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BLOG vom 01.11.2012


Was deutsch ist – untersucht an der deutschen Sprache
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
In meinem Bücherregal bin ich auf ein Taschenbuch mit dem Titel „Der Deutsche an sich – Einem Phantom auf der Spur“ aus dem Jahr 1994, herausgegeben von Vera und Ansgar Nünning, gestossen.
 
Genau dazu passt die folgende Aussage aus dem Internet:  „Zuverlässig, wie im Herbst die Blätter fallen, findet sich alle Jahre wieder ein streitbarer Geist, der eine Diskussion darüber lostritt, was denn deutsch sei und was nicht, mit den immergleichen ritualisierten Formen betroffener Kritik der einen und reflexhafter Befürwortung der anderen.“
 
Der Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDS) stellte 2011 damit fest, dass Deutschsein bedeutet, zur Kulturnation Deutschland zu gehören (was für die Österreicher zutreffe, aber für die Deutschschweizer nicht!), das heisse, „Deutscher kann nach einer kulturellen Definition nur sein, wer Deutsch als Muttersprache hat oder im Alltag mehrheitlich Deutsch spricht.“ Der VVDS hat den Wahlspruch „Mit Gott für Volk und Vaterland!“. Welche „kulturelle Definition“ das sein soll, bleibt unklar.
 
Es ist Herbst, also: warum sollte ich nicht wieder einmal eine Diskussion darüber „lostreten“ (dieses Mal nicht „ritualisiert“)?
 
Ich würde dem obigen Zitat insoweit widersprechen, als zumindest die Kenntnis des Deutschen genügen sollte, wenn jemand die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen will. Ob er zu Hause oder im Alltag weiter türkisch, arabisch oder serbisch oder sonst wie spricht, sollte allein im Ermessen des Einzelnen liegen, ebenso, welche Gebräuche er aus dem Herkunftsland pflegt, welcher Religion er angehört oder nicht.
 
Ich zähle mich nämlich nicht zu dem Typus, den der indische Soziologe und Schriftsteller Prodosh Aich, geb. 1934, seit 1955 in der Bundesrepublik lebend, zu Beginn seines Artikels „Kritik nicht gern gehört“ aus dem oben genannten Buch meint, wenn er schreibt: „Der autoritäre Zug im Charakter der Deutschen ist der Eindruck, der alle meine anderen Eindrücke überragt.“ Er ist der Meinung, dass die Deutschen ein abweichendes Verhalten oder abweichende Meinungen von den herrschen Normen „auch bei ihren Landsleuten“ ungern dulden.
 
Unter anderem macht er seine Meinung auch an der deutschen Sprache fest. Er erkannte, dass es im Deutschen kein entsprechendes Wort für Begriffe gibt, die er im Zusammenhang mit seiner Meinung sieht, wenn er schreibt, dass der Fremde bei bestimmten Situationen, „wo die Rollen beider Seiten nicht klar definiert sind…eine benachteiligende oder geringschätzige Behandlung erfährt.“
 
Der 1. Begriff, den er anführt, ist das englische Wort  „fairness“. Dieses sei oft nicht zu finden, weil „die Deutschen gern auch die belanglosesten Dinge zu Fragen ihres Prestiges machen“ würden. Prinzipienreiterei ist in Deutschland nicht selten vertreten, jedenfalls erlebe ich das bei vielen meiner Landsleute häufiger. Das Wort hat 3 Hauptbedeutungen, wie „Pedant“, „Haarspalter“ und „Kleinigkeitskrämer“ und viel damit zu tun, dass den Deutschen häufig ein gewisses Mass an Gelassenheit abgeht.
 
Der 2. Begriff, der in der deutschen Sprache keine Entsprechung kennt, sei „common sense“, denn die Übersetzung „gesunder Menschenverstand“ umfasse diesen Begriff nur unvollkommen. Skepsis gegenüber dem gedruckten Wort sei in Deutschland selten. „Wenn eine anerkannte Autorität etwas sagt, so unterstellt man ganz selbstverständlich, dass das stimmt.“ Da ist etwas Wahres dran. Gehen Sie einmal in die Gastwirtschaft und seien Sie in einer Diskussion über ein Thema aus der BILD-Zeitung skeptisch eingestellt! Was in der Zeitung steht, muss wahr sein!
 
Der 3. Begriff ist „Zivilcourage“, eine Grundlage der demokratischen Gesellschaft, und mehr als nur Heldentum, sondern auch das Zugeben davon, sich geirrt zu haben. „Die allgemeine Erwartung ist auch, dass ein Politiker oder eine Partei niemals eine Meinung ändern darf.“ Und: „Einen Irrtum einzugestehen, seine Meinung zu ändern, sind hierzulande Dinge, die die Karriere gefährden.“ Hervorragende Beispiele sind die Plagiatsvorwürfe gegen die Doktorarbeiten einiger Politiker. Das zuzugeben, ist in Deutschland wahrlich karriereschädlich, deshalb wird gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis vehement abgestritten.
 
Auch zur Sprache und zu Sprach- und Umgangsgewohnheiten untereinander gehört die Beobachtung, dass der Respekt der Deutschen vor traditionell sozial privilegierten Gruppen sehr ausgeprägt ist, zum Beispiel „in der Art der Anrede zwischen Promovierten und Nichtpromovierten, in der Unterwürfigkeit gegenüber den Inhabern hoher Ämter und den Trägern von Adelsnamen.“ Ich nenne das Beispiel, wo sich ein promovierter Lehrer gerichtlich das Recht erstritten hat, immer mit „Herr Doktor“ angeredet zu werden, was genau zu diesem Argument passt. Wenn ich im niederländischen Fernsehen Talkshows erlebe, bei der ganz selbstverständlich Minister von allen geduzt werden, wird mir der Unterschied zu Deutschland immer wieder vor Augen geführt. Nicht nur in Deutschland führen Minister und Abgeordnete eine zeitlich begrenzte Tätigkeit aus, aber in Deutschland „... wird den so Angeredeten eine Autorität verliehen, die eine sachliche Diskussion mit den Teilnehmern, die zwar nicht über Titel, oft aber über grössere Sachkenntnis verfügen, unmöglich macht.“
 
Ein weiteres Argument finde ich sehr interessant. Seit einigen Monaten wird darüber diskutiert, ob die Verfassungsschutzämter der Länder und des Bundes Informationen über eine rechte Terrorgruppe, die eine Reihe von Morden begangen hat, verschwiegen habe. Prodosh Aich bemängelt hier, dass die Demokratie in Deutschland nicht voll funktioniere, denn „häufig wird darüber geklagt, dass nicht einmal das Parlament ausreichend informiert wird, um als unmittelbare Kontrollinstitution die Exekutive wirklich kontrollieren zu können.“
 
Übrigens, Prodosh Aich hat diesen Artikel bereits 1965 verfasst! Sollte sich seit dieser Zeit in Deutschland wirklich so wenig verändert haben?
 
Trotz ihres schlechten Rufes in manchen Ländern muss ich sagen, dass die Deutschen viele gute Charaktereigenschaften besitzen. Sie sind fleissig, energisch, rationell veranlagt und pünktlich – nur in allem zu gründlich, so dass die genannten guten Charaktereigenschaften manchmal verheerend wirken; die Deutschen sind gründlich bis zur Rücksichtslosigkeit, gründlich bis zur Grausamkeit ... Etwas unklar lassen, abwarten, bis Natur oder Zeit alles erledigen – das können die Deutschen einfach nicht“ (Kazuo Kani, „Gründlich bis zur Grausamkeit“, a.a.O.). So die Meinung eines japanischen Mediziners, Publizisten und Übersetzers aus dem Jahr 1965.
 
Ich werde „dem Phantom“ nicht „auf die Spur“ kommen! Aber: der Blick zu ihm kann lehrreich sein – oder etwa nicht?
 
Quellen
Angar Nünning und Vera Nünning (Herausgeber): „Der Deutsche an sich-Einem Phantom auf der Spur“, dtv München 1994.
 
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