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BLOG vom 23.04.2013


Dialog: Wortkarger Kontakt mit Analyse und Fortsetzung
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Im ICE nach Frankfurt
Im Abteil sitzt ein Mann (M) am Fenster, 26, leger gekleidet, in den Ohren kleine Kopfhörer, das Kabel läuft nach unten in eine kleine schwarze Tasche, die am Gürtel befestigt ist.
 
Eine Frau (F) öffnet das Abteil, fragt: „Noch frei?“
M nickt zustimmend.
F setzt sich dem Mann gegenüber.
M macht sich einen Eindruck von F.
Sie ist im gleichen Alter wie er, adrett, aber nicht schick gekleidet.
 
Es entwickelt sich folgende Kommunikation:
 
M: Kaugummi?
F: Danke!
M: Frankfurt?
F: Ja. Sie?
M: Auch. Studentin?
F: Krankenschwester. Du?
M: Arbeitslos.
F: Lange?
M: Ein Jahr. Verheiratet?
F: Geschieden.
M: Wirklich? Ich auch.
F: Kinder?
M: 1 ‒ Du?
F: 2.
M: Heute Abend Essen gehen?
F: Heute? (Sie schüttelt den Kopf.)
M: Morgen?
F: OK. Wann?
M: 8?
F: OK. Wo?
M: Innenstadt?
F: OK. Idee?
M: Weinstube im Römer?
F: Ja. OK.
M: Oh!
F: Ja?
M: Name?
F: Susanne.
M: Micha.
F: Freu’ mich!
M: Dito!
F: Bis dann!
M: Bis dann!
 
Micha steckt sich die Ohrhörer wieder in die Ohren und schliesst die Augen.
 
Susanne widmet sich ihrem Smartphone.
 
Am Frankfurter Bahnhof: Micha verabschiedet sich, indem er den Arm nach oben reisst, Susanne nickt zustimmend. Beide streben unabhängig voneinander dem Ausgang zu.
*
Dieser Kontakt lässt sich unter 3 Gesichtspunkten analysieren:
 
a) Es handelt sich um Kommunikation:
Kommunikation ist zu verstehen als wechselseitige Konstruktion von Bedeutung zwischen zwei oder mehr Partnern, es findet ein Kreislauf statt, beide Partner sind aktiv an dem Prozess beteiligt. Voraussetzung für eine gelungene Kommunikation ist die Fähigkeit, auf beiden Seiten die Information sinnvoll einordnen zu können, das heisst zum Beispiel, dass Sender und Empfänger dieselbe Sprache sprechen sollten. Konstruktion soll heissen, dass die Nachricht interpretiert wird. Seitens des Senders und des Empfängers wird ihr ein Sinn - eine Bedeutung gegeben.“
 
(„Kommunikations- und Interaktionsmodelle“, eine Ausarbeitung von Sonja Hunscha zum Seminar Multimodale Mensch-Maschine-Kommunikation bei Bernhard Jung und Alf Kranstedt, Sommersemester 2003).
         
b) Es fand ein Dialog statt:
William Isaaks vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) geht im Dialog-Projekt von folgenden elementaren Dialog-Fähigkeiten aus:
 
-- Zuhören (Fähigkeit, das Gehörte auf sich wirken zu lassen).
-- Respektieren (Verzicht auf Abwehr, Kritik etc.).
-- Suspendieren (Erkennen und Beobachten eigener Gedanken).
-- Artikulieren (in eigener Sprache).
 
Es ist auffallend, dass der Dialog mit dem sehr sparsamen Einsatz von Worten abgelaufen ist, es reichten etwa 50, davon 6 zwei- oder mehrmals. Ein „Gespräch“ muss also nicht nach strengen Grammatikregeln stattfinden, etwa in ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und Objekt.
 
c) Es entstand eine Soziale Interaktion:
„Soziale Interaktion bezeichnet das wechselseitige aufeinander bezogene Handeln von Akteuren, also das Geschehen zwischen Personen, die aufeinander reagieren, einander beeinflussen und steuern.“
 
-- Begegnung zweier sich fremder Menschen (Akteure).
-- Angebot eines Genussmittels (Kaugummi) als Vehikel zur Kontaktaufnahme.
-- Sprachliches Handeln (Sender).
-- Es wird darauf reagiert (Empfänger).
-- Wechselseitige Dialog-Akzeptanz (Sender – Empfänger ‒ Sender)
-- Austausch.
-- Offenheit.
-- Neugierde.
-- Annäherung.
-- Bereitschaft zur Fortsetzung.
 
Sie meinen, das sei nichts Besonderes? Ich lade Sie zu einer „Feldstudie“ ein! Beobachten Sie Ihre Mitmenschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Wartehallen, auf dem Bahnhof oder im Flughafen, in Wartezimmern usw., dort, wo es zu Begegnungen unbekannter Personen kommt.
 
Ist Ihnen aufgefallen, dass es äusserst selten zu Kontakten kommt? Viele Mitmenschen „verschanzen“ sich hinter ihren elektronischen Geräten (Smartphone, Laptop, etc.), tragen Ohr- oder Kopfhörer und beachten ihre Umgebung kaum oder nicht. Es fehlt die Bereitschaft zum sozialen Austausch.
*
Ob es mit Susanne und Micha weitergeht? Jetzt sind Sie an der Reihe! Schreiben Sie die Fortsetzung!
 
Quellen
 
Hinweis auf einen weiteren Dialog von Richard Gerd Bernardy
09.02.2013 Europa, die Finanzkrise und die Peking-Ente – ein Dialog
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