mit Sachkunde gelüftet werden.
 
Im klaren, reinen Seewasser verbirgt sich das Geheimnis für das Azurblau: Es absorbiert nur den blauen Anteil des Sonnenlichts, das bekanntlich alle Farben des Spektrums enthält. Ein Teil des blauen Lichts wird von den Wassermolekülen gestreut. Von der Vorstellung, es handle sich einfach um eine Spiegelung des Himmelblaus, muss man sich weitgehend verabschieden, auch wenn die Lichtreflexion der bewachsenen Uferhänge und des Himmels einen kleinen Anteil daran haben mögen.
 
Fischzucht und -mast
Auf einer tiefer gelegenen Talstufe wird das Blauseewasser für eine ausgedehnte Regenbogenforellenzucht und -mast verwertet. Die Weiher, in die mit Springbrunnen und sich schnell drehenden Schaufelrädern Sauerstoff eingeschwungen wird, sind angenehm angelegt. Dicke Regenbogenforellen parodierter in geordneten Formationen; knapp unter der Wasseroberfläche schwamm eine kränkelnde Forelle. Wieso wurde sie nicht erlöst? Die Fischmast erfolgt nach biologischen Grundsätzen („Knospe“-Label). Auch Lachsforellen (als Blauseeforellen bezeichnet) werden aufgefüttert. Das sind gezüchtete, besonders grosse Regenbogenforellen (Oncorhynchus mykiss), deren Futter wahrscheinlich mit dem aus Algen gewonnenen lachsfarbenen Astaxanthin versetzt wird – künstliche Farbstoffe sind nicht gestattet. Die Fische ihrerseits werden im Restaurant über dem Blauseeufer gleich zu kulinarischen Leckerbissen verwandelt.
 
Ausstrahlungen im Blausee-Restaurant
Brigitte Pulfer, die Pflanzenmythologin und Kräuterfrau vom Meielsgrund (oberhalb von Gstaad/Saanen BE), und ihr Partner Alfred („Fredy „) Stäger hatten uns zusammen mit den liebenswürdigen Familienangehörigen und weiteren Bekannten zum Geburtstagsfest „70 Jahre Brigitte“ zum Blausee-Ausflug eingeladen. Im familiären Kreis verbreitete sich jene anregende Herzlichkeit, mit der Brigitte alle Lebewesen – Menschen, Tiere und Pflanzen – in einem reichen Masse jederzeit beschenkt. In ihrer Nähe ist eine ausgesprochen warme Aura zu spüren.
 
Mit Blick auf den kleinen See, zu den Tannen, Buchen und zu den abschliessenden Felswänden wurde zu einem frischen Blattsalat geräuchertes Lachsforellenfilet und eine Mousse aus einer ebenfalls geräucherten Forelle aufgetragen. Den Übergang zum Hauptgang markierte ein Tomatensorbet mit frischem Basilikum, das mit einem weissen Balsamico-Essig eine angenehme süss-säuerliche Dimension erhielt und mit Cayennepfeffer kräftig gewürzt war. Dann folgten das Bio-Rindroastbeef und eine luftige Sauce Bernaise, deren Name nichts mit dem Kanton Bern zu tun hat, in dem wir uns ja gerade befanden, sondern mit der alten französischen Provinz Béarn am Fuss der Pyrenäen, aus welcher der Saucenkreateur stammte. Dennoch passte sie. Und das ebenfalls hausgemachte Gratin Dauphinois, saftig und knusprig überbacken, darf gelobt werden. Eine Entdeckung war für mich der Wein Les Bartelles 2008 (Mas du Soleilla) aus Syrah- und Grenache-Noir-Trauben mit einem Anklang an Beerendüfte, der mit seinem rot-violetten Aussehen das Blauseeblau noch wesentlich übertraf und eine Erinnerung an Kleinholzfässer mitbrachte. Seinen Ruf als bester Languedoc-Wein hat er aus guten Gründen. Fredy bewies damit seine Kennerschaft, auch bei der Wahl des einleitenden Weissen Bergerie de L’Hortus Classic 2008 (Domaine de L’Hortus).
 
Eine Panna cotta mit frischen Beeren im knusprigen Hüppenkorb gewährte abschliessend noch einen kulinarischen Blick über die Alpen nach Italien.
 
Rund um den See
Ein Rundgang um den See bei strahlendem Sonnenschein diente nicht allein als Verdauungshilfe, sondern war ein angenehmes Erlebnis, das die Landschaft aus allen Blickwinkeln vorführte. Gewiss, die Blausee-Umgebung ist trotz des Naturschutzes touristisch hergerichtet, auch mit Feuerstellen und Spielanlagen für die Kinder. Und die Frage, wie viel an Möblierung die Natur erträgt, bevor sie zum Zivilisationsbrei wird, bleibt unbeantwortet. Der Blausee ist seit 1864, als ihn der Zürcher Handelsmann Johann Caspar Leemann-Boller vom Frutiger Landhauswirt Johann Reichen-Bhend erworben hat, zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden. Dann wechselten die Eigentümer mehrmals. 1978 hat die im Bern ansässige Hess Group (mit der ich keine verwandtschaftlichen Beziehungen habe) die Blausee AG übernommen, das Hotel renoviert und später die Fischzucht dort angegliedert, wo einst ein Schwimmbad für Menschen war.
 
Damit habe ich das Pulver der Erkenntnisse, das ich am festlich-beschwingten Pulfer-Tag gesammelt und nicht etwa erfunden habe, nun verschossen. Dabei gefällt mit das mit F geschriebene Pulfer weit besser, weil es sich für Schiesszwecke schon gar nicht eignet, dafür die Welt im schönsten Azur- oder Himmelblau erstrahlen lässt.
 
*
Hinweise
Am Blausee führen verschiedene Wanderrouten vorbei, so jener durch das Kandertal von Frutigen bis Kandersteg. Auf der Nordrampe gelangt man ins Kiental. Ein Lötschberger Erlebnispfad erzählt Bahngeschichten. Und ein Wanderweg führt hinauf zu den Ruinen der Felsenburg (etwa 30 Minuten vom Blausee-Parkplatz aus).
 
Quelle
Jubiläumsbüchlein „125 Jahre Blausee. Geschichte, Entstehung, Legenden, Informationen und Kuriositäten rund um den Blausee“. www.blausee.ch
 
Hinweis auf ein Blog über eine weitere Begegnung mit Brigitte Pulfer
13.09.2008: Saanenland (3): Brigitte Pulfer, Kräuterfrau vom Meielsgrund
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