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BLOG vom 22.03.2014


Frühblüher: Ungleiche Schwestern und die Männerblume
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Kennst Du schon die ,Ungleichen Schwestern', ,Vater und Mutter Schlüsseli' oder die ,Lungenwurz'?“  Diese Frage stellte ich einem Bekannten. Ich war natürlich vorbereitet, atte einige Schriften studiert und war fündig geworden. Ich muss gestehen, dass ich vorher ebenfalls keine Ahnung hatte. Es sind nämlich Volksnamen für diverse Heilpflanzen.
 
Auf unserer Wanderung am 18.03.2014 auf den Dinkelberg (vom Hagenbacher Hof nach Adelhausen und unterhalb von Obereichsel wieder zurück) entdeckten wir in einem Wäldchen Buschwindröschen, Schlüsselblumen, Huflattichblüten und etliche Lungenkraut-Pflanzen.
 
In diversen Blogs habe ich schon einige Frühblüher beschrieben. Auf das Blog vom 18.04.2006 „Zaghaftes Blühen: Die Suche nach dem verlorenen Frühling“ möchte ich besonders hinweisen. Wie man daraus entnehmen kann, gab es in der Vergangenheit immer wieder ein spätes Frühlingserwachen. In diesem Jahr 2014 war es ganz anders. Die Natur ist, wie Fachleute sagten, fast 3 Wochen zu früh dran. Das konnte uns nur recht sein. Wir (5 Wanderfreunde) lustwandelten bei herrlichem Wetter bei Temperaturen um 18 bis 20 °C über den Dinkelberg. Nur ab und zu spürten wir einen kühlen Wind.
 
In diesem Blog werde ich einige Besonderheiten über die auf dieser Wanderung entdeckten Frühblüher bringen.
 
Weisse Osterblume, Männerblume
Das Buschwindröschen (Anemone nemorosa) ist ein Hahnenfussgewächs und keine Heilpflanze. Es enthält die Gifte Anemonin und Protoanemonin. Woher der Name „Windröschen“ kommt, ist nicht genau bekannt. Er weist vielleicht darauf hin, dass bei manchen Arten der Gattung die Blüten durch den Wind entblättert werden. Die Pflanze wird auch „Weisse Osterblume“ genannt.
 
Der Huflattich ist eines der besten Hustenmittel. Die Huflattichblätter dienten in Notzeiten als Tabakersatz. So stellten beispielsweise die Wallonen schon seit alten Zeiten einen Tabak aus gebrochenen, gedörrten und fermentierten Huflattichblättern her.
 
Volksnamen: Eselschrut, Fohlenfuss, Rosshüble (Schwarzwald; die Blattform erinnert an die Sohle eines Pferdehufes, deshalb der Name), Männerblume, Lehmblüml, Ohmblätter, Sommertürl, Brustlattich, Sohn vor dem Vater, Klemmausblätter, Labatschen, Doktorblüemli.
 
Die „ungleichen Schwestern“
Das zu den Borretschgewächsen gehörende Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) wurde früher bei Lungenkrankheiten angewandt. Dies hängt mit der Signaturlehre zusammen. Die breit-lanzettlichen, gefleckten Blätter erinnern nämlich an das menschliche Lungengewebe. Die Pflanze ist nur noch in der Volksmedizin als schwach reizlinderndes und auswurfförderndes Hustenmittel bedeutungsvoll. Man kann die jungen Rosettenblätter zu gemischten Salaten, Gemüse oder Suppen verwenden.
 
Die Pflanze (Kraut = blühende oberirdische Teile) enthält Schleime, Mineralstoffe (viel Kieselsäure), Flavonoide, Allantoin.
 
Anwendung (Tee, Tinktur): Husten, Bronchitis, Heiserkeit, Verschleimung, Durchfall, Gurgelmittel bei Halsweh.
 
Besonders hübsch empfanden wir die Blüten. An einer Pflanze sahen wir rote und violette Blüten.
 
Volksnamen: Fleckenkraut, Güggeli (Baden), blaue Schlüsselblume, Königsstiefel, Annemirl, Gugguggsblumm (Pfalz; Blütezeit zur Zeit des Erscheinens vom Kuckuck). Wegen der verschiedenen Blüten – zuerst rot, dann violett – heisst das Lungenkraut auch Ungleiche Schwestern, Adam und Eva, Tag und Nacht, Hänsel und Gretel und Vater- und Mutterschüsseli.
 
Badenke, Fastenblume
Die Frühjahrsschlüsselblume, die auch Apothekenprimel (Primula veris) genannt wird, wurde schon als Heilpflanze von Hildegard von Bingen (1098−1179) gepriesen. „Der Hymelsloszel ist warm und hat seine Kraft von der Sonne“, schrieb die genannte Expertin. In den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts fand die Schlüsselblume gegen Gicht Verwendung. Sehr beliebt war zu jener Zeit auch der Schlüsselblumenwein. So empfiehlt Tabernaemontanus den Wein gegen „Gegicht, blöd Haubt und verstopffte Nerven“. Auch als herzstärkendes Mittel, Schlagheil- und Wundmittel, und auch bei Erkältungen und Gesichtsflecken (hier Schlüsselblumenwasser) wurde sie gerne gegeben.
 
Sebastian Kneipp (1821−1897) riet: „Wer Anlage zur Gliedersucht hat oder an diesen Gebresten leidet (Rheuma, Gicht), trinke längere Zeit hindurch Schlüsselblumentee. Die Schmerzen werden sich lösen und allmählich verschwinden.“
 
Anwendung (Tee, Tinktur): Husten, Bronchitis. In der Volksmedizin bei Keuchhusten, Asthma, Migräne, Nervenschmerzen, Gicht, Rheuma.
 
Inhaltsstoffe: In den Blüten sind Flavonoide (z. B. Rutin, Quercetin), Salicylsäurederivate. Die Inhaltsstoffe entfalten eine schleimlösende, entzündungshemmende und auswurffördernde Wirkung.
 
Hinweis: Anstelle der Wurzel kann man auch die Blüten verwenden. Da die Bestände unserer Schlüsselblume infolge der Düngung u. a. stark zurückgegangen sind, sollte man nur dort die Wurzel sammeln, wo noch sehr viele Pflanzen wachsen. Für das Sammeln der Wurzeln braucht man in Deutschland jedoch eine Genehmigung vom Landratsamt.
 
Kräuterfreunde sind immer entzückt, wenn sich der Erfolg beim Anbau im Garten einstellt. Wer die Schlüsselblume anbauen möchte, muss einen sonnigen Standort mit humusreicher Erde wählen. Kein Kompost, Düngemittel oder Torf sind notwendig.
 
Die für Arzneimittel gebrauchten Schlüsselblumen stammen aus Kulturen. So werden beispielsweise in der englischen Grafschaft Lincolnshire Schlüsselblumen auf grossen Flächen angebaut.
 
Volksnamen: Himmelschlüssel, Schlüsseli, Petriblume, Primel, Auritzel, Heiratsschlüssel, Fastenblume, Marienschlüssel, Kraftblume, Eierkraut, Schmalzschlüsseli, Gichtblume, Fraueschüele (Thunersee), Badenke (Schwäbische Alb).
 
Die in Baden üblichen Bezeichnungen Betengele, Mattengele, Basendengele, Mattedämle waren beeinflusst vom lateinischen Betonica, weil beide Pflanzen laut Dr. Fehrle wegen der Ähnlichkeit der Blätter früher verwechselt wurden.
 
Kräuterpfarrer Johannes Künzle (1857-1945) lobte die Pflanze und schrieb dazu einen Vers: 
„D`Schlüsseli machet ring im Chopf,
Nimmet d`Gsüchti mängem arme Tropf,
Macht fry und lostig wie nes Reh,
s`got nüt meh über de Schlüsselitee.“ 
Walter Hess wird hier sicherlich die Übersetzung bringen.
 
Hier ein Versuch:
 
Die Schlüsselblümchen erleichtern den Kopf,
befreien von rheumatischen Schmerzen manch armen Tropf,
machen frei und lustig, wie bei einem Reh,
es geht nichts über Schlüsselblümchentee. wh.
 
Der Schlüssel fiel zur Erde
Allerlei Legenden und Geschichten ranken sich um die Schlüsselblume. Als Petrus eines Tages den Schlüsselbund mit goldenen Himmelsschlüsseln auf die Erde fallen liess, ertönte ein wunderbarer Klang, der bis in den Himmel hallte. Der Himmelspförtner erschrak fürchterlich, denn die Schlüssel waren ihm nämlich von Gott anvertraut worden. Aber der Schreck war nur von kurzer Dauer. Petrus war der Meinung, die Schlüssel wären schnell wieder zu beschaffen. Also sauste er zur Erde und wollte das verlorene Gut wieder einsammeln. Aber, oh Schreck, die Schlüssel waren fest im Boden angewachsen! Die goldgelben Blüten strahlten ihn an. Er musste unverrichteter Dinge wieder zum Himmel auffahren.
 
Schlüssel zur Schatzkammer
Ein Schäfer von Kolbenkamm in Baden wurde von einer Jungfrau an ein Schlüsselblumenfeld geführt. Sie sagte mit honigsüsser Stimme, wenn er eine Schlüsselblume pflücke, diese in das Schloss einer Tür stecke, komme er in eine Schatzkammer. Dort könne er sich so viel holen, wie er wollte, er dürfe jedoch das Wichtigste nicht vergessen. Er tat wie befohlen, öffnete die Tür und erblickte nur 3 Kisten mit Schafzähnen. Widerwillig steckte er sich einige ein und verliess den Raum. Die Schafzähne wurden über Nacht zu Gold. Aber er hatte das Wichtigste vergessen, den Schlüssel. Er musste sich mit dem zufrieden geben, was er hatte. Nie mehr erschien ihm die Jungfrau.
 
Nachtrag: Am 19.03.2014 sah ich in Schopfheim-Fahrnau die ersten Löwenzahnpflanzen, die aus einer Gehwegritze herauswuchsen. Dahinter befand sich eine kleine Mauer, so dass die Pflänzchen mehr Sonnenstrahlen (Reflexion der Strahlen durch die Mauer) abbekamen als anderswo. Also auch hier ein Frühblüher.
 
 
Literatur
Aichele, Dietmar: „Was blüht denn da?“, Verlag Franck-Kosmos, Stuttgart 1991.
Grau, Jung, Münker: „Steinbachs Naturführer: Beeren, Wildgemüse, Heilkräuter“, Mosaik Verlag, München 1983.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Mühlacker/Mühlhausen, 2. Auflage 2013.
Vonarburg, Bruno: „Natürlich gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.
 
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