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BLOG vom 04.10.2011


Rast – jenseits aller Hast: Von Nüssen und Beeren …
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Kein Lüftchen regt sich. Das Himmelszelt ist blau. Die Sonne scheint. 29 ºC. Der Sommer herrscht im Herbst in London schon seit den letzten Septembertagen. Mein Notizblock ruht auf dem Gartentisch mitsamt dem Bleistift. Ich raste. Mein Gedankenfach ist leer. Das ist ein unbefriedigender Zustand und mündet in Langeweile. Rast wozu?
 
So beginne das Ablenkungsmanöver: 2 Elstern und 2 Eichhörnchen von der grauen Sorte tummeln sich auf dem Rasen. Die Eichhörnchen vergraben Nüsse, von den Elstern scharf beobachtet: Sie wollen ihre Nüsse klauen. Das wissen die Eichhörnchen. Ihre Schweife zucken verärgert, sind aufgerichtet. Eines von ihnen hüpft drohend gegen die Elstern, aber nicht zu nahe – ihrer Schnäbel wegen. Dieser Match endet mit 0:0.
 
Eine Stunde später erscheint wieder ein Eichhörnchen, diesmal unverhofft auf dem Gartenweg, mit einer Erdnuss in der Schnauze. Ich springe hoch und klatsche. Überrascht lässt es die Nuss fallen und springt weg. Die Nuss gehört jetzt mir. Keine 5 Minuten später erscheint es wieder, genau an der Stelle, wo es die Nuss verloren hatte und versteht nicht, weshalb sie spurlos verschwunden ist. Ich lache. Hier endet das Ablenkungsmanöver erfolgreich. Ich bin von der Rast befreit.
*
Mein Ziel gilt jetzt dem englischen Philosphen Bertrand Russell. Ohne Hast hole ich sein Buch „The Conquest of Happiness“ ( Die Eroberung des Glücklichseins) und beginne, darin zu lesen – ohne jede Hast – unter der Laubkrone der Birke.
 
Wer querdenkt, meine ich, kann auch querlesen. Jetzt ist Beerenzeit, und ich sammle einige aus Russels Beerenkorb. Dabei überspringe ich Seiten, denn es ist nicht das 1. Mal, dass ich sein Buch lese.
 
„Zest“ ist die Überschrift des Kapitels XI. Zest bedeutet Lebensfreude, mit Elan und Schwung gewonnen und genossen. Das kann eine gute Mahlzeit sein. Doch nur wer sich von Neid befreit, gewinnt diese Lebensfreude; denn der Neid ist einer der ärgsten Spielverderber der Freude. Auch weitfächerige Interessen mehren die Quellen zur Lebensfreude. Russell schrieb: „The more things a man is interested in, the more opportunities of happiness he has“ (Je mehr Dinge einen Mann interessieren, desto mehr Gelegenheiten hat er zum Glücklichsein). Hinzu kommt auch die Freude, neue Interessen zu entdecken.
 
Wie befreit man sich vom Neid und anderen Störenfrieden der Lebensfreude?
 
Wie wird man den Neid am leichtesten los? Indem man keine Vergleiche mit anderen zieht, wie „er verdient doppelt so viel wie ich“. Solche aus dem Zusammenhang gerissenen Vergleiche hinken und schwächen den Selbstwert.
 
Neid geht oft mit dem scharfen Wettbewerb einher, wenn er sich im Geschäftsleben verschärft hat. „Was der Nachbar hat, das muss ich auch haben.“ Dazu verführt uns fortwährend die Werbetrommel.
 
„To escape from nervous fatigue in modern life“,schrieb Russell, „is very difficult." Der Ausdruck „nervous fatigue“ muss heute durch das Wort Stress ersetzt werden, der an unserer Lebensfreude nagt und sie zunehmend vergällt. Die Flucht in die Arbeit (als Angestellter), ohne Arbeitspausen, kann den Stress bis zum Nervenzusammenbruch steigern.
 
Wie setzen wir unsere karg gewordene Freizeit sinnvoll ein? Wer genug Geld verdient, sollte vermehrt in seine Freizeit investieren. Aber in der heutigen Krisenwirtschaft bangen die Leute um ihre Stelle und opfern das letzte Gränchen Freizeit. Der Stau auf den Autobahnen nach London beginnt bereits frühmorgens um 6 Uhr. Der Vorortszug darf um keinen Preis verpasst werden. Ausgelaugt von der Arbeit, streicht man den Feierabend ans Bein. Im Konkurrenzkampf wird selbst das Wochenende beschnitten. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Arbeitsbedingungen wieder verbessern. Russell hat recht: Es ist wirklich schwer, der Tretmühle zu entkommen.
 
Dem Thema Fear of Public Opinon widmete Russell das Kapitel IX, also die Angst vor der öffentlichen Meinung. In den Schulzeugnissen werden nebst Fleiss auch Betragensnoten festgehalten. Auch die Absenzen in der Kirche wurden, als ich heranwuchs, markiert. Meine wurden meistens gerügt …
 
In der Gesellschaft muss man sich einfügen und standesgemäss benehmen, sei es als Gewerkschafter oder als Parteimitglied. Der Eigenwille wird früh gestutzt. Er darf nicht verwildern. Respekt wird verlangt, selbst unter Gaunern. Gewiss gilt es, asoziales Verhalten zu unterbinden, ohne die schützenswerte Individualität zu bodigen oder gar zu steinigen. „Fear of public opinion, like every other form of fear, is oppressive and stunts growth” (Angst vor der öffentlichen Meinung wie jede andere Form der Angst unterdrückt und hemmt Wachstum), zitiere ich nochmals Bertrand Russell.
 
Sich weniger mit sich selbst beschäftigenist ein weiterer Ratschlag von Betrand Russel, der beherzigenswert ist. Sonst verlieren wir die uns umgebende Welt aus der Sicht.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
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