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BLOG vom 02.04.2012


Rikschafahrt in Indien: Preishandel, von Shiva überwacht
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Bangalore, Indien
 
Rikschas sind inzwischen auch in Europa bekannt; man kann sie z. B. in Luzern mieten. Der Name kommt von japanisch: jinrikisha, deutsch: Menschenkraftwagen. In Bangalore sieht man aber nur sehr selten von Menschen gezogene Rikschas. In New Delhi gab es sie vor einigen Jahren noch; jetzt sind sie verboten. Heute habe ich noch eine gesehen, mit grossen Rädern, allerdings nur zur Lastenbeförderung. Im Wikipedia lässt sich eine weitere Beschreibung finden: „In Indien und vielen anderen süd- und südostasiatischen Länder finden sich sogenannte Motor- oder Autorikschas. Dabei handelt es sich um Trikes, also Dreiräderige, die entweder mit einem Zweitakt- oder einem Dieselmotor betrieben werden.“ Manche nennen Rikschas auch „Auto“ und unterdrücken den 2. Teil des Worts, oder sie sagen „Tuktuk“ und ahmen damit den Zweitakter-Dieselmotor nach. Dieser stösst viel schwarze Abgase aus. Die Fahrer sind ausschliesslich männlich. Sie tragen khakifarbene Hemden und Hosen.
 
Die meisten indischen Autorikschas sind weder mit Türen noch mit Sicherheitsgurten ausgestattet, haben aber ein schattenspendendes, gelbes, in Bangalore oft auch grünes Dach aus Kunststoff. Hinten haben sie eine Blechverkleidung; darunter ist der kleine Motor eingebaut. Die Rückbank für die Fahrgäste besteht aus einem Brett mit einer Kunststoffverkleidung, wobei der Sitz oft locker ist, da der Fahrer darunter seine Utensilien unterbringt. In der Monsunzeit wird einfach eine Plastikplane an den Seiten angebracht, damit man nicht nass wird. Manchmal werden sie auch als Lastenträger für alle möglichen Waren eingesetzt, und statt Passagieren liegen hinten Säcke mit Reis oder Holzbalken usw.
 
Rikschas konkurrieren mit Taxis und Stadtbussen, hier in Bangalore auch mit der Metro, bei der gerade 5 Stationen fertiggestellt sind. Sie prägen das Verkehrsbild. Man kann sie leicht aus dem fliessenden Verkehr herauswinken. Damit haben sie einen Vorteil vor den billiger fahrenden Bussen, auf die man oft länger warten muss, und die Taxis sind viel teurer. Die Rückbank kann man nur von links erreichen (Linksverkehr!), rechts ist sie durch eine Stange abgesperrt.
 
Links vor der Rückbank, die für 2 Erwachsene und eine Tasche ausreichend Platz bietet, gibt es einen Gebührenzähler. Dieser ist meist mit einer Plastikhülle umgeben, und die Rikschafahrer scheuen ihn wie der Teufel das Fegefeuer. Durch einen Hebel kann man ihn einstellen, und die ersten 3 km kosten dann 10 Rupien. Auch wenn man darauf besteht, meist wollen sie nicht mit dem Zähler arbeiten; denn Rikschafahrer wollen die Preise individuell aushandeln. So ist man immer gezwungen, zuerst diese Preisverhandlung anzugehen, d. h. zu feilschen. Will der Fahrer 100 Rupien haben, beginne ich mit 40, bis man sich einigt. Wenn man zu keiner Einigung kommt, sucht man sich einen anderen Fahrer. Obwohl man sie häufig zusammenstehen sieht, z. B. am Kiosk zu einem Becher Tee oder einer Zigarette, gibt es dort, wo viele warten, eine grosse Konkurrenz untereinander. Am Bahnhof streiten sie sich, weil immer einer da ist, der dann auch für den gewünschten Preis fährt, weil er einfach das Geld braucht. Die Fahrer fahren nicht in alle Richtungen, wenn es ihnen zu weit ist, oder sie meiden eine Gegend, wo sie keine Rücktour bekommen. Weil die Stadtgebiete eingeteilt sind, fahren sie leer weiter. Reparaturen werden direkt am Strassenrand durchgeführt: Radwechsel, der Motor wird eingestellt usw.
 
Rikschas gehören oft nicht den Fahrern, sondern diese bekommen von den Eigentümern eine Tagesgage, oft unter umgerechnet 6 bis 8 Euro. Damit ernähren sie ihre Familie, die meistens nicht nur aus Frau und Kindern, sondern auch aus Grosseltern, Geschwistern usw. besteht. Die Plätze sind eigentlich auf 2‒3 Personen beschränkt, aber manchmal sieht man auch 6‒8 Kinder hinten hinausklettern oder 4 Erwachsene, und einer von ihnen sitzt noch vorn neben dem Fahrer, was eigentlich verboten ist.
 
Können Sie sich vorstellen, dass in Europa die Taxi- und Busfahrer, manchmal auch die Roller- und Motorradfahrer, in ihren Fahrzeugen zeigen, welcher Religion sie angehören? Das ist in Indien normal. Neben dem Steuer gibt es ein Bild von Shiva oder Ganesha, manchmal auch eine kleine Figur. Auf der Windschutzscheibe ist auch der Name des Schutzgottes angegeben. Man sieht nicht nur hinduistische Götter, sondern auch Jesus-Bilder oder islamische Schriftzeichen. Die Bilder sind in der indischen Art pastellfarbige bunte Bildchen. Die Europäer empfinden sie als kitschig. Oft blinken auch noch Dioden dabei. So können Gläubige ganz bewusst auch aussuchen, mit wem welchen Glaubens sie fahren ...
 
Rikschafahrer fahren für europäische Verhältnisse riskant. Sie nutzen jede sich ergebende Lücke aus, fahren manchmal direkt auf den Gegenverkehr zu, um dann ein paar Zentimeter davor abzubiegen, stellen sich vor Ampeln oder bei Staus zu zweit oder dritt nebeneinander. Sie wissen genau, welcher Platz gerade noch genügt, um sich dort einzufädeln.
 
Die Fahrt ist ungemütlich. Man muss sich schon festhalten und in den Kurven mitbewegen. Die Strassen in Bangalore sind, und zwar die grossen wie die kleinen, etwa alle 100 Meter mit Geschwindigkeitsbegrenzern ausgestattet, kleinen Erhöhungen auf der Strassendecke, die oft so schnell überfahren werden, so dass man vom Sitz hüpft. Da das Dach aus Kunststoff nachgibt, tut es nicht weh, wenn man daran stösst. Die Fahrer lachen gern, wenn z. B. ein weiblicher Passagier hinten auf der Rückbank Angstgeräusche ausstösst. Es passiert aber nur selten etwas, jedenfalls habe ich noch keinen Unfall gesehen.
 
Wenn die Rikschafahrer ausreichend englisch sprechen, was nicht selten der Fall ist, kommt es oft zu einem Gespräch. Wie immer werde ich gefragt, woher ich komme, wie gross meine Familie sei ... usw. Umgekehrt erzählen sie auch von ihrer Familie. Rikschafahrer, auch Taxifahrer, kann man auch für mehrere Stunden oder einen ganzen Tag mieten. Sie setzen einen dann am Ziel ab und warten, bis man wieder weiterfahren will. Die Kosten sind erschwinglich. Besonders auf dem Land und wenn man längere Zeit mit einem Fahrer unterwegs ist, zeigt er seinen Fahrgästen auch einmal sein Zuhause, stellt Frau und Kinder vor, und man bekommt einen Tee. Die Wohnung ist einfach ausgestattet, aber nicht ärmlich. Bei Ausländern wird oft nach Münzen gefragt; Kinder sammeln solche aus aller Welt gern.
 
In Touristenstädten handeln die Rikschafahrer mit den Läden aus, dass sie jeweils 10 Rupien bekommen, wenn sie die Fahrgäste dorthin fahren und auffordern, sich die Waren anzuschauen. Ob man etwas kauft oder nicht, ist nebensächlich. Es ist ratsam, darauf hinzuweisen, dass man auf direktem Wege zum Ziel und keine Umwege zu Geschäften machen will.
 
Also: Rikschafahren macht Spass. Es gehört zu Indien! 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
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