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BLOG vom 03.05.2014


Schweizer Monat: Liberal-progressivem Ehrgeiz entsprungen
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Rickenbach/Beromünster LU, zum „Schweizer Monat“ – vormals „Schweizer Monatshefte“: Das Mai-Heft der ehrgeizigsten Kulturzeitschrift der Deutschschweiz.
 
 
In der Schweizer Kulturpublizistik erscheint seit dem Herbst 2011 bei wachsender Beachtung und hohem redaktionellem Aufwand, zum Teil auf der Basis von Selbstausbeutung, ein mittlerweile konkurrenzloses Magazin für literarische, philosophische, wirtschaftliche und politische Debatten: Der „Schweizer Monat“, herausgegeben vom Literaten und Philosophen René Scheu, angereichert durch ein viermal jährlich publiziertes Literaturmagazin „literarischer monat“ sowie Spezialheften zu Sonderthemen, so als neuestes „The Big Shift“ mit Beiträgen von internationalen Kapazitäten wie Peter Sloterdijk und Lynda Gratton. Allein schon Sloterdijks These scheint ein Abonnement des Heftes wert zu sein: „Der Begriff des Wachstums ist heute stark kompromittiert und wird künftig wohl gänzlich unbrauchbar werden.“
 
Zum Redaktionsteam gehören nebst dem Herausgeber René Scheu der Germanist Michael Wiederstein, ein brillanter Formulierer und nicht immer bequemer Lektor seiner Einsender, sowie Florian Rittmeyer, Claudia Mäder und die Bildredaktorin und Feuilletonistin Serena Jung, eine ehemalige Schülerin der Kantonsschule Beromünster LU.
 
Als „Botschafter“ des „Schweizer Monat“ amtet der Literat Urs Heinz Aerni. Zu ihren ständigen Kolumnisten gehören der ehemalige Chefredaktor des St. Galler Tagblattes, Gottlieb M. Höpli, Angela-Merkel-Biographin Cora Stephan, der St. Galler Kommunikationswissenschaftler Christian P. Hoffmann, welcher sich in der April-Nummer (2014) aus liberaler Sicht dem Thema der Trennung von Kirche und Staat angenommen hat: ein heisses Eisen, das selbst bei einer noch so absurden Regelung wie im Kanton Zürich fast von niemandem aufgegriffen wird. (Dass ein Kebab-Budenbesitzer Kirchensteuer bezahlen muss, ist mit Sicherheit eine grössere Diskriminierung und effektiv spürbarere Diskriminierung als das Minarettverbot, insofern auch Sekten und Private ihre Lust nach Turmbauten à la San Giminiano nicht blindwütig ausleben dürfen.) In der Mai-Nummer äussert sich Hoffmann ähnlich weit vom Mainstream zur Drogenfrage. Auf die Standardthese, „niemand“ wolle harte Drogen freigeben, wird Basels Polizeidirektor Baschi Dürr zitiert: „Doch ich will!“
 
Das monatliche Leitthema des Hauptheftes, wozu sich Peter Sloterdijk und Frank Schirrmacher äussern, behandelt kritisch Datenberge, Massen von Material, gesteuert von Algorithmen, die kaum einer versteht, die aber letztlich stets zu Geld gemacht werden könnten. Euro-Turbo Nicola Forster, Gründer und Präsident des Think Tanks „foraus“, dem Forum Aussenpolitik, fordert in seinem Kommentar einen von öffentlich-privater Partnerschaft getragenen Fonds zur Förderung des innovativen Start-ups im Bereich der Datensicherheit und Verschlüsselung mit der Absicht, einen technologischen Schub auszulösen und den IT-Cluster Schweiz zu stärken. Mit Julian Assange wird gefordert: „Transparence for the State! Privacy fort the rest of us.“ Gerne hofft man, dass mit Regulierungen am Ende nicht wieder das Gegenteil des Angestrebten Resultat wird.
 
Unter den lesenswerten protokollierten Grossgesprächen der Mai-Nummer wäre dasjenige zwischen Reiner Eichenberger und Konrad Hummler wohl auch in einer Sonntagszeitung oder der „Weltwoche“ nachlesbar. Das mit prima Fragen lancierte Gespräch mit dem Fürsten von Liechtenstein hätte man sich auch in der „Schweizer Illustrierten“ vorstellen können. Für höchstes Niveau macht die Analyse der sogenannten Energiewende durch Hans-Werner Sinn, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität München, den Unterschied. Weniger die kritischen Ausführungen zur Energiewende, bei welcher der Betrug vor allem bei der Kostenwahrheit liege, als die Ausführungen zum Schlamassel der Fehlkonstruktion Euro gehen in eine Tiefe, die in dieser Gründlichkeit weder bei Thilo Sarrazin noch bei der Wahlwerbung der „Alternative für Deutschland“ anzutreffen ist. Werner Sinns Argumentationen zusammenzufassen würde indes den Umfang dieser Kolumne sprengen.
 
Dem liberal-progressiven Ehrgeiz der Magazinmacher entspricht vorzüglich Urs Schöttlis Artikel „Pass pour tous“ mit dem Vorschlag, den Schweizerpass für den Einzelnen zur individuellen Handelsware zu machen, also jederzeit weiterverkäuflich. Dies geht auch deswegen nicht auf, als zum Beispiel Einbürgerungen im Gegensatz zu früher den Gemeinden und Kantonen kaum mehr Geld einbringen. Interessanter ist die urliberale Forderung nach „City States“, also Stadtrepubliken, worauf einmal der Wohlstand von Venedig, Genf und Basel beruhte. Mut zur Utopie ist diesem Beitrag von Graham Mather, Mitglied einer britischen Denkfabrik, nicht abzusprechen.
 
Eine Negativutopie präsentiert das Buch des Monats von Urs Zürcher, „Der Innerschweizer“: die Darstellung des Übergangs des Kalten Krieges der 1980er-Jahre in einen heissen Krieg, mit Engholm als Bundeskanzler Deutschlands, einem erschossenen Blocher und sowjetischen Panzern in Richtung Gotthard. Ich gehe davon aus, dass ein Buch dieser Art, nur mit politisch klarerer Aussage, längst geschrieben wurde, nämlich „Volksrepublik Schweiz 1998“ aus der Feder des ehemaligen Kommunisten und Weltwoche-Redaktors Ulrich Kägi. Ein Autor mit vergleichbar glaubwürdigem Engagement ist derzeit nicht in Sicht.
 
Dass gegenwärtig unter den Neuerscheinungen Nullepoche zu herrschen scheint, ergibt sich im sehr gut redigierten „Literarischen Monat“ wohl schon aus dem Befund, dass die wohl bemerkenswerteste Neuerscheinung einem genialischen Jugendlichen namens Stefan Bachmann zuzusprechen ist: „Die Seltsamen“, jetzt bei Diogenes erschienen. Der junge Mann wurde mir von seinem ebenfalls genialen, aber bereits ausgereiften Musiklehrer, dem bedeutenden Oratorium-Komponisten Carl Rütti, als Entdeckung empfohlen. Dass Stefan Bachmann ein England phantasiere „à la Charles Dickens mit viel Dampf, Russ, Schmutz, Bärten, Zylindern, Wämsen, Vestibülen und langen Korridoren“ erinnert daran, dass man wieder mal Charles Dickens lesen solle. Dorothee Elmiger, eine der zahlreichen Fremdschämerinnen an der Buchmesse Leipzig betr. den 9. Februar 2014, ist mit ihrem Zweitling, wie Serena Jung nach bemühender Lektüre feststellt, „schlicht gescheitert“. Da es in der Schweizer Literatur einschliesslich der Werke von Gotthelf, Keller, Robert Walser, Frisch und Dürrenmatt kaum 50 Romane gibt, deren Lektüre nachhaltig empfohlen werden kann, bleibt das nicht verwunderlich.
 
Zu den Schweizer Autoren, denen in Sachen Sprachkunst fast niemand Paroli bieten kann, gehörte der ehemalige Feuilletonredaktor des „Aargauer Tagblattes“, Hermann Burger, mein ehemaliger Studienkollege bei Professor Emil Staiger in Zürich. Kein Wunder, empfinde ich die Rezension von „Die künstliche Mutter“ (1982) durch Michael Wiederstein sowohl vom analytischen Gehalt her und auch vom Ertrag das Juwel der Mai-Nummer des „Literarischen Monats“. Wiederstein kann mit diesem für viele Leser nicht leicht verdaulichen Gotthard-Roman viel anfangen, auch betreffend die Symbolik für die Schweiz von heute. Kein Vergleich mit Thomas Zauggs Sachbuch-Machwerk „Blochers Schweiz“, weil dieser Politiker nun mal durch den Gotthard-Mythos nicht erklärt werden kann. Überhaupt muss man, will man wirklich was verstehen, bei diesem Unternehmer und Parteiführer nicht mit Mythologisierung kommen. Da wäre knallharte politische Analyse gefragt. Über die Burger-Lektüre ist indes durchaus eine auch politische Reflexion der Lage der Schweiz von heute möglich. Vielleicht gerade deshalb, weil er vordergründige politische Aussagen nie angestrebt hat.
 
Der nunmehr mit einer Gesamtausgabe gewürdigte Hermann Burger gestaltete einen morbiden Schweiz-Mythos. Mit diesem konnte Michael Wiederstein insofern viel anfangen, als aus seiner Sicht – im Gegensatz etwa zu Peter von Matt – von „Die künstliche Mutter“ für die Geschichte der Literatur in der Schweiz mehr übrig bleibt als nur ein grossartig misslungener Roman. Dazu mailte ich dann an Redaktor Wiederstein:
 
Du hast jedenfalls gezeigt, lieber Michael, dass "Die künstliche Mutter" noch nicht vorbei ist, noch immer eine hochsymbolische mehrfach interpretierbare Deutung der Schweiz ermöglicht. Du musst wissen, dass ich Hermann Burger zur Lektüre dieses noch nicht veröffentlichten Romans, zu einer Testlesung also, im Wintersemester 1981/82 nach Beromünster eingeladen hatte, zugleich gab er dann noch eine Deutschstunde zum Thema "Wortschatz und Satire" am Beispiel des Wortfeldes Zahn/dental. Letzteres war sogar noch besser als die Lesung. Aber Deine Rezension ergibt den Wahrheitsbeweis, dass die These von Matts, dieser Roman sei konzeptionell und gesamthaft misslungen bei genialen Partien, wohl doch nicht ganz stimmt. Selber habe ich im Zusammenhang mit den Mutterblasphemien 1984 ein Gedicht „gegen Hermann Burger“ veröffentlicht, wofür sich der Autor durchaus geehrt fühlte: es war ja nur ein Einwand, keine Ablehnung. Mit Burger sass ich 1968/69 in Staigers Oberseminarien, der studentische Jungautor schenkte mir seine ersten Publikationen "Bork" und "Rauchsignale", ich erinnere mich noch, wie er sagte, er würde sich bei Staiger demnächst über Jean Paul prüfen lassen. Ich habe Burger später bei Lesungen im Kanton Aargau gelegentlich eingeführt, ihm nachgewiesen, dass er bei der "Wasserfallfinsternis von Bad Gastein" willkürlich recherchiert hat, natürlich kannte er das Bad Gastein schlechter als Paracelsus. Dem ist nur hinzuzufügen, dass das poetische Recherchieren im Unterschied zum historischen Recherchieren eigenen Gesetzen folgt.
 
Zu den bemerkenswerten Neuerscheinungen gehört, wenn man dem „Literarischen Monat“ Vertrauen schenken will, Matto Kämpfs „Kanton Afrika. Eine Erbauungsschrift“, welche im Pionierverlag „Der gesunde Menschenversand“ von Mathias Burki erschienen ist. Die Schilderung des „absurden Humors“ dieses Textes durch den Rezensenten Niko Stoifberg ist ihrerseits ein Kunstwerk. Leider nicht besprochen ist der neueste Roman des Aargauer Suhrkamp-Autors Urs Faes, „Sommer in Brandenburg“. Dessen fiesen Verriss im Tagesanzeiger als „Kioskliteratur“ habe ich per Blog zurückgewiesen. Unter anderem mit dem Hinweis, vor 50 Jahren „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch am Bahnhofkiosk Turgi gekauft zu haben.
 
Lesenswert wird die Mai-Nummer des Literarischen Monats über die Pflichtaufgabe der Rezensionen hinaus durch das Hauptthema „Zur Lage des Humors“ mit durchwegs hervorragenden Beiträgen von Franz Hohler, Milena Moser, Iso Camartin und Joachim Rittmeyer. Rittmeyers These, Humor müsse sein, weil Ernst immer herrsche, vermag in brillanten Formulierungen einen Beitrag zur Philosophie des Humors zu liefern. Milena Moser erinnert daran, dass es kaum ein besseres humoristisches Jugendbuch gebe denn „Mein Name ist Eugen“ von Klaus Schädelin, eine bis heute unübertroffene Schulsatire. Der für mich persönlich gelungenste Satz aus einem Jugendbuch, eine Schulreise betreffend, lautet:
 
„Auf dem Gipfel angekommen erklärte uns der Lehrer die Aussicht, die wir hätten, wenn der Nebel nicht wäre.“
 
Hinweis
Für Bestellungen des „Schweizer Monat“ wende man sich an urs.arnold@schweizermonat.ch. Dieser Hinweis auf eine Zeitschrift, deren Produktion über allfälliges Sponsoring hinaus sehr viel „Idealismus“ erfordert, erfolgt ohne kommerzielle Hintergedanken mit dem Wunsch, dass eine Zeitschrift auf diesem Niveau eine qualifizierte Leserschaft verdient.
 
 
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