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BLOG vom 29.11.2011


Domleschg: Nebeneinander von Fruchtbarem und Furchtbarem
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Bei der Fahrt aus dem Schweizer Unterland gegen die Viamala (und allenfalls weiter zu den Alpenpässen Splügen und San Bernardino) rast man auf der A13 durchs Domleschg dem kanalisierten Hinterrhein entlang. Das Domleschg ist eine fruchtbare Talebene zwischen Rothenbrunnen GR und Thusis/Sils i. D. (im Domleschg) beim unteren Eingang in die Viamala, einst ein „schlechter Weg“ (so der Name).
 
Geografisch ist der Begriff Domleschg breiter gefasst als im politischen Sinn: geografisch gehören beide Talseiten dazu, also auch der langgestreckte Heinzenberg mit dem Dorf Präz, wo landwirtschaftliche Stufenbetriebe vorherrschen; der politische Kreis Domleschg seinerseits beschränkt sich auf die rechte Talseite.
 
Bei der Durchfahrt durch das klimatisch bevorzugte, warme Tal in alpiner Umgebung, dessen Hänge bis gegen 3000 Höhenmeter ansteigen, wirft man den einen oder anderen Blick auf angenehme Dörfer, stolze, hochthronende Schlösser und zerfallende Ritterburgen in einer üppig genutzten Kulturlandschaft mit Hecken und Wäldern. Im „Geographischen Lexikon der Schweiz“, das 1902 im Attinger-Verlag in Neuenburg erschienen ist, steht, das Domleschg sei „eines der schönsten und reichsten Thäler Graubündens“, wobei allerdings der Rhein die „flache Thalsohle auf weite Strecken verheert“ habe, hatte er doch früher kein festes Bett. Zu dem Verheerungen trug auch der Wildbach Nolla bei, der bei Thusis in den Rhein mündet. Er entspringt am Fuss des Piz Beverin und verfrachtet gelegentlich grau-schwarze Schlamm- und Geschiebefluten ins Tal, die manchmal sogar zu einem Aufstau des Rheins führen. Die dunkle Farbe der Nolla entsteht aus zermahlenem Nolla-Pyrit mit dessen kohlenartigen Bestandteilen. Dementsprechend hat auch der Humus der Äcker im Domleschg eine ausgesprochen dunkle Farbe.
 
Schon oft bin ich durchs Domleschg (rätoromanisch: Tumleastga) gefahren und einmal gar durch die Dörfer auf der rechtsrheinischen Seite. Jedesmal dachte ich, man müsste diesem Tal doch mehr Zuwendung und Zeit gönnen, was ich auch gegenüber meinem Schwager Werner Allemann aus Malix GR verlauten liess. Deshalb bereitete er auf den 17.11.2011 eine gemeinsame Exkursion vor. Das Hinterrheingebiet ist ihm aus seinen Jugendjahren vertraut, und in Thusis absolvierte er eine Bauzeichnerlehre, die ihm Einblicke in die Baukultur vermittelte und viele Architekturkenntnisse erschloss.
 
Es war ein sonniger, kalter Spätherbsttag. Das bereits weitgehend von den Bäumen gefallene Laub gab neue Durchblicke frei, und die Lärchen standen in ihren kräftigen Orangetönen zwischen dunkelgrünen Fichten. Werners poetische Ader hat solche Bilder eingefangen. In seinem Lärchen-Gedicht heisst es treffend: 
„Jetzt leuchten sie in voller Pracht,
die Sonne spielt in ihren Zweigen.
Der Herbst hat ihnen Gold gebracht,
sie woll’n im schönsten Kleid sich zeigen.
 
Sie machen hell im düstern Wald
und flammen wie auf wie Kerzen,
verlier’n den Glanz nur allzu bald
und fühl’n doch keine Schmerzen.
 
Ja, könnten wir doch auch so leuchten
in unsrem Umfeld Tag für Tag.
Man weiss, dass es die Nächsten bräuchten.
Ob es uns wohl gelingen mag?“ 
Beleuchtungen und Erleuchtungen kommen einander gelegentlich nahe, und Werners Reiseplanung profitierte davon. Wir trafen uns in Zizers in der Bündner Herrschaft, eine weitere klimatisch begünstigte Talschaft, und fuhren nach dem Frühstück zuerst einmal via Reichenau, Rhäzüns und Rothenbrunnen gegen Tomils (Tumegl, tumbiculus = Hügelchen). Das kleine Dorf hat dem ganzen Landstrich den Namen gegeben: Domleschg.
 
Schloss Ortenstein
Etwa 120 Meter über der Talebene erhebt sich das Schloss Ortenstein mit seinen vielen Dachlukarnen und Kaminen, eigentlich eine Festung, ein regelrechter Koloss auf einem steil abfallenden Felsvorsprung, der im Mittelhochdeutschen „Ort“ genannt wird. Der Bau dieses Konglomerats, zu dem auch Ökonomiebauten gehören und das heute in Privatbesitz ist, begann um 1200 mit dem zentral angeordneten Bergfried, was in Rätien eher eine Rarität ist. Wahrscheinlich waren die Freiherren von Vaz die Auftraggeber, oder aber das Schloss könnte auch eine bischöfliche Gründung sein. Eine andere Variante ist ebenfalls denkbar: Der Bau wurde von den Vazern auf bischöflichem Boden errichtet – man weiss es nicht genau.
 
Im „Schamserkrieg“ von 1451 brannte die Burg teilweise nieder, wie andere Burgen auch. Ortenstein wurde wieder aufgebaut, später umgebaut und mit zahleichen Anbauten versehen. Rund um den viereckigen Turm der Vazer Herren und der Grafen von Werdenberg scharen sich die Bauten aus der Zeit, als sich das Feudalsystem verbürgerlichte. Seit 1975 ist das Bauwerk im Privatbesitz der Familie von Tscharner und für die Öffentlichkeit unzugänglich.
 
Ob man sich für Burgen interessiert oder nicht, kommt man beim Erkunden einer Landschaft nicht um sie herum, denn sie befinden sich in der Regel an guten Aussichtspunkten, und der Ausblick (Auslug) wird fast immer durch einen möglichst hohen Turm noch verbessert. Erhabene Burgen und Schlösser mögen auch aus Gründen der Verteidigung attraktiv gewesen sein. Von ihnen aus hat man die umgebende Landschaft unter Kontrolle. Man sieht, was sich auf den Verkehrsachsen tat. Das Domleschg ist nach wie vor eine wichtige Nord-Süd-Verbindung.
 
Die Ruinen von Sins
Der nächste Ort talaufwärts ist Paspels mit den Ruinen Alt Sins (Alt-Süns) und Neu Sins (Canova). Im eigenwilligen, engen und von Landwirtschaftsbauten geprägten Dorfzentrum von Paspels steht das Schloss Paspels mit verzierten Fassaden und einem verspielten Turm auf der Westseite, das heute ein Romantik-Hotel ist; auch eine Arztpraxis ist darin untergebracht. Das Schloss wurde vermutlich auf Veranlassung von Johann Victor I. von Travers-Ortenstein um 1695 erbaut.
 
Werner und ich kraxelten zur Burgruine Alt-Sins hinauf. Sie ist ein geborstener Turm, der Überrest eines viergeschossigen Wohnturms, der zu einer vermutlich am Ende des 12. Jahrhunderts erbauten Burg gehörte. Wir fanden keinen Fussweg, sondern arbeiteten uns über Stock und Steine sowie an dornigen Büschen hinauf zu den hohen, überhängenden Natursteinmauern auf 784 Höhenmetern. Diesen gebe ich nur noch eine begrenzte Zukunft, sicher nicht mehr so lange, wie sie bereits in der Landschaft stehen. Eine seitliche Mauer mit teilweise wie bei einem Fischgrätmuster schräg gestellten plattigen Steinen gibt noch etwas Halt. Oben wächst eine Föhre aus der Mauer, und man weiss ja, was für eine Sprengwirkung Baumwurzeln entwickeln. Ich bin dankbar, dass die Mauern während unserer Umkreisung Ruine noch hielten.
 
Die Burg Alt-Sins entstand vermutlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Sitz einer kleinen Grundherrschaft aus einem Hof heraus. Sie war ebenfalls ein Opfer der Schamser Fehde von 1451, wurde wieder aufgebaut und zerfiel bereits am Anfang des 16. Jahrhunderts.
 
Da wir so etwas wie einen Trampelpfad zu erkennen glaubten, wagten wird dann auf der Dorfseite einen neuen Abstieg, der besonders steil war, meinen Begleiter (79, ehemaliger Hochgebirgsjäger) aber nicht sonderlich beeindruckte. Werner riet mir, auf dem trockenen, lehmigen Boden einfach nicht auf Lärchennadeln zu stehen; das vermindere die Rutschgefahr. So kamen wir beide heil unten an und steuerten der Ruine Neu-Sins zu.
 
Wir wanderten auf dem Weg in Richtung Almens an einem Schilfgürtel vorbei, der den Übergang zum maximal 10 m tiefen Canovasee (Canova = neues Haus) bildet. Er besitzt keinen sichtbaren Zufluss, und ein Haus ist auch nicht in der Nähe. Im See schwimmen scheint's Karpfen, Hechte, Egli und Aale. Das stehende Gewässer lag friedlich wie ein tiefblauer Spiegel in der Landschaft, der eine Fläche von 100 × 150 m bedeckt. Die Bäume und nahen Hügel verdoppelten sich im blauen Wasser, ein bilderbuchartiger Anblick.
 
Oft dient dieses Seelein, das in Privatbesitz ist, als Kulisse für verschiedene Aufführungen. So wurde 2004 der Kurzfilm „First Love, Last Rites“ (Regie: Susanne Kaelin) am Canovasee gedreht, und 1998 wurde in dieser romantischen Umgebung das Stück „Katharina Knie“ von Carl Zuckmayer aufgeführt.
 
Weiter oben spaltete ein Waldbesitzer mit Hilfe seiner Frau maschinell Baumstammabschnitte, eine Vorsorge mit Blick auf den bevorstehenden Winter. Zur Ruine Neu-Sins, hinter den Bäumen versteckt, war es nicht mehr weit. Schräg aufrecht steht noch ein Teil des runden, viergeschossigen Wohnturms. Das ehemalige Zeltdach und der Zinnenkranz sind im geschichtlichen Dunkel verschwunden. Die Geschichte dieser Ruine geht auf die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück und hat ebenfalls mit den Herren von Vaz zu tun, und sie teilte gerade auch noch weitgehend das Schicksal von Alt-Sins, ist heute in einem ähnlichen Zustand. Man empfindet die Ruinen als Zwillinge.
 
Wir schätzten uns glücklich, nicht in die viereckige Zisterne, die westlich des Turms von Neu-Sins in den Felsgrundgehauen wurde, gefallen zu sein.
 
Umwege
Auf der Fahrt von Paspels nach Rodels wurden wir von einem Mann in orangefarbiger Signaljacke angehalten. Die Strasse sei wegen Bauarbeiten gesperrt, sagte uns Johann Tschupp aus Fürstenau, der das Verkehrsgeschehen zu regulieren hatte. So blieb uns die Vorbeifahrt am Schloss Rietberg in Pratval (= Wiese am Bach/Tobel, anschliessend an Rodels) verwehrt. Der abtretende SP-Nationalrat Andrea Hämmerle gehört zu den Mitbesitzern dieses angeblich üppig, barock ausgestatteten Schlosses, dessen Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht und wo jetzt ein Bio-Landwirtschaftsbetrieb betrieben wird. Wie uns Herr Tschupp, auf die Fruchtbarkeit des Tals angesprochen, sagte, wurden einst dem russischen Zaren Äpfel aus dem Gut Rietberg als Kostbarkeiten zugesandt. Sie wurden einzeln in Seidenpapier verpackt und in Kisten mit Holzwolle versandt.
 
Heute kommen auch gelegentlich faule Früchte von Hämmerles Hof, so etwa das Buch „Die AbWahl“, worin Andrea Hämmerle seine dubiosen Machenschaften gegen Christoph Blocher und für Eveline Widmer-Schlumpf aus dem Hinterhalt als Massnahme der Selbstverteidigung beschreibt. Schon das Titelbild des Buchs ist ein Ausdruck von Perfidie: Eine strahlende Eveline Widmer ganz oben links und ein konsternierter Christoph Blocher ganz unten rechts.
 
Das Buch macht den Eindruck einer Rechtfertigung des Umstands, dass Frau Widmer auf der Grundlage von Lug und Täuschungen in den Bundesrat einziehen konnte. Sie wechselte von der SVP (Schweizerische Volkspartei) zur BDP (Bürgerlich-demokratische Partei). Von Hans Fehr (SVP) wurde diese Wahl als „Drecksspiel mit staatsstreichartigem Charakter“ gebrandmarkt. Seither ist die Bundespolitik wegen des Bruchs mit der bewährten Konkordanz in eine Schieflage geraten, woraus auch ein schiefes Ansehen für die Landesbehörde resultierte – eine Neuauflage der historischen Bündner Wirren.
 
Im Rahmen der früheren Bündner Wirren wurde am 25.02.1621 auf Schloss Rietberg Pompejus Planta, einer der Führer der spanisch-österreichischen Partei, von Jürg (Georg) Jenatsch und seinen Getreuen ermordet. Jenatsch räumte als Reformierter insbesondere mit dem spanischen Katholizismus gnadenlos auf, der dort oben wirklich nichts zu suchen hatte. Bei der Blocher-Abwahl handelte sich um eine Art Neuauflage der konfessionellen (diesmal: politischen) Auseinandersetzungen, die in der jüngsten Vergangenheit Verwirrungen ins Land brachten. Hoffentlich wird das Ansehen des Domleschgs von solchen jämmerlichen Ränkespielen, die der Schweiz viel Schaden zugefügt haben (Widmer-Schlumpf richtete z. B. im Bundesamt für Migration einen Scherbenhaufen mit all den Folgekosten an) nicht in Mitleidenschaft gezogen.
 
Wir hakten das Thema ab, um die gute Laune zu behalten, fuhren zurück und auf der A13 das kurze Stück nach Fürstenaubruck, wo die Albula aus der Schynschlucht in den Rhein einmündet: Unser Ziel war das Gasthaus „Waldheim“ in der Nähe von Fürstenau, wo das Schloss Schauenstein ist. Im Waldheim wurde für uns ein herbstliches Menu abseits der Speisekarte nach unseren speziellen Wünschen zusammengestellt. Der Kellner Ueli Hunger beriet und bediente uns hervorragend, unseren Hunger bekämpfend. Auch der körperreiche Malanser Blauburgunder (2010) von Jürg Hartmann hatte eine gute Qualität.
 
Aufstieg zur Ruine Hohenrätien
Das nächste Ziel war der alte Bahnhof Sils, der mit Holzbeigen gut eingepackt ist und in dessen Nähe es hinreichend Platz zum Abstellen von Fahrzeugen gibt. Im Moment werden dort Steinauffangnetze gespannt.
 
Eine Waldstrasse und ein Waldweg führen hinauf zum Schloss Ehrenfels, das der Wanderer von oben betrachten kann. Das burgenähnliche Schloss mit dem dreifach gezinnten Palas am Berghang zwischen Thusis und Sils i. D. dient seit 1954 als Jugendherberge. Die Geschichte dieser Anlage hat viele Bezüge zum Schloss Schauenstein. Sie war bereits im 18. Jahrhundert zur Ruine verkommen, die 1933 vom Schweizerischen Burgenverein erwoben und unter der Leitung von Architekt Eugen Probst wiederaufgebaut wurde, wobei man die Reste der mittelalterlichen Anlage in den Neubau einbezogen hat. Im Schlossgarten wurde neuerdings ein Labyrinth angelegt, eine Beigabe zur Burgenromantik.
 
Der Aufstieg zur Burgruine Hohenrätien (oder Realta) ist manchmal steil; Wurzelstränge krallen sich im holperigen Weg fest. Wir waren nun auf der Schattenseite, und der sich zunehmend öffnende Ausblick ins Domleschg zeigte, wie sich das Sonnenlicht allmählich zurückzog. Der Schatten wanderte talabwärts.
 
Bei unserer seinerzeitigen Wanderung von der Viamala-Schlucht durchs Verlorene Loch war mir hoch über dem Eingang nach Thusis die Ruine Hohenrätien aufgefallen (Blog vom 22.07.2007: Auf Säumerspuren: Überlebensübung im Verlorenen Loch), und ich hatte damals schon vermutet, dass die Aussicht dort oben grandios sein müsste. Die begründete Aussicht auf eine schöne Aussicht beflügelte mich während des Aufstiegs, der mir allerdings länger vorkam als ich erwartet hatte, zumal der Weg gelegentlich wieder abtaucht und die dabei verlorene Höhe wieder wettgemacht werden muss. Das Atmen fiel mir leicht, die Beinmuskulatur blühte auf. Früher hatten die Gläubigen von Thusis diese Strapazen jeden Sonntag auf sich genommen.
 
Wenige hundert Meter unter der Ruine (946 Höhenmeter) war eine Sappeureinheit der Schweizer Armee mit dem Bau eines rund 300 m langen Strassenstücks in den steinharten Boden, kristallin durchsetzte Granite und oft Glimmerschiefer enthaltend, beschäftigt. Ohne Sprengungen geht das nicht ab. Arbeitstherapie?
 
Da die Ruine Hohenrätien seit 1480 im Privatbesitz (heute einer Stiftung der Familie Ruedi Jecklin, Bonaduz GR) ist, warfen wir die 4 CHF als Eintrittsgebühr in einen behauenen Stein, dessen ausgehöhltes Innere als Kasse dient (www.hohenraetien.ch). Wir wollten ja nicht auch noch eine ehrenwerte Familie ruinieren. Seit 1972 gabe es mehrere Restaurierungsetappen
 
Die „hoch Ryalt“, wie Hochrätien ursprünglich hiess, hat eine reiche und tief greifende Geschichte, die noch nicht fertig ergründet ist. Bronze- und eisenzeitliche Siedlungsreste deuten auf ein hohes Alter hin. Das hohe Alter belegen die momentanen prähistorischen Ausgrabungen der spätrömischen/frühchristlichen Sakralanlage auf dem Felsplateau, die unter einem opulenten Zelt stattfinden. Die Anlage diente als Wach-, Kontroll- und Zollstation, aber auch als Fluchtburg (Refugium) für die Talbevölkerung. Zu ihr gehört auch eine Sakralanlage aus einem einschiffigen Langhaus und einem viereckigen, einst eingewölbten Chor. Das Kirchlein St. Johann Baptista aus dem 12. Jahrhundert, das am Platz einer frühmittelalterlichen Vorgängerkirche errichtet wurde, stand bei unserem Besuch offen. Ein junger Bursche wollte seinen Musikplayer ausschalten, als ich hineinkam. Das sei nicht nötig, sagte ich; die romanischen Bauteile blieben ja unbehelligt. Der sogenannte Pfaffenturm schräg gegenüber diente den Pfarrherren als Wohnhaus.
 
Gegen Westen ist der Burg auf dem „Johannisberg“ genannten Felskopf eine breite Weideterrasse vorgelagert, von der aus eine gewaltige Felswand senkrecht zur Rheinschlucht abstürzt, zum Teil über 250 m tief. Werner erzählte am Abgrund die Legende vom letzten Burgherrn Kuno, eines Tyrannen und Kidnappers, der sich samt Pferd und einem gestohlenen Bauernmädchen in die Tiefe gestürzt haben soll, wobei aber das Mädchen im letzten Moment noch gerettet werden konnte. Alle Historiker schreiben, daran stimme überhaupt nichts, was mir etwas verdächtig erscheint.
 
Jedenfalls faszinierte mich nicht nur der Blick hinunter ins Domleschg, sondern besonders jener auf die gegenüberliegende Seite: den Eingang in die Viamala mit den monumentalen Felsabstürzen, der alten und der neuen Strasse und zum Bett der gerade wegen Wassermangels friedlich ruhenden Nolla. Der Felspalast mit dem Schluchteingang bildet einen Sperrriegel gegen das rauere Klima der nördlich angrenzenden Gebiete. Die Abendsonne setzte einen letzten Lichtpunkt über das Bild, dem wahrscheinlich kein Maler widerstehen könnte. Und dann verabschiedete sie sich.
 
Wir taten es ihr gleich, stiegen zum Bahnhof Sils hinab. Der Burgfriede konnte im Bündnerland wieder einkehren. Kein Stein hatte das Solardach meines Toyota Prius getroffen, und kein Ritter war darauf gesprungen. 2 Arbeiter, die mit Ringen versehene Auffangnetze einbauten, trafen Vorbereitungen für den Feierabend.
 
In Zizers erwarteten uns 3 Pfosi-Schwestern mit Bündnerfleisch, Bündner Salsiz, heissen Kastanien und Gebäck. Annetti und Ruth füllten selbst den Kofferraum mit pasteurisiertem Süssmost und allerhand Eingemachtem. Die zurückbleibenden Bündner konnten es kaum fassen, dass Eva und ich so wohlgemut hinunter in den Mittelland-Nebel fuhren und von dessen schleierhaftem Märchenzauber schwärmten. Bei anhaltender Regenlosigkeit versorgt er die Natur mit etwas Wasser.
 
Nur wer diese Naturerscheinung während Wochen geniessen durfte, kann die Schönheit eines stahlblauen Himmel gebührend würdigen.
 
Gschpunna.
 
Literaturhinweis
Baradun, Plasch: „Das Domleschg“, herausgegeben vom Kreis Domleschg, Verlag Bündner Monatsblatt 2004.
 
Hinweis auf weitere Blogs übers Bündnerland von Walter Hess
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