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BLOG vom 02.10.2013


Marcel Reich-Ranicki: Saftwurzel, Diktator der Literaturkritik
Autor: Pirmin Meier, Schriftsteller und Historiker, Beromünster LU
 
Marcel Reich-Ranicki wurde anlässlich seiner Abdankung vom Donnerstag, 26.09.2013, eine seiner Stellung in der Bundesrepublik angemessene hohe Ehre zuteil, wiewohl gerade Thomas Gottschalk, von Reich-Ranicki aus Anlass der Zurückweisung eines Fernsehpreises blamiert, wie nie in seinem Leben Mühe hatte, die richtigen Worte zu finden. Insofern der Verstorbene als Literaturkritiker auch über despotische Züge verfügte, sollten, wie beim Hinschied von Potentaten üblich, bei einem beinahe Unsterblichen über das Grab hinaus mit gebührendem Abstand ein paar kritische Anmerkungen erlaubt sein. Da diese nirgends zu lesen waren, erfolgen sie mit geringfügiger Verspätung an dieser Stelle.
 
Die hier folgenden kritischen Bemerkungen ändern nichts daran, dass der Hinschied dieses bedeutenden Mannes zu bedauern bleibt, und zwar nicht nur anstandshalber. Das humanistische Profil, das er vertrat, zumal die Breite der Belesenheit und der zweifelsfrei zu anerkennende Reichtum an Kenntnissen, sind angesichts der geistigen Ausdünnung unserer Gymnasien und der Hochschulen von den nachrückenden Generationen schwerlich zu kompensieren. Ohnehin hatte, über alles gesehen, Reich-Ranicki wohl bei weitem häufiger recht und Recht bekommen als dass seine Kritiken zurückzuweisen wären. Im Vergleich zu einer ungerechtfertigten Lobhudelei eines Quasi-Literaturagenten ist selbst an einem ungerechtfertigten Verriss von Reich-Ranicki in der Regel immer noch mehr dran. Dass er aber weder mit Voltaire noch mit Jean-Jacques Rousseau, mit denen er wenig anfangen konnte, noch mit Gotthold Ephraim Lessing und selbst auch nicht mit Elias Canetti qualitativ mithielt, darf und muss mal gesagt werden. In der Kunst der autoritativen Hinrichtung erreichte er, so etwa mit seinem Urteil über den „dümmlichen“ Peter Handke, allenfalls das immerhin beachtliche Niveau des Österreichers Karl Kraus. Im Vergleich zu diesem war er aber wohl nie selbstmordgefährdet, eine zu Lebzeiten unverwüstliche gelehrte Saftwurzel.
 
Marcel Reich-Ranicki war der wohl letzte grosse Vertreter des deutschen jüdischen Feuilletons, welches seine bedeutendste Epoche in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg hatte und welches bekanntlich 1933 auf undemokratische Weise und nicht zum Nutzen der deutschen Literatur eliminiert wurde. Aus der Sicht von Gegnern war das „jüdische Feuilleton”, wie es von Heinrich Federer und Heinrich Hansjakob, zwei katholischen Autoren, nicht ohne antisemitischen Unterton genannt wurde, zeitweilig so mächtig, dass sich zumal religiös grundierte Autoren von ihm benachteiligt fühlen konnten. Dabei war der damalige Literaturpapst, Eduard Engel (1851–1938) mit seiner deutschnationalen Einstellung und seinem Sprachpurismus ein auf seine Weise durchaus untypischer Vertreter des jüdischen Feuilletons gewesen, so wie es falsch wäre und plump antisemitisch, den im Übrigen ungläubigen Reich-Ranicki auf sein Judentum zu reduzieren.
 
Engel trat vor 90 Jahren ähnlich autoritär auf wie Reich-Ranicki in den letzten 40 bis 50 Jahren. Die Negativ-Urteile der beiden, soweit sie sprachlich fundiert waren, verfügten über eine hohe Trefferquote. Engel hat zum Beispiel bei Friedrich Nietzsche ärgerliche Sprachmarotten beanstandet und damit etwa auf den Qualitätsunterschied dieses gewiss kolossalen, aber doch gefährlich überschätzten Denkers gegenüber Arthur Schopenhauer hingewiesen. Auch inhaltlich hat die Literaturkritik Nietzsche Formulierungen durchgehen lassen, die bei keinem anderen Autor auf dieser Welt geduldet worden wären und die von Nationalsozialisten nicht ausschliesslich falsch verstanden worden sind. Engel hat hier allein auf weiter Flur umgesetzt, was Aufgabe der Literaturkritik gewesen wäre.
 
Vergleichbaren Mut zum totalen Gegenwind dem Zeitgeist gegenüber, mit dem Risiko des Verlustes seiner Pension, hat Reich-Ranicki als Literatur-Rezensent trotz scharfer Kritik auch an Prominenten so nie aufgebracht. Und man kann ihm auch nicht vorwerfen, jüdischen Autoren einen Bonus gewährt zu haben, besonders dann nicht, wenn sie ihm geistig, sprachlich und selbst sogar noch im Hinblick auf eine höchst eindrückliche Lebensgeschichte überlegen waren. Elias Canettis „Die gerettete Zunge“, von mir aus die Jahrhundertautobiographie in deutscher Sprache, wurde von ihm als langweilig und nicht textsortengemäss heruntergemacht. Ein Werk übrigens, das meine Gymnasialschüler während 30 Jahren regelmässig mit grossem Gewinn gelesen haben und das sowohl im Hinblick auf die Darstellung der Bosheit des Menschen, dessen Anfälligkeit an die Masse wie auch als bisher unübertroffene Schilderung des Antisemitismus in einer Schulklasse Massstäbe setzte, die notabene auch dem Nobelpreiskomitee aufgefallen sind.
 
Indes hat Reich-Ranicki in nicht wenigen Fällen seiner berüchtigten Verrisse mit nicht geringen Fertigkeiten, die Ingredienzien von Schadenfreude enthielten, die Sprachkritik als Waffe eingesetzt. Es scheint mir kaum zu bestreiten, dass Reich-Ranicki vor 40 bis 50 Jahren einen in der Art des Kritisierens mindestens ebenbürtigen Konkurrenten in der Person von Karlheinz Deschner hatte, der sich jedoch, ohne schlechter zu argumentieren als M. R.-R., mit seiner Kritik an Uwe Johnson, Max Frisch, Gerd Gaiser, Hermann Hesse, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Walter Jens und Günter Grass nicht durchzusetzen vermochte. Im Gegenteil, ist man nachträglich versucht zu sagen. So wurde Deschner dann statt Literaturkritiker quasi der Reich-Ranicki der Religionskritik, was ich nur zu 50 Prozent als Kompliment gelten lassen würde. Aber immerhin: Was für die Verehrer Reich-Ranickis an dieser Stelle eine Relativierung ihres Idols bedeutet, für Deschner, vor dem ich, soweit ich einen trage, den Hut ziehe, bleibt es ein verdientes Kompliment. Er hatte es im Deutschland der Nachkriegszeit und zumal im Fernsehzeitalter schwerer, als mutig anerkannt zu werden, und man nahm ihm Kritik an literarischen Grössen weniger ab als solche an zum Teil freilich schlimmeren Kirchenfürsten und Religionspotentaten.
 
Wie auch immer, im Gegensatz zu der eher feinen Klinge des klassischen jüdischen Feuilletons, zu schweigen freilich von der homophoben Vernichtung Platens durch Heine, war Reich-Ranicki über alles gesehen nicht frei vom Gehaben eines geistigen Diktators. Das ändert zwar nichts daran, dass sein Sinn für einen literarischen Kanon von hoher Glaubwürdigkeit bleibt. Im Negativurteil lag ihm freilich das Fertigmachen ähnlich wie seinerzeit dem sprachmächtigen Österreicher Karl Kraus. „Blödsinn versinkt im Mumpitz“, titelte er beispielsweise eine Kritik an einem Friedrich-Dürrenmatt-Roman, welche Hermann Burger, eines seiner wenigen – allerdings hochbegabten –  Schweizer Hätschelkinder, dann prompt im Feuilleton des „Aargauer Tagblatts“ veröffentlichte.
 
Gegen dieses Diktatorische versuchte Martin Walser mit dem Roman „Tod eines Kritikers” vergeblich anzukämpfen, deshalb vergeblich, weil der entsprechende Roman als Kampfmittel grottenschlecht gelungen war und es Walser einfach nicht fertig brachte, wie es einst Heine gelungen war, Böswilligkeit mit Genie zu verbinden. Glaubwürdiger als Kritikerin von Reich-Ranicki trat die Schriftstellerin Petra Morsbach auf, die in „Warum Fräulein Laura freundlich war“ (2006) mit Recht monierte, dass sein Gehabe weniger auf Argumenten denn auf Macht beruhe, so wie Günter Grass als Rechtfertigung für das angebliche Rechthaben den Erfolg bemüht haben soll, während Alfred Andersch nie über seine Vorurteile hinaus habe sehen können. Das mag, über alles gesehen, eine zu scharfe Kritik sein, immerhin etwas vom Frechsten, was in den vergangenen Jahren in Deutschland eine Frau zu schreiben gewagt hat.
 
Bewegend ist, dass in diesem Jahre zwei sehr bedeutende und tatsächlich mächtig gewordene „Ostjuden” namens Marcel Reich von der irdischen Bühne abgetreten sind. Der eine, der als Erzengel der Globalisierung sich Marc Rich nannte, tat sich als Materialwarenpapst hervor, der andere, sprachgewaltiger Kritiker eines verbreiteten Mittelmasses, als Literaturpapst. Dabei legte der Materialwarenpapst lebenslang weit mehr Wert auf Diskretion als der Literat, gebärdete sich klar weniger ideologisch als dieser. Im Bereich der Geisteswissenschaften und der Literatur, desgleichen in der Theologie, dort erst recht, spielen Hass und Ressentiments offenbar eine grössere Rolle als im rein materiellen Bereich. So sah es wenigstens der Philosoph Karl Popper, seinerseits einer der bedeutendsten jüdischen Intellektuellen seines Jahrhunderts und wohl der kritischste. Jedenfalls hat Marc Rich bei weitem mehr Geld für Wohltätigkeit ausgegeben, er hatte auch mehr davon, als Marcel Reich-Ranicki. Doch zählt auch bei diesem auf Dauer eher, was er geliebt, als was er gehasst hat. Dort lag seine wahre Kompetenz als Literaturkritiker.
 
Dass auch Reich-Ranicki über mehr als nur einen blinden Fleck verfügte, scheint schwer bestreitbar. Mit Schweizer Literatur konnte er, abgesehen von Max Frisch, Hermann Burger und den Realisten des 19. Jahrhunderts, wenig anfangen. Immerhin ehrte er mal meinen Freund Jürg Federspiel mit einem Verriss, worauf dieser nicht wenig stolz war. Den brillanten Literaturinterpreten Peter von Matt lobte er wohl hauptsächlich deswegen als bedeutendsten Schweizer Autor der Gegenwart, um den noch lebenden Belletristen, etwa Adolf Muschg und Urs Widmer und E. Y. Meyer, eins ans Bein zu geben. Einige der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller der Jahrhundertmitte, etwa Albin Zollinger und Meinrad Inglin, las er schon gar nicht. Immerhin schaffte es die Miniatur „Sebastian“ von Robert Walser in Reich-Ranickis Kanon. Es bleibt jedoch unwahrscheinlich, dass der Kritiker, der sich nie näher in der Schweizer Literatur umgesehen hat und dessen Belesenheit wie jede andere sehr selektiv blieb, ohne Kafka und die entsprechenden Suhrkamp-Ausgaben je auf den „kleinen“ Walser von Biel gekommen wäre.
 
Dass Marcel Reich-Ranicki mit Ernst Jünger nichts anfangen konnte und wollte, bleibt nachvollziehbar, wird aber wohl wenig daran ändern, dass man diesen in 300 Jahren wohl noch eher liest als Reich-Ranicki oder Karlheinz Deschner, trotz nicht weniger Stellen, die noch heute bei der Jünger-Lektüre unverdaulich sind. Ohnehin wird man sich für die Lebensgeschichte von M.R.-R. wohl noch länger interessieren als für seine Kritiken. Es bleibt indes zu monieren, dass ein Literaturkritiker, der mit Religion, etwa auf dem Niveau von Meister Eckhart, nichts anfangen kann, in seinem Fach vielleicht nicht wesentlich stärker werden kann wie ein Farbenblinder als Kritiker von Malerei. Dabei muss zugegeben werden, dass Reich-Ranickis Negativurteile über die sogenannte christliche deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts weitgehend berechtigt scheinen. In einem Punkt wird er aber wohl vollkommen Recht behalten: Dass es wohl kaum eine bessere Geschichte über das Sterben und den Tod gibt als „Der Tod des Iwan Iljitsch” von Tolstoi. In der Bewunderung dieses Werkes dürfen wir angesichts der Letzten Dinge bei aller Kritik am Kritiker-Diktator ein für allemal verstummen.
 
Hinweis
Dr. phil. Pirmin Meier ist Gymnasiallehrer und Schriftsteller, Beromünster LU/Schweiz.
 
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