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BLOG vom 14.03.2013


Karlheinz Deschners Band 10 und der graue Vatikan-Rauch
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Früh gab ich es auf, mein Leben mit Philosophie zu verbringen (...).
 Geschichte schien da sicherer (...).
 Denn auf den Grund wollte ich kommen,
 irgendwo auf den Grund einer Sache, irgendwo auf den Boden stossen,
 und wenn es der Bodensatz, der Boden (...) nichts als ein Blutsumpf wäre (...),
 das Schandmal der Menschheit.
Und am weitesten in der Barbarei haben es die Kulturvölker gebracht.“
Quelle: Karlheinz Deschner: „Was ich denke", S. 11 f.)
 *
Am 13.03.2013, als gerade stinkende, schwarze Rauchschwaden aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan von den ersten Papstwahl-Leerläufen erzählten, wurde mir das vorbestellte Buch von Karlheinz Deschner, die „Kriminalgeschichte des Christentums. Band 10“, ins Haus geliefert. Sogleich vertiefte ich mich in dieses Werk. Ich hatte in den vergangenen Jahrzehnten alle Vorgänger-Bücher 1‒9 und viele andere Deschner-Werke gelesen und wusste ungefähr, was mich an Informationen im grossen religionsgeschichtlichen Zusammenhang, an Engagement im Dienste einer späten Aufklärung und an sprachlicher Brillanz erwarten würde. Der virtuose Kriminalist Deschner (89) enttäuschte mich nicht. Auch wenn er etwas müde geworden ist, wie ich bei seinem unvergesslichen Besuch zusammen mit seiner ihn ebenso kompetent wie liebenswürdig unterstützenden Gabriele Röwer (selber eine begabte Schriftstellerin) bei uns im Biberstein am 22.10.2010 feststellen konnte – in seinem neuen Werk ist nichts davon zu spüren.
 
Abends um 19:06 Uhr, als ich gerade das Kapitel „Lieber Krieg mit einer Grossmacht als ein Jesuitenpapst“ (Seite 186 ff., ein Zitat von Karl III.) studiert hatte, stieg grauer Rauch, von allen TV-Kanälen in die Stübchen geliefert, auf. Der weisse Rauch musste zuerst den inwendig schwarz verschmutzten Kamin reinigen, wurde dann etwas heller. Und etwa eine Stunde später durfte die mit einer Flut von rituellem Werbegetöse eingedeckte Menschheit bei Glockengeläute erfahren, dass der Argentinier Jorge Mario Bergoglio (76), Erzbischof von Buenos Aires, aus dem Machtgerangel der Purpurträger im 5. Wahlgang als 266. Papst hervorgegangen war. Er betont mit seinem Papstnamen „Franziskus I.“ (in der Braunbärensprache würde man ihn „F 266“ nennen ... - in der Schweiz werden einwandernde Bären nummeriert) Tierliebe, Bescheidenheit und Volksnähe. Hoffentlich ist das Programm und nicht einfach eine Ablenkung von der nicht in allen Teilen makellosen Vergangenheit in Argentinien. Vielleicht hat er ja auch seine jesuitische Vergangenheit teilweise überwunden (er war 1973-1979 Provinzial des Jesuitenordens). Der heiliggesprochene Franz von Assisi hatte einen Bettelorden gegründet, lebte mausarm. Der neue Papst wird als „stiller Jesuit“ oder auch als „Kardinal der Armen“ genannt, soll in Argentinien ein einfaches Leben geführt, manchmal selber gekocht und öffentliche Verkehrsmittel wie die U-Bahn benützt haben. Das will gar nicht so recht zum Katholikenprunk passen, lässt den neuen Papst aber in einem sympathischen Licht erscheinen.
 
Der erste Jesuit auf dem Papstthron
Laut Deschner (Seite 177) wurden die Jesuiten (Societas Jesu) 1534 als „exempter Papstorden zur besonderen Unterstützung der römischen Hierarchien" geschaffen (exempter: nicht der Oberaufsicht eines Bischofs unterliegend). Jetzt soll aktuellen Medienberichten zufolge alles anders sein, und es wird, wohl etwas voreilig, in Bezug auf Franziskus gar von einem „Neuanfang“ gesprochen, als ob es so etwas im Vatikan geben könnte. Der Neuanfang: der neugewählte Papst begrüsste das Jubelvolk auf dem Petersplatz, für mich einfach eine Geste des Anstands. Warten wir auf weitere weltbewegende Taten.
 
Bergoglio, italienischer Abstammung, ist erzkonservativ, wandte sich vehement gegen die Legalisierung der Homoehe. Zudem lehnt er Empfängnisverhütung und die Abtreibung ab – hier hört sein Mitgefühl für die Armen auf. Und ihm wird aus Menschenrechtskreisen vorgeworfen, während der Zeit der Militärdiktatur (1976‒1983) in Argentinien eine zu auffallende Nähe zu den herrschenden, ruchlosen Militärs gehabt zu haben, was der neue Papst allerdings stets bestritten hat. Aussagen gegen Aussagen mit Irrtumsvorbehalt. Damals sind rund 30 000 Menschen verschwunden; sie wurden gefoltert oder getötet. Grundsätzlich hat sich die Kirche immer mit den Mächtigen verbunden.
 
Bilanz von 2000 Jahren Religionsgeschichte
Die Aktualität hatte Deschners Buch eingeholt. Und die Vorgänge aus der bisherigen christlichen Kriminalgeschichte zeigen, dass diese, ausgehend vom „Ewigen Rom“, ihr Ende noch nicht gefunden hat; man könnte damit Tausende von „Tatort-Folgen reich bestücken. Der Autor Deschner kann sich über ein opulentes Material tatsächlich nicht beklagen.
 
Sein Exzerpt auf Seite 225: „Es muss ein eigentümliches Vergnügen sein, fast zwei Jahrtausende hindurch zu lügen, zu fälschen, zu täuschen. Es muss ein eigentümliches Vergnügen sein, über Äonen (Zeitabschnitte der sogenannten Heilsgeschichte. Tx.), über alle Zusammenbrüche, alles grosse Völkernasführen und Völkerruinieren hinweg die Heuchelei zur Kunst aller Künste zu machen und sie fort und fort zu sanktionieren – auf dass es einem wohl ergehe und man lange lebe auf Erden.“ Das ist eine Zusammenfassung der Einsichten von Deschners gründlichen Studien, die er Mitte der 1950er-Jahre aufnahm und aus denen auch zahlreiche Aufsehen erregende kirchenkritische Begleitwerke hervorgingen, aber auch Romane, Literaturkritik, Essays und Aphorismen, Beweisstücke einer unvorstellbaren Schaffenskraft.
 
Niemand wird sich darüber wundern, dass die einem Tabu unterliegende Christentumskritik harten Widerspruch auslösen musste. Das war durchaus erwünscht und der Verbreitung der Werke zuträglich. Diskussionen als „Übungsplatz des Geistes“ (Lothar Schmidt) befreien aus der Abgestumpftheit, aus Dogmen, die zum Starr- und Stumpfsinn führen und die letzten Restbestände von Kritik auslöschen.
 
Wertneutrale Geschichte?
Bei den Auseinandersetzungen über Deschners Werke wurde häufig auch die Frage diskutiert, ob sich denn ein Historiker mit seiner persönlichen Weltanschauung einbringen oder ob er nur aus distanzierter Position zusammenstellen darf, was er an Fakten den zugänglichen Akten und sorgfältigen Quellenstudien anderer entnommen hat. Persönliche Kommentare innerhalb historischer Darstellungen werden von Historiker-Langweilern mit Vorliebe zum Anlass genommen, das gesamte Werk als unseriös zu apostrophieren.
 
Das ist meines Erachtens unzulässig. Denn ebenso wie jede publizistische Arbeit ist auch jede historische Darstellung persönlich gefärbt – und sei es bloss durch die Auswahl der herbeigezogenen Dokumente und deren Präsentation. Objektivität in Reinkultur gibt es nicht, und deshalb ist es unehrenhaft, eine solche Objektivität vorzutäuschen. Und eben deshalb muss es nicht nur erlaubt sein, Schandtaten oder aber auch ethisch respektable Vorgänge aufgrund einer möglichst exakt aufgezeigten Faktenlage als solche klar zu benennen. Ein überführter Verbrecher ist und bleibt ein Verbrecher, eine aufopfernde Hilfsaktion ist und bleibt etwas Ehrenhaftes.
 
Zur Erläuterung der aussagekräftigen Darstellung von historischen Vorgängen ein weiteres Zitat aus dem Band 10 (Seite 224): „Bekanntlich hat das christliche Rom einst auch die Sklaverei von der Antike übernommen und fortgesetzt, haben Paulus, Augustinus, Thomas von Aquin, die grössten Leuchten dieser Religion, auf das Beredteste durch alle Zeiten die Sklaverei propagiert, hat die Catholica von Generation zu Generation stets neue Unfreiheit verhängt und unter allen europäischen Grossstädten das päpstliche Rom auch am längsten an der Sklaverei festgehalten.“ Das sind Fakten, die man durch Stilmittel meines Erachtens durchaus einprägsam gestalten darf und muss, will man der Gefahr des Beschönigens ausweichen. Über die Kenntnis der Geschehnisse findet der Leser zum konfessionskundlichen Kontext, der Rückschlüsse zulässt und die Geschehnisse, die man lieber auf den Sondermüllsammelplatz der Geschichte werfen würde, zu Indizien macht. Solche spielen auch in jedem weltlichen Kriminalfall eine bedeutende Rolle.
 
Hans Wollschläger (1935–2007) verteidigte Deschners Parteinahme für die Opfer, zumal jener der kirchlichen Potentaten, in einer oft publizierten Rezension des 5. Bandes (siehe seinen Essay „Leitfaden a priori“, Abdruck u. a. in „Aufklärung und Kritik“ Heft 9, 2004). Im scharfen Kontrast zur „Vertuschungshistoriographie“ schreibe Deschner, moralisch wertend, „aus der Sicht der Opfer (...), die das alles erdulden mussten: eine Greuel-Chronik ohne Wenn und Aber“. Diese Nähe, an der er unerbittlich festhalte, sei „Deschners Prinzip – und seine ihm nicht entreissbare Legitimation“.
 
Die neueste Zeit
Deschners 10. Band, mit seinen 320 Seiten diesmal etwas dünner als die Vorgänger-Werke, endet im 18. Jahrhundert, bezieht die Folgezeit aber in einem Ausblick ein. Und der interessierte Leser wird nicht im Regen der Neuzeit stehen gelassen: Das früher erschienene und jetzt im Alibri-Verlag neu aufgelegte Werk „Die Politik der Päpste im 19. und im 20. Jahrhundert“ kann durchaus als Band 11 der Kriminalgeschichte gelten.
 
Der in Hassfurt D lebende Autor hat ein epochales Mammutwerk hervorgebracht, das hoffentlich noch während Jahrhunderten die historischen Wissenschaften vor nachgebeteten Verherrlichungen bewahren wird. Das ist in diesem heiklen Sektor zwingender als anderswo. Es geschieht selten genug. Unangepasste sind von Höllenstrafen bedroht.
 
Wenn es noch eine weitere Zuversicht geben sollte, werde ich den von mir sehr verehrten Herrn Deschner wenigstens dort unten wieder einmal antreffen und mit ihm sprechen können.
 
Internet
 
Buchhinweise
Deschner, Karlheinz: „Kriminalgeschichte des Christentums. Band 10. 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit“, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013. 320 S., 33 CHF.
Deschner, Karlheinz: „Die Politik der Päpste –Vom Niedergang kurialer Macht bis zu deren Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege“, Alibri-Verlag, D-Aschaffenburg 2013. 1100 S., 72 CHF.
 
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