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BLOG vom 16.04.2012


M13 im Engadin und Bärengegner, die ihr Unwesen treiben
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
In der Schweiz, ein Hort der Ruhe, der Sicherheit, hat sich etwas fürchterlich Dramatisches zugetragen, das Medien, Jäger, Wildhüter und auch ganz gewöhnliche, unbescholtene Leute in atemberaubender Spannung hält: Im Unterengadin (Kanton Graubünden) ist ein leibhaftiger Bär aufgetaucht. Behörden sind im Dauereinsatz, Besprechungen jagen sich. Welches sind die nächsten Schritte (der verantwortlichen Behörden und des Bären)? Die Spannung wächst ins Unerträgliche.
 
Aus sicherer Distanz konnte dieses furchterregende Ungeheuer inzwischen betäubt und mit 2 Sendern (GPS und VHS-Peilsender) beladen werden, so dass man jetzt immer weiss, wo es sich gerade aufhält. Keiner seiner Schritte bleibt unbemerkt, ein Zustand übrigens, dem auch wir Zivilisierte uns annähern. Fachausdruck: Besenderung.
 
Der alleroberste Jagdboss der Schweiz, Reinhard Schnidrig, kennt die Prioritäten genau: „Am wichtigsten ist, dass der Bär nicht zu den Menschen in die Siedlung kommt und Nahrung sucht. Er muss zurück in den Wald.“
 
Der Bär hat einen Namen erhalten: „M13“, als ob es sich bei ihm um ein technisches Gerät wie ein Flugzeug handle. Die Zahl 13 ... sie erweckt schlimme Ahnungen. Und M13 hat eine höchst unangenehme, geradezu verwerfliche Eigenschaft: Er braucht Nahrung. Isst. (Von Fressen rede ich bei Tieren nie, denn die wissen ja, wenn sie genug haben.)
 
Meines Erachtens wäre es infolgedessen die alleroberste Priorität, ihm das Essen abzugewöhnen. Selbstverständlich insbesondere auch den Verzehr von Menschen. Ich halte das hier deutlich fest, nachdem die Schweizer Einheitsmedien immer wieder durchblicken lassen, wie hoch das Gefahrenpotenzial von M13 sei. So werden Schulkinder im Unterengadin von ihrem Heim bis zum Schulhaus filmisch begleitet, und wenn sie unbehelligt (ungegessen) im Schulhaus angekommen sind, wird dieses wunderbare Ereignis am Schweizer Fernsehen („ein Bär treibt sein Unwesen“) zur besten Sendezeit verbreitet. Im Hintergrund schwingt die Botschaft mit, die unschuldigen Kinder hätten ja auch von M13 aufgegessen werden können. Bei so viel telegenem Mitgefühl bei den Gefühls-TV-Machern tränen die Augen der Zuseher. Sie wissen: Da sind gute Menschen am Werk, die es verstehen, bärenstarke Sendungen zu machen, ein Anklang an „Schneeweisschen und Rosenrot“, ein Märchen zwar, in dem das Raubtier keinem Menschen etwas zu Leide tut.
 
Das drollige Bärchen aus dem Südtirol, ein etwa 120 kg schweres zweijähriges Männchen, dessen Art im Allgemeinen nur als Plüschausgabe beliebt ist und zuerst im S-charltal gesichtet wurde, hatte einen verwerflichen Einstand in der Schweiz. Erstens hat der Bär einen Peilsender, der ihm im Oktober 2011 in Italien aufgebunden worden ist, wieder verloren. Kann er nicht besser aufpassen? Zudem zeigte das friedliche Tier bei seiner ersten Begegnung mit einem Bündner, Mario Riatsch, am 07.04.2012 keinerlei Furcht, was wir Zivilisierte als Beleidigung empfinden. M13 setzt auf Vertrauen. Jetzt müssen wir ihn halt Mores lehren. Wir werden mit Platzpatronen einen fürchterlichen Lärm und Gestank veranstalten und auch spezielle Bärenmunition aus den USA, woher alles Gute kommt, verwenden, die noch im Fell drinnen explodiert. Wenn das nicht hilft! Der Fachausdruck lautet: Vergrämungsmassnahmen.
 
Der furchtlose Bär hat auch keine Angst vor bellenden Hunden und nicht einmal vor Bienen. So hat er oberhalb von Scuol in einem Bienenhaus Honig gegessen und sich in diesem süssen Paradies richtiggehend gesuhlt. Hobbyimker Karl Andersag bezifferte den Schaden auf bescheidene 700 Franken und nahm den Besuch gelassen, ein ganz untypisches Verhalten. Und sogar der Unterengadiner Wildhüter Curdin Florineth weigerte sich bisher, von einem Sicherheitsrisiko zu sprechen. Zunächst gelte es, die Lage zu beobachten. Vom Erschrecken deutscher Touristen, wie geschehen, sollte er, der Bär, aber lassen. Die teure Schweiz hat Fremdenverkehrsprobleme genug.
 
Man kann der Lage natürlich auch etwas nachhelfen. Der CH-Jagdhüter Schnidrig will den Bären, der gelegentlich vom Bärenhunger geplagt wird, richtiggehend aushungern. Alle Nahrungsmittel, die von übersättigten Menschen nicht gefressen worden sind und in unverschlossenen Containern entsorgt wurden, sollen so abgeschlossen, ja versiegelt werden, damit sich M13 nicht daran vergreifen kann. Statt mit Gammelfleisch wird sich der Braunbär dann halt eben mit Frischfleisch ernähren müssen. Folgerichtig hat er bereits bei Scuol eine Ziege „gerissen“, was bedeutet, er habe sie durch Bisse getötet. Doch geht es ihm nicht um den Akt des Tötens, sondern nur ums Fleisch (genau wie bei uns Nicht-Vegetariern auch. Doch reissen wir nicht, wir lassen sozusagen reissen).
 
Wenn es nun gelingt, mit einem Riesenaufwand den M13 von Siedlungsabfällen und damit von Siedlungen fernzuhalten und es zudem nicht gelingen sollte, ihm die Nahrungsaufnahme abzugewöhnen, dann muss er, genau wie die Wölfe auch, das eine oder andere Wild- oder Nutztier „reissen“. Und wenn er genug gerissen hat, wird das Untier (SF DRS) zum Serienkiller erklärt, und darauf steht die sofortige Todesstrafe, ohne Rekursmöglichkeiten. Wir wissen dies aufgrund des himmeltraurigen Schicksals des „Problembären“ JJ3 vor gut 4 Jahren. Ihm wurde ein abkühlender Apfelkuchen, den er von einem Fenstersims herunter holte und zu schätzen wusste, zum Verhängnis.
 
Und genau diesem Verhängnis trottet M13 nun entgegen, falls es nicht gelingt, der betroffenen Menschheit jenes Verständnis für ökologische Zusammenhänge nahezubringen, das sie in der Zeit der Schulausbildung offensichtlich verpasst haben.
 
Leider ist Bildungsvermittlung eine längerfristige Aufgabe. Die Umerziehung des Bären dürfte vergleichsweise wesentlich einfacher sein.
 
 
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