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BLOG vom 04.09.2012


Schmiedrued AG: Als die Côte d’Azur im Ruedertal aufblühte
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das Ruedertal im aargauischen Bezirk Kulm hat, wie ohne Weiteres zuzugeben ist, mit der Côte d’Azur wenig gemeinsam. In den Gemeinden Schlossrued und Schmiedrued gibt es keine Spur von azurblauem Mittelmeer, nichts von roten Felsen, und nichts, aber auch gar nichts erinnert an Cannes oder Nizza.
 
Verlässt man in Schöftland das Suhrental (zwischen Aarau und dem Sempachersee) nach Südosten, befindet man sich sogleich in einer idyllischen Hügellandschaft mit ihren Wäldern und den wenigen Dörfern und Weilern oder Einzelbauten. Ein paar Baustellen wie ein im Entstehen begriffenes Blockhaus dienen als Hinweise dafür, dass die ruhige Gegend als ein Wohnraum jenseits aller Metropolitan-Hektik gefragt ist.
 
Hat man Schlossrued mit dem Schloss Rued, das unter habsburgischer Oberherrschaft von den Herren von Rued bewohnt war, einmal hinter sich gelassen, erreicht man im oberen Teil des Tals das Dorf Schmiedrued; zu dieser gleichnamigen, selbständigen Gemeinde gehört auch Walde. Insgesamt wurden in deren Gemarkungen knapp 1200 Einwohner gezählt. Der seit 1816 existierende Name Schmiedrued erzählt von der Hammerschmiede (von zirka 1430) beim Rueder-Bach, der heute Ruederche heisst. Ein kleiner und 4 grosse Hämmer, ein Schleifstein und ein Drehstuhl wurden von 3 Wasserrädern angetrieben. Zeitweise wurde in diesem Haus eine Pintenschenke betrieben. Das Gebäude im Ortsteil Matt dient heute als Wohnhaus.
 
Das Heimatmuseum
Im Dorfzentrum ist das alte, kleine und gepflegte Schulhaus das zuerst ins Auge fallende bauliche Ereignis, in dem der Verein „Weberei- und Heimatmuseum Ruedertal“ ein volkskundlich wertvolles Heimatmuseum eingerichtet hat. Die Betreiber lassen sich immer wieder neue Ausstellungsthemen einfallen, wie mir Konservator Roland Frei sagte. In diesem Jahr sind es Spielsachen. Das Museum soll leben, weshalb immer wieder neue Objekte aus den Lagerräumen geholt und schön präsentiert werden. Eine eigentliche Attraktion ist die grosse Webstube mit den 6 teilweise über 100 Jahre alten Webstühlen, die aus jener Zeit erzählen, als die vorwiegend in der Landwirtschaft tätigen Leute dringend auf ein Zusatzeinkommen angewiesen waren. Seit 1890 wurde in diesem Ort aus dem gleichen Grund auch die Posamenterie betrieben, eine Bandweberei. Wenn das Museum jeweils offen ist (jeden 1. Sonntag im Monat von März bis Oktober, 14.00 bis 16.30 Uhr, www.webereimuseum.ch), werden hier noch Bändel gewoben, wie mir eine der Weberinnen, Maya Güdel, erzählte und mir gleich einen zweifarbigen Bändel in den Aargauer Farben dunkelblau und schwarz schenkte. Auch die beiden Schwestern von Frau Güdel kommen, einander abwechselnd, beim Schauweben zum Einsatz.
 
Neben dem Webereimuseum ist im Haus auch noch eine vollständige Schuhmacherei untergebracht, alles garniert mit vielen antiken Utensilien. Das alte Schulhaus mit dem Biedermeierschmuck an der Fassade, mit den steilen Holztreppen, den knarrenden Holzböden, einem in hellem lindengrün gestrichenen Ausstellungsraum bildet den passenden Rahmen.
 
Béatrice Bircher und Zita Rey
Diese Atmosphäre eignet sich auch für die Präsentation von Kunstobjekten wie Bilder und Skulpturen. Die neue Ausstellung mit Bildern und Kugelobjekten von Béatrice Bircher, Aarau, und Skulpturen von Zita Rey, Muhen, wurde am Abend des 31.08.2012 eröffnet. Mein ehemaliger Redaktionskollege Heinz Bürki, Suhr, erläuterte die Kunstwerke und gab den beiden Damen Gelegenheit, sich gleich selber vorzustellen; denn laut seiner zutreffenden Erkenntnis können sie das am besten.
 
Das Ruedertal ist Bea Bircher-Müller seit ihrer Bezirksschulzeit als damaliger Lebensraum vertraut, und Zita Rey hatte hier schon vor 6 Jahren eine Ausstellung – sie beide fühlen sich hier daheim und geborgen. In einem Bild aus kleinen Bildchen hat Bea verschiedene Landschaften und Gebäude in leicht abstrahierter Form zusammengestellt.
 
In Beas Bildern spiegelt sich ihre Welt, ihre Begabung zur Naturbeobachtung, die über ihren Lebensraum Aarau und Umgebung eben bis zur erwähnten französischen Riviera reicht. Alles kommt leichtfüssig, beschwingt daher, was natürlich damit zusammenhängen mag, dass sie sich in ihrem Atelier im Rüetschi-Haus in Suhr „vögeliwohl“ fühle, wie sie sagte. Und selbst wenn sie die filigran anmutende Tragstangenkonstruktion über der Rückbauhalle der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK) hinter weiss blühenden Blumen und Bäumen ins Bild (Mischtechnik aus Pigmenten und einer Emulsion) setzt, verflüchtigt sich jede Erinnerung an die Hinterlassenschaften einer desorientierten Welt. Auch in den anderen Werken blühen immer wieder Magnolien und andere Pflanzen. Das Farbenfrohe obsiegt. Die Lieblingsfarben Rot und Blau kommen bei den Wickenblüten zur Geltung. Und Flamenco-Tanzszenen als Aquarelle sind die logische Folge der zum Bild gewordenen und ausstrahlenden Lebensfreude. Ein bisschen farblicher Anklang an Claude Monets Impressionismus, etwas weniger detaillierter ausgearbeitet, auf die Kernsubstanz zurückgeführt.
 
Zitas Skulpturen ihrerseits, aus Erde, Wasser und Feuer geschaffen, sind nicht auf die Freude am Werkstoff Ton reduziert. Die schlanken Figuren sind gewachst, patiniert oder poliert – der Glasurbrand (der aufwendige Rakubrand nach japanischem Vorbild = Rauchbrennen oder der Fassbrand = Grubenbrand) tragen Wesentliches zum Gesamteindruck bei. Die Aussagekraft der gestalteten Glasur ist besonders eindrücklich bei den 4 Gestalten erlebbar, welche die Jahreszeiten verkörpern. Zita habe mit ihren Figuren ihr Inneres geöffnet, sagte Heinz Bürki, und man erspüre daraus ihr harmonisches Wesen. Eleganz, Tiefe, Versenkung sind die Merkmale der Figuren, die dem Feuer entflohen sind.
 
Es ist erstaunlich, welche Entwicklung Zita Rey in den 30 Jahren, als sie in der Migros-Klubschule Schüsseli und Vasen formte, brennen liess und ihre Liebe zum Ton entdeckte, durchgemacht hat. „Aufbruch“ heisst eine ihrer Skulpturen – es ist ein Sich-Erheben.
*
Die Ruedertaler Grenzen sprengten auch Nirina und Andry Gutiérrez mit ihren Liedern, mit der elektronischen Orgel untermalt. Das junge Gewisterpaar lebte 15 Jahre in Schlossrued; seine Eltern sind madagassischer Abstammung. Sie sangen von „These Streets“, vielleicht eine Abwandlung von den „alten Strassen noch“, und von „Last Request“ nach Paolo Nutini, was man wohl mit „letzte Bitte“ zu übersetzen hat. Im Refrain heisst es, wenn ich richtig verstanden und übersetzt habe:
 
„Ich kann akzeptieren, dass wir nirgends hingehen
aber lass uns noch ein letztes Mal dort hingehen.“
 
Das Ruedertal dürfte damit wohl kaum gemeint sein. Doch der Drang, dorthin zu gehen, wäre einen eigenen Song wert.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über das Ruedertal
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