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BLOG vom 12.05.2014


Ein Dach überm Kopf: Eine Lektion über indische Hotels
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, zurzeit in Südindien
 
Der Mensch braucht ein Dach über dem Kopf. Das ist eine kühne Behauptung. Schliesslich gibt es viele Menschen, bei denen sich die Frage nicht stellt, ob die Aussage richtig ist oder ob nicht, es sind die Obdachlosen. Viele von ihnen schlafen oft unter freiem Himmel, wie das so schön heisst. Was ist frei am freien Himmel? Zumindest der Blick hinauf, nicht immer sind es nachts die Sterne, oft versperren Wolken den freien Blick. Freiwillig habe ich erst einmal unter freiem Himmel geschlafen. Das war in der Wüste in Rajasthan/Indien nach einem Ausflug auf einem Kamel. Im Unterschied zu den Obdachlosen war es meine freie Entscheidung, eine ganze Nacht den freien Blick zu den Sternen zu geniessen. Es war faszinierend. Aus dem Eindruck heraus kann ich aber nicht schliessen, dass Menschen ohne Obdach darüber froh sein können, auch wenn ihnen dieser Genuss nicht entgeht, anders als den meisten Menschen.
 
Mit dem Dach über dem Kopf ist bekanntlich nicht nur das Dach gemeint. Das haben Sie sich sicher gedacht und der Architekt bedacht. Denn zu dem Haus, der Wohnung, der Hütte, dem Wohnwagen, dem Zelt und was es sonst für Unterkünfte gibt, gehört noch viel mehr. Da sind 4 Bereiche zu nennen, der Wohn-, Schlaf-, Sanitärbereich und die Küche. Es gibt selbstverständlich noch genügend Ausbreitungsmöglichkeiten wie das Arbeitszimmer, den Abstellraum, den Keller oder den Dachboden. Unter manchen Dächern sind diese Bereiche nicht getrennt, sondern gehen ineinander über oder die Tätigkeiten darin werden unabhängig davon in nur einem oder 2 Räumen ausgeführt, weil das Dach über dem Kopf darauf beschränkt ist. Das könnte für den Wohnwagen zutreffen oder für ein Zelt, dort gehört manchmal der Sanitärbereich nicht dazu.
 
Es ist ein Unterschied, ob das Dach über dem Kopf über längere Zeit und dauerhaft bewohnt wird oder nur zeitweilig. Die Benutzung auf Zeit schliesst ein, dass dort weniger Gegenstände, die es unter einem regulären Dach gibt, benötigt und auch nicht untergebracht werden.
 
Ich denke dabei unter anderem an Hotelzimmer. Es gibt Hotelzimmer, die sich von einer Ausstattung, wie sie in Wohnungen zu finden ist, nicht unterscheiden, etwa grosse Suiten. Das ist die Art von Hotelzimmern, in denen ich eher selten übernachtet habe. Die übliche Ausstattung in meinem Fall ist ein Schlafbereich, der durch eine Arbeitsecke und eine Sitzecke erweitert sein kann. Daneben gibt es nach heute üblichem Standard einen Sanitärbereich.
 
Hotelzimmer werden pro Nacht bezahlt. Preisunterschiede gibt es, obwohl sich die eben erwähnte Einteilung nicht unterscheidet. Die Preisspanne von einem zum anderen Hotel kann da schon einmal das 10-fache oder mehr ausmachen. Ab einem bestimmten Preis wird dieser durch eine Klassifizierung gerechtfertigt. Diese ist nicht international festgelegt. So bedeuten 3 Sterne in Indien etwas anderes in Deutschland.
 
Es steht aber noch die Frage aus, was denn die Unterschiede ausmacht. Ein Bett gibt es in jedem Hotelzimmer; schliesslich werden sie dafür meistens verwendet, um die Nacht darin zu verbringen. In der Regel ist das heutzutage ein Doppelbett, Zimmer mit Einzelbetten gibt es zwar auch noch, aber seltener. Des Weiteren gibt es einen Sanitärbereich, zu dem ein Waschbecken, ein Bad und/oder eine Dusche und eine Toilette gehören. Hotelzimmer, die nur ein Waschbecken aufweisen und ausserhalb des Raums eine Gemeinschaftstoilette und -dusche, sind überwiegend nicht klassifiziert. Wenn nur kaltes Wasser vorhanden ist, führt das in der Regel zur Abklassifizierung. Hauptanliegen der Hotelgäste ist es, die Nacht unter einem festen Dach zu verbringen. Bekanntlich hat jeder Mensch daneben unterschiedliche Bedürfnisse. Viele schlafen ruhiger, wenn sie wissen, dass zu jeder Stunde jemand für sie da ist, etwa der Nachtportier. Sie möchten im Hotelzimmer kalte Getränke zur Verfügung haben. Sie kochen sich gern eine Tasse Tee oder Kaffee selbst, ohne das Zimmer verlassen zu müssen oder jemanden damit zu beauftragen. Sie möchten in den Zeiten, in denen sie nicht schlafen, die Möglichkeit haben, fernzusehen. In Zeiten des Mobilfunks nimmt das Angebot eines Telefons auf dem Zimmer ab, viele Gäste haben auch darauf Wert gelegt. Neuerdings ist es die Internetverbindung, die gewünscht wird.
 
Die Lage des Hotels, die Grösse des Zimmers sind weitere Faktoren, die bei der Preisgestaltung sicherlich eine Rolle spielen. Ebenso die Frage, was das Hotel weiterhin bietet, einen Fitnessbereich mit Schwimmbad und/oder Sauna, ein gediegenes Restaurant und eine Bar gehören ebenso dazu. Natürlich auch ein Frühstücksangebot und die Angebotspalette des Frühstücks.
 
Es läuft am Ende darauf hinaus, was ich zu zahlen bereit bin und welche Anforderungen ich stelle. Ich schreibe diesen Text in einem Hotel in einer Stadt in Indien. Hier kommt noch hinzu, ob das Zimmer eine Klimaanlage hat oder nur einen Deckenventilator, um die Hitze zu mildern. Ich habe ein Zimmer ohne Klimaanlage gewählt, da diese nicht auf meine Bedürfnisse einstellbar ist und der Gebrauch körperliche Beschwerden hervorrufen kann, so etwa Kopfschmerzen oder eine Erkältung. Selbstverständlich gibt es einen Ventilator, der allerdings, je niedriger man ihn stellt, immer mehr störende Nebengeräusche erzeugt. Das Hotel liegt an einer Hauptverkehrsstrasse. Doppelverglasung der Fenster ist hier noch nicht üblich, so dass Tag und Nacht ein Geräuschpegel vorhanden ist. Den Fernseher benutze ich nicht, da nur Sender zu bekommen sind, die in der Landessprache ausstrahlen, und die verstehe ich nicht. Ein Schreibtisch mit Schubladen gehört zur Ausstattung. Selbstverständlich sollte es auch einen Kleiderschrank geben, und das ist hier der Fall. Er steht in einem kleinen Nebenraum, der nicht durch eine Tür getrennt ist, neben einem Waschbecken, das ein Spiegel schmückt. Der Toiletten- und Duschbereich ist durch eine Tür separiert. Es gibt kein warmes Wasser, durchaus üblich, auch in Wohnhäusern. In Indien ist es Brauch, einen Eimer voll Wasser laufen zu lassen. Daraus wird mit einem kleinen Gefäss geschöpft und sich das Wasser vor und nach dem Einseifen über den Körper gegossen. Deshalb findet man diese Utensilien in allen Hotelzimmern. Eine Wand meines Hotelzimmers ist durch ein Bild geschmückt, eine Fluss- und Uferzeichnung, in dem Grün die vorherrschende Farbe ist. Die anderen Wände sind beige angestrichen, wobei eine Farbauffrischung dringend erforderlich wäre. Wer Wert auf eine ansprechende Atmosphäre legt, ist hier falsch am Platze, das Zimmer hat eher eine triste Ausstrahlung.
 
Das Hotel hat eine Tag- und Nachtpräsenz durch den Portier. Es wird kein Frühstück angeboten.
 
Für meine bescheidenen Ansprüche reicht es aus. Ich will hauptsächlich die Nächte hier verbringen und brauche kein besonderes Ambiente. Das könnte ich durchaus haben. Nur 100 m weiter ist ein 5-Sterne-Hotel. Vor der Eingangstür steht ein Mann in einer schicken Uniform. Es stehen Pagen bereit, das Gepäck aufs Zimmer zu bringen. Es gibt viel Personal und alle möglichen Angebote, die man wahrnehmen kann oder auch nicht. Die Luxuszimmer sind mit warmem und kaltem Wasser ausgestattet, der Sanitärbereich ist gefliest. Es wird jeder erdenkliche Komfort angeboten und dem Gast jeder Wunsch erfüllt.
 
Der Preisunterschied ist beachtlich, ich bezahle 1000 Rupien pro Nacht, nach heutigem Wechselkurs 12,50 Euro, im Nobelhotel nebenan mindestens das 10- bis 15-fache, allerdings inklusive dem Frühstücksbuffet. Ob ich im teuren Hotel besser schlafen könnte als im preiswerten? Vermutlich nicht!
 
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