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BLOG vom 02.12.2013


Der inflationäre Gebrauch des einst stolzen Worts Freund
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Freunde. Das sind Menschen, die dich mögen, obwohl sie dich kennen! :-).“
*
Nach der herkömmlichen Terminologie haben ein Freund und eine Freundin einst eine wichtige Bedeutung: Zu ihnen pflegt man eine wechselseitige Beziehung, die von einer tiefen Zuneigung getragen ist. Mit einem (echten oder wahren) Freund hat man ein Vertrauensverhältnis, und man kann mit ihm über alles sprechen. Gegenseitige Hilfe bis hin zur Selbstaufopferung, wenn immer es dafür einen Bedarf gibt, eine Selbstverständlichkeit. So war es jedenfalls seinerzeit.
 
Nach einem mehrmonatigen US-Aufenthalt erzählte mir eine junge Frau einmal, sie habe in jenem Land „viele Freunde gemacht“. Bei genauerem Hinsehen handelte es sich um Leute, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten flüchtig kennengelernt hatte und die auf sie einen sympathischen Eindruck machten – mehr war nicht dahinter. In den USA gilt eine mehr oder weniger gute Bekanntschaft als Freundschaft (make friends with= sich anfreunden mit ...). Im Englischen kennt man den Ausdruck „Friend or Foe" (Freund oder Feind = wer kein Feind ist, ist ein Freund). 
 
Als sie wieder in der Schweiz war, unterhielt sie mit keinem einzigen ihrer neuen Freunde weitere Kontakte. Die ganzen Zufallsbegegnungen mit den sich daraus ergebenden Beziehungen waren also rein oberflächlicher Natur, Eintagsfliegen, schnell vergänglich. Nach dem Anfreunden stellte sich das Abfreunden als ein kaum wahrgenommener Vorgang ein.
 
Im Buch „Weisheit des lächelnden Lebens“ von Lin Yutang (1895‒1976), der sich in der chinesischen und westlichen Kultur auskannte, wird auf die verlorengegangene Kunst des Gesprächs, auch sie ein Ausdruck freundschaftlichen Einvernehmens, aufmerksam gemacht. Heute wird einfach gesprochen. In der differenzierenden chinesischen Sprache wird denn auch zwischen shuohua (dem Sprechen) und t’anhua (dem Gespräch) unterschieden. Der Unterschied entspricht etwa einer nüchternen geschäftlichen Korrespondenz und einem Briefwechsel unter literaturbewanderten Freunden.
 
Geschäftliches und Allgemeines kann man mit jedermann bereden; aber ein echtes Gespräch mit Tiefgang entwickelt sich nur unter wenigen Menschen, und aller Wahrscheinlichkeit nach kann nur ein solches die Grundlage einer echten Freundschaft sein, weil man sich kennen, verstehen und schätzen gelernt hat. Auf der anderen Seite kann ein solches ausführliches Gespräch auch darlegen, dass keinerlei geistige Verwandtschaft vorhanden ist und es nicht zu einer vertiefenden Beziehung kommen kann.
 
Die Geister scheiden sich oft an weltanschaulichen Fragen, was unter Umständen eher eine Belebung als ein Hemmnis für vertiefte Kontakte ist. Doch muss bei diesem Sachverhalt auf den Gesprächspartner eingegangen und seine Haltung aus seiner speziellen Situation heraus verstanden werden. Das kann auch eine Grundlage dafür sein, neue Einsichten zu gewinnen, die eigene Meinung allenfalls zu modifizieren.
 
Einen inflationären Gebrauch hat das Wort Freund bei Facebook erhalten. Im Anleitungsbuch „Facebook ganz leicht“ von Inga Palme (Data Becker) stehen die Sätze: „Wundern Sie sich im Übrigen nicht, dass Ihnen sicherlich auch völlig wildfremde Menschen Freundschaftsanfragen stellen werden. Umgekehrt kann es Ihnen vielleicht auch passieren, dass Ihnen interessante Menschen auf Facebook begegnen, mit denen Sie näher in Kontakt treten möchten, und eine Freundschaftsanfrage stellen. Jeder Facebook-Nutzer kann jeweils bis zu ca. 5000 Freunde auf Facebook haben. Dabei sind manche unter ihnen regelrechte Sammler und – leider – nicht an wirklichen Kontakten interessiert.“
 
Ja, was soll ich mit 5000 Freunden anfangen? 5 gute, wirkliche Freunde sind zweifellos mehr wert als 5000 virtuelle, von denen man einmal den Namen hörte, diesen aber bald wieder vergessen hat. Allerdings kann man auf Listen die Freunde klassieren: Enge Freunde, Bekannte, Eingeschränkt (letztere sehen nur die öffentlichen Aktivitäten des Facebook-Seitenbetreibers).
 
Freundschaften gibt es auch unter Gemeinden und Städten (Jumelage) oder Staaten, auch zwischen Menschen und Tieren – „Mein bester Freund – der Hund“. Viele Freundschaften bestehen wegen eines einseitigen oder gegenseitigen Nutzens (Geschäftsfreundschaften). In Firmen spricht man von Arbeitskollegen (nicht von Arbeitsfreunden), wobei daraus natürlich Freundschaften entstehen können, die bis zur Heirat führen (beim Personal des SRF-Fernsehsenders kommt es besonders oft zu ehelichen Verbindungen; der Inzucht-Vorwurf ginge hier zu weit). Eigentlich fusst jede Ehe auf einer Freundschaft.
 
An gemeinsamen Arbeitsplätzen gibt es die persönliche Nähe und Grundlagen für gemeinsame Gespräche. Anders ist es bei virtuellen Beziehungen über irgendein Netzwerk, bei denen die Vorstellungskraft die Wissens- und Erlebnisdefizite ausgleichen muss. Und oft zerfallen solche Freundschaften, wenn Fantasien der Wirklichkeit gewichen sind.
 
Die Sprache wandelt sich. Sie ist ein Spiegel des Zeitgeists. Nimmt in gewissen Bereichen die Oberflächlichkeit überhand, wird auch die damit verbandelte Sprache ausgehöhlt. Die Kunst besteht dann darin, den Wandel rechtzeitig zu erkennen und sich von herkömmlichen, veralteten Mustern zu lösen, auf dass keine Illusionen zu Enttäuschungen führen können – gerade in dieser Zeit, in der das Verführen und Täuschen zum normalen Alltagsgeschehen gehören.
 
 
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