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BLOG vom 02.06.2012


Wanderung Wettingen-Neuenhof: Technik-Natur-Gemenge
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Flusswanderungen, das heisst Wanderungen am Flussufer, ersetzen an heissen Tagen Ausflüge ins kühle Alpengebiet. Das fliessende Wasser entfaltet eine magische Anziehungskraft, und vielleicht ist es auch so, dass etwas von seiner Dynamik auf den Menschen übertragen wird. Doch Fliessgewässer ziehen nicht nur Menschen – Wanderer, Schwimmer, Ruderer, Kapitäne von Motorbooten – an, von seiner Kraft wollen auch technische Einrichtungen wie Kraftwerke profitieren. Diese Menschenwerke bändigen das Fliessen des Flusses, lassen ihn oberhalb des Stauwehrs zu einem länglichen Stausee werden, zu einem annähernd stehenden Gewässer.
 
Da die Stauwehre die Flussschifffahrt ebenso wie die Zirkulation der ebenfalls dem Wandertrieb verfallenen Fische unterbrechen, müssen neben den Stauanlagen und Maschinenhäusern Umgehungsgewässer angelegt werden, früher in der Gestalt von systematischen, langweiligen Treppen mit kleinen, schachtelartigen Behältern hinter den einzelnen Stufen (Fachausdruck: Vertikalschlitzpass), und ich habe immer gestaunt, dass die Fische in diesen turbulenten, engen Irrgärten nicht gleich entschuppt werden. Die Flüsse sind auch für den Verkehr, wie er durch die Trennung von Arbeiten und Wohnen und zunehmende Zentralisierungen künstlich ständig intensiviert wird, ein Hindernis. Fähren passen nicht mehr zu unserer Nervosität und Hektik – breite Brücken müssen her.
 
Das alles ist mir am 26.05.2012 bewusst geworden, als ich auf der Klosterhalbinsel Wettingen AG (Bezirk Baden) zu einer kurzen Wanderung nach Neuenhof AG ansetzte. Bereits die erwähnte Halbinsel hat nicht nur eine religiöse, sondern auch eine industrielle Vergangenheit, zumal sich zur Nutzung der Limmat-Wasserkraft bereits 1858 eine Baumwollspinnerei angesiedelt hat. Doch das ist noch heilig gegenüber dem, was in der Nähe hinzu gekommen ist: insbesondere das Kraftwerk Wettingen. Betrachtet man die Anlage von unten, sieht das übers rund 18 m hohe Wehr fliessende Restwasser wie ein riesiger, unterteilter Vorhang aus, und die Stahlträgerbrücke der Eisenbahn, die auf vermauerten, rechteckig zugehauenen Steinquadern sitzt, und eine Strassenbrücke sind ebenfalls bildbeherrschende Bestandteile.
 
Start zur Kurzwanderung
Ich hatte im unteren Teil der Klosterhalbinsel über den Hängesteg, Gwagglibrugg (=wackelnde Brücke) genannt, das linke Limmatufer erreicht. Die Brücke war in den 1980er-Jahren geschickt renoviert worden. Alle erhaltbaren Teile (Tragkabel, Hänger, Pylone und Verankerungen) wurden entrostet, mit Schutzfarbe angestrichen und wiederverwertet, eine vorbildliche, subtile Art der Erneuerung.
 
Nach dem Wackeln mit der Brücke führt der Waggel (Wackel = in der schweizerischen Soldatensprache bedeutet das Wort „Marsch“) zuerst einmal ziemlich steil bergan. Der Weg biegt dann Richtung Neuenhof (nach Osten) und er begleitet eine lange, bemooste Betonmauer. Das ist ein Teilstück des Kulturwegs BadenWettingen‒Neuenhof. Um diesen Begriff zu rechtfertigen, begegnet man einem auf einen schlanken Tisch montierten, sich einseitig verjüngendes Viereck aus dicht gepresstem, verschlungenem Eisendraht, das fast wie ein zugeschnittenes Bauteil für den Fassadenbau aussieht. Das Kunstobjekt, das Umgebungsformen einfing, stört hier überhaupt nicht, ladet sogar zum Meditieren ein. Die St. Galler Künstlerin Lucie Schenker hat das Werk geschaffen.
 
Haarnadel für Fische
Noch bevor man aus seiner kontemplativen Versenkung herausgefunden hat, taucht das bereits erwähnte Kraftwerk Wettingen mit all seinem Zubehör auf. Zu diesem Beiwerk gehört das Umgehungsgewässer, das als Fischpass funktioniert, eine der diesbezüglich grössten und attraktivsten derartigen Anlagen, die ich bisher gesehen habe. Es beschreibt die Form einer Haarnadel, wobei die beiden Längsteile unregelmässig verbogen sind. Dieses künstlich angelegte Gewässer ist 600 m lang und überwindet über 128 Stufen 18,3 Höhenmeter. Die flüssige Passstrasse entstand 2006/07 im Zuge der Erneuerung des KW Wettingen. Es ist alles dabei (von unten nach oben): Ein Vertikalschlitzpass, Steinblöcke, und zwischen der Bahn- und der Strassenbrücke fliesst des Bachwasser über 120 m frei. Pflanzenbewuchs hat sich bis ins Wasser vorgewagt.
 
Auf einer Infotafel liest man das gern: „Zusammen mit den neu erstellten Fischaufstiegen beim Kraftwerk Kappelerhof , beim Dachwehr Damsau vor der alten Spinnerei und im Zürcher Schanzengraben hat dieser Fischbach den Wassertieren den Aufstieg vom Rhein bis in den Zürichsee nach rund 100 Jahren wieder frei gemacht.“ Das Aufwärtswandern ist, wie man vermutlichen aus Befragungen von Fischen weiss, eine Präventivmassnahme, da diese leidenschaftlichen Schwimmer von der Wasserströmung gern in tiefere Gegenden gerissen werden, falls sie nicht genügend Gegensteuer geben, und so müssen sie sich insbesondere zur Eiablage bachauf bewegen. Insbesondere Barben und Nasen legen in Schwärmen Hunderte von Kilometern zurück, um sich wieder neuen Lebensraum zu erobern. In der Limmat leben etwa 2 Dutzend Fischarten; am häufigsten sind Alet, Gründling, Hasel, Laube, Rotauge und Schneider. Auch Aale, Bachforellen, Schleien, Trüschen, Bachgrundeln usf. kommen vor. Die Vielfalt lässt auf eine gute Wasserqualität schliessen.
 
Dem Stausee entlang
Das Gebiet im Bereich des Kraftwerks Wettingen mit der Fussgänger-, der Strassen- und der Eisenbahnbrücke ist ein Schmelztiegel von Technik und Natur und auf seine Art eindrücklich. Der oben anschliessende Stausee bringt etwas Ruhe ins Geschehen, wobei Motorfahrzeuge und Eisenbahnen das Rauschen des Wassers grosszügig ersetzt haben.
 
Ein gedeckter Bootshafen lässt erahnen, wie sich gesundheitsbewusste Leute aus dem Bezirk Baden auf dem beruhigten und beruhigenden Wasser die Muskeln kräftigen, die sonst bald einmal erschlaffen würden. Ich tat genau dies auch im gemächlichen Wanderschritt, wobei die Beine die Hauptarbeit leisteten, und die Arme kamen höchsten beim Hantieren mit der Fotokamera zum Einsatz. Das war auch bei 2 Frührentnern so, die lange und schwere Sigma-Teleobjektive mit Verwackelungsschutz vor ihre Nikon-Kameras geschraubt hatten. Ich unterhielt mich mit den beiden Hobbyfotografen lange über fotografische Erfahrungen. Einer der beiden Meister des geschossenen Bilds zeigte mir, wie man mit seiner Ausrüstung aus mindestens 2 m Distanz Blumen beinahe im Makroformat auf die Digitalspeicherplatte bekommt. Ich staunte über die immer neuen Wunder der Technik, mit der man der Natur zu Leibe rücken kann.
 
Die 2 Männer mit ihren Kanonenrohren hatten es vor allem auf Wasservögel als Motive für Schnappschüsse abgesehen. Dazu gehören verschiedene Entenarten, vor allem die Stockenten sind offensichtlich weit verbreitet. Auch Tauchenten sind ein beliebtes Motiv für Schnellschüsse, vor allem wenn sie wie Blässrallen übers Wasser als Startpiste rennen, um die nötige Geschwindigkeit zum Auffliegen zu erreichen. Die Flugzeugtechnik dürfte davon gelernt haben, aber das Tauchen machen ihnen Flugzeuge nur in seltenen Fällen nach.
 
Bis zum Bahnhof Neuenhof
Die Wanderung bis zum Neuenhofer Bahnhof, den es seit dem Mai 1990 gibt und der die Zürcher S-Bahn (Linie s12) halbstündlich bedient, ist angenehm, aber ohne Höhepunkte. Im Gebiet Webermühle sind Wohnblöcke, Anlagen des Ruderclubs Baden, ein Tennisplatz und ein üppiger Uferbewuchs das Anschauungsmaterial. Rechterhand begrenzt der Ostabhang des Heitersbergs das Bild. Um ein Haar wäre Neuenhof auf den 01.01.2012 zu einem Teil der Gemeinde Baden geworden; doch haben die Badener Stimmberechtigten das Fusionsprojekt am 13.06.2010 abgelehnt.
 
Die Agglomeration Zürich drängt hierhin vor, und es ist erstaunlich, dass es noch Platz für Wanderer gibt. Rote Ruhebänke sind zum Teil mit der Rückseite der Limmat zugewandt. Dafür, dass man sie nicht zum Fluss ausgerichtet hat, habe ich bisher keine Erklärung gefunden.
 
Natürlich kann man einem aufgestauten Gewässer auch die kalte Schulter zeigen. Ich habe gelernt, mich mit solchen Eingriffen abzufinden oder mich für Verbesserungen einzusetzen. Das KW Wettingen hat das Mögliche getan.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs übers Wettinger Klosterquartier und Umgebung
27.11.2006: Offene Kanti: Wie man Wettingen ins Chinesische übersetzt
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