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BLOG vom 10.06.2012


Hol’s der Kuckuck! Der in Liedern besungene Brutparasit
 
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Jedes Jahr im März oder April werde ich hier am Niederrhein durch einen Kuckuckruf geweckt. Der Vogel tat das immer sehr ausdauernd, und an ein Weiterschlafen war nicht zu denken.
 
In diesem Jahr 2012 war ich bis Ende April in Indien, aber der Kuckuck war nicht dort. Es gab in der Nähe des kleinen Waldes umfangreiche Erdarbeiten. Vielleicht hat das den Kuckuck veranlasst, seine Eier in entferntere Nester zu legen. Der Kuckuckslaut „kuckuck-kuckuck“ ist in Europa ist ein Beispiel dafür, wie ein Tierlaut zum Namensgeber des Tieres geworden ist. Die Wissenschaft von den Tierlauten nennt man auch Onomatopoesie.
 
Wie jeder weiss, ist der Kuckuck ein sogenannter Brutparasit. Er legt seine Eier in fremde Nester und passt die Eierfarbe jener seiner Wirtsvögel farblich an. Es gibt aber einen Unterschied: Kuckuckseier sind meistens grösser als die der Vögel, in deren Nester er sie legt. Ansonsten sind sie kaum zu unterscheiden. Beispiele für die Wirtsvögel sind der Neuntöter, die Gartengrasmücke, die Goldammer und der Gartenrotschwanz. Nach 12 Tagen ist das Kuckucksei ausgebrütet, meist schneller als die Eier anderer Vögel. Diese werden vom jungen Kuckuck aus dem Nest geschoben.
 
In der Schweiz weiss man genau, wann der Kuckuck kommt: In Graubünden kennt man eine alte Bauernregel: „DER GUCKUS chund den nöunte Abril, si der Früelig wa er wil“. Andere Sprüche nennen Tiburtius (das ist der 14. April) oder sonst einen Tag um Mitte April als den Tag, an dem der Vogel auftaucht.
 
Der Kuckuck wird in Liedern besungen: Er ist auch das Thema von Gedichten und wird in der Alltagssprache in Redensarten oft erwähnt.
 
„Zum Kuckuck noch mal!“ oder „Hol’s der Kuckuck“ als Ausdruck von Ärger klingt immer besser als „verdammt …“ ‒ „Das weiss der Kuckuck.“, denn dem Kuckuck wurden früher wahrsagerische Kräfte nachgesagt. „Scher dich zum Kuckuck!“ oder ihn/sie zum Kuckuck jagen, sagt jemand, der eine Person los werden will. Jeder kennt auch den „Kuckuck“, den der Gerichtsvollzieher in Deutschland auf die beschlagnahmten Gegenstände klebt.
 
Kuckuckskind ist eine volkstümliche Bezeichnung für ein Kind, dessen vermeintlicher Vater es grosszieht, ohne zu wissen, dass er nicht der biologische Erzeuger ist. Das Thema ist im Zeitalter der Möglichkeiten der DNA-Bestimmung wieder mehr in den Focus gerückt.
 
Schliesslich gibt es noch das Wort „Wolkenkuckucksheim“ ‒ eine Neuschöpfung des deutschen Übersetzers Ludwig Seeger. Es stellt eine Lehnübersetzung des altgriechischen Nephelokokkygia dar, das aus Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“ stammt. Es bezeichnet eine Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben. Mittlerweile wird der Begriff ähnlich wie der des Luftschlosses verwendet: als eine Utopie ohne Bodenhaftung, also ohne Realitätssinn.
 
Der Wahrsager
Wie schon erwähnt, werden dem Kuckuck wahrsagerische Fähigkeiten zugesprochen, wie sie in diesem Gedicht von Hans Poser („Tina, Nele und Katrein“) dargestellt werden:
 
Kuckuck, Kuckuck sag´ mir doch,
wie viel Jahre leb´ ich noch!
 
„Kommt die liebe Sommerszeit,
trägt der Wald ein grünes Kleid,
und der Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck,
der Kuckuck, der Kuckuck schreit.

Wenn du dann den Kuckuck fragst,
wie lang du noch leben magst,
ruft der Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck,
der Kuckuck wohl hundertmal.

Hast du einen Pfennig dann,
wirst du wohl ein reicher Mann,
weil der Kuck, Kuckuck, Kuckuck,
der Kuckuck das machen kann.

Hast du keinen Pfennig nicht,
bleibst du stets ein armer Wicht,
doch den Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck,
den Kuckuck, den kümmert’s nicht."

Kinderlieder
Lieder rund um den Kuckuck sind meistens Kinderlieder, die ich noch aus meiner frühen Jugend her kenne: 
„Kuckuck, Kuckuck ruft's aus dem Wald.
Lasset uns singen, tanzen und springen.
Frühling, Frühling wird es nun bald.

Kuckuck, Kuckuck lässt nicht sein Schrei'n:
Komm in die Felder, Wiesen und Wälder.
Frühling, Frühling, stelle dich ein.

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held.
Was du gesungen, ist dir gelungen.
Winter, Winter räumet das Feld.“ 
Auf einem Baum der Kuckuck sass
Das Lied „Auf einem Baum ein Kuckuck sass“ wird hier in der Version von 1838 gezeigt: 
„Auf einem Baum ein Kuckuck -
sim sa la dim bam ba sa la du sa la dim,
Auf einem Baum ein Kuckuck sass.

Da kam ein junger Jäger -
sim sa la dim bam ba sa la du sa la dim,
da kam ein junger Jägersmann:

Der schoss den armen Kuckuck -
sim sa la dim bam ba sa la du sa la dim,
der schoss den armen Kuckuck todt!" 
Der Kuckuck und der Esel
Das folgende Lied sollte auch jedes Kind kennen; der Text stammt von Hoffmann von Fallersleben:
 
„Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit.
Wer wohl am besten sänge, wer wohl am besten sänge?
Zur schönen Maienzeit, zur schönen Maienzeit.
 
Der Kuckuck sprach: ,Das kann ich!' und fing gleich an zu schrein.
,Ich aber kann es besser, ich aber kann es besser!'
Fiel gleich der Esel ein, fiel gleich der Esel ein.
 
Das klang so schön und lieblich, so schön, von fern und nah!
Sie sangen alle beide, sie sangen alle beide:
,Kuckuck, kuckuck, iah, iah! Kuckuck, kuckuck iah.'“
 
In Gedichten wird der Kuckuck ebenfalls erwähnt, z. B. bei Josef Guggenmoos’ „Kuckuck“ und Christian Fürchtegott Gellert „Der Kuckuck sprach mit einem Star…“.
*
Seit vielen Jahren habe ich hier am Niederrhein einen Freund, Monichan Kaniamparambil, der aus Indien stammt, und zwar aus dem südlichen Bundesstaat Kerala. Ich liebe Kerala wegen seiner wunderschönen Landschaften, Seengebiete und Berge. Die Kuckucksart, die es dort gibt, ruft zwar anders, aber auch sie ist ein Brutschmarotzer. Manchmal hat mein Freund eine „schöpferische“ Phase, in denen er sich an Gedichten versucht, und zwar in der deutschen Sprache: 
Deinen bezaubernden Gesang liebe ich ...
Die Vogelmutter hört den Gesang ihrer fremden Tochter.
Der Frühling schlüpft aus der Winterschale,
Die Flügel des Windes bekommen bunte Federn von deiner Musik,
Die Falten meiner Seele und die Berge wiederholen sie,
Die Natur liebkost, das Grün spriesst.
 
Deine Sprache kann ich nicht verstehen,
Aber deinen bezaubernden Gesang liebe ich:
Ohne die Mutterwärme in mir, nichts bist du – und dein Gesang,
Es ist auch Frühling für meinen Stolz,
Du meine fremde Tochter, deine Melodien ist lockend und innig.
 
In mein Nest wurdest du als Ei gelegt,
Noch auf den Zweigen meines Nestes habe ich Tropfen gesehen,
Und ich habe sie gefühlt als Tränen,
Die mich noch das Vertrauen in mir spüren liessen.
Und ich habe dich mit meinen Eigenen ausgebrütet.
 
„Die Körner fallen, wo sie gedeihen können,
Aber du bist verantwortlich für dein Nest, das zu dir gehört.
Du brütest nur ausgenutzt, die andere wird es betrachten als Privileg.
Du wirst verhöhnt: nur falscher Stolz, dass du brüten kannst!
Der Gesang, wie du ihn hörst, ist nichts mehr als ein Dank dafür.“
 
Dieser Vorwurf reut mich; sie bewerten deinen Gesang so hoch,
So wie meine Liebe und Mühe ohne Unterschied zwischen eigen und fremd.
Sie hören ihn und nehmen ihn als Selbstverständlichkeit hin.
Unter meinen Fittichen warst du ein Wunsch, ein Impuls zu leben.
Das zu gewähren war mein Vergnügen, die Ausführung Gottes Absicht in mir.
 
Ich höre einen tragischen Ton in dir klingen,
Süsse, ist es das, was deinen Gesang so melodiös macht?
Alles blüht, bringt Frucht, aber du kannst dein eigenes Ei nicht ausbrüten.
Fliesst deine Trauer im Frühling über? 
Autor: Monichan Kaniamparambil
 
Was eine Vogelmutter „fühlt“, wenn ihre eigenen Kinder „ermordet“ werden und sie ein fremdes aufziehen muss, können wir natürlich nicht wissen, aber wie man oben sieht, kann man sich darüber sehr wohl Gedanken machen.
 
Widerstand gegen den Kuckuck
Übrigens, nicht alle Kuckucksarten sind Brutschmarotzer, und nicht alle Singvögel lassen sich das Verhalten gefallen: Zumindest einige der Wirtsvögel wissen sich jedoch zu wehren: Meister in der Abwehr ist ‒ das entdeckte man bereits vor Jahren ‒ ein kleiner, braun gefiederter Singvogel. Der Sumpfrohrsänger hackt das ihm untergeschobene Kuckucksei zielsicher an, um es mit dem kleinen Schnabel fassen zu können, und wirft es kurzerhand aus dem Nest.
 
Aus evolutionärer Sichtweise sieht man das Verhalten darin, dass es zu wenig Nahrung gibt. Dadurch, dass Eier in fremde Nester gelegt werden, wird gewährleistet, dass der junge Kuckuck nicht verhungert.
 
Vielleicht hören Sie den Kuckuck heute oder morgen, und wenn nicht in der Natur, dann zur vollen Stunde aus Ihrer Kuckucksuhr!
 
Internet
de.wikipedia.org/wiki/Kuckuck
www.zeit.de Kultur. Musik. April 2012.
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Kuckuck-Bezug
08.05.2008: Aufschüttungen: Landschaften unter Druck und Dreck (3)
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