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BLOG vom 30.07.2011


Botanisches (3): Kräuter machen den Frauen schöne Augen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 23.07.2011 lud mich Wanderfreund Toni von Lörrach zu einer Vorwanderung in der Nähe von Todtnau (Wiesental) ein. Er wollte den genauen Hin- und Rückweg von Hasbach, das sich oberhalb von Aftersteg befindet, zur Almwirtschaft Knöpflesbrunnen (1100 m ü. M.) erkunden, um im Herbst eine Lörracher Wandergruppe zu führen. Da wir nur zu Zweit waren und Zeit hatten, konnte ich die Pflanzen am Wegesrand genauer inspizieren. Und da gab es wiederum Neues zu entdecken.
 
Überwucherung durch den Adlerfarn
Die Offenhaltung der Landschaft ist besonders im Wiesental (Kreis Lörrach) ein zähes Ringen. Dort macht sich der Adlerfarn (Pteridium aquilinium) auf Lichtungen der Wälder, in Waldnähe und auch auf Hängen breit. Der Adlerfarn ist nämlich ein „Vorbote des Waldes und ein natürlicher Feind der Weiden“, wie Robert Bergmann in einer Publikation darlegte. Während unserer Wanderung sahen wir riesige Flächen, die von dieser potenten Pflanze überwuchert waren. An anderen Stellen oberhalb von Weiden waren die Pflanzen umgeknickt. Hier war wahrscheinlich ein Landwirt am Werk. Andernorts kommt auch ein zitronengelbes Kettenfahrzeug − „Mullag“ genannt − zum Einsatz. Diese Mulchmaschine zermahlt in Sekundenschnelle den Farn zu Brei.
 
Es ist klar, dass die „Teilzeit-Landwirte“ im Wiesental etwas gegen den Farnbewuchs ihrer Weiden haben. Der Farn hat auch unangenehme Eigenschaften, er ist giftig und wird vom Vieh auch gemieden.
 
Frank Hiepe schrieb mir in einer E-Mail vom 24.07.2011, dass er das Problem mit dem Adlerfarn schon lange kenne. Während seiner Zeit als Stadtrat von Zell im Wiesental hatte er immer einen Kampf mit einem Verantwortlichen von der Weideinspektion auszufechten. Damals war noch kein Mullag im Einsatz. Der Inspektor wollte nämlich giftige Biozide spritzen, die den Farn für einige Jahre beseitigt hätten. Wegen der Nähe zu Quellen wurde dieses Vorhaben damals nicht ausgeführt.
 
Die Schwarze Königskerze
Ab und zu sahen wir am Wegesrand die Blütentrauben der Schwarzen Königskerze (Verbascum nigrum) aufragen. Diese Art wird nicht arzneilich genutzt. Wer die Pflanze genau betrachtet, wird sich wundern, dass er nichts Schwarzes sieht. Die Blüten sind nämlich gelb und haben purpurviolette Wollhaare, die die Staubfäden bedecken. Vielleicht entstand der Name, weil die Blätter besonders dunkelgrün erscheinen.
 
In den Wäldern des südlichen Schwarzwaldes ist das Fuchs-Kreuzkraut (Senecio fuchsii) häufig vertreten. Die hochgewachsene Pflanze hat einzelne Körbchen mit 5 bis 7 Zungenblüten. Die Blätter sind eilanzettlich, spitz gesägt. Die Pflanze wurde zu Ehren des Tübinger Botanikers und Heilpflanzenautors Leonhard Fuchs (1501‒1565) mit seinem Namen geschmückt.
 
In den Wäldern am Weg sahen wir auf dieser Wanderung eine Pflanze mit vielen weissen Dolden. Die strahlenförmig angeordneten Dolden bestehen aus 20 bis 40 Döldchen.
 
Dank des Bestimmungsbuchs „Was blüht denn da?“ hatte ich diese auffällige und hochgewachsene Pflanze schnell identifiziert. Es handelte sich um die Wald-Brustwurz bzw. Wald Engelwurz (Angelica sylvestris). Die Pflanze enthält ätherische Öle und Furocumarine. Die Stoffe wirken in höherer Dosierung giftig. Wenn der Pflanzensaft auf die Haut kommt, entstehen bei Lichteinfluss Entzündungen.
 
Giftiges im Wald
Wer kennt ihn nicht, den Roten Fingerhut (Digitalis purpurea) mit seinen purpurroten, innen rotfleckigen Blüten (selten weissgefleckte purpurfarbene Blüten). Er ist im Schwarzwald zuhause. Die Pflanzen sieht man des Öfteren in lichten Laub-, Mischwäldern, an Waldrändern und als Zierpflanze auch in Gärten.
 
Achtung! Der Fingerhut ist giftig. Er enthält stark herzwirksame Verbindungen (Digitalisglykoside). Eine Selbstbehandlung ist strengstens verboten.
 
Der Therapeut verordnet Digitaliswirkstoffe in geringer Dosierung bei Herzmuskelschwäche.
 
Vergiftungserscheinungen: Vergiftungen kommen zum Glück selten vor, da die Pflanzenteile sehr bitter schmecken. Vergiftungserscheinungen sind Übelkeit, Erbrechen, Herzrhythmusstörungen, Delirium, Halluzinationen.
 
Erste Hilfe/Therapie: Erbrechen auslösen, Gabe von medizinischer Kohle, Magenspülung. Bei Vergiftungen immer den Therapeuten aufsuchen!
 
Vitamin C im Trauben-Holunder
Sehr schön anzusehen sind die in Trauben angeordneten Früchte des Trauben-Holunders bzw. Roten Holunders (Sambucus racemosa). Diese Art sehen wir häufig in Laub- und Mischwäldern, am Rande von Lichtungen und Gebüschen.
 
Die Beeren enthalten Beta-Karotin und 25 bis 65 mg Vitamin C pro 100 g Frischgewicht. Die Beeren sind essbar. Aber Achtung! Die Kerne in den Beeren sind leicht giftig. Sie werden bei der Marmeladenherstellung entfernt.
 
Die Kräuterfrau Maria Finsterlin aus Holzinshaus (Ortsteil von Aitern, Kreis Lörrach) empfiehlt den Saft des roten Holunders bei Keuchhusten. Gemischt mit Himbeersaft schmeckt dieser besonders gut.
 
Zur Herstellung des schwarzen Holundersaftes (gilt auch für die rote Art) geht sie so vor: Holunderbeeren waschen, zerdrücken und ohne Wasserzufuhr kurz aufkochen, durch ein Sieb pressen. Die Kerne wegwerfen. Den Saft mit Zucker kurz aufkochen und heiss in Flaschen füllen. Der Saft eignet sich hervorragend bei chronischen Katarrhen der Luftwege. Frau Finsterlin empfahl einer Bauersfrau, die unter einer verschleppten Bronchitis litt, diesen Saft. Nach 2 Wochen hatte sie keine Beschwerden mehr.
 
Kraut hilft Frauen und heilt Wunden
Um welche Heilpflanze handelt es sich hier? Es ist die Schafgarbe (Achillea millefolium), die bei uns reichlich an Wegrändern und auf Wiesen wächst. Wenn man eine kleine Blüte abzupft, diese zerreibt, dann strömt ein unverwechselbarer aromatischer Duft in die Nase.
 
Der homerische Held Achilles, der bis auf eine Ferse, eben der „Achillesferse“, unverwundbar war, soll die Heilkraft der Schafgarbe bei Verwundungen erprobt haben. Eines Tages verletzte er den König von Mysien, Telephos, durch einen Lanzenstich. Er bereute die Tat, denn er benötigte den König als Führer auf dem Weg nach Troja. Die Göttin Aphrodite riet ihm, die Wunde mit Schafgarbe zu behandeln. Die Wirkung war verblüffend. Der König genas und zog mit Achilles in den Trojanischen Krieg. Später wurde Achilles von Paris, dessen Pfeil Apoll lenkte, tödlich in der Ferse verwundet. Die weinende Aphrodite soll dem sterbenden Helden Schafgarbe auf die Wunde gelegt haben, um die Schmerzen zu lindern.
 
In mittelalterlichen Kräuterbüchern steht die blutstillende Wirkung im Vordergrund. Gelobt wird die Schafgarbe auch als ein Mittel gegen Durchfall, Blutspucken, Blutergüsse, Geschwüre, Hämorrhoidalblutungen und eiternde Wunden. Erst später kam die Verwendung bei Menstruationsbeschwerden dazu.
 
Die in der Schafgarbe vorhandenen Stoffe wirken entzündungshemmend, krampflösend und antibiotisch auf verschiedene Bakterien, ausserdem fördern die Bestandteile die Gallensekretion.
 
Innerliche Anwendung (Tinktur, Tee, Pflanzensaft): Menstruationsbeschwerden, Wechseljahrbeschwerden, Krampfadern, Hämorrhoidalblutungen, Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Entzündungen, Blähungen und Krämpfe; Appetitlosigkeit.
 
Äusserliche Anwendung (Tee, Tinktur): Umschläge und Spülungen bei Haut- und Schleimhautentzündungen, Ekzeme.
 
Shampoos: fette Haare, übermässige Schuppenbildung
Bäder: Ekzeme, Afterrisse, Beschwerden im weiblichen Unterleib.
Gesichtsdampfbad: fette, unreine Haut, geplatzte Äderchen im Gesicht.
 
Nicht nur eine Einschlafhilfe
Hier noch eine nette Geschichte über den Volksbrauch und Volksglauben:
 
Unsere Altvorderen hatten ein probates Einschlafmittel. Sie legten ihren unruhigen Kindern die duftenden und leicht beruhigend wirkenden Schafgarbenblüten auf die geschlossenen Augen. Auch junge Mädchen machten dies, aber nicht als Einschlafhilfe, nein, sie wollten ihren Geliebten im Traum sehen. Diese Geschichte präsentierte ich 1996 bei den Fernsehaufnahmen mit den beliebten Schauspielerinnen Ursula Cantieni und Anne von Linstow aus der Serie „Die Fallers – eine Schwarzwaldfamilie“. Frank Hiepe und ich wurden damals als Autoren des Heilpflanzenbuches „Arnika und Tausendguldenkraut“ eingeladen. Der Film wurde im Rahmen der Sendung „Wandern um den Fallerhof“ (SDR, SWF) in den dritten Fernsehprogrammen bundesweit gesendet.
 
Macht schöne Augen
Wenn ich den Augentrost (Euphrasia officinalis) oder den Wiesen-Augentrost bzw. Gemeinen Augentrost (Euphrasia roskoviana) erblicke, komme ich unweigerlich ins Schwärmen. Die Pflanze ist zwar kleinwüchsig und auf den ersten Blick unscheinbar. Bei näherer Betrachtung fasziniert die Blüte mit der dreilappigen, violett gestreiften und gelb gefleckten Unterlippe. Ein herrlicher Anblick. Fotografen müssen unweigerlich in die Knie gehen, um die Pflanze abzulichten. Beide Arten werden in der Heilkunde verwendet.
 
Der Augentrost ist ein Halbschmarotzer. Mit seinen Saugwurzeln zapft er die Wurzeln von Gräsern an und stibitzt Nährstoffe. So kann man auch leben.
 
Schon Sebastian Kneipp schätzte den Augentrost. Er schrieb in seinem Buch „Meine Wasserkur“ Folgendes: „Zum Lohn und aus Dankbarkeit für treue Dienste haben unsere Voreltern diesem kleinen Kräutchen den schönen Namen Augentrost gegeben. Wenn oft kein Mittel mehr helfen wollte, spendete dieses Blümchen den Augen den letzten Trost. Ich habe dasselbe schon recht häufig gerathen und mit guten Erfolgen.“
 
Der Augentrost-Tee ist in der Tat ein gutes Mittel bei Bindehautentzündung, Lidrandentzündung und Gerstenkorn. Aber auch für die Schönheit wurde der Augentrost entdeckt. Eine Augenfältchencreme des Handels pflegt die durch das tägliche Augen-Make-up strapazierte, zu vorzeitiger Fältchenbildung neigende Haut der empfindlichen Augenpartien.
 
Achtung! Keine Selbstbehandlung durch Augenbäder (Infektionsgefahr), nur Auflagen auf das geschlossene Auge. Bei Augenbindehautentzündung sollte man einen Therapeuten aufsuchen.
 
Der Augentrost ist eines der besten homöopathischen Augenmittel. Entsprechende Zubereitungen kommen sowohl innerlich wie äusserlich bei Augenentzündungen zum Einsatz (Euphrasia).
 
Die Pflanze wird auch Öhmdfresser oder Milchdieb genannt. Diese Namensgebung wurde geboren, weil der Halbschmarotzer das Gras nicht so gut wachsen lässt. Dies beobachtete ich auch bei dieser Wanderung. Auf den Wiesen oberhalb von Hasbach waren Zonen im Durchmesser von mehreren Metern, die mit Augentrost bewachsen waren. Da war der Graswuchs sehr kümmerlich.
 
Köstliche Himbeeren und Pilze
Während unserer Wanderung entdeckten wir am Wegesrand immer wieder Himbeersträucher mit gut schmeckenden Beeren. Da konnten wir den aufkommenden Durst stillen.
 
Auf dem Rückweg konnte unser Pilzfreund Toni kleine Pfifferlinge und ein Exemplar des Parasolpilzes, der ein exzellenter Speisepilz ist, in seinen Rucksack packen. „Der wird heute Abend in die Pfanne gehauen“, erklärte Toni freudestrahlend. Nach der ersten Entdeckung des Parasolpilzes sah ich mich nach weiteren Pilzen um. Auf einer abschüssigen Weide, die mit einem Elektrozaun gesichert war, sah ich 3 schöne Exemplare. Diese Pilze liessen wir stehen, da wir auf keinen Fall einen elektrischen Schlag bekommen und auch den mühevollen Abstieg nicht machen wollten.
 
Ein schöner Nachmittag mit besten Eindrücken fand bald darauf seinen Abschluss.
 
Internet
www.freiburg-schwarzwald.de/froehnd1.htm (Infos über den Adlerfarn)
 
Literatur
Aichele, Dietmar: „Was blüht denn da?“, Kosmos Verlag, Stutttgart 1991.
Grau, Jung, Münker: „Beeren, Wildgemüse, Heilkräuter“, Mosaik Verlag, München 1983.
Kneipp, Sebastian: „Meine Wasserkur“, Verlag Josef Kösel, Kempten 1894.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, IPa-Verlag, Vaihingen/Enz 2002.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Tausendguldenkraut“, Eigenverlag 1996.
 
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