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BLOG vom 25.08.2011


Paris (2): Zu Fuss unterwegs. Mena, unsere Reiseleiterin
Autorin: Rita Lorenzetti, CH-8048 Zürich
 
„Wie sollen Eure Tage aussehen?“, fragte Felicitas nach unserer Ankunft. Mena notierte unsere Vorstellungen und die Wünsche der Kinder rechtsseitig auf einem grossen Papier. Der übrige Platz wurde in 9 Felder für 9 Tagebucheintragungen eingeteilt. Über Wünsche und Erfüllung sollten wir jederzeit Klarheit haben.
 
Die Kinder wünschten ein Picknick in einem Park, einen gemeinsamen Kinobesuch und ein Abendessen im Restaurant. Auch unsere Vorgaben wurden notiert. Wichtig für mich: Dass ich Felicitas endlich einmal „mein“ Quartier zeigen könne. Den Arbeitsort an der Rue de Vaugirard und den Wohnort an der Rue Saint Placide. Von den Kindern wünschte ich mir speziell, dass sie uns das zeigen können, was ihnen in ihrer Stadt gefällt.
 
Einmal haben wir die 9-jährige Mena als Stadtführerin engagiert. Sie begleitete uns zu Fuss von ihrem Zuhause im Umfeld der Metrostation Abbesses über Place Blanche zur Kirche Trinité und dem vorgelagerten Spielplatz, wo sie sich als kleines Kind gern vergnügte. Darauf wies sie hin. Sie war besorgt, dass wir die Strassen korrekt überquerten und schaltete an jedem Fussgängerübergang die Glocke für Blinde ein, die dann läutete, wenn die Ampel auf Grün schaltete. Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht, auch mit den eigenen Kindern, wenn wir ihnen Verantwortung übergaben, im Hintergrund aber alles überwachten.
 
Als wir dann bei den grossen Boulevards eingetroffen waren, übernahm der Grossvater die Führung. Und wir landeten im berühmten Warenhaus Galeries Lafayette. Drinnen aber ging uns Mena voran. Wir durchwanderten jedes Geschoss, fuhren mit der Rolltreppe in die nächste Etage, betrachteten die Angebote aber nur so nebenbei. Uns drei interessierte der Baustil mit seinen kreisrunden Galerien, von denen wir in jedem Geschoss übers Geländer in die Tiefe schauen konnten. Mena bewunderte die Relikte an den alten Liften aus der Jugendstilzeit, und vor allem interessierte sie sich für die mit farbigen Gläsern ausstaffierte Kuppel. Wir kamen ihr ganz nahe und sahen ihre Konstruktion, die Verschraubungen und sahen auch, dass einige Gläser leicht verletzt sind. Die Rolltreppe führte dann aus einem Anbau nebenan noch höher, und von dort aus konnten wir sogar auf sie herunterschauen. Die höchstmögliche Aussicht war nun erreicht, und wir waren gleichzeitig in der Spielzeugabteilung gelandet.
 
Erschien uns Mena bisher älter als sie ist, wurde sie hier oben wieder ganz Kind. Sie verliebte sich in Kuscheltiere, betastete haptische Materialien, bestieg Schaukelpferde, setzte sich an Kinderklaviere und dirigierte eine Gokart-Bahn. Derweil entdeckten wir Grosseltern das enorm vielfältige Spielzeugangebot und besonders die jetzt gängigen Figuren von Barbie. Während sich Mena in diesem Kinderland irgendwie heimisch fühlte, realisierten Primo und ich, wie weit weg wir von ihm sind.
 
Nach dem Mittagessen und auf dem weiteren Weg – immer zu Fuss – trafen wir auf ein Strassen-Orchester und lauschten dort eine Zeit lang Vivaldis „Jahreszeiten“. Spannend auch für ein 9-jähriges Kind. Endlich landeten wir vor der Kirche Notre Dame. Dort wollten wir den Turm besteigen und Mena die steinerne Figur zeigen, in der Globi sich selbst erkannte. Globi ist ein Wesen zwischen Mensch und Papagei und die erfolgreichste Kinderbuchfigur der Schweiz. Wenn die Enkelkinder zu uns kommen, gehen sie jedesmal sofort zum Schrank, wo seine Bücher versorgt sind.
 
In der Geschichte „Globi erlebt Paris“ besuchte er ebenfalls den Turm von Notre Dame und erschrak, als er in einer Ecke der Balkonbrüstung eine dämonische Figur wahrnahm, die seinen Gesichtszügen ähnelte. Der Globi-Texter sah in dieser und anderen Figuren Wasserspeier. Aus meiner Sicht sind es vom Steinmetz erschaffene Figuren. Schimären, die das Böse erschrecken und das Heiligtum beschützen müssen. Als wir aber die unzähligen Menschen in der Warteschlange sahen, änderten wir das Programm. Von weit her sahen wir Globis Verwandte dann doch noch. Zusätzlich kaufte ich für Mena eine Postkarte mit einer Nahaufnahme von ihm.
 
Eindrücklich bleiben die vielen Menschen in Erinnerung, die Notre Dame besuchen wollten. Quer über den ganzen Vorplatz dieser weltberühmten Kathedrale stand man in der Schlange an. Niemand drängte vor. Dieser Ort strahlt eben aus. Die Menschen, die hieher kommen, fühlen rasch, dass die Atmosphäre einmalig ist. Alt und Jung wollen Notre Dame sehen und erleben. Das lange Warten wird akzeptiert. Bald einmal fühlt es sich sogar wohltuend an. Wartend vermischen sich Temperamente und persönliche Energien zu einem Fluidum, das heiter und friedlich stimmt. Das ist meine persönliche Erfahrung. Und davon sprechen auch Fotos, die ich hier schon vor Jahren aufgenommen habe.
 
Wir begleiteten Mena dann in den Square Johannes XXIII. an der rechten Seite der Kathedrale. Dort befindet sich ihre Lieblingsschaukel. Sie verfügt über ein höheres Gestell, eine längere Kette als üblich. Zum Schwung kann weiter ausgeholt werden. Mena kann nicht genug schaukeln. Hin und her, hinauf, hinunter, vom Diesseits ins Jenseits, scheint mir. Als sie ihren Platz einem Amerikaner abtrat, schaute sie bewundernd zu, wie er, ohne zu stoppen, aus dem Schwung absprang. Da wollte sie es ihm gleich tun und stürzte. Die Schürfungen waren nicht bedrohlich, aber der Schreck hing noch eine Weile an ihr. Sie hinkte, meinte, das Knie nicht mehr beugen zu dürfen.
 
Nicht lange, denn wir trafen auf einen Gaukler, der mit seinem Velo Kunststücke vollführte. Eine Attraktion löste die andere ab. Den Schlusspunkt bildete eine Glace, die auf der Promenade am Seineufer angeboten wurde. „Grosy, du wirst dich wundern“, sagte sie, als sie eine Kaffee-Glace wählte.
 
Diese überbrückte dann die Müdigkeit und den kleinen Schmerz. Gut gelaunt kamen wir nach Hause zurück.
 
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