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BLOG vom 06.09.2012


Wetterpropheten: Herbstzeitlose, Neunerblume und Distel
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Als ich während unserer Durchquerung der Teufelsschlucht am 08.08.2012 (siehe Blog vom 17.08.2012: Giftpflanzen Attich, Herbstzeitlose: verlockend, gefährlich) die erste Herbstzeitlose sah, dachte ich nicht nur an die Giftpflanze, sondern auch an den Wetterpropheten. Ich erinnerte mich nämlich an eine Äusserung von Bruno Vonarburg anlässlich einer Kräuterwanderung in Ausserberg VS, hoch über dem Rhonetal. Damals erzählte er etwas sehr Interessantes über die Herbstzeitlose. Man erkenne an der Tiefe des Fruchtknotens in der Erde, wie streng der kommende Winter werde. Ich sandte deshalb an Bruno eine E-Mail und bat um nähere Informationen. Prompt kam die Antwort am 14.08.2012. Im Anhang befand sich eine 2-seitige Abhandlung über die Pflanzen als Wetterpropheten. Einige Auszüge davon werde ich in dieses Blog einfügen.
 
Über die Herbstzeitlose schrieb mir Bruno dies: „Mit der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) sind wir sogar imstande, die Strenge und Härte des Winters vorauszusagen. Die Pflanze ist eine richtige Lebenskünstlerin, die vollkommen aus der Reihe tanzt. Vor allem ist sie stark giftig. Blätter, Blüten und Knollen enthalten das gefährliche Alkaloid Colchicin, welches nicht nur dem Menschen, sondern auch den Weidetieren schaden kann. Pferde und Kühe meiden die Herbstzeitlose und blasen die Blätter aus dem Heu, wenn ihnen der Geruch dieser Pflanze in die Nase steigt. Doch für die Ziege ist sie ein Leckerbissen. Diese vergnügten Vierbeiner sind ja bekanntlich gegenüber vielerlei Giften gefeit. Schlägt jedoch das Colchicin in ihrer Milch nieder, so können beim Menschen Vergiftungen in Erscheinung treten.“
 
Dann kam für mich der interessanteste Teil, in dem meine Frage beantwortet wurde, ob man einen strengen oder milden Winter vorhersagen könne. Bruno Vonarburg:
 
„Kurz nach dem Blütenfest im Herbst bildet die Herbstzeitlose einen Fruchtknoten, der von Woche zu Woche weiter ins Erdreich zurückwandert, wo er, geschützt von der isolierenden Bodenwärme, unterhalb der Frostgrenze überwintert, um nicht erfrieren zu müssen. Dieser Fruchtknoten und der zukünftige junge Spross scheinen zu ahnen, wie hart der Winter wird und wie tief der Frost in den Boden dringt. Wenn wir anfangs Dezember nach dem Fruchtknoten graben, können wir anhand seiner Tiefe vorausberechnen, ob die nächste Kälteperiode mild oder frostig kalt verlaufen wird. Er liegt nämlich unterhalb des bevorstehenden Gefrierpunkts der Erde. Liegt er unter 15 bis 18 cm unter der Erde, ist es ratsam, sich wollene Strümpfe und warme Pullover zu kaufen – der nächste Winter wird dann sehr hart sein. Bei einer Bodentiefe von nur 10 bis 12 cm ist nichts Schlimmes zu erwarten.“
 
Bruno bemerkte, dass man sich auf diese klimatische Voraussage der Herbstzeitlose verlassen könne. Sie dürfe sich keinen Irrtum erlauben, da sie sonst erfrieren müsste und ihr Fortbestand ja gefährdet wäre.
 
Neunerblume und weitere Wetterpropheten
Die Bezeichnung Neunerblume kannte ich noch nicht. Es ist der Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis). Er öffnet die Blütenaugen nur bei schönem Wetter, und zwar in der 9. Morgenstunde. Zieht trübes Wetter ins Land, dann bleiben die Blüten geschlossen. Die Pflanze „verschläft“ den Regentag. Im Volksmund wurde die Pflanze zum „Wetterglas des armen Mannes“.
 
Der Acker-Gaucheil (Nebelpflanze, Wetterkraut, Weinbergstern) wurde früher zur Behandlung von Geschwüren und zur Heilung von Geisteskrankheiten (Gauch = Kuckuck, Narr) verwendet. Die Pflanze mit ihren ziegelroten Blüten wächst auf Hackfruchtäckern, Weinbergen, seltener auf Getreideäckern und in Gärten oder auf Schuttplätzen. Die Pflanze ist schwach giftig und enthält Saponine.
 
Bei unseren Wanderungen beobachtete ich am Löwenzahn Ähnliches. Normalerweise öffnen sich die Blüten schon um 5 Uhr. Bei einer feuchten Witterung bleiben die Blüten geschlossen. Bruno bezeichnet in amüsanter Weise dieses Verhalten so: „Die Blüten feiern Wirtesonntag, d. h. sie bleiben zugesperrt.“ Das kann ich bestätigen. Bei feuchter Witterung oder Regen blieben nicht nur manche Blüten zu, sondern auch Wirtschaften, in denen wir uns hineinflüchten wollten.
 
Barometerpflanze Sauerklee und Distel
Der Sauerklee reagiert bei Zunahme der Luftfeuchtigkeit hygroskopisch. Kurz vor einem Gewitter faltet er seine Blätter zusammen und stellt die Blattstiele aufrecht. Ähnliches kann man bei der Sumpfdotterblume beobachten. Auch die Silber- oder Wetterdistel ist eine Barometerpflanze. „Sie misst Luftdruck und Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre und übertrifft, für kurzfristige Voraussagen, sogar moderne technische Hilfsmittel. Mit ihrem hygroskopischen Feingefühl ahnt sie nasses Wetter schon Stunden voraus und schliesst dann ihre pergamentartigen Blüten als entsprechende Anzeige“, berichtete Bruno.
 
Auch die Ringelblume ist ein Wetterprophet. Wenn sich ihre Blüten frühmorgens öffnen, ist mit schönem Wetter zu rechnen. Bei der Mohnpflanze habe ich dies auch schon beobachtet.
 
Für Fotofreunde ist es immer gut, wenn man bei schönem Wetter die Kamera zückt und dann die Pflanzen in voller Blütenpracht ablichtet.
 
Manche Pflanzen wie das Waldgeissblatt, die Nachtviole, der Waldmeister und die Blüten der Linde duften besonders stark, wenn dunkle Wolken heranziehen.
 
Seltsam für uns Beobachter ist das Verhalten der Futterrübe. Ist ein Gewitter im Anzug, lässt sie die Blätter hängen. Dadurch werden ihre Blätter vor einer Beschädigung durch Wind und Hagel besser geschützt.
 
Königskerze als Wetterprophet
Früher beobachteten die naturverbundenen, von den Elementen der Natur abhängigen Bauern Anzeichen bei Tieren und Pflanzen zur Wettervorhersage. Es gab ja noch keine „Kachelmann“-Wetterprognosen. Im Schwarzwald beobachteten die Bauern die Königskerze genau. Neigte sie sich nach Westen, kam schlechtes Wetter. Beugte sich die Spitze der Pflanze nach Osten, war gutes Wetter im Anmarsch.
 
Mir fiel im Herbst 2009 die ungewöhnlich grosse Anzahl Bucheckern auf, die auf dem Boden lagen. Da dachte ich: Es wird ein schneereicher und strenger Winter kommen. Die Vermutung hat sich dann bewahrheitet. Solche Beobachtungen wurden schon früher von Wetterpropheten gemacht (so entstanden dann auch die Bauernregeln und Wettersprüche).
 
Wettersprüche
 
„Siehst du im März gelbe Blumen im Freien,
magst du getrost deine Samen streuen.“
 
„Fällt das Buchenlaub früh und schnell,
wird der Winter streng und hell.“
 
„Viele Buchnüsse und Eicheln,
dann wird der Winter nicht schmeicheln.“
 
„Blüh´n im November die Bäume aufs Neu’,
währet der Winter bis zum Mai.“
 
Kompasspflanzen
Bestimmte Pflanzen haben sogar einen Sinn für Himmelsrichtungen. Die Kompasspflanze Silphium lacinatum, die Jäger und Grenzwächter in den Prärien Nordamerikas entdeckten, besitzt Blätter, die in die 4 Himmelsrichtungen zeigen. Die Pflanze dient bei trübem Wetter Indianern und Trappern zur Orientierung.
 
Der einheimische Wilde Lattich (Lactuca serriola) richtet bei starker Sonnenbestrahlung die Blattspitzen genau nach Nord und Süd aus. Diese Stellung ist für die Pflanze von grossem Vorteil. Am kühlen Morgen werden die Blätter von der im Osten aufgehenden Sonne und am kühlen Abend von der im Westen untergehenden Sonne voll getroffen. Die Folge ist, dass die Blätter nicht allzu stark erwärmt und zu einer übergrossen Transpiration angeregt werden. Das starke Licht der Mittagssonne trifft darüber hinaus nur die schmalen Kanten der Blätter.
 
Auf elektrische und magnetische Einflüsse reagiert die indische Kletterpflanze Arbus precatorius. Sie wird als Wetterpflanze eingesetzt. Botaniker fanden heraus, dass dieses Gewächs ein guter Prophet für kommende Zyklone, Hurrikans, Tornados, Erdbeben und Vulkanausbrüche ist. Ob man das so glauben kann, bleibe dahingestellt. Vielleicht bringen exakte Beobachtungen in naher Zukunft weitere Erkenntnisse.
 
Literatur
Aichele, Dietmar: „Was blüht denn da?“, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 1991.
Kumpfmüller, Judith; Steinbacher, Dorothea: „Die besten Wetter- und Bauernregeln“, Heyne Verlag, München 2008.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, IPa-Verlag, Vaihingen 2002.
Vonarburg, Bruno: „Natürlich Gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.
 
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