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BLOG vom 06.11.2012


Von Schrott und Schrottimmobilien und dem Handel damit
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Seit der Wiedervereinigung in Deutschland macht der Begriff Schrottimmobilien die Runde. Damals war der Begriff, zusammengesetzt aus „Schrott“ und „Immobilie“, noch korrekt.
 
Der Begriff Schrott hat etwas mit verbrauchten Gütern zu tun. Schrott ist eine Sammelbezeichnung für Metallabfälle aller Art, die bei der Metallverarbeitung anfallen oder als Altmaterial aus dem Konsum oder etwa aus Abbrüchen zurückfliessen.
 
Schrott ist also Abfall und wird im Sprachgebrauch als etwas bezeichnet, das nichts oder wenig wert ist. Schrottimmobilien sind demnach überteuerte und fast unverkäufliche Altgebäude oder Eigentumswohnungen, anfänglich vornehmlich in dem Gebiet gelegen, das vor der Wende zur DDR gehörte. Sie wurden von gerissenen Verkäufern in Zusammenarbeit mit Banken an unbedarfte, gutgläubige Käufer mit dem Versprechen von guten Gewinnen, rentablen Mieteinnahmen und gesichertem Alterseinkommen verkauft, was sich danach als Reinfall herausstellte. Viele Tausend Käufer sitzen heute auf unverkäuflichen Immobilien, häufig unvermietbar, oder sie mussten mit Verlust verkaufen. Viele Käufer tragen noch für Jahrzehnte Kredite ab.
 
So ganz stimmt der erste Teil der Bezeichnung „Schrottimmobilie“ heutzutage nicht mehr, denn Schrott ist in den letzten Jahren immer wertvoller geworden. Fast täglich liest man von Diebstählen, die damit zu tun haben. Kupferkabel, Bahnschienen und Bleche werden herausgerissen oder -geschnitten. Auch Friedhöfe sind nicht mehr sicher, sogar Grableuchten aus Messing werden entwendet. Gegenstände aus Metall bringen Geld.
 
Mit 16 Jahren begann ich eine Ausbildung zum Gross- und Aussenhändler im Stahlhandel, und bei einem nicht unbedeutenden Teil meiner Ausbildung hatte ich mit dem Handel von Schrott zu tun. Für den Laien ist Schrott, was der Schrotthändler, der regelmässig durch die Strassen fährt, auf seinen Wagen auflädt. Schrott ist aber nicht gleich Schrott, sondern wird genau klassifiziert.
 
Zuerst einmal wird zwischen Stahl-, Gusseisen- und Metallschrott unterschieden. Stahl kann unlegiert oder legiert sein. Ich hatte damals vor allem mit unlegiertem Stahlschrott und Gusseisenschrott zu tun. Dieser fällt unter anderem in Maschinenfabriken und in Betonwerken an. Es gibt allein bei unlegiertem Stahlschrott 7 Sorten, je nachdem, ob es sich um Abfälle aus Shreddern, Stahlspänen, von Brennanlagen, von Stahlscheren handelt und wie dick die Wandstärke ist oder ob es Mischschrott ist. Dementsprechend sind die Handelspreise pro Tonne unterschiedlich. Diese werden täglich neu festgelegt. 1 Tonne Stahlschrott, im Stahlwerk eingesetzt, spart 1,5 t Rohstahl aus Eisenerz und die doppelte Menge an Energie bei der Erzeugung. Eine Tonne Stahl- oder Guss-Schrott bringt etwa 60 bis 120 Euro, je nach Händler und Menge.
 
Das hört sich nach nicht viel an, macht aber bei der Gesamtmenge der Stahlerzeugung viel aus. Die Recyclingquote liegt in Deutschland etwas unter 50 %. Entsprechend teuer wird Schrott, wenn es sich um Metalle oder Edelmetalle handelt. Kupferkabel bringen zirka 1.20 Euro, reines Kupfer mehr als 4 Euro pro Kilo. Haben Sie noch altes Zinngeschirr? Das lässt sich für ca. 7.50 Euro pro kg verkaufen!
 
Und wie ist das bei Immobilien, die den Namen „Schrottimmobilien“ bekommen haben? Jetzt könnte man der Meinung sein, dass diese, im Gegensatz zu Schrott, nicht lukrativ seien. Dies traf und trifft für viele Käufer zu, für Verkäufer und Banken bestimmt nicht. Selber schuld – könnte man meinen. Weil aber so seriöse Unternehmen wie die Deutsche Bank bei der Kreditvergabe mitgemacht haben, haben viele Käufer auch den Immobilienhändlern vertraut. Allzu oft wird der Grundsatz „Trau! – schau! – wem!“ bei Geschäften vergessen.
 
Sie können Immobilien direkt oder über einen Makler kaufen, aber auch ersteigern. Seriöse Zwangsversteigerungen werden durch das Amtsgericht in der Zeitung inseriert. Am Samstag, 27.10.2012, wurde die Versteigerung „eines Grundbesitzes“ angekündigt. Es handelt sich um ein Gebäude mit einer Freifläche von 427 qm, ein zweiseitig angebautes, teilunterkellertes, eingeschossiges Einfamilienhaus mit ausgebautem Dachgeschoss.
 
Bisher hört sich das noch ganz passabel an. Aber jetzt geht es los: Das Baujahr ist unbekannt, der Gewölbekeller nicht zugänglich und angeblich durchfeuchtet. Die Ausstattung und der Unterhaltungszustand sind weit unterdurchschnittlich, das Erdgeschoss in rohbauähnlichem Zustand, das Dachgeschoss, also der Wohnbereich, komplett renovationsbedürftig. Bauunterlagen gibt es nicht, der Gasanschluss über das Nachbarhaus ist nicht grundbuchrechtlich abgesichert, und die Wohnfläche beläuft sich auf nur 60 qm. So steht es in der Anzeige.
 
Da hat also jemand, wer weiss vor wie vielen Jahren, an sein Haus noch angebaut und den Anbau verkauft. Und jetzt wird dieser Anbau zwangsversteigert. Wenn Sie die Anzeige lesen, denken Sie dann nicht auch: Wenn das keine Schrottimmobilie ist!
 
Und was meinen Sie, wie hoch der Verkehrswert festgelegt wurde, also der Preis, der möglichst noch erreicht werden soll? Sie werden es nicht glauben, 77 000 Euro! (Für den Preis bekommen Sie in der Provinz eine 60 bis 70 qm grosse Eigentumswohnung in gutem Zustand.)
 
Jedenfalls läuft die Versteigerung sehr seriös ab, hier wird niemand über den Zustand des Hauses im Unklaren gelassen!
 
Quellen
Rheinische Post, Samstag, 27.10.2013: „Marktplatz – Versteigerungen Immobilien“, D10.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Immobilienschrott
 
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