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BLOG vom 10.07.2012


Kommunikatives: Partiell, total inkludiert oder exkludiert
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Inklusion und Exklusion wird in der Mathematik das Prinzip der Einschliessung und Ausschliessung oder Schubfachprinzip genannt, eine Methode zur Erschliessung der Mächtigkeit einer Menge. Es geht also darum, die Anzahl der Elemente dieser Menge zu bestimmen, z. B. die Anzahl von Primzahlen. Das Prinzip gehört zum Bereich Analysis. Wenn aber Politiker, Medien, Sozialwissenschaftler und viele andere diese Begriffe benutzen, haben sie mit Mathematik wohl nichts im Sinn. Weil die Wörter immer häufiger auftauchen, also inflationär benutzt werden, ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen.
 
Niklas Luhmann ist ein bekannter Sozialwissenschaftler. Er hat sich wissenschaftlich mit Ex- und Inklusion beschäftigt, besonders in Hinblick auf die Globalisierung. Ein Aufsatz eines Bielefelder Wissenschaftlers, Rudolf Stichweh, nennt einen Staatssekretär, der unter Jaques Chirac diente, René Lenoir, der die Begriffe 1974 zum ersten Mal benutzt haben soll.
 
Die Begriffe haben mit Kommunikation zu tun, wobei unter Kommunikation soziale Prozesse gemeint sind. Sie können also beim Wahlrecht, bei Ausländerdiskriminierung, bei Mobilität zwischen Klassen, Arbeitslosigkeit und viel anderes eine Rolle spielen.
 
So stand am 05.07.2012 in der Zeitung, dass SPD und Grüne das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen (NRW) auffordern, „einen Gesetzentwurf für die sogenannte Inklusion vorzulegen.“ Es geht darum, „für das Schuljahr 2013/14 einen Rechtsanspruch behinderter Kinder auf Besuch einer allgemeinen Schule im Schulgesetz zu verankern“ und damit eine UN-Konvention umzusetzen, welche die Teilnahme Behinderter am Regelschulsystem vorsieht. Der überwiegende Teil behinderter Kinder soll dann nicht mehr in den heutigen Förderschulen unterrichtet werden. Die Schulministerin Sylvia Löhrmann (ebenfalls von den Grünen) will dem nachkommen, weiss aber momentan noch nicht, wie sie das Anliegen umsetzen soll; denn es erfordert eine durchgängige Doppelbetreuung inklusiver Lerngruppen mit 10 000 zusätzlichen Stellen. Also werden weiterhin Kinder möglicherweise Bildungschancen genommen, da es immer schwieriger wird, aus einer Förderschule in eine Berufsausbildung zu gelangen. Andererseits kann der Besuch einer Förderschule auch sinnvoll sein, da behinderte Schüler in einer allgemein bildenden Schule oft durchweg am unteren Ende der Leistungsskala stehen, mit den damit verbundenen Folgen.
 
In diesen Tagen ist viel vom angeblich gefundenen Higgs-Teilchen zu lesen und zu hören. Obwohl versucht wird, die Entdeckung auch Laien verständlich zu machen, sind die Physiker in ihren Theorien inzwischen so weit, dass die Prozesse für den Nichtfachmann nicht mehr zu verstehen sind. Der Nichtphysiker ist exkludiert.
 
Auch die Globalisierung enthält das Phänomen der Exklusion. Das beginnt bei der Zuwandererproblematik, bei religiösen Vorverurteilungen und geht bis zur Arbeitslosigkeit, weil Produktionsprozesse in anderen Ländern für den Arbeitgeber günstiger möglich sind. In einer wissenschaftlichen Studie liest sich das so: „Probleme des Postkolonialismus und der globalen Migration“ (edité par Peter Weibel, Slavoj Žižek):
 
Heute ist alle Welt vom Phänomen der Globalisierung fasziniert; davon, wie ethnische und kulturelle Eigenheiten durch die im Entstehen begriffene globale, kulturelle und ökonomische Totalität aufgesogen werden. Wesentlich weniger Aufmerksamkeit erfährt hingegen das komplementäre Phänomen der Exklusion, das die notwendige Kehrseite der Globalisierung darstellt.
 
Es gibt keine einfache Lösung, um dieser Exklusionstendenz entgegenzuwirken: Alle liberal-demokratischen Projekte, die den Raum sozialer Inklusion offen zu halten behaupten, betätigen früher oder später den Exklusionsmechanismus. Der Multikulturalismus verkehrt sich zur Verfechtung in sich geschlossener ethnischer Identitäten; die Verdammung des ,fundamentalistischen' Anderen als intolerant schliesst diesen gerade im Namen der Inklusionslogik aus."
 
Alles verstanden? Der Text bestätigt, dass „früher oder später der Exklusionsmechanismus betätigt wird“, da das Unverständnis von Unsinn die Abwesenheit von Inklusion einschliesst!
 
Ich fürchte, wir werden den beiden Begriffen in nächster Zeit immer wieder begegnen. Einerseits kann man zwar kritisieren, dass die Begriffe inzwischen inflationär benutzt werden, andererseits begrüssen Wissenschaftler das sogar, wie das nachfolgende Zitat dokumentiert: „Prozesse des gesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses hat es zu allen Zeiten und in allen bekannten Gesellschaften gegeben; in Anbetracht der nicht eingelösten ,Gesamtinklusionshoffnungen’, die sich in funktional differenzierten Gesellschaften mit Konzepten wie ,Nation’, ,Globalisierung’ oder ,Weltgesellschaft’ verbanden, wirft Inklusion/Exklusion aktuellere Fragen denn je auf, und daher könnte dieses Gegensatzpaar, wie Niklas Luhmann formulierte, vielleicht zur ‚Leitdifferenz’ des 21. Jahrhunderts werden. Zentrale Fragen sind dabei, welche Individuen und Gruppen auf welche Weise und mit welcher Legitimation, partiell oder total, auf Dauer oder nur temporär inkludiert oder exkludiert wurden und werden.“
 
So subsummiert Wikipedia unter „Soziale Inklusion und soziale Exklusion“, Inklusion hebe die folgenden 6 Formen sozialer Exklusion auf:
 
-- Exklusion vom Arbeitsmarkt
-- ökonomische Exklusion
-- institutionelle Exklusion
-- Exklusion durch soziale Isolierung
-- kulturelle Exklusion und
-- räumliche Exklusion.
 
Und das war nur der Bereich „Soziale Ex- bzw. Inklusion“. Wie wäre es denn mit der „Privaten Ex- und Inklusion“? Ihre Ehepartnerin kocht etwas, was Ihnen nicht schmeckt, meckert herum, wenn Sie eine Zigarette rauchen? Werfen Sie ihr vor, Ihre partielle oder temporäre Exklusion zu betreiben! Und umgekehrt: Ihr Ehepartner will immer nur Sportsendungen sehen, will nicht im Garten arbeiten? Exklusion! ‒ Sie verlieben sich? Temporäre oder totale Inklusion!
 
Jetzt machen Sie sich einmal das Vergnügen, herauszufinden, was am heutigen Tag bei Ihnen alles unter die beiden Begriffe zu packen ist; sie werden sich wundern, wie ergiebig das ist!
 
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