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BLOG vom 12.05.2012


Vogesen-Wanderung: Hochweiden, Vogelsteine und Thann
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Auf eine Invasion von Deutschen im Elsass mehr oder weniger kam es auch nicht mehr an. Deshalb wagten es 5 leidenschaftliche Wanderer nach längerer Zeit wieder, einen Ausflug in die Vorberge der Vogesen ins Visier zu nehmen, in durchaus friedlicher Absicht. Unser Wanderführer Toni von Lörrach fuhr uns über Mulhouse nach Thann und von dort zum Parkplatz am Col du Hundsrucken (748 m ü. M.).
 
Auf einer Orientierungstafel konnten wir das Höhenprofil, die Strecke und markante Punkte der Gegend in Augenschein nehmen, also strategisch planen. Dann konnte die Eroberung des begehrten Gebiets beginnen. Vorher hatte uns Toni schon erzählt, dass die Wanderung nicht leicht sei, man müsse 450 Höhenmeter überwinden. Anderer Widerstand war nicht zu erwarten.
 
Frohen Muts wanderten wir dem Sentier Alfred Bucher – dieser Weg ist ein Teilstück des GR5 (rotes Rechteck) – entlang. Dann ging es steil bergauf zur Schutzhütte Waldmatt des Ski-Clubs Rossberg (1104 m). Hier oben verschwand die Sonne hinter Wolken, und es pfiff ein kühler Wind, so dass wir unseren Anorak anzogen.
 
Nach der Hütte ging es scharf nach links, und wir wanderten über Hochweiden, an prächtigen Wetterbuchen vorbei und stolperten über eine Kuhsperre. Da war für richtige Rindviecher kein Durchkommen; nur Zweibeinige konnten die am Boden liegenden Bohlen überwinden. Ein Handlauf, der etwas ramponiert war, verhinderte das Abrutschen. Ich fotografierte einen Wanderfreund, der gerade über die Kuhsperre lief. Wie er meinte, solle ich unter dem Foto, das ich zusammen mit anderen immer per E-Mail versende, schreiben „Ochse auf der Kuhsperre“. Ich hielt mich jedoch zurück und erwähnte einen „Ochsensteig“.
 
Wir kamen dann an der 2. Schutzhütte, Refuge du Ski-Club Sportif de Mulhouse, vorbei. Diese Hütte lag unterhalb des Wanderweges. Links davon war ein Holzwegweiser, der uns auf das Chalet des erwähnten Ski-Clubs hinwies. Unter dem Schild befand sich ein weisses Schild mit der Aufschrift: „Ouvert à tous – Repas tiré du sac“, dann folgte die Telefonnummer. Das Chalet ist also für jeden offen, und es wird auf das „Rucksackvesper“ hingewiesen.
 
Die Vogelsteine (1181 m), die wir bald erblickten, sind interessante Überreste eines kleinen Vulkans aus dem Erdaltertum. Wir kraxelten dort oben herum, mussten jedoch gehörig aufpassen, dass wir keinen Fehltritt machten. Man hat von den Vogelsteinen einen vorzüglichen Blick auf die bewaldeten Vogesenberge und die engen Täler. Besonders schön fand ich die Buchen mit ihren hellgrünen Blättern, die sich von den dunkelgrünen Tannen und Fichten abhoben. Nur an wenigen Stellen lugten die braunen Felsen aus dem Grün hervor. Ein Bild, das manchen Landschaftsmaler entzückt hätte.
 
„Die Speisekarte bin ich“
Wir gingen nicht den steil nach unten führenden Weg zum Berggasthof Belacker (990 m), sondern folgten den mit einem blauen Dreieck gekennzeichneten Pfad zur Ferme Auberge Gsang (Berggasthof Gsang). Diese urige Ferme, die auf einer Höhe von 1050 m liegt, kannte ich schon von einer früheren Wanderung. In meiner Erinnerung waren die Räume dunkel und verrusst. Nun, beim Eintritt musste ich die Sonnenbrille abnehmen, um etwas zu sehen. Ganz vorsichtig stiegen wir in den oberen Gastraum und nahmen an einem langen Holztisch in der Nähe eines Kanonenofens Platz. Wir zündeten die 3 Kerzen an, die auf dem Tisch verteilt waren, und so konnten wir genügend sehen.
 
Als die Wirtin auftauchte, wollte ich wissen, ob wir eine Speisekarte bekämen. Sie antwortete auf Elsässischem Dialekt: „Die Speisekarte bin ich.“ Es gab nur ein Menü, nämlich eine kräftige Graupensuppe mit geröstetem Brotstücken drin, dann Kartoffeln mit Gemüse und geräucherten Schinken und als Dessert einen Kuchen. Das Menü kostete 14,50 Euro, die Suppe allein nur 2,50 Euro. Da ich mir nur die Suppe einverleibte, stillte ich meinen Hunger anschliessend mit einem Stück Heidelbeerkuchen (3 Euro), der wirklich sehr gut schmeckte. Dazu trank ich eine Tasse Kaffee (1,50 Euro).
 
Es war, wie auch die anderen Teilnehmer bekundeten, ein einfaches, schmackhaftes Mahl. Gesättigt machten wir uns dann auf dem Rückweg am Rossberg und an der Ferme Auberge Thanner Hubel vorbei zu unserem Ausgangspunkt. Unterwegs hatten wir einen herrlichen Blick auf das Städtchen Thann und später auf die Rheinebene. Bevor wir am Col du Hundsrucken ankamen, mussten wir über einen sehr steinigen Weg schreiten. Wie ich nachlesen konnte, werden die roten Felsen am Wegesrand „Steinkloetz“ bezeichnet. Inzwischen gibt es einen anderen Wanderweg, der diese Steinwüste umrundet. Bei einer nächsten Wanderung werden wir diesen bequemen, aber sicherlich etwas weiteren Weg beschreiten.
 
Das Theobaldusmünster zu Thann
Nach der 4-stündigen Wanderung machte uns Toni den Besuch von Thann mit seinem beeindruckenden Münster und dem 76 m hohen schlanken Turm (mit durchbrochenem Turmhelm) schmackhaft. Er schwärmte besonders von dem Hauptportal. Toni parkierte in der Nähe der Altstadt, die wir dann zu Fuss durchwanderten.
 
Thann hat etwa 8000 Einwohner und gehört zum Département Haut-Rhin in der Region Elsass. Thann liegt in den Vorbergen der Vogesen und ist etwa 15 km von Mulhouse (Mülhausen) entfernt.
 
Thann erhielt übrigens das Stadtrecht im Jahre 1360. Kaum zu glauben: Thann war bis zum Dreissigjährigen Krieg Teil von Oberösterreich. Im Westfälischen Frieden 1648 kam der Sundgau zu Frankreich. Nach einer Schenkung von König Ludwig XIV. gelangte die Stadt in den Besitz von Kardinal Jules Mazarin. Der jeweils regierende Fürst von Monaco trägt übrigens den Adelstitel eines Grafen von Thann und Rosemont (französisch: Comte de Thann et de Rosemont).
 
1870 fiel Thann ans Deutsche Reich. 1914 wurde Thann von den Franzosen wieder zurückerobert. Es gab damals erhebliche Zerstörungen.
 
Zurück zu unserem kleinen Fussmarsch zum gotischen Münster St. Theobald: Als wir durch eine engere Gasse zum Hauptportal kamen, war das Erstaunen gross. Solch einem prächtigen Portal bin ich noch nie begegnet. Das 15 m hohe und 8 m breite Hauptportal ist dem Leben Mariens gewidmet. In 150 Szenen sind über 500 Sandsteinfiguren zu sehen. Die Figuren kommen kraftvoll, oft pittoresk daher.
 
Der Aussenbau wurde mit einem roten bzw. gelben Sandstein (Quadersteinwerk) erbaut. Im Inneren der Kirche kommt dieser Sandstein nur in den Seitenschiffen zur Geltung.
 
Der Bau wurde in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts begonnen und im 17. Jahrhundert vollendet. 1887 bis 1895 folgten Restaurierungen und „Vollendung“ des Münsters durch Charles Winkler. Um diese Zeit entstanden viele Heiligenstandbilder vom Bildhauer K. Hils (87 Standbilder).
 
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Münster beschädigt (mehr als 500 Einschläge). Die Ausbesserungen dieser Schäden und auch die Alterserscheinungen am Münster gingen weiter und sind bis heute noch nicht abgeschlossen.
 
Wer sich für die sakrale Kunst interessiert, kommt auch im Inneren der Kirche voll auf seine Kosten. Beeindruckend sind die Kanzel aus Stein mit schmiedeeisernem Treppengeländer, die Winzermadonna (um 1510), dann die grossen 8 farbigen, 15 m hohen Glasfenster im Chor, die Theobalduskapelle und das Chorgestühl. Dieses Chorgestühl ist ein Meisterwerk der Bildschnitzerkunst. Und über dem Chorgestühl befinden sich 12 Statuen im mehrfarbigen Stein, die die Apostel darstellen.
 
In Thann gibt es auch einen sehenswerten Winzerbrunnen mit einer weiblichen Figur auf der Brunnensäule. Hier wird einem bewusst, dass Thann zur elsässischen Weinstrasse gehört. Der Thanner Rangenwein, benannt nach dem Rebberg „Rangen“, ist als erster im elsässischen Weinspruch erwähnt, wie Rudolf Ritter in seinem Wanderbuch erwähnt. Der Spruch lautet so: 
„Zu Thann im Rangen
zu Gebweiler in den Wannen
zu Türkheim im Brand
wächst der beste Wein im Land.
Doch gegen den Reichenweirer Sporen
haben sie all´ das Spiel verloren.“ 
Leider konnten wir aus Zeitgründen den Rangen nicht konsumieren. Denn der hätte uns vielleicht gehörig berauscht. In alten Chroniken wird immer wieder über den hitzigen Rangen berichtet. Noch heute gebraucht man den Spruch, wenn man einem Menschen im Scherze etwas Böses wünscht: „Dass dich der Rangen hol!“
 
Nach der Wanderung und Besichtigung des Münsters waren sich alle einig, dass sie heute etwas Grossartiges erlebt hatten. Unser Wanderleiter Toni hatte uns nicht zu viel versprochen.
 
Internet
 
Literatur
Kirner, René: „Das Theobaldusmünster zu Thann“, deutsche Bearbeitung: J. Baumann, Lyon 1994.
Mariotte, Ruth und Anne: „Wandern im Elsass und Vogesen“, Dumont Reiseverlag, Ostfildern 2010.
Ritter, Rudolf: „Wanderwege im Elsass“, Moritz Schauenburg Verlag, Lahr 1973.
 
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