Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     18. Juli 2018, 07:12 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 03.06.2012


Holunder taugt nicht beim Seitensprung, aber für die Lyrik
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
                                              
Es ist Frühling und der Holunder (Sambucus) blüht, er gehört der Familie der Moschuskrautgewächse an. Der Holunder heisst in Österreich Holler oder Holder in Schwaben und Bayern, in der Schweiz kennt man die mundartlichen Begriffe Houder oder Houer und viele andere mehr.
 
Sambucus nigra L. (schwarzer Holunder, Holder, Holler, Fliederbaum, Schiebikenstrauch, Aalshornbaum, Aalhornbaum, Baumholder), ein bis 9 m hoher Strauch oder kleiner Baum mit grossen Blättern mit 5 oder 7 Fliederblättchen, gelblichweissen, stark riechenden Blüten in grossen schirmförmigen Blütenständen und schwarzen Beeren. Es ist ein wenig verwirrend, dass eine Bezeichnung auch Flieder ist, obwohl das ein ganz anderer Strauch ist.
 
Ein Kindervers fällt mir ein, den wir im Spiel öfters gebrauchten: 
Ringel, Ringel, Reihe,
wir sind der Kinder dreie,
wir sitzen unterm Hollerbusch,
und machen alle husch, husch, husch. 
Bei den Germanen gab es eine Hauptgöttin mit Namen Holder oder Holla, die für den Schutz der Pflanzen und Tiere da war, deshalb brachten Germanen ihr auch unter dem Holunder ihre Opfer dar. Auch das Märchen der Gebrüder Grimm „Frau Holle“ geht auf sie zurück.
 
Hans Christian Andersen hat ein Märchen mit dem Namen „Mutter Holunder“ geschrieben, in der es um einen kranken Jungen geht, der Holundertee trinkt. Aus der Teekanne wächst dann ein Holunderbaum; darin sitzt eine Frau mit grünem Kleid und mit weissen Holunderblüten besetzt.
 
Andersen hat dabei sicher an die nordische Sagenwelt gedacht, in der die Liebesgöttin Freya in einen Holunderstrauch einzieht. Eine wichtige Rolle spielt die Verehrung des Holunders durch die Kelten, festgehalten in ihren Baumkalendern. Als „Baum der Königin“ teilten auch sie dem Holler eine wichtige Rolle zu.
 
Man pflanzte den Holunder oft zum Schutz gegen böse Geister und gegen den Blitzeinschlag als Hausbaum. Ein alter Glaube besagt, dass es ein Zeichen dafür sei, dass ein Verstorbener seine Ruhe gefunden habe, wenn ein auf seinem Grab eingepflanzter Holunderzweig zu wachsen begänne. Es war unter Strafe verboten, einen „Holler“ zu fällen.
 
Übrigens: Der Volksmund sagt: „Wer Holunder bei sich trägt, schreckt vor Ehebruch zurück.“ (Also: Holunder passt nicht zum Seitensprung!)
 
Interessant ist, dass der Strauch wegen der schwarzen Früchte Schwarzer Holunder heisst und weiss blüht und als weisser Holunder besungen wird. Das folgende Lied wurde 1957 von Lolita, einer österreichischen Sängerin und Schauspielerin, als Debüt gesungen, wurde ein grosser Erfolg. Sie spielte auch in dem gleichnamigen Film mit. 
Weisser Holunder, er blühte im Garten,
als übers Jahr glücklich ich war.
Er sagt zum Abschied, ich soll auf ihn warten,
denn übers Jahr sind wir ein Paar.

Nun welkt der weisse Holunder,
das Jahr ist vorbei.
Ich glaubt' an das Wunder
von Liebe und Treu'.

Weisser Holunder blüht wieder im Garten,
du bleibst mir treu, blühst immer aufs neu'.

(Im Garten ein Mädchen mit fröhlichem Sinn,
sie wartet voll Sehnsucht auf ihn, nur auf ihn.)
Es blühen die bunten Blumen
im leuchtenden Kleid,
im Baum die Amsel singt ihre Lieder
von Liebe und Leid.

Nun welkt der weisse Holunder,
das Jahr ist vorbei.
Ich glaubt' an das Wunder
von Liebe und Treu'.

Weisser Holunder, blühst wieder im Garten,
du bleibst mir treu, blühst immer aufs neu',
blühst immer aufs neu'.
 
Nicht so bekannt wie dieser Schlager ist ein Lied von Felix Schumann, dem Sohn von Robert und Klara Schumann, vertont durch Johannes Brahms
Wenn um den Holunder der Abendwind kost
Und der Falter um den Jasminenstrauch,
Dann kos’ ich mit meinem Liebchen
Auch auf der Steinbank
Schattig und weich bemoost.
 
Und wenn vom Dorfe die Glocke erschallt
Und der Lerche jubelndes Abendgebet,
Dann schweigen wir auch und die Seele zergeht
Vor der Liebe heiliger Gottesgewalt.
 
Und blickt dann vom Himmel der Sterne Schar
Und das Glühwürmchen in der Lilie Schoss,
Dann lasse ich sie aus den Armen los
Und küsse ihr scheidend das Augenpaar. 
Wenn man an den Holundersträuchern vorbeigeht, duftet es stark und angenehm. Es gibt dazu eine sehr schöne Website aus der Schweiz, die sich dem Holunder widmet, wie ein Auszug daraus zeigt:
 
„Der Holunderstrauch gehört zu meinen Lieblingssträuchern, weil er so wunderbar duftet, und weil es mir grosse Freude bereitet, diesen einzigartigen Duft einfangen zu können. Mit den frisch gepflückten Blüten lassen sich Holunderblütendolden im Ausbackteig oder Omelettenteig (ein Kindheitserinnerungengenuss), eine Blütentarte oder eine Frühlingsbowle oder Sonnentee zubereiten. Für den Wintervorrat setze ich den unverkennbaren Sirup an und trockne eine rechte Portion für wohlschmeckende Teemischungen. Auch Kinder lieben diesen herrlichen Duft und Geschmack.
 
Zweimal habe ich vergebens versucht, einen Holunderstrauch, in welchem gute Geister wohnen, in meinem Garten anzusiedeln, er wollte einfach nicht gedeihen. Im Wald kenne ich inzwischen Plätze mit grossen Blütendolden, und Nachbarn, in deren Garten der Strauch üppig gedeiht, laden mich zum Pflücken ein. Holunder wird oft von Blattläusen befallen, überhaupt zieht er alle möglichen Insekten an. Ich wähle nur schöne unbefallene frisch aufgeblühte Dolden, falls kleine Käferchen darin wohnen, lege ich die Dolden zwischen 2 Dörrexgitter und schüttle sie aus.
 
Im Herbst sammle ich die reifen Beeren und verarbeite sie zu Saft, Gelee und Sirup. Die Beeren müssen immer gekocht werden. Ich kann mich erinnern, dass eine meiner Töchter als Kleinkind rohe Beeren in ihren Mund gestopft hat, und prompt musste sie alles erbrechen. Und im Winter geniessen wir die eingemachten Herrlichkeiten, den Blütensirup als durstlöschendes Getränk oder mit Weisswein aufgegossen zum Apéritif und den Beerensirup als wärmenden heissen Punsch.
 
Holunder wächst am Wegesrand oder im Wald, es ist also kein Problem, die Stauden „zu ernten“.
 
Gestern hat meine Frau Holundergelee gekocht. Die Zubereitung ist einfach, hier ist ein mögliches Rezept für 4‒6 Personen:
 
10‒12 Holunderblüten oder Dolden
1 kg Gelierzucker 2:1
0,75 Liter klaren Apfelsaft
Bei den Holunderblüten werden die groben Stiele entfernt. Gut waschen!
Im Apfelsaft 10‒12 Stunden ziehen lassen, öfters umrühren.
Den Saft heraussieben und mit dem Gelierzucker ca. 3 Minuten aufkochen.
(Man kann auch noch vor dem Aufkochen 2 Esslöffel Zitronensaft hinzufügen.)
 
Wenn der Gelee abgekühlt sind, kann man ihn schon geniessen. Ich liebe es, ein Brot mit Quark zu belegen und dann Holunderblütengelee mit einem Löffel darauf zu verteilen. Es schmeckt herrlich!
 
So bietet die Natur in den Jahreszeiten immer wieder Köstlichkeiten an. Man muss nur wissen, wie man sie verarbeitet, damit man sie geniessen kann!
 
Internet
 
Hinweis auf weitere Textatelier.com-Texte über den Holunder
Die Heilkraft der Bäume
 
Blogs
19.02.2010: Hausmittel (II): Sanfte Kräutertees gegen viele Beschwerden
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier