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BLOG vom 24.10.2012


Die Vorsilbe VER-. Eine verredete Rede und die Etymologie
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Verehrte Vertriebler!
 
Bitte verdammen Sie mich nicht, ich bin nicht vermessen oder gar verrückt! Wie Sie vermuten, habe ich verwirklicht, meine Verpflichtungen zu verweigern, habe einen Verweis verwegen verlacht und durch meine Verrentung versüsst, um zu verhindern, dass ich nicht ganz verkümmere und verblöde.
 
Vermuten Sie richtig, ich habe für meine Verhältnisse gut verdient, ich werde vermutlich einen Verlust erleiden, aber nicht in Verarmung versinken. Es war mir verleidet, mich darin zu verschleissen, Versicherungen an Vertrauensselige, Verbeamtete und Verheiratete zu vermitteln und dann zu verkaufen.
 
Ich will mich verständlich machen und den Verlauf nicht verplempern!
 
Ich war kein Verlierer, ich vermehrte das Vermögen des Versicherungsvereins und vervielfachte es. Ja, vermeintlich verschaffte mir das sogar ein verstärktes Vergnügen. Verbrieftes Vertrauen kann einem aber auch vergällt werden.
 
Man verliess sich auf mich. Meinen Vertriebskollegen war ich sogar eine Vertrauensperson, und bei verschiedenen Verzagten versuchte ich zu vermitteln, dass sie nicht verzweifeln, sondern unversehens Verbesserungen verfechten müssten. Auch Verfehlungen sollten nicht vergolten, sondern verziehen werden.
 
Einmal verlief der vehemente Versuch vergebens, ich war verärgert und vergrault, es kam auch nicht zu einem Vergleich, sondern ein vermeintlich vorverurteilter „verbohrter“ Verdächtigter wurde verklagt. Verbotene Vergnügungsfahrten waren verschleiert und verharmlost worden. Vermögen war verjubelt worden. Bei der Verhandlung verhaspelte sich der Verklagte bei seinen Verlautbarungen, als der Verhandlungsführer das Vergehen verkündete und den zu Vernehmenden verhörte. Dieser vermeldete Verordnungen, verschwieg viel und verneinte verbissen ein vermeintliches Verschulden, verplapperte sich nicht und vermutete eine Verschwörung. Der Verteidiger versuchte vergeblich, zu vermitteln und zu einem Vergleich zu verhelfen. Die Verurteilung wurde verlesen. Die Verantwortlichen veranlassten unverzüglich den Verlust des verkühlten Arbeitsverhältnisses. Ich verbürge mich dafür, mich mit dem Verurteilten verbündet zu haben!
 
In einer Versammlung vermerkte die Versicherungsleitung zur Verdeutlichung die Verfügung, mit dem Verfahren als Verschlusssache vertraulich zu verfahren. Das Versteckspiel verstehe ich als ein Versuch, etwas zu vertuschen. Es war unverdaulich.
 
Für mich als Verbindungsmann verbesserte sich das Verhältnis nicht, sondern verdarb mir mein Vergnügen an meinen Verabredungen. Die Verantwortlichen hatten sich verschätzt und sich mein Vertrauen verscherzt. Bei mir verebbte das vergönnte Vertrauen. Ich werde mich nicht mit ihnen verbrüdern!
 
Sie haben mir das Verbleiben im Vertrieb verdorben und verleidet. Ich bin ein Verfechter von verlässlichen Versprechungen und vermittle Vertrauen. Ich habe niemals Vertraute verprellt. Ich will mich nicht in Verruf bringen. Deshalb habe ich verkündet, die Versicherung zu verlassen.
 
Ich will nicht verkannt werden, ich verhalte mich nicht so, weil ich verknöchert oder gar verklemmt bin. Ich will mich einfach nicht versklaven. Mit Verlaub vermeldet, ich will nicht durch Verlogenheit verkommen werden und mich nicht in Verlegenheit verfangen.
 
Bitte verübeln Sie mir diese meine Veranlassung nicht, und verbuchen meine Ihnen anvertraute Verlautbarung verantwortungsvoll als einen Versuch, Ihnen mein Verhalten und meine Verachtung für unverhältnismässiges Versagen der Vertriebsleitung auf dieser Versammlung verdeutlicht zu haben. Ich bin so vermessen und verkünde Ihnen damit mein Vermächtnis!
*
Wie man leicht feststellen kann, habe ich im obigen Text vor allem Wörter mit der Vorsilbe „-ver“ verarbeitet, was eine verzwickte Sache war.
 
Der von mir sehr verehrte Fritz Mauthner (*22.1.1849, gest. 29.06.1923 in Meersburg), Philosoph und Schriftsteller, hat zur selben Thematik Folgendes verfasst:
 
„Diese Vorsilbe ver- lässt sich etymologisch (selbst mit Zuhilfenahme der Volksetymologie) nicht so einfach erklären wie die Vorsilbe er-. …..’Es ist ver ...’ erzeugt sofort die Erwartung, dass etwas verschwunden oder verloren sei, und das folgende Stammwort gibt nur noch die nähere Art des Verschwindens oder Verlierens an. Wieder gibt es kaum ein Verbum, das nicht sprachgebräuchlich oder scherzhaft mit ver- zusammengesetzt werden könnte, und die Grundanschauung ist dabei immer eine Bewegung vom Sprechenden hinweg, eben ein Verlust. Man kann sein Vermögen, seine Gesundheit, seinen Verstand verfressen und vertrinken, verbuhlen und verspielen; man kann das alles verjubeln, man kann (hier ist der Sprachgebrauch etwas enger) seine Jugend, sein Leben vertrauern, das heisst durch Gebrauchsmangel verlieren. ‚Sie verjammert und verbetet ihr Leben’ (Goethe). Aus der Wahrnehmung des Sprechenden hinweg, in weiterer Metapher aus der Absicht des Sprechenden hinweg führen Zusammensetzungen wie: verlegen, verkramen, verfitzen, verbauen, verzeichnen, verziehen usw. usw. Ganz körperlich wird die räumliche Entfernung ausgedrückt in: verjagen, vertreiben, versenden, verschleppen usw. Sehr häufig liegt etwas Verachtung in den Zusammensetzungen mit ver-; so hiess veralten früher (bei Luther, aber auch noch vor hundert Jahren) nicht mehr als alt werden; jetzt heisst es durch Alter unbrauchbar werden, besonders aus der Mode kommen. Luther und Goethe konnten noch von veralteten Wurzeln, von einem veralteten Baume reden; heute sagt man höchstens noch, die Tulpe sei eine veraltete Blume oder sie sei wieder in die Mode gekommen.“
 
(Fritz Mauthner: „Sprache und Grammatik, Beiträge zu einer Kritik der Sprache“, Dritter Band, Stuttgart, Berlin J.G. Cotta, 1913).
 
In einem anderen Buch habe ich Folgendes gefunden:
 
„…Bei den meisten Verben ist die Vorsilbe ,ver’ am besten zu verstehen, wenn man ihr ohne Umschweife die ursprüngliche Bedeutung der indogermanischen Wurzel zugrunde legt. Das ursprüngliche ,Hinausführen-über’ im Sinne einer Fortbewegung, eines Impulses, einer Verwandlung, die von einer engen Vergangenheit in eine zukünftige Weite führt und die sich über der vergangenen Enge in die Freiheit entlässt, ist in allen Varianten als eigentliches Motiv gut erkennbar. Je nachdem von welcher Perspektive aus man das ,Hinausführen-über’ aber betrachtet, bekommt es einen Beigeschmack, der an die unterschiedlichen gotischen Stränge erinnert.
 
In den Verben ,veranstalten’, ,verkaufen’, ,verlosen’, ,vergöttern’, ,veröffentlichen’ und ,verkünden’ steht das ,heraus’ im Vordergrund.
 
Beim ,Vergessen’, ,Verarbeiten’, ,Verbrauchen’, ,Verdauen’, ,Verschwenden’ und ,Sichverkrümeln’ denkt man an das ,weg’.
 
Beim ,Verpassen’, beim ,Verpfuschen’ und ,Verheeren’ sieht man, wie gute Gelegenheiten ungenutzt vorüberziehen, wie man am Ziel vorbei das Falsche trifft oder wie das schwedische Heer im dreissigjährigen Krieg plündernd das geplagte Deutschland durchquert.“
(Michael Depner: „Der Kontakt“, Würzburg 2000)
 
Es ist spannend, die obige von mir verfasste, kleine Rede unter diesen Gesichtspunkten noch einmal zu lesen. Oder versuchen Sie sich einmal selbst an einem Text, der nur Verben und Nomen mit der Vorsilbe -ver hat!
 
Weitere Literatur
Wahrig: „Grosswörterbuch Deutsch als Fremdsprache“, Wissen Media Verlag München, Berlin 2008, S.1067ff.
 
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