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BLOG vom 14.11.2013


Kindergeschichte: Der Fuchs, der ein Hund sein wollte
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ein Reinecke, noch schlauer als andere, beobachtete ein Haus, von einer Familie mit ihrem Töchterchen, einem Hund und einer Katze bewohnt. Er stellte fest, dass Hund und Katze in Saus und Braus lebten und gut gepflegt, gestreichelt und gefüttert wurden. Sie konnten, wenn es regnete, durch 2 Klapptüren ins Haus schlüpfen, eine grössere für den Labrador, eine kleinere für die Katze.
 
Es war Herbst. Reineke wurde vom hartnäckigen Regen durchnässt, und er musste sich mit abgenagten Knochen begnügen und im Kehrichtkübel nach Fressbarem wühlen. Doch die alten Kübel sind durch neue ersetzt worden, mit Deckeln, die kein Fuchs mehr aufklappen kann. Er magerte ab und musste lange hinter Gebüschen auf Tauben lauern, bis er endlich eine erwischte. Von Beeren allein lebt kein Fuchs. Es regnete ohne Unterlass, und er hatte die Schnauze voll vom Dauerregen. Nein, er wollte nicht zu seinen Verwandten aufs Land ziehen. Er hatte sich ans Stadtleben gewöhnt und wollte nicht in einer Fuchsfalle umkommen, Hühner hin oder her.
 
Hin und wieder schlüpfte er spät nachts verstohlen ins Haus. Auf einem Gestell entdeckte er Hunde- und Katzenfutter. Er stahl sich mit seiner Beute aus dem Haus und frass sich satt. „Habt ihr alles gefressen“, schalt die Hausfrau am Morgen. Fifi, der Labrador, wedelte erwartungsvoll; Miau, eine Siamesin, miaute. „Und ihr seid schon wieder hungrig?“ stellte sie erstaunt fest. Zum Glück hatte es in der Vorratskammer ausreichend Nachschub für beide. Und auch für den Fuchs auf seinen nächtlichen Beutezügen.
 
Nach und nach gewöhnten sich Fifi und Miau an den Fuchsgeruch. Dank seiner Besuche kriegten sie sogar immer grössere Futterportionen. Alle 3 wurden dabei dick und träge. Der Winter kam mit Schnee und Eis. Der Fuchs fand den Rank. Die Türe des Kinderzimmers blieb nachtsüber offen. Ihre Eltern schliefen im Zimmer nebenan. So konnte auch der Fuchs in der Wärme unterm Bett des 3-jähigen Töchterchens Elsa schlafen.
 
In einer Nacht erwachte das Kind und bemerkte den ungewohnten Gast und begann, ihn sanft zu streicheln. Diese Liebkosung liess sich der Fuchs gern gefallen. Das Kind erzählte seiner Mutter das merkwürdige Erlebnis. Natürlich nahm es Elsas Geschichte nicht ernst und schrieb es seiner kindlichen Fabulierlust zu. Es machte sich Sorgen, als Elsa wiederholt von diesem Traum heimgesucht wurde. Der Arzt beruhigte die Mutter: „Dem Kind fehlt nichts; Elsa ist kerngesund.“
 
„Warum glaubst du mir nicht?“ wiederholte Elsa diese Frage täglich mehrmals. So beschloss die Mutter, Nachtwache im Kinderzimmer zu halten. Gegen Morgen erwachte das Kind und bat mit Nachdruck: „Komm lieber Fuchs, bitte.“ Die Mutter döste und erwachte jäh. Das Licht vom Korridor fiel ins Kinderzimmer. Der Schattenriss des Fuchses erschien. „Das ist nett von dir“, wandte sich Elsa an den zutraulichen Fuchs und kraulte ihn. Erschrocken schrie die Mutter, und der Fuchs sprang schleunigst aus dem Haus. Man stelle sich die Aufruhr im Haus vor! Der Vater eilte ins Kinderzimmer und schalt seine Frau: „Bist du verrückt geworden? Hier gibt es keinen Fuchs!“ bestand er höchst verärgert. Vom Schreck gepackt, sagte seine Frau: „Doch, doch, glaub’ mir doch!“
 
Die folgenden Nächte verbrachten die Eltern im Kinderzimmer. Kein Fuchs hatte sich ins Kinderzimmer eingeschlichen. Die Ruhe kehrte wieder ins Haus. Nur Elsa beharrte starrköpfig: „Ihr habt meinen Fuchs vertrieben!“
 
Der Fuchs sah ein, dass er im Haus nichts mehr zu suchen hatte. Und das ist recht so, denn ein Fuchs kann kein Hund werden. Sicherheitshalber verriegelten die Eltern nachtsüber die beiden Klapptüren.
 
Zum Trost schenkten die Eltern Elsa einen riesigen Teddybär, den das Kind vor dem Einschlafen unters Bett legte. Frühmorgens hob Elsa den Teddybär ins Bett und kraulte ihn. Dieser Bär hiess „Fuchs“.
 
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