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BLOG vom 26.05.2014


Rosmarie Metzenthin: Theaterpädagogin mit Ausstrahlung
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/Schweiz
 
Rosmarie Metzenthin, geboren am 8. Juli 1927 in Lindau, in Zürich am 22. Mai 2014 verstorben, war eine Theaterpädagogin mit enormer Ausstrahlung und nachhaltigem Erfolg auf der Bühne und ausserhalb. Was sie mit der in Kindergärtnerinnenkreisen populär gemachten „Rhythmik“ anfangen konnte, war Pädagogik vom Feinsten. Hohe Kunst der Darstellung. Förderung der kindlichen Persönlichkeit durch Selbstdarstellung. Dabei den gemeinschaftlichen Aspekt nicht vergessen, sondern integrieren.
 
Nach Auskunft ihres Sohnes, des Psychiaters Andreas Andreae, ist die Grande Dame des Kindertheaters im Pflegeheim Perlavita, der Villa Böcklin in Zürich, im 87. Altersjahr friedlich entschlafen.
 
Auf die Welt gekommen als Kind einer einstigen Junkerfamilie in Hölderlins „glückseligem Lindau“, der Insel im deutschen Ostteil des Bodensees, wo in ihren alten Tagen die preussische Edelfrau Elisabeth von Ardenne (1853–1952) lebte, das einstige Modell von Fontanes „Effi Briest“, gelang es Rosmarie Metzenthin 1951, in Zürich ein nach ihr benanntes Kinder- und Jugendtheater zu gründen. Das Ziel war, die Kreativität und Phantasie von Kindern und Jugendlichen über die damals in der Kindergartenpädagogik populär gewordene Rhythmik durch Bewegung und Theaterspiel anzuregen. Es war das erste kontinuierlich betriebene Kinder- und Jugendtheater in der Schweiz, mit Anregungspotential im In- und Ausland.
 
Ihr Kinder- und Jugendtheater wurde zu einer Schule für Bewegung, Rhythmik, Tanz, Akrobatik, Pantomime, Theater und Zirkus. Es verfolgte überdies den Zweck, durch Aus- und Weiterbildung von Pädagoginnen und Pädagogen und verwandten Berufen im Rahmen eines Musisch-Pädagogischen Seminars nach den Grundsätzen von Rosmarie Metzenthin, eine solide anthropologische und pädagogische Basis zu vermitteln.
 
Die Früchte dieses Unterrichts wurden in jährlichen Märchenspielen präsentiert. Nebst eigenen Stücken brachte Metzenthin vielfältige Märchen und Poesiestücke auf die Bühne. Dazu kamen Zirkusvorstellungen mit dem Kinderzirkus Metzenthin sowie Krippenspiele, wie dem „Theaterlexikon der Schweiz" zu entnehmen ist.
 
Seit 1957 erarbeitete Metzenthin mit Jugendlichen zahlreiche Aufführungen, realisiert wurden auch Tanzspiele, Musicals, Kinder- und Familienkonzerte. Ab 1960 wurde das schulische Angebot um Ballett, Tanz und Akrobatik und schliesslich Artistik ergänzt. Gastspiele führten ihr Kindertheater in verschiedene Länder Europas und in die USA. Ab 1978 bildete Metzenthin Studentinnen und Studenten in einem Musik-Pädagogischen Seminar aus. Ihr theoretisches Wissen und ihre praktische Erfahrung hielt sie im 1983 erschienenen Buch „Schöpferisches Singen und Bewegen" fest.
 
Unter den ehemaligen Schülern und Schülerinnen finden sich bekannte Namen. So gehörten der Schauspieler Peter Bollag, Andres Bossard, Theaterpionier bei Mummenschanz, die Musikschaffende, Schauspielerin und Filmemacherin Mona Fueter und der Autor Charles Lewinsky in ihrer Kinder- und Jugendzeit dem Theater an. Auch der spätere Starregisseur Christoph Marthaler verdiente sich bei „Rosmi“ Metzenthin seine Sporen ab. Für ihre Leistungen erhielt Rosmarie Metzenthin 1976 den Literaturpreis des Kantons Zürich, der sonst wie der städtische nur Autoren und Literaten zugesprochen wurde, so etwa Traugott Vogel, Albert Ehrismann, Hugo Loetscher, Rudolf Jakob Humm, Silja Walter, Jürg Federspiel, Urs Widmer und noch anderen. 1997 wurde ihr von der Stadt Zürich die Hans-Georg-Nägeli-Medaille für ihre Verdienste im musik- und theaterpädagogischen Bereich überreicht. Bei ihrem Sinn für Poesie war diese Auszeichnung, die früher nur selten an Frauen verliehen wurde, kein Zufall.
 
Ihre Leidenschaft für das Theater prägte Metzenthin bereits als Kind. Damals inszenierte sie mit ihren Geschwistern, Freunden und Nachbarskindern „unzählige Märchenspiele und Theateraufführungen“, wie es auf der Homepage des Kinder- und Jugendtheaters zu lesen steht. Gemäss „Theaterlexikon“ leitete Rosmarie Methenzin in Lindau eine dem „Bund deutscher Mädel“ angeschlossene Spielschar. Diese Aussage über eine Siebzehnjährige ist nicht gegen sie zu verwenden, sondern bestätigt bloss die gesellschaftspolitischen Strukturen der praktisch gesamten Jugendarbeit im Dritten Reich. Wer etwas anderes behauptet, etwa auch über die FdJ-Aktivitäten von Angela Dorothea Kasner, spätere Merkel, weiss wenig über fundamentale Grundbedingungen in einem totalitären Staatswesen. Auch unter den genannten Bedingungen fand Kultur statt.
 
Der Name Metzenthin, wovon es in Europa 434 Trägerinnen und Träger gibt, geht auf ein landadeliges Geschlecht im Brandenburgischen zurück, war aber zum Beispiel auch im Württembergischen Esslingen anzutreffen. Der Grossvater von Rosmarie Metzenthin war von Berlin nach Strassburg übersiedelt, der Vater, Max Metzenthin, nach Lindau am Bodensee. Hier war er zunächst Geschäftsführer, später Inhaber der von ihm aufgebauten Niederlassung einer Fabrik für Kühlaggregate der Schweizer Firma Escher-Wyss. In der Familie mit 5 Kindern wurde unter der Leitung des Vaters, brillanter Cellist, fleissig musiziert. Der Tod des Vaters 1944 brachte jedoch einen nachhaltigen Einschnitt in die Familiengeschichte.
 
Zu den frühen, starken Erinnerungen der Verstorbenen gehörte gemäss Nachruf von Katja Baigger in der NZZ der von Lindau aus sichtbare, spektakuläre Brand Friedrichshafens anlässlich der Bombardierung der für die Flugzeugindustrie wichtigen Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges. (Für den Verfasser dieses Porträts waren zu Beginn der 1950-Jahre die Ruinen Friedrichshafens ihrerseits die erste sozusagen handgreifliche Begegnung mit den Auswirkungen des Phänomens Krieg.) Die Familie Metzenthin übersiedelte nach dem Ende des Weltkrieges vom Bodensee an den Zürichsee.
 
Verheiratet war Rosmarie ab 1952 mit dem Konservatoriumsprofessor und Komponisten (u. a. für ihre Theaterstücke), Hans Andreae (1908–1978), dem Sohn des noch berühmteren Komponisten Volkmar Andreae (1879–1962). Die Andreae sind Abkömmlinge des Theologen, Rosenkreuzers, Kabbalisten und Paracelsisten Johann Valentin Andreae (1586–1654). Aus erster Ehe von Prof. Hans Andreae stammt der 1939 geborene Dirigent Marc Andreae; aus der Ehe mit Rosmarie Metzenthin der Sohn Andreas, heute ärztlicher Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur–Zürcher Unterland; Angelica, Violinistin und Bratschistin, sowie Bettina, ausgebildete Schauspielerin und Musikpädagogin. Die engagierte Grossmutter durfte sich an 7 vielversprechenden Enkelinnen und Enkeln erfreuen.
 
Für Rosmarie Metzenthin war nicht mehr wie einst bei den Metzenthins in der Mark Brandenburg der grosse Landbesitz der Ausweis junkerlichen Adels, sondern ihr vom Vater geerbtes musisches wie auch ihr nicht minder geselliges Wesen, einschliesslich einer nicht zu unterschätzenden Arbeitsdisziplin. Ihre kulturellen Verdienste für die Stadt und die Region Zürich dürfen als enorm, vielseitig und kontinuierlich bezeichnet werden. Das Theater lebt zwar immer wieder vom Triumph des Augenblicks. Rosmarie Metzenthin, eine von Zürichs starken Frauen, zeigte sich in der Lage, diesem Triumph den Glanz der Dauer hinzuzufügen.
 
 
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