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BLOG vom 13.04.2012


Köstlichkeiten am Weg zu meiner Wohnung in Bangalore
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Bangalore/Indien
 
Sind Sie auch ein Liebhaber von köstlichen Spezialitäten? Vor allem von solchen, die man nicht jeden Tag bekommt und die dazu noch vitaminreich und wohlschmeckend sind?
 
Haben Sie sich schon einmal zu einem Spaziergang von einem Stadtteil einer 8-Millionen-Stadt wie Bangalore zu einem anderen aufgemacht? Wahrscheinlich nicht, denn als Tourist würden Sie den weiten Weg wohl nicht zu Fuss gehen; sie nähmen wahrscheinlich eine Rikscha. Begleiten Sie mich!
 
Vierräderige Karren, manchmal haben sie auch nur 3 Räder, sind nützliche Fahrzeuge. Die Räder sind zirka 34 Zoll gross. Darauf aufgebaut ist eine Holzfläche von etwa 1,50 × 2,50 m; die Ränder haben eine 5 cm hohe Abgrenzung, damit nichts so schnell hinunter fällt. Auf dieser Fläche lässt sich je nach Angebot einiges unterbringen: Darauf wird heisses Essen serviert; manchmal werden 1 oder 2 Gaskocher mitgeführt, auf denen Tee oder Kaffee und auch Milch gekocht werden, eine bauchige Pfanne zum Backen, ein Karton für Papier, kleine Plastikbecherchen oder Glasbecher, die Zucker- und die Keksdosen, die unentbehrlichen Kannen mit Wasser zum Trinken oder zum Händeabspülen, auch eine Thermoskanne für Tee, die Aluminiumteller fürs Essen , Behälter für 3‒4 verschiedene Sossen, eine Plastikflasche für Pfeffer und Salz, manchmal auch Zigarettenschachteln für die einzeln zu verkaufenden Zigaretten. Auf dem Boden bzw. unter der Karre steht je nach Angebot eine Gasflasche, ein grosser Behälter mit Reis, ein kleiner Ofen, in dem die Idlis (flache Reiskuchen) erwärmt werden. Meist ist auch ein Karton für Abfall vorhanden. Es sieht nicht geordnet aus, aber es ist alles vorhanden und zweckmässig.
 
Werden Obst oder Saft angeboten, sieht man, je nachdem, eine Obst- oder Zuckerrohrpresse oder ein grosses Küchenmesser und einen kleinen hölzernen Glaskasten für die Obststücke, die Becher und die kleinen Plastikteller, dann die Kokosnüsse oder verschiedene Obstarten aus dem Land, die täglich geliefert werden. Manchmal steht die Zuckerrohrpresse auch neben dem Karren. Sie wird meistens mit einem kleinen Dieselmotor angetrieben, selten auch elektrisch. Ich habe aber auch schon welche gesehen, die per Hand bedient werden, was eine anstrengende, schweisstreibende Beschäftigung ist. Die Karren sind nicht gerade standfest. Werden darauf Obst oder Zuckerrohr gepresst, wackeln sie bei jedem Rundlauf.
 
Es gibt auch Karren, auf dem nichts verkauft, sondern gebügelt wird. Meistens sind es Frauen, manchmal auch Männer, die morgens ihre Bügeleisen mit Holzkohle füllen und auf Kundschaft warten, die ihre gewaschene Wäsche vorbeibringt. Ein Hemd bügeln zu lassen kostet 5 Rupien, eine Hose etwas mehr. Die Bügler arbeiten schnell. Bringe ich ein paar Hemden und 2 Hosen vorbei, kann ich sie oft schon eine Stunde später abholen.
 
Auf anderen Karren werden allerlei Waren angeboten: Töpferwaren, kleine Ganescha- und andere Heiligenfiguren, Hemden, Schals, Damenhandtaschen, Schuhe, Etuis für Handys und Geldbörsen, Schlüsselanhänger usw.
 
Ich verlasse meinen Arbeitsplatz und überquere erst einmal kurz die Strasse, denn ich habe Lust auf eine Kokosnuss. Der Kokosnussverkäufer steht gegenüber. Er kennt mich, ich brauche nichts zu sagen, und er macht sich dran, mir die grosse grüne Frucht aufzuschneiden, und ich stecke mir selbst einen Strohhalm durch die Öffnung. Habe ich ausgetrunken, halbiert er die Frucht, und kurz darauf kann ich auch das Fruchtfleisch geniessen. Die leere Kokosnuss werfe ich einfach neben die Karre auf den Haufen zu den anderen.
 
Rechts neben ihm - die Nebenstrasse habe ich zu überschreiten – gibt es ein Café Costa mit für Indien verhältnismässig hohen Preisen für eine gute Tasse Kaffee nach unserem Standard. Gehe ich die CMH-Road (CMH steht die Abkürzung für ein Hospital) weiter, komme ich an einem Supermarkt vorbei, vor dem es süsse Gebäckstücken zu kaufen gibt, die auf einer Theke ausgebreitet sind.
 
Ich überquere die Strasse wieder, zuerst bis zur Mitte, übersteige dort ein niedriges Mäuerchen und schlängele mich dann durch den Verkehr. Der Bürgersteig ist einigermassen begehbar.
 
Ein paar Häuser weiter komme ich an einer Bushaltestelle vorbei, mitten auf den Bürgersteig gebaut, überdacht, so dass ich auf die Strasse ausweiche. Aber nicht für lange, denn dann erreiche ich einen Verkäufer, der auf seiner Karre kleine Orangenstücke liegen hat, die zu Saft gepresst werden. Er benutzt dafür so etwas wie einen Fleischwolf, den er mit der Hand dreht.
 
Da ich den Geschmack der Kokosnuss noch im Mund habe, verzichte ich heute darauf, werde aber trotzdem gegrüsst, denn vor ein paar Tagen habe ich den süssen Saft genossen. Daneben steht ein fahrbarer Kiosk mit Zigaretten, Gebäck in 3 Gläsern; es hängen Süssigkeiten in Folien verpackt vom Dach herunter.
 
Ich bin an der Ecke zur Klinik. Ich laufe um die lange Mauer herum, hinter der sich das Krankenhaus befindet und biege in die 80-Feet-Road ein. Sie ist 80 feet breit, im Gegensatz zu der ein paar 100 m weiter parallel verlaufenden 100-Feet-Road. Die Einfahrten zu den Häusern liegen auf der Höhe der Strasse, die Bürgersteige aber etwa 15‒20 Zentimeter darüber, man muss also immer auf- und absteigen. Dann schon lieber einfach auf der Strasse weiterlaufen, auch wenn die Rikschas, Busse und Motorräder warnend hupen. Ab jetzt ist der Bürgersteig stückweise nicht mehr begehbar, es liegen Erde, Reste von grossen, halbverbrannten Palmblättern und Steine und sonstiger Abfall darauf.
 
Ein kurzes Stück weiter findet man dort ein paar Beete oder, besser gesagt, lange mit Beton auf zirka 50 cm Höhe abgegrenzte rechteckige schmale kleine Gartenstücke, auf denen Bäume und Büsche wachsen. Für den Bürger ist kaum Platz, daran vorbei zu gehen. Es sind nur einige wenige, denn dann kommen wieder 2 Bushaltestellen hintereinander.
 
Ein weiterer Verkaufswagen kommt in Sicht. Zu ihm gehört dieses Mal eine Frau, die Wassermelonenstücke verkauft, die sie auf dem kleinen Glaskasten auf ihrer Karre zum Kleinschneiden bereit gelegt hat. Will man zugreifen, wird auf den kleinen Plastikteller ein Stück Zeitung oder ein Blatt aus einem Magazin oder einfach nur ein altes Werbeblatt gelegt, darauf die klein geschnittenen Melonenstücke gepackt, die vor dem Verzehr mit einem Gemisch aus Pfeffer und Salz bestreut werden. Man bekommt ein Holzstäbchen zum Aufspiessen dazu. Manchmal bietet sie auch 3 verschiedene Früchte an: Wassermelonen, Mangos und Ananas. Ich geniesse es, nicht nur eine einzige Frucht zu essen. Der Teller kostet 15 Rupien, zirka 25 Rappen. Heute steht daneben aber noch ein anderer, der Früchte von einer Palmenart verkauft: runde, schwarze, fussballgrosse Früchte. Sie werden „Brown eyes“ genannt, denn aufgeschnitten erscheinen 3 ovale braune Flecken (Augen) auf dem sonst hellen Inneren. Diese werden aufgebohrt und ausgetrunken, eine süsse farblose Flüssigkeit. Danach kann man die braunen Stellen noch auslöffeln, innen befindet sich ein geleeartiges Fruchtfleisch. Eher etwas, um mit nach Hause zu nehmen, man benötigt einen Löffel und muss aufpassen, dass der Saft nicht herausspritzt.
 
Ich gehe weiter. Vor dem Schuhgeschäft Bata steht eine Karre, auf der Paprikaschoten kleingeschnitten und in einer grossen bauchigen Pfanne gebacken werden; die Kruste enthält Gemüse und Reismehl. Sie schmecken sehr lecker. Der Stand ist bevölkert, und ich muss mich vordrängen, um auch an die Reihe zu kommen.
 
Vor der Häusermauer ein paar Meter weiter steht ein Zuckerrohrsaftverkäufer. Er hat eine motorbetriebene laute Presse, durch die er die Zuckerrohrstange mehrmals schiebt, zwischendurch immer wieder faltet, bis aller Saft ausgepresst ist. Beim letzten Durchgang zersplittern die Fasern, dann wirft er sie in einen grossen Karton. Mit einem Sieb giesst er den Saft über ein rundes Stück Eis in einen Plastikbehälter – manchmal gibt es auch Gläser. Bei dem Eis bin ich immer ein wenig skeptisch, aber bisher ist alles gut gegangen. Es schmeckt köstlich.
 
Gelegentlich steht direkt daneben ein weiterer Karren, zu dem dann die Abgase des Dieselmotors wehen, aber das stört nicht, denn die Menschen stehen darum Karren herum und geniessen ihr Getränk oder ihre Früchte trotzdem.
 
Seit einigen Tagen gibt es auch Karren, auf denen Jackfrüchte verkauft werden. Die Jackfruit zählt zu den ältesten Früchten der Erde (ca. 50 Mio. Jahre). Sie kann bis zu einem Meter lang bei einem Durchmesser von 50 Zentimeter werden! Man könnte meinen, die Grösse dieser Frucht sei den Dinosauriern angepasst worden, wie auch in ihrem Erscheinungsbild mit den markanten Noppen auf der Schale. Jackfrüchte wachsen das ganze Jahr über an immergrünen Bäumen, die etwa 25 Meter hoch werden. Ein Baum trägt etwa 25 bis 30 Früchte im Jahr. Bei völliger Reife entwickelt die Jackfruit ein herrliches Honigaroma, und schmeckt dabei noch erfrischend nach Zitrone. Im etwas unreiferen Zustand erinnert der Genuss der Jackfruit an Nudeln al dente.
 
Einige Verkäufer bieten Weintrauben an. Sie sind zu einem Berg aufgetürmt, kleine Früchte, die nicht besonders süss sind.
 
Auf dem kleinen Markt um die Ecke gibt es natürlich noch die Bananen verschiedener Grössen, grün und gelb; Ananas, Äpfel, Granatäpfel und Sapote, die Früchte des Kaugummi-, Breiapfel- oder Sapotillbaums. Sie sehen aus wie Kartoffeln, haben innen Kerne und schmecken sehr süss, und weitere Köstlichkeiten.
 
Ich komme an weiteren kleineren Geschäften vorbei, eines verkauft weisse Hühner, die vor der Tür draussen auf dem Bürgersteig in gestapelten Drahtkäfigen sitzen, manchmal flattern 1 oder 2 auch oben drauf herum, fliegen aber nicht weg, als ob sie das nicht könnten. Manchmal läuft auch ein Hahn, angelehnt an einem Baum, umher und kräht, oder ein kleines Kaninchen huscht herum. Die weissen Hühner in den Käfigen sind ganz still und bewegen sich kaum. Sie sind etwa 25 Tage alt, bevor sie verkauft werden, und irgendwie behandelt (ob es Hormongaben oder Beruhigungsmittel sind, konnte ich nicht herausbekommen), deshalb seien sie so ruhig, sagte man mir. Gibt es einen Käufer in einem der schäbigen kleinen Verkaufsbuden, holt einer der jungen Männer ein Huhn mit einem gekonnten Griff aus dem Käfig; es flattert ein wenig, dann wird ihm der Hals umgedreht. Man kann das Huhn mit oder ohne Federn oder auch als Hühnerklein bekommen. Jeden Morgen mit Ausnahme des Sonntags werden davon ganze Lkw-Ladungen voll angeliefert. Es gibt 2 solcher Verkaufsstellen. Gebackene Hendl gibt es hier nicht.
 
In einer Seitenstrasse sieht man einen der bunten Hindutempel, die es überall in der Stadt gibt, kleine und grosse, Heute findet ein Fest statt. Die Tempelleute haben einen grossen Stand mit einer Stoffplane aufgebaut und geben grosse Becher mit Saft aus, der nach Zitrone schmeckt. Der Saft wird aus kleinen aussen grünlichen Zitrusfrüchten, Limonen genannt, gepresst.
 
Seit einigen Wochen bieten auch einzelne Verkäufer grüne Früchte an, die die Form eines kleinen amerikanischen Footballs haben. Das ist auch eine Mangoart, meist noch hart. Man kann sie einen Tag liegen lassen und dann auslöffeln. Im Inneren ist ein brauner, auch ovalförmiger Kern.
 
Ich bin natürlich etwas vorsichtig bei dem Einsatz von Eisstücken und bei Früchten, die nicht geschält zu werden brauchen. Diese müssen unbedingt gewaschen werden. Von den Früchten und Getränken, die ich sonst überall direkt geniessen kann, habe ich bisher noch keine Magen- und Darmprobleme bekommen. Meistens schaue ich zu, wie die Früchte geschnitten und mir auf den Teller gelegt werden oder der Saft ausgepresst wird. Der bekannte Rat für Reisen in subtropische und tropische Länder: „Boil it, peel it or leave it!" mag stimmen; hier in Bangalore scheint es nicht so schlimm zu sein, dass alles gekocht, geschält oder gewaschen werden muss. Magen- und Darmprobleme schwerer Natur habe ich seltsamerweise bisher nur zweimal nach einem Besuch in etwas teureren Restaurants bekommen; noch nie, nachdem ich an der Strasse etwas gegessen hatte!
 
Imbissbuden gibt es einige auf der Strecke. Manche sind etwas grösser, haben mehr Personal und sind teurer, die meisten aber sind innen kantinenartig. Dort gibt es Fleischspeisen oder vegetarische Gerichte, eine Reihe Hühnchen drehen sich in einem einsehbaren Ofen und werden immer knuspriger. Oft kann man zuschauen, wie z. B. die Chappatis, eine Art Pfannkuchen, gebacken werden. Ich esse dort gern Omeletts ‒ so heissen sie hier. Die Eierkuchen enthalten Zwiebelstücke und werden sehr heiss serviert, oft auch zusammen mit Reis und Sosse.
 
Habe ich Lust auf Chai, hole mir diesen aber nicht in einer Imbissbude, denn da kostet er etwa das Doppelte wie bei einem Strassenhändler, hier wird er allerdings in etwas kleineren Plastik-Becherchen verabreicht. In der Imbissbude gibt es auch schon einmal kleine Gläschen, etwas grösser als ein kleines Weingläschen zum Probieren, in die etwas mehr von dem Getränk passt. Manchmal trinke ich auch Kaffee. Ins kleine Gläschen wird etwa zu einem Viertel Kaffeesud gegossen, darüber dann bis zum Rand heisse, süsse Milch. Das letzte Mal hat mir dieses Getränk geholfen, meine Kopfschmerzen zu vertreiben, die ich manchmal von der Klimaanlage oder dem Ventilator bekomme. Meist stehen hier viele Leute davor; sie trinken oder rauchen eine Zigarette, die sie gerade einzeln gekauft haben.
 
Noch ein Stück des Weges und ich überquere dann eine Seitenstrasse, dieses Mal eine Einbahnstrasse, die mit einer Ampel versehen ist, an der die Fahrzeuge sogar anhalten. Ich springe auf den Bürgersteig, der hier einige Löcher aufweist, mit Querplatten über einen darunter liegenden Kanal, der allerdings nur mit Laub gefüllt ist.
 
Auch hier steht eine Karre, und dahinter essen Menschen aus den runden, den Rand nach oben gebogenen Aluminiumtellern Reis mit scharfer Sambarsosse. Der Teller voll kostet umgerechnet 30 Eurocent; Sosse gibt es kostenlos nach, und auf dem Teller ist so viel Reis, dass man davon satt wird. Gegenüber ist ein kleiner Supermarkt mit allerlei Waren, auch Gemüse, das aber nicht sonderlich frisch ist.
 
Nur noch 200  m und ich bin in meiner Wohnung angekommen. Bis zum Abend habe ich genug gegessen und getrunken, aber ich freue mich dann auf Jelebis. Reisteig wird durch ein dünnes Loch in einem Tuch kreisförmig herausgedrückt und in heissem Öl wie eine löcherige dünne Scheibe gebacken, bis die Stücke auf beiden Seiten goldbraun sind und dann in Sirup getaucht. Wenn sie auf einem kleinen Metallteller serviert werden, tropfen sie noch, sind sehr heiss und schmecken schön süss. Tatsächlich etwas, um sich darauf zu freuen!
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
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