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BLOG vom 09.08.2011


Der Fall London: Folgen einer zersplitterten Gesellschaft
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Was auf London zutrifft, gilt auch für andere Grossstädte, wie ich das immer wieder auf meinen Geschäftsreisen kreuz und quer durch Europa feststellen konnte.
 
Entwurzelte Immigranten und Flüchtlinge aus aller Welt suchten und suchen weiterhin ihr Asyl in London. Sie finden sich in eine Grossstadt versetzt, die ihnen fremd ist. Sie bleiben grösstenteils entwurzelt und können sich weder in die Gesellschaft einfinden noch eingliedern. Sie scharen sich in Gettos zusammen und leben von ihrer Umwelt abgekapselt, wie einst die Juden in ihren Vierteln, die nach wie vor (im beschränkten Ausmass) in London so gut wie in Rotterdam weiter bestehen. Nur fiel es den Juden leichter, den Anschluss etappenweise – beruflich und akademisch – im Gastland zu finden, dessen Bürger sie wurden.
 
Genau dieser Anpassungsprozess öffnet heute vielen Nachkommen der Immigranten aus Pakistan und Indien in der 2. Generation die Türen, das heisst das goldene Tor, etwa zu gehobenen Stellen als Anwälte, Ärzte usf. Dank ihres Geburtsrechts in England erhalten sie den britischen Pass. Damit können sie auch in der Politik des Landes mithalten und gewinnen Einfluss auf lokaler und nationaler Ebene. Sie gehören zu den Privilegierten. Wie aus der Geschichte nachweisbar, haben zuvor auch die Hugenotten Status und Ansehen erlangt.
 
Aber die heutige Flut von Einwanderern kann das Land mit dem besten Willen nicht mehr verkraften. Zwar sichert ihnen die öffentliche Wohlfahrt Wohnungen zu und unterstützt sie mit finanziellen Zuschüssen aller Art – und auch die kürzliche Kampagne „Fundraising for the dispossessed“ (Spenden für die „Enteigneten“) sicherte einen erklecklichen Beitrag aus privater Seite für die Notleidenden im Land – doch dies alles hilft der Assimilierung der Einwanderer nicht voran.
 
Was löste die Kettenreaktion von Krawallen der Jugendlichen in Englands Grossstädten aus, verbunden mit Raubzügen in Läden und Brandstiftungen? Diese Frage lässt sich nicht in einem kurzen Essay ergründen, denn sie tief- und mehrschichtig in der Gesellschaft verankert, will besagen: begraben. Diese unangepassten Jugendlichen sind von der Gesellschaft geächtet und ausgeschlossen. Sie sind im wahrsten Sinne heimatslos und rächen sich furchtbar, ohne sich ihrer Racheakte bewusst zu sein. Ihre Aggressivität steigert sich ins Unerträgliche und manifestiert sich brutal, wie aus den schaurigen Krawallfilmen ersichtlich ist.
 
Vernachlässigt von Eltern und Schulen lungern sie in den Strassen umher und bilden „Gangs“ (Banden), die sich gegenseitig oft mit blutigen und tödlichen Folgen bekämpfen. Jetzt haben sie erfasst, wie sie die Wirksamkeit der Polizei verzetteln können – vergleichbar mit der Taliban-Taktik.
 
Was wird das Ergebnis der heutigen „Cobra“-Sitzung in London sein? Wasserkanonen, Armeeeinsatz, Ausgangssperre? Solch drakonische Massnahmen werden versagen. Die Jugendlichen verständigen sich heute über die Elektronik. Somit sind sie enorm mobil geworden und mobilisieren sich schlagartig – ja schlagartig durch neue Attentate, die sich niemand noch vor einer Woche hätte vorstellen können.
 
Hinzu kommen schroffe ethnische und religiöse Gegensätze, die den Fanatismus aufwirbeln und die Gesellschaft noch ausgeprägter zersplittern.
 
Vorderhand gilt es, den Schutt ihrer Zerstörungswut zu beseitigen. Viele rechtschaffene Volontäre werden dabei mithelfen. Das mag den jugendlichen Banditen zeigen, dass sie nichts gegen die Bevölkerung ausrichten können, denn diese Bevölkerung umschliesst ebenfalls – umarmt bin ich geneigt zu sagen – ethnische und religiöse Gegensätze, die miteinander auskommen. Auch hier gibt es viele positive Beispiele aus der Geschichte, selbst im Nahen Osten. Das ist das einzige Heilrezept, das ich erkennen kann. Aber bis dieses Rezept wirksam wird, braucht es Zeit. Ausser den hartgesottenen Kriminellen werden dann mehr und mehr Mitläufer einsehen, dass ihr Ziel in den Abgrund führt. Vielleicht werden die Randalierer diese späte Einsicht gewinnen, um den Weg zur Gesellschaft zu finden. Ansonsten reihen sie sich bei den Verlierern ein. Aber dazu braucht es eine zielstrebige Politik, welche das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Ob Politiker dazu fähig sind, bleibt fraglich.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über die Londoner Unruhen
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