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BLOG vom 07.06.2014


Politiker und Publizist Schwarzenbach: Kritische Würdigung
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Rickenbach/Beromünster LU. Er rollt ein Kapitel Zeitgeschichte vor 41 Jahren auf: „Nationalistisch verschmutzter Patriotismus“ – Wie der Autor als Jungpolitiker 1973 James Schwarzenbach denunzierte – Die heutige Analyse und das einstige Pamphlet als Denkanstoss.
 
 
In einer Phase, da um die Zeit des Rücktritts Christoph Blochers aus dem Eidgenössischen Parlament ‒ nach schon kaum mehr zu zählenden früheren Publikationen über diesen Politiker ‒ innert zwei Monaten zwei weitere Blocher-Biographien, zuletzt von Helmut Hubacher, erschienen sind; dieser Tage, da der wenig aussagekräftige, in der Art einer Ringier-Homestory gedrehte Film „L’Expérience Blocher“ des Filmemachers Jean-Stéphane Bron im Fernsehen SRF1 ausgestrahlt wurde, scheint eine fundierte Darstellung eines verwandten Themas angebracht zu sein. Zur Erleichterung der Zugänglichkeit als historischer Report und Quelle erscheint diese Studie über Dr. phil. James Schwarzenbach (1911–1994) online nicht in Fortsetzungen aufgeteilt. Es empfiehlt sich deshalb, zuerst die substanziellen, zum Teil unbekannten bzw. nie publizierten Nachrichten über Schwarzenbach in der „Vorbemerkung mit pro memoria“ zu lesen, anschliessend Meiers Pamphlet aus dem Jahre 1973. Oder umgekehrt. Ein Direktvergleich Blocher – Schwarzenbach ist nicht angestrebt. Schwarzenbach war weder ein früher Blocher, noch ist Blocher der Schwarzenbach unserer Zeit. Die beiden Hauptteile sind durch eine römische Ziffer voneinander abgetrennt.
 
Geschaltet wird dieser Beitrag zum 7. Juni 2014. Am 7. Juni 1970 wurde, bei einer Rekord-Stimmbeteiligung, die Initiative gegen die Überfremdung der Schweiz, fast ohne öffentliche Propagierung, von den Schweizer Männern mit 54 Prozent Nein-Stimmen knapp verworfen. Der Begriff „Überfremdung“, vom Stadtzürcher Armensekretär Alfred Schmid um 1900 geprägt, gehört seit der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zur damaligen Schweizer Amtssprache. Es handelt sich also nicht um ein von Schwarzenbach geprägtes Schlagwort. Die von ihm vertretene Überfremdungsinitiative, nach einer ersten wieder zurückgezogenen Initiative der gemässigt linken Zürcher Demokraten bereits die zweite mit diesem Titel, wurde weder von James Schwarzenbach formuliert noch sammelte er die dazu nötigen Unterschriften. Ähnlich wie die spätere Armee-Abschaffungs-Initiative leitete sie einen nachhaltigen Tabu-Bruch ein, das Ende eines Diskurs-Verbotes.
 
Mit der am 9. Februar 2014 angenommenen Masseneinwanderungsinitiative ist die Schwarzenbach-Initiative nicht zu verwechseln. Anstelle der von der verworfenen Initiative von 1970 theoretisch geforderten Ausweisung von 300 000 Ausländerinnen und Ausländern veranlasste der Bundesrat zunächst die „Plafonierung“, später die Kontingentierung des Ausländerbestandes. Dass wegen der Rezession der siebziger Jahre trotz Ablehnung geforderter Ausweisungen eine Viertelmillion, vor allem Südländer, die Schweiz verlassen mussten, gibt zu denken und war anscheinend wirksamer als der vorläufig nur theoretisch geäusserte Wille einer Mehrheit von Volk und Ständen am 9. Februar 2014.
Red. TxA
*
I
Vorbemerkung des Autors mit pro memoria
Der Text der „7 kritischen Gedankengänge“ über James Schwarzenbach und dessen Partei folgt dem Erstdruck der vollständigen Fassung in „Abendland“ vom 23. Oktober 1973. Zusammenfassende Auszüge aus dieser Kritik erfolgten als Kolumne in der „Weltwoche“ vom 18. Oktober 1973. Die Originalstudie wurde in den Hochschulschriften über James Schwarzenbach, meist braven Anfängerarbeiten, nie zitiert, mit Ausnahme bei Damir Skenderovic, „The Radical Right in Switzerland 1945–2000“, New York/Oxford 2009. Ein Pamphlet aus dem Jahre 1973 mag in dieser Eigenschaft zwar von historischem Interesse sein, ist mit einer objektiven Darstellung aber nicht zu verwechseln. Die als Schlussfolgerung gezogenen Voraussagen gingen fast punktgenau in Erfüllung: nämlich dass Schwarzenbachs Partei „Schweizerische Republikanische Bewegung“, eine kleinbürgerlich-konservative Kampforganisation, sowohl aufgrund eines ideologisch „verschmutzten“ Patriotismus als auch wegen der autoritären Persönlichkeit ihres Gründers bis spätestens 1984 verschwinden würde, während die Sowjetunion, deren Untergang der Dissident Andrei Amalrik bis 1984 prophezeit hatte, entgegen dessen Voraussage noch etwas länger überleben könne (tatsächlich bis 1991). Meine Studie über Schwarzenbach war formal eine Parodie auf die bei Diogenes 1970 herausgekommene Schrift von Amalrik „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?“.
 
Kein plumper Populist
Im Vergleich zu ihrer sogenannten Schwesterpartei und Vorläuferin, der „Aktion für Volk und Heimat“, auch „Nationale Aktion“ genannt, später „Schweizer Demokraten“, war die Republikanische Bewegung in Sachen Ausländerpolitik gemässigter, in einigen ideologischen Fragen und vor allem in der inneren Organisation auf fragwürdige Weise elitär-radikal. Dies ist wiederum nicht mit primitivem Rechtsradikalismus der dreissiger Jahre und der Gegenwart zu verwechseln. Schwarzenbach hatte weder SA-Mentalität noch war er ein plumper Populist. Dazu war er viel zu eigenwillig, zu eigensinnig, zu gebildet und zu sehr Individualist.
 
Jenseits der von mir begründeten seinerzeitigen Abrechnung mit Schwarzenbach würde ich diese schillernde Persönlichkeit, den Schüler des Historikers Oskar Vasella, den Leser und Übersetzer von Edmund Burke, den überdurchschnittlichen etwa fünfsprachigen Redner, den Verfasser von rund 20 Büchern, so zum Beispiel über François Mauriac, heute einer differenzierten Darstellung mit Licht und Schatten für würdig halten. Im Rückblick auf 1970 ist mir unter den damaligen Kritikern Schwarzenbachs das Urteil des Schriftstellers Peter Bichsel im Schweizer Fernsehen als fast einziges von langfristigem Wert aufgefallen. Wie hingegen die Vertreter der damaligen Industrie sich äusserten, so galt für sie mehr als für alle anderen, mehr auch als für Schwarzenbach persönlich, die Kritik von Max Frisch: „Sie haben Arbeitskräfte gerufen. Es kamen Menschen.“ Bichsel, der damalige Autor der Gruppe 47, hat Schwarzenbach nicht, wie andere, verteufelt, sondern auf geistige Hintergründe verwiesen und damit einen Ansatz für eine tiefer gehende Analyse eröffnet.
 
Eine symbolpolitische Angelegenheit
Dazu würde eine vertiefte Hintergrunduntersuchung der nicht von James Schwarzenbach formulierten, von ihm jedoch vor dem Parlament als Einzelredner vertretenen Volksinitiative gegen die „Überfremdung“ der Schweiz gehören. Allein schon die Tatsache, dass mit Ausnahme des früh globalisierten Zug sämtliche Sonderbundskantone von 1847 (LU, UR, SZ, NW, OW, FR, Oberwallis), 1970 durchwegs von katholisch-konservativen Mehrheiten beherrscht, diese Initiative angenommen haben, wäre mit dem Schlagwort „Fremdenfeindlichkeit“ nicht hinreichend zu interpretieren. Diese letzte bedeutende Abstimmung der Schweizer Männer vor Einführung des Frauenstimmrechts mit Rekord-Stimmbeteiligung (74,7 %) war im höchsten Grade eine symbol- und identitätspolitische Angelegenheit der damaligen Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dies galt zumal auch für die Gegner. Zehntausende, welche den Protestknopf trugen „Schwarzenbach ab“, wurden damals politisiert, oft in Richtung links oder linksliberal. Auch wirtschaftsorientierte damalige Rechtsliberale wie Christoph Blocher sowie sämtliche Landeskirchen, mit Nachdruck die Katholische Kirche, waren mehr oder weniger engagiert im gegnerischen Lager anzutreffen. Unter denjenigen, die 1970 gegen Schwarzenbach politisiert worden waren, kenne ich einige, nicht wenige, die 2014, bei einer klar weniger brutalen Initiative, nunmehr im Alter ihrer Eltern oder Grosseltern, nun Ja zu einer „Initiative gegen die Masseneinwanderung“ sagten.
 
Die Gedankengänge 1–4, nach dem Staatsrechtsgelehrten Prof. Quirin Weber ein „Absagebrief an Rechtsnationalismus“, auch bei Skenderovic zitiert, werden ungekürzt wiedergegeben; die Gedankengänge 5–7, die als zum Teil weitschweifige, auch vor persönlichen Angriffen an unterdessen Verstorbene nicht zurückschreckende letztlich illusionäre Rettungsversuche einer damaligen Rechtsbewegung zu lesen sind, sind auf das heute noch möglicherweise Interessante gekürzt. Die Originalfassung ist in der Oktobernummer der konservativen Meinungszeitschrift „Abendland“ in der Aargauischen Kantonsbibliothek nachzulesen.
 
Das Engagement bei der Republikanischen Bewegung hat mich deswegen nie gereut, weil bei aller hier geäusserten Kritik James Schwarzenbach mit Sicherheit einer der bedeutendsten und notabene auch einer der gebildetsten Schweizer Parlamentarier des 20. Jahrhunderts war. Als letzter Redaktor des 1798 gegründeten „Republikaners“, zuletzt vom eigenwilligen Christlichsozialen Johann Baptist Rusch, früher „Aargauer Volksblatt“, als „Republikanische Blätter“ geführt, wurde er auch ein bedeutender Publizist. Vorher war Schwarzenbach u. a. bei den „Basler Nachrichten“ und als Redaktor der politisch zwischen links und rechts schillernden „Zürcher Woche“ tätig gewesen. Jeder seiner Artikel, zwischen besinnlich-gelehrt, polemisch bis demagogisch, zeugt für einen hochbegabten, noch dazu glänzend belesenen Publizisten.
 
Als Parteiführer katastrophal ungeeignet
Im Vergleich etwa zu Christoph Blocher war Schwarzenbach, wie auch dessen einstiger Sekretär Dr. Ulrich Schlüer noch und noch bestätigte, wenn auch erst nachträglich, als Parteiführer katastrophal ungeeignet, aus meiner Sicht darüber hinaus eine autoritäre, im schweizerischen Sinn nicht demokratische Persönlichkeit. Er war aber meines Wissens nie Mitglied der Nationalen Front gewesen; dagegen spricht auch, dass der bekannte Redaktor der Basler Nachrichten, Albert Oehri, ihn zu Kriegszeiten als Mitarbeiter engagierte. Oehri war ein entschiedener, kompromissloser Gegner von Nationalsozialismus und Faschismus. Gemäss Prof. Aram Mattioli (Luzern) soll Schwarzenbach jedoch im „Eisernen Besen“, dem Organ der Nationalen Front, publiziert haben.
 
Dass Schwarzenbach in den dreissiger Jahren im Gegensatz zu seiner Cousine Annemarie, die begeistert aus Stalins Russland heimkehrte, unter dem Einfluss eines Jesuiten zum Katholizismus konvertierte, wie Annemarie vom portugiesischen Diktator Salazar beeindruckt war, ist mit ein Symptom für seinen Ausbruch aus einer grossbürgerlich-protestantischen Familie. Deren Umfeld, auch der Zürcher Freisinn und überhaupt das Zürcher Establishment, erfüllte Schwarzenbach für den Rest seines Lebens mit bleibender, an Hass grenzender Abneigung. Der unglücklichen, aber tapfer durchgehaltenen Ehe Schwarzenbachs mit der einigermassen tyrannischen gutbetuchten Industriellentochter Elisabeth Bühler entsprossen zwei Kinder.
 
Gespräche mit Schwarzenbach in seinem Verlagsbüro am Rennweg 14, die sich ab 1971/72 dann und wann nach Vorlesungsschluss ergaben, waren immer sehr interessant. Beim Tee machte mich Pfeifenraucher Schwarzenbach auf den deutschen Existenzphilosophen Peter Wust aufmerksam, liess mich im „Republikaner“ einen Essay über den bayrischen Staatsdenker Franz von Baader schreiben, akzeptierte in dieser Form sogar Warnungen vor dem Nationalismus als „kollektivem Egoismus“.
 
Meine vorsichtigen Bitten an James Schwarzenbach, seine Parteikader mit jüngeren Anti-68-er-Intellektuellen zu verstärken, fanden, über den von ihm längst engagierten Historiker Ulrich Schlüer hinaus, kein Gehör. Dem damals politisch versierten und intellektuell hochbegabten Rechtskatholiken (heute Präsident von Christian Solidarity International) Herbert Meier traute Schwarzenbach, kein Freund von Ebenbürtigen, nicht über den Weg.
 
Antisemitisches Vorurteil
Erst recht wollte James Schwarzenbach nichts wissen von der Empfehlung, seine Partei mit zwei hochintellektuellen Mitgliedern der zum Katholizismus konvertierten jüdischen Familie R. aus Zürich zu verstärken, von denen der eine Assistent beim politischen Philosophen Hermann Lübbe war. Zu dieser Vermittlungs- und Auffrischungsaktion, womit die Partei unmöglich zu retten gewesen wäre und die bei den Brüdern R. wohl kaum Gegenliebe gefunden hätte, kam es schon gar nicht. Jedoch kam ich in diesem Zusammenhang zur fatalen Gewissheit, dass hinter Schwarzenbachs Haltung ein antisemitisches Vorurteil steckte. Dies war für mich umso enttäuschender, als er, im Gegensatz zu nicht gerade wenigen Anhängern, sich bezüglich Gastarbeitern persönlich nie fremdenfeindlich geäussert hat, im privaten Gespräch schon gar nicht.
 
Das Thema „Ausländer“ hat Schwarzenbach nämlich nie sonderlich interessiert. Er fand aber, es sei besser, er greife es auf als gewisse Fremdenhasser von der Aktion für Volk und Heimat oder gar die ihm nicht weniger unsympathischen Öko-Fanatiker, welche damals die heute noch existierende grün-fundamentalistische Bewegung „Eco-Pop“ gründeten. Gegenüber dem ihm zumal in Sachen politisches Wissen keineswegs unterlegenen Nationalrat Valentin Oehen verhielt er sich, ähnlich dem Beispiel des Aargauers Herbert Meier, hierarchisch ablehnend. Wahrscheinlich wäre ihm damals auch ein Typ wie Christoph Blocher plebejisch vorgekommen. Als letzter Partei zu seinen Lebzeiten sympathisierte er nicht mit der SVP, sondern mit der Auto-Partei, freilich ohne spezielle Hoffnungen auf diese damalige Ansammlung von Illiteraten.
 
Oehen hat unterdessen, bei Festhalten an seiner grundsätzlichen Ausrichtung, dann und wann Kluges zur schweizerischen Neutralität geäussert. Früh merkte er, dass Russland vor allem als Gegner und Gefahr zu sehen, ein neutralitätspolitischer Irrtum wäre. In diesem Sinn ist sein Brief als Nationalrat an den russischen Marschall Ogarkow und dessen US-Amtskollegen aus dem Jahre 1983 zu lesen. Dass er sich für PSI-Fragen interessierte, also Parapsychologie, kennzeichnete ihn als eine geistig originelle eigenwillige Persönlichkeit. Sein publizistischer Leistungsausweis lässt sich indes mit demjenigen von Schwarzenbach, dem über das Bürgertum reflektierenden Literaten, nicht vergleichen.
 
Nicht wenig erstaunt war ich jedoch, als ich bei einem meiner letzten Gespräche mit ihm bemerkte, dass Schwarzenbach keine Sekunde daran dachte, seine noch im Geist des 19. Jahrhunderts denkenden rechtsprotestantischen Parteigefährten von einem Nein zur Aufhebung des Jesuiten- und Klosterverbotes (kam 1973 vors Volk) abzuhalten. Dies hing mit seiner Enttäuschung über die angebliche, zum Teil zwar nicht irreale „Linkswendung“ der Jesuiten zusammen. Seit der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils gehörte Schwarzenbach der ultrakonservativen katholischen Bewegung „Una voce“ an, und Papst Johannes XXIII. hatte er im Verdacht, was Schwarzenbach in einer Broschüre auch schriftlich festhielt, stark vom Jüdischen Weltkongress um Nahum Goldmann beeinflusst zu sein. Man kann dies der 1965 erschienenen, zusammen mit Theodor Brunner herausgegebenen Streitschrift „Im Banne des Konzils“ entnehmen. Interessant bleibt, dass da hinein auch ein weltberühmter Schriftsteller wie Evelin Waugh (1903–1966) , mit dem Schwarzenbach bekannt war, einen Artikel für die Erhaltung der lateinischen Messe schrieb. Dass er dem grossen britischen Schriftsteller, wie Schwarzenbach Konvertit zum Katholizismus, näher stand als jedem Parteifreund und jedem Mitglied der Vereinigten Bundesversammlung, spricht für ihn.
 
Ohne herkömmliche Parteifreunde
Parteifreunde ihm herkömmlichen Sinn hatte er nicht. Er war niemandes Freund. Ein „Homo pro se“, wie man zur Zeit des Humanismus gesagt hätte. Er spielte, auch im Vergleich zu denen, die bis jetzt über ihn Bücher geschrieben haben, in einer eigenen Liga. Nicht einmal in seiner eigenen Familiengeschichte, für die der Historiker Alexis Schwarzenbach zuständig ist und für die Annemarie Schwarzenbach das Mass aller Dinge ist, scheint James S. bis jetzt anerkannt. Es macht den Anschein, man schäme sich bei seinen Verwandten für ihn. Dies erinnert mich an Jacques Bartélemy Micheli du Crest (1690–1766), der aber im Gegensatz zu Schwarzenbach ein Pionier der Demokratie wurde. Schwarzenbach benützte die Demokratie, zumal die direkte, als Anhänger der das Parlament weiter abwertenden Volkswahl des Bundesrates, glaubte aber persönlich keinen Augenblick an die Demokratie. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft, und zwar weniger der faschistischen Autokraten, von denen er Franco und Salazar bewunderte, als wohl auch in der heutigen Europäischen Union. Die klügsten Politiker, zum Teil tatsächlich solche mit hohem IQ wie etwa Angela Merkel, können sich gar nicht vorstellen, dass Mehrheitsmeinungen von weniger Klugen durchaus ihre guten Seiten haben können. Nach Karl Popper ist es freilich zu viel verlangt, an die Demokratie zu glauben. Es genügt, ihre Vorteile zur Ermöglichung gewaltfreier Ablösung herrschender politischer Eliten zu sehen einschliesslich der Möglichkeit zu Kritik an Regierung und Gesellschaft.
 
Publizistisches, Philosophisches und „Homophobes“
James Schwarzenbach studierte u. a. in Fribourg Geschichte und Französische Literatur, doktorierte 1940 als einer der ersten Schüler von Oskar Vasella zum Thema „Fidel von Thurns Abkehr von Frankreich. Ein Beitrag zur schweizerischen Neutralitätsgeschichte in den Jahren 1663– 1670“. In der Kriegszeit war er u. a. Mitarbeiter der „Basler Nachrichten“ und betätigte sich als Lektor und Herausgeber bei Peter Schifferlis „Arche-Verlag“, wo er Schriften des Kardinals John Henry Newman edierte, ferner, unter seinem Namen, die Studie „Abendländische Haltung“ mit dem Essay „Die Stunde des Bürgertums“. Zu dieser Zeit sympathisierte Schwarzenbach wie viele damalige Konservative und sogar Monarchisten mit den Paneuropa-Vorstellungen von Richard von Coudenhove-Kallergi. 1947 machte er sich mit seinem am Rennweg 14 in Zürich domizilierten Thomas-Verlag, nach Thomas Morus benannt, selbständig. Die erfolgreichste Produktion war der Bestseller des ehemaligen sowjetischen Diplomaten Wiktor Krawtschenko „Ich wählte die Freiheit“, welchem eine weitere Publikation dieses Autors folgte. Ausserdem publizierte Schwarzenbach Romane des holländischen katholischen Autors Pieter van Meer de Walcheren, Schriften des britischen konservativen Philosophen Edmund Burke und Historisches zur schweizerischen Geistesgeschichte, so „Die Schweiz unterwegs“ von Paul König, einem Verfasser geistlicher Lyrik und später sozialdemokratisch engagierten Politiker. Im Thomas-Verlag erschienen auch Schwarzenbachs Heimatromane in der Art von J.C. Heer, „Belle Epoque“ und „Der Regimentsarzt“.
 
Noch in Erinnerung habe ich in Schwarzenbachs Klause am Rennweg 14 diverse Reminiszenzen an katholische Frömmigkeit des Konvertiten. „Man darf sehen, woran ich glaube“, sagte er in diesem Zusammenhang, auch in einem Presseinterview. Nicht schlecht staunte ich, dass mein bestgebildeter Kollege aus der SP-Fraktion des aargauischen Verfassungsrates, Dr. Paul König, informeller Schüler des Philosophen Leopold Ziegler aus Überlingen und begnadeter, protestantisch-geistlicher Lyriker, bei Schwarzenbach einen Dokumentarband zur Schweizer Geistesgeschichte publiziert hatte. Ein Leser Schwarzenbachs war auch Bundesrichter Carl Hans Brunschwiler (CVP). Er schenkte mir ein Buch desselben über François Mauriac, ein kongeniales Stück christlicher Gnosis, für herkömmliche Vorstellungen über Schwarzenbach jenseits von Gut und Böse. Für diesen nicht unbedeutenden Mann gilt die Warnung von Max Frisch aus einem frühen Tagebuch, dass man sich von einem Menschen kein Bild machen sollte. Weder um ihn zu verehren noch, was bei Schwarzenbach durchaus üblich geworden ist, ihn zum Gegenstand eines Feindbildes zu machen. 
 
Zu den frühen Weggefährten Schwarzenbachs gehörte der geniale homosexuelle katholische Schriftsteller Kuno Räber, kurzzeitiger Jesuitennovize und Innerschweizer Literaturpreisträger 1979. In Schwarzenbachs bei Arche 1945 unter seinem Autorennamen edierten Buch „Abendländische Haltung“ schrieben der damals 23-jährige Räber wie auch der spätere Philosophielehrer von Simonetta Sommaruga, Kaspar Hürlimann (Immensee), Essays aus dem Geiste der von Heinrich Federer mitbegründeten Belletristenverbindung „Renaissance“, welche Schwarzenbach eine Zeitlang präsidierte. Schwarzenbach rief zum Kriegsende zu einer Neubesinnung des Bürgertums auf.
 
Dass Schwarzenbach zusammen mit meinem späteren verehrten Lehrer, dem ebenfalls eigenwilligen und bundesratskritischen Historiker Marcel Beck, Befürworter der Volkswahl des Bundesrates, 1963 eine Kampagne gegen Zürcher Homosexuelle geritten hatte, auch DIE TAT machte in dieser Sache mit, wurde mir erst später bekannt. Was heute indes als „homophob“ bezeichnet wird, war damals noch die Mehrheitsmeinung des Bürgertums, zur Zeit von Homosexuellenpionier Karl Heinrich Ulrichs auch diejenige von Karl Marx und Friedrich Engels. Über TAT-Chefredaktor Dr. Erwin Jaeckle publizierte ich zu seinem 100. Geburtstag im Auftrag der Stiftung STAB eine im Buchhandel nicht erhältliche Biographie (2012).
 
Wie in der Familie von Thomas Mann, dessen Tochter Erika als Kabarettistin im Exil vom jungen Schwarzenbach ausgepfiffen wurde, war auch in der Zürcher Grossbürgerfamilie Homosexualität auffällig verbreitet. Schwarzenbachs Abwehrreaktion in Form von „Homopobie“ und integristischem Katholizismus, ausserdem seine konservative bis reaktionäre politische Einstellung, sind Familienchronist Alexis Schwarzenbach ebenso unsympathisch wie Sibyl Schwarzenbach, die mit James gemäss NZZ „nur durch das Blut“ verwandt sein will. Sibyl Schwarzenbach ist in New York Professorin für politische Philosophie. Alexis Schwarzenbach, mit einem Mann verheiratet, versteht in Sachen Schwulenrechte so wenig Spass wie James Schwarzenbach seinerzeit bei der lateinischen Messe. Ein Kennzeichen der Schwarzenbach besteht im entschiedenen Eintreten für Positionen, welche nicht überall als korrekt angesehen werden. Die Unterschiede unter den zahlreichen Hochbegabten der Familie Schwarzenbach sind weniger charakterlich oder typologisch, eher schon weltanschaulich. Die beiden interessantesten, weil radikalsten Persönlichkeiten bleiben, bei gewaltigen Gegensätzen und Unterschieden in der öffentlichen Bewertung, wohl Annemarie und James Schwarzenbach. Jenseits von Wertungen kommt innerhalb der Sippe Schwarzenbach an den Tag, wie sich in den letzten 100 Jahren der „Gestaltwandel der Götter“ (Leopold Ziegler, Religionsphilosoph) abspielte. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Politik. Interessanterweise ist auch der Politiker Jean Ziegler, in seiner Radikalität konsequenter als Schwarzenbach, in jungen Jahren zum Katholizismus konvertiert.
 
Publizistische Profile: Schlamm Habe Schwarzenbach
Das Motto zu meinem Pamphlet gegen Schwarzenbach verdankte ich nicht der Original-Lektüre von Ignazio Silone. Ich hatte es dem Buch „Diktatur der Lüge – Eine Abrechnung“ (Zürich 1937) entnommen, einem der mutigsten Bücher, die je in der Schweiz gedruckt wurden. Hier wurden von einem österreichischen Juden, ehemaligem Kommunisten, Willi Schlamm, später William S. Schlamm (1904–1980), im Zürcher Exil bedingungslos Stalin, Hitler und Mussolini in das Gericht der Geschichte genommen. Es ging unter anderem um Weltrekorde in Sachen Todesurteile. Auch Unterbietung des Mindestalters auf diesem Gebiet. Die gegenseitige Bewunderung der einander konkurrenzierenden Diktatoren wurde nachgewiesen. Schlamms polemischer Stil, im Frühwerk immer, später meist mit knallharten Begründungen, beeindruckte mich damals ausserordentlich. Schlamm wurde, als Widersacher von jedem Totalitarismus, für mich und meinen Jugendfreund Herbert Meier beinahe ein publizistisches Idol. Ich kaufte um dieser Lektüre willen jeden Sonntag im Bahnhofkiosk Sarnen „Die Welt am Sonntag“, um William S. Schlamms Kolumne, eine sprengstoffhaltige Vorläuferin der Texte von Frank A. Meyer im „Sonntagsblick“, zu geniessen und mich im Zeitgetümmel danach zu orientieren. Der für seine Zeitung „zu rechte“ Schlamm wurde später vom Verlagshaus Springer durch den nicht weniger polemischen Juden Hans Habe ersetzt, der wie W.S.S. vom Tessin aus schrieb. Er hatte, wie der israelkritische Schlamm und der wenig judenfreundliche Schwarzenbach, viele, die ihn unerträglich fanden. In Ascona dichtete ein deutscher Linksintellektueller: Das Wasser stinkt, die Luft ist rein, / Hans Habe muss ertrunken sein.
 
James Schwarzenbach erreichte als Publizist, in der Tiefe der Analysen, selten das Format des kommunistischen Renegaten Schlamm, ohne weiteres aber wohl dasjenige des rechtsdemokratischen Kolumnisten Hans Habe, der ihn aber im Erfolg als Schriftsteller um Welten übertroffen hat. Er hätte sich aber nie, wie dieser, mit einem Verlagshaus wie Springer (oder Ringier) gemein gemacht. Noch selbst in Ansichten, die für mich unerträglich blieben, war er zumindest „ein Narr auf eigene Faust“. In diesem Sinne könnten für ihn Verse zutreffen, welche Nietzsche über einen einstigen Wegweiser, Schopenhauer, getextet hat:
 
„Was er lehrte, ist abgetan. / Doch seht ihn an: / Niemand war er untertan!“
 
Mit den unten, im Anti-Schwarzenbach-Pamphlet geäusserten Meinungen, identifiziere ich mich nur im überschneidenden Sinne. Immerhin scheint mir die Ideologie des Internationalismus als falsche Alternative zum 1973 und heute mit Recht angeprangerten Nationalismus, keine Lösung für das Freiheitsproblem zu sein. Statt Internationalismus würde ich heute formulieren: Glaube an die Segnungen der Globalisierung.
 
Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Rickenbach/LU
 
Anhang
 
Der von Damir Skenderovic zitierte Artikel aus „Abendland“ vom 23. Oktober 1973:
 
II
 
Obertitel: Schwarzenbach „zeigte sich höchst erbost über ein langes, an ihn gerichtetes Schreiben Pirmin Meiers“ (Neue Zürcher Zeitung, 1. Oktober 1973)
Haupttitel: Kann die Republikanische Bewegung das Jahr 1984 erleben?
Untertitel: 7 kritische Gedankengänge von Pirmin Meier
Motto: „Wir sind keine Partei von Kosmetikern. Wir arbeiten nicht für den Schein. Wenn aber die Wahrheit entmutigend ist? Sie ist immer weniger entmutigend als die ermutigendste Lüge.“
Ignazio Silone, Brief nach Moskau.
 
Erster Gedankengang: Notwendigkeit kritischer Analyse
Die längerfristige Zukunft politischer Parteien und Bewegungen, ja selbst ganzer Gesellschaftssysteme, hängt von ihrer Fähigkeit ab, auf der Basis äusserer und innerer Gedankenfreiheit die eigene Situation nüchtern und schonungslos zu analysieren. Wo dies nicht mehr der Fall ist, droht entweder der Untergang oder – was noch schlimmer ist – die Verblödung. Auch beides auf einmal ist möglich, nur fehlt einem Untergang in Verblödung die tragische Würde des scheiternden Ritters von der traurigen Gestalt.
 
Was nun die Schweizerische Republikanische Bewegung betrifft (und auch ihre „Schwesterpartei“ Nationale Aktion für Volk und Heimat), so scheint es nun höchste Zeit zu sein für eine erste grundsätzliche Selbstüberprüfung ihrer Position. Einige werden fragen: Gerade jetzt, wo doch mehrere Initiativen unterwegs sind und in den Massenmedien eine teilweise verschärfte Polemik gegen die „Nationalen“ festzustellen ist? Gerade jetzt, wo der Internationalismus, der Wachstumsaberglaube und andere verhängnisvolle Ideologien noch immer in der Offensive sind? Nützt das nicht dem Gegner?
 
Eben diese Auffassung bekämpfe ich. Das Zurückhalten der Wahrheit, weil sie angeblich „dem Gegner nützt“, wäre Ausdruck totalitärer Mentalität. Eine demokratische Partei gewinnt an Glaubwürdigkeit vor sich selbst und dem Wähler, wenn sie die innere Stärke hat, die eigene Situation mit höchstem kritischem Ernst zu überprüfen. Dies ist bei der Republikanischen Bewegung umso notwendiger, als viele ihrer Zielsetzungen sehr ernst und für unser Land durchaus lebenswichtig sind: Die Erhaltung einer kleinen Schweiz, die in wirtschaftlicher, bevölkerungspolitischer und aussenpolitischer Hinsicht den Zaun nicht zu weit macht, wie Bruder Klaus gewarnt hat. Hier bestand vor der Gründung der Nationalen Aktion und der Republikanischen Bewegung aus Sicht der Wählerschaft eine „politische Marktlücke“, und es ist betrüblich, das Versagen von Bundesrat, Parteien und Verbänden bei der Lösung dieser Probleme immer wieder konstatieren zu müssen. Doch wenn die Republikanische Bewegung ihr Anliegen auf Dauer glaubhaft vertreten will, muss sie es rein vertreten,  d.h. entschlackt von uneigentlichen ideologischen Zutaten und frei von einer gewissen verbalen und politischen Skrupellosigkeit. Es sind ein politischer Stil und vor allem auch eine politische Sprache zu finden, wozu wir auch in dreissig und vierzig Jahren noch stehen können. Ich sage das als Vertreter der jungen Generation. Denn wenn das, was die Republikanische Bewegung vertritt, dauern soll, muss diese Generation gewonnen werden. Dabei soll man aber nicht wie die anderen auf billige Weise um die Gunst der Jugend buhlen (z. B. durch Herabsetzung des Wahlalters): Das nützt nämlich nichts. Was aber auf Dauer überzeugen könnte, wären reine Luft statt ideologischen Nebels, Besonnenheit statt Demagogie, politische Integrität statt bloss taktischer Überlegungen.
 
Zweiter Gedankengang: Die Gefahren des Nationalismus und des Irrationalismus
Die meisten politischen Irrtümer entstehen auf der Basis falscher Alternativen. Eine falsche Alternative, die für viele Republikaner ein Problem darstellt, ist die „Alternative“ Internationalismus – Nationalismus. Nun sind sich alle Republikaner einig, dass der Internationalismus als bewusste Distanzierung vom Eigenen auf einem gestörten, zum Teil selbstzerstörerischen Verhältnis zum eigenen Land beruht. Da sie die üblen Folgen des Internationalismus sehen, glauben nun einige, Nationalismus sei etwas Gutes. Vom Nationalismus seinerseits wieder zu unterscheiden ist der Patriotismus, worunter wir Pietät und Anerkennung gegenüber dem eigenen Erbe verstehen, gemischt mit Stolz und Demut angesichts nationaler Tugenden und nationaler Untugenden. Demgegenüber ist der Nationalismus etwas ganz anderes. Für den Nationalisten gibt es nur Nationaltugenden, keine Fehler. Das Nationale ist für ihn ein absoluter Wert der höchsten Ebene. Die nationale Geschichte – von den Internationalisten heruntergemacht – hat für den Nationalisten die Weihe eines Religionsersatzes. Für den schweizerischen Nationalisten ist es klar, dass die Eidgenossen bei Morgarten Recht und Freiheit gegen österreichische Usurpatoren (oft Aargauer) verteidigt haben. Nicht klar hingegen ist, dass der Bundesbrief von 1291 zu den nüchternsten Dokumenten der Weltgeschichte gehört, worin es um nichts anderes ging als um die Erhaltung der von der habsburgischen Krone (z. B. das von König Rudolf zugestandene Privileg, nicht von fremden Richtern beurteilt zu werden) gewährten Freiheiten. Ferner ist für den schweizerischen Nationalismus typisch die Überschätzung der kriegerischen Tradition der Eidgenossenschaft (Tell, Winkelried, Bubenberg u.a.m.) und ein eher weniger engagiertes Verhältnis zur geistigen Tradition (Pestalozzi, Zschokke, Dunant u.a.m.). Deshalb wohl können republikanische Augustfeiern nur auf historischen Schlachtfeldern und vor Soldatendenkmälern stattfinden. Der Anschluss an die geistige Tradition, der dort stattfindet, ist zum Teil leider sehr plump. Wenn Gottfried Keller am 1. August (1973, P.M.) auf der Forch zum „waschechten Republikaner“ deklariert wurde, war dies keine Auseinandersetzung, sondern die unfaire Einparteiung eines wehrlosen Toten. Die linksliberale republikanische Partei Gottfried Kellers hat doch mit der heutigen Republikanischen Bewegung nur den Namen gemeinsam.
 
Der Glorifizierung der nationalen Geschichte, zu der der Nationalist neigt, entspricht die Absolutsetzung der Nation in der Gegenwart: Eine übernationale Verantwortung wird grundsätzlich geleugnet. Stringente Pflichten gegenüber dem Nicht-Nationalen (Ausland, Ausländer) kann es nicht geben. Dies ist indessen nicht die Haltung der Republikanischen Bewegung. Eine sehr ausgewogene offizielle Erklärung stellt sich im Prinzip positiv zur Entwicklungshilfe, und Paragraph 4 des Parteimanifests begrüsst die „Schaffung eines föderalistischen, freien und geeinten Europa“. Es wäre also billig, die Republikanische Bewegung voreilig als hoffnungslos chauvinistische nationalistische Partei abzustempeln, wie dies einige ihrer Gegner tun. Ebenfalls sind sich fast alle Republikaner als Kleinbürgerpartei in der Brandmarkung einer nationalen Untugend einig: des Mammonismus. Auch bilden die Fremdenhasser in der Bewegung (auch bei der Nationalen Aktion) nur eine Minderheit. Man darf sich die Kritik nicht zu einfach machen. In Wirklichkeit verhält es sich so, dass die Republikanische Bewegung heute weder restlos nationalistisch ist noch einen schlackenlosen Patriotismus vertritt. Am ehesten trifft wohl die Diagnose „nationalistisch verschmutzter Patriotismus“ den Sachverhalt. Es handelt sich primär Abgrenzungsproblem Patriotismus - Nationalismus.
 
Diese Abgrenzung ist zunächst einmal eine Frage der Intensität und des Stils. Das verräterischste Kennzeichen des Nationalismus ist massive Sprache bei der Vertretung nationaler Anliegen. Die patriotische Sprache liebt den Degen, der nationalistische Jargon hingegen bevorzugt Bleihammer und Pressluftbohrer. „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ usw. Im Prinzip kann man sagen: Der Patriotismus hört auf und der Nationalismus fängt an, wo die Sprache zu marschieren beginnt, wenn Kampflieder gesungen werden, wenn mit den Emotionen einfacher Leute bewusst gespielt wird. Dass diese Gefahren bei den Republikanern tatsächlich bestehen, hat mir eine jahrelange Erfahrung auf allen Ebenen der Bewegung nur zu klar gemacht.
 
Zum Thema Emotionalismus und Irrationalismus: Patriotismus und kritischer Rationalismus schliessen sich nicht aus. Wenn aber vom „Nationalcharakter als emotionaler Kraft“ („Republikaner“ v. 17.8.1973) gesprochen wird, beginnt es langsam unsauber zu werden. Da hilft auch die Berufung auf einen Staatsmann wie den britischen Premier Benjamin Disraeli nichts. Was will Disraeli beweisen, wenn er schreibt: „…nicht die Vernunft hat Troia zu Fall gebracht, nicht die Vernunft hat die Sarazenen aus ihren Wüsten zur Welteroberung getrieben, nicht die Vernunft hat die Kreuzzüge ausgelöst, die Mönchsorden gegründet; nicht die Vernunft hat zur Gründung des Jesuitenordens geführt; vor allem nicht die Vernunft hat die Französische Revolution ausgelöst. Der Mensch ist nur dann wirklich gross, wenn er aus Leidenschaft handelt, es ist nur dann unwiderstehlich, wenn er an die Kraft der Einbildung appelliert…“
 
Diese Sätze aus einem Grundsatzartikel des „Republikaner“ (Schwarzenbachs von Johann Baptist Rusch und Eduard Stäuble übernommene Einmann-Zeitung, gegründet 1798, P.M.) müssen genauestens unter die Lupe genommen werden. Beweisen die oben zitierten historischen Ereignisse etwas g e g e n die Vernunft? Müsste man nicht den Gedankengang Disraelis weiterführen mit: Nicht die Vernunft hat zur Russischen Revolution geführt; nicht die Vernunft hat Adolf Hitler an die Macht gebracht; nicht die Vernunft treibt den Schwarzen September (Terror-Organisation, P.M. 2013) zu seinen Untaten und vor allem nicht der Vernunft ist es zu verdanken, dass heute in der Dritten Welt und allenthalben wieder ein fanatischer Nationalismus sein Haupt erhebt. Vielmehr führen die Leidenschaften der Menschen zu den kollektiven Wahnsinnsausbrüchen, die die Weltgeschichte in der modernen Zeit zu einem Schlachthaus hat werden lassen.
 
Wie wollen wir die immer komplizierter werdenden Probleme der Industrie- und Massengesellschaft anders lösen als mit höchsten Anstrengungen einer ideologisch nicht verbrämten Vernunft? Die grossen Repräsentanten der konservativen Philosophie von Aristoteles, Thomas von Aquin, Edmund Burke, Franz von Baader, Alexis von Tocqueville bis zu dem im „Republikaner“ gern zitierten Wilhelm Röpke haben unbeirrt am Vorrang der Vernunft festgehalten, ganz zu schweigen von der schweizerischen Tradition von Pestalozzi über I.P.V. Troxler bis Friedrich Traugott Wahlen.
 
Einem irrationalistischen und nationalistischen Denken entspricht es, wenn im September 1973 im „Republikaner“ wieder einmal von „artfremden Ideologien“ die Rede war. Es gibt unter dem theoretischen Gesichtspunkt „falsche“ und „wahre“ Ideologen (im logischen Verhältnis zueinander). Unter dem praktischen Gesichtspunkt gibt es „taugliche“ oder „untaugliche“ Ideologien. Aber von „artfremden Ideologien“ zu sprechen ist biologistischer, nationalistischer und faschistischer Stumpfsinn. Auf dieser Argumentationsebene ist kein Staat zu bauen noch ist den linken Ideologien damit beizukommen. Eines müssen wir uns nämlich vergegenwärtigen: Ohne eine ganz sorgfältige geistige Anstrengung vonseiten der sogenannten „erhaltenden Kräfte“ wird zum Beispiel der Sozialismus nie überwunden werden.
 
Es würde nun darum gehen, in Theorie und Praxis sich vom Nationalismus endgültig zu distanzieren und der kommenden Generation einen glaubwürdigen Patriotismus vorzuleben. Die Jugend (meiner 68er-Generation, P.M.) lehnt im Grunde nicht den Patriotismus ab, sondern seine Verfallform, den Nationalismus. Wenn wir heute so weit sind, dass Patriotismus bei den Jungen sehr klein geschrieben wird, so liegt das zur Hauptsache an einer verzerrten Optik, an der aber viele, die sich für Patrioten halten, nicht unschuldig sind.
 
Dritter Gedankengang: Tendenz zu Vereinfachungen und Intoleranz
„Die Schweiz ist praktisch eine demokratisch getarnte Wirtschaftsdiktatur“. Seit 1971 wiederholt der Gründer und Zentralpräsident der Schweizerischen Republikanischen Bewegung (Dr. James Schwarzenbach, P.M.) bei Augustfeiern, Wahlveranstaltungen und Hearings dieses ominöse Wort, so dass es nun zweifellos zum „Image“ der „Bewegung“ zu gehören scheint. Nun spricht dieses Wort nicht irgendwer, sondern ein Mann, den die schweizerischen Wirtschaftsverbände im Abstimmungsjahr 1970 („Volksinitiative gegen die Überfremdung“, P.M.) tatsächlich wie keinen anderen Schweizer unserer Zeit mit allen vertretbaren und nicht vertretbaren Mitteln fertig zu machen versuchten. Die schmerzlichen Erfahrungen, die Dr. Schwarzenbach bewogen, so zu sprechen, müssen anerkannt und respektiert werden.
 
Dennoch ergeben sich aus den Konsequenzen dieses Satzes einige Schwierigkeiten. Bekanntlich gehören die Republikaner zu den vehementesten Verteidigern der allgemeinen Wehrpflicht und einer starken und harten Armee überhaupt. Als Wehrmann muss ich mich aber fragen: Was soll ich die Unannehmlichkeiten des Militärdienstes und im Kriegsfall vielleicht sogar einen gewaltsamen Tod auf mich nehmen, wenn ich nur die Geldsäcke der Wirtschaftsdiktatoren zu verteidigen habe? In dieser Hinsicht sind Dienstverweigerer und linksanarchistische Armeehasser zweifellos konsequent. Eine Diktatur ist nicht verteidigungswürdig. Wenn es stimmt, dass wir es bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit einer kapitalistischen Diktatur zu tun haben, kann das Opfer des Militärdienstes moralischerweise niemandem zugemutet werden. Stimmt der Satz von der Wirtschaftsdiktatur oder stimmt er nicht? Nun, es handelt sich dabei um eine massive, unzulässige Vereinfachung eines tatsächlich bestehenden Missstandes. Es ist ohne Zweifel richtig, dass in unserem Land die Wirtschaft als Gesamtheit von Unternehmern, Aktionären und Gewerkschaften die grösste, wohl kaum demokratisch legitimierte Machtballung im Lande darstellt, die allerdings nur in wenigen Fällen – zum Beispiel bei der Initiative des Jahres 1970 – als geschlossenes Ganzes in Erscheinung tritt. Doch muss zugegeben werden, dass „die Wirtschaft“ nicht allein regiert. Es gibt noch andere Machtballungen, z. B. die Kirchen, die Monopolmedien Radio und Fernsehen, kulturelle Verbände, nicht zu vergessen eine ganze Reihe von Zeitungen (auch der „Republikaner“), einige (nicht in die Regierungsverantwortung gebundene) Parteien am rechten und linken Flügel des Spektrums, die sogenannte „Neue Linke“, Umweltschutzorganisationen usw. Ferner gibt es immer wieder elementare Volksbewegungen, (Initiativen, Referenden), welche die blossen Machtinteressen der Wirtschaft zwar nicht zu eliminieren, aber doch zu bremsen vermögen.
 
Die Schweiz ist ein Staatsgebilde, in dem die Macht ungleich verteilt ist, jedoch nicht so, dass man von einer Diktatur sprechen könnte. Wer sich nach dem Wesen einer wirklichen Diktatur erkundigen möchte, studiert wohl am besten die Appelle Solschenizyns und Sacharow… Gewiss ist mit dem Schlagwort von der „Wirtschaftsdiktatur“ immer wieder Applaus zu holen, können linke Wähler nach rechts geschleust werden, doch bedenke man, ob man damit nicht mehr kaputt macht als heilt.
 
Es ist keineswegs so, dass wir in der Schweiz nichts mehr zu verlieren hätten. Und im Übrigen lehrt die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass die Verleumdung eines einigermassen freiheitlichen Staatswesens als „Diktatur“ oder „System“ zuletzt tatsächlich zur Diktatur führt. Nur darf in einer echten Diktatur niemand mehr sagen, man lebe in einer Diktatur. Zudem schneidet man sich mit einer derart massiven Sprache den Dialog ab, der bekanntlich nur auf der Basis eines minimalen Konsens möglich ist.
 
Was nun generell Vereinfachungen betrifft, so sind in fast jeder Nummer des „Republikaner“ welche zu finden. Bekanntlich zählt Bundesrat Pierre Graber (1973 Chef des Politischen Departements, Aussenminister, P.M.) nicht zu den Lieblingen der Bewegung. Es wäre in der Tat nötig und wertvoll, vertretbare und politisch mögliche Alternativen zur Graberschen Aussenpolitik aufzuzeigen. Ernst zu nehmende Kritiker Grabers müssten auf den Plan treten. Nun aber wurde vor einiger Zeit unserer Aussenminister folgendermassen gewürdigt, allerdings nicht von Dr. Schwarzenbach: „Graber… ist kritiklos araberfreundlich und israelfeindlich eingestellt und äfft damit die Haltung Frankreichs nach.“ Solche läppisch-simplifizierenden Formulierungen eines Amtsträgers sind geeignet, die republikanischen Nationalräte als Kritiker von Grabers Aussenpolitik ein- für allemal zu disqualifizieren.
 
Es gibt noch andere „Stilfehler“ im „Republikaner“. Einmal war die Rede von „Kommunisten, Arabern und anderen geistig Unterentwickelten.“ Dies war nichts anderes als eine Anleihe bei der Untermenschentheorie bekannter Machart. Kommunisten und Araber sind nicht geistig unterentwickelt, denen fehlt’s woanders, und wenn man so formuliert, hebt man in totalitärer Manier die Grenze zwischen politischer und menschlicher Beurteilung auf. Im Übrigen kenne ich ein Land, wo man die aus politischen Gründen „geistig Unterentwickelten“ in Irrenanstalten steckt (gemeint ist die Sowjetunion von 1973, P.M.). Obige Zitate stammen nicht etwa aus Leserbriefen, die oft noch viel primitiver sind, sondern aus dem redaktionellen Teil. In einem Leserbrief wurde einmal gefordert, man müsse die Rauschgifthändler „ausrotten“. Hier zeigt sich ein „Stilfehler“ besonderer Art. Der Schreiber ist sich über den kleinen Unterschied zwischen „ausrotten“ und „das Handwerk legen“ nicht ganz im klaren. Oder steckt dahinter eine Haltung, die bis hinauf zu gewissen Nationalräten anzutreffen ist?
 
An der letzten Zentralvorstandssitzung der Republikanischen Bewegung, an der ich vor meinem Rücktritt aus dem Zentralvorstand (April 1973) teilgenommen habe, erklärte ein Nationalrat: „Wenn Redaktor Oskar Reck noch einmal vor der Offiziersgesellschaft spricht, nehme ich die Pistole mit.“ Er musste es sich gefallen lassen, dass Nationalrat Dr. Bernhard König zu ihm sagte: „Aber, aber Herr Nägeli, mer hey doch Meynigsfreyheyt.“ Diese Antwort ehrt Herrn Dr. König (1971 Alterspräsident des Nationalrates, P.M.), sie macht manche seiner Stilblüten im Nationalrat wieder gut. Der Herr mit der Pistole indessen darf meiner Meinung nach auf keinen Fall je wieder auf eine Nationalratsliste genommen werden.
 
Der betrüblichste Ausdruck von Intoleranz schliesslich ist die im März 1973 begonnene und im September weitergeführte Hetze gegen tschechische Emigranten, die in der Schweiz leben. Die Sache wird umso schlimmer, wenn ein anonymer Tscheche (eventuell ein Agent) eingeschaltet wird, der die in der Schweiz lebenden Tschechen pauschal der Wirtschaftsspionage verdächtigt.
 
Der absolute Gipfel der Gemeinheit war aber die Verdreckung des ehemaligen tschechischen Wirtschaftsreformers unter Dubcek, Prof. Ota Sik, im „Republikaner“ vom 23. März. 1973 wurde der bedeutende Mann als „Oberkommunist“ apostrophiert, aus dessen Anwesenheit in der Schweiz die tschechische Spionage „grossen Nutzen“ ziehe. Ich hörte in Zürich Vorlesungen von Prof. Ota Sik und kenne kaum einen anschaulicher argumentierenden Kritiker der sowjetkommunistischen Wirtschaftsideologie. Wahrscheinlich schadet seine Anwesenheit in der Schweiz dem Sowjetkommunismus mehr als alle antikommunistischen Leitartikel der letzten 20 Jahre zusammengenommen. Dass er auch Auswüchse unseres westlichen Wirtschaftssystems kritisiert (er bekämpft vor allem wirtschaftliche Machtballungen) dürfte von der im Parteiprogramm angedeuteten republikanischen Haltung gar nicht meilenweit entfernt sein. Nur versteht Ota Sik vermutlich von wirtschaftlichen Zusammenhängen mehr als die gesamte republikanische und nationale Nationalratsfraktion.
 
Bei aller Zurückhaltung, die bei der heutigen Politik des Bundesrates Einbürgerungen gegenüber geboten ist, haben doch politische Flüchtlinge (diese waren damals noch klar in dieser Eigenschaft erkennbar, P.M. 2013) als erste Anrecht auf unsere Solidarität. Denn sie können im Gegensatz zu sonstigen Einwanderern nicht einfach in ihre Heimat zurückkehren. Warum denn soll man ihnen nicht eine neue Heimat geben?
 
Eidgenosse ist man schliesslich, wie Dr. Schwarzenbach selbst einmal geschrieben hat (mit dem Positivbeispiel eines Mädchens aus Jugoslawien! P.M. 2013), nicht aufgrund des Blutes. Es ist zu hoffen, dass die Hetze gegen die Tschechen in der Schweiz im „Republikaner“ aufhört. Sonst kann dieses Blatt vor sich selber und vor der Geschichte nicht bestehen.
 
Vierter Gedankengang: Aussenpolitische Ungereimtheiten
Im Jahre 1972 und heuer waren Schweizer Parlamentarier aus verschiedenen politischen Lagern nach China resp. der Sowjetunion eingeladen zur Besichtigung der dortigen Potemkinschen Dörfer. Es ist bekannt, dass die Reisen den betreffenden Parlamentariern sehr gut gefallen haben. Im „Republikaner“ wurde die Naivität einer Lilian Uchtenhagen, die in Maos Reich eine „heile Welt“ zufriedener Frauen entdecken wollte, mit bissigem Sarkasmus zur Kenntnis genommen, wie überhaupt Wallfahrten dieser Art mit Nachdruck abgelehnt wurden. Ein republikanischer Nationalrat würde wohl kaum nach Moskau oder nach Peking reisen, um sich von den dortigen Tyrannen bewirten zu lassen; er würde schon den Gedanken einer Fahrt nach Rom zu einem Gespräch über die Probleme italienischer Einwanderer entrüstet von sich weisen. Ein republikanischer Nationalrat lässt sich von ausländischen Mächten prinzipiell nicht ins Bockshorn jagen.
 
Oder ist es möglich, dass das parlamentarische Reisefieber auch im Gehege der sieben Winkelriede ausbrechen kann? Mit der Tat Winkelrieds wurde im Parteiorgan die Arbeit der republikanischen Nationalräte in bescheidener Weise verglichen. Es ist möglich. Nur würde Dr. Schwarzenbach weder nach Peking noch nach Moskau noch nach Rom pilgern. Ihn zieht es weiter nach dem Süden: Er reist nach Salisbury (heute Harare, Zimbabwe, P.M. 2014). Dort lernt er Premier Ian Smith und weitere Prominenz in vertraulichem Gespräch kennen und feiert hernach im „Republikaner“ den alten Haudegen Smith als „einen der wenigen patriotisch und freiheitlich gesinnten Politiker“. Es sei darum gegangen, Ian Smith „die Sympathie eines freien Eidgenossen zu bekunden und ihm zu danken“. Seit dieser Reise gehört Schützenhilfe für Rhodesien und eine noch weiter verschärfte Polemik gegen die schwarzafrikanischen Despoten zur regelmässigen Lektüre-Kost des „Republikaner“.
 
Neben Rhodesien gehören noch einige andere nichtkommunistische Despotien, zum Beispiel Griechenland (Militärdiktatur seit 1967, P.M), zu den mit oft unverhohlener Sympathie bedachten Systemen. Dabei scheint es mir weder richtig noch klug, Systemen Sympathien entgegenzubringen, die nun einmal in Gottes Namen nicht freiheitlich sind, so sehr man für die historischen und zeitgeschichtlichen Hintergründe Rhodesiens, Griechenlands und anderer Länder Verständnis haben soll. Usw.
 
Fünfter Gedankengang: Parteiinterner Autoritarismus
Dieser längste Teil der Ausführungen wird später veröffentlicht; Historiker können sich den Text z. B. in der Kantonsbibliothek Aargau, „Abendland“ vom Oktober 1973 beschaffen, in welcher Nummer verdienstlicherweise von Herbert Meier auch der Militärputsch in Chile alles andere als gutgeheissen wurde. Zentrale Kritikpunkte in freier, z. T. erläuternder Zusammenfassung:
 
1. Schwarzenbachs Verbot kantonaler Delegiertenversammlungen, wie sie die Aargauer in ihren Kantonsstatuten auf herkömmliche Weise machen wollten zugunsten eines zentral gelenkten Obmännersystems. Diese Obmänner wiederum sind dem Zentralvorstand der Partei verantwortlich. Mein Vorwurf lautete, Schwarzenbach führe die Partei nach dem „Führerprinzip“.
 
2. Obwohl der gesamtschweizerische Zentralvorstand der Partei theoretisch mächtiger war als der Zentralvorstand jeder herkömmlichen Partei, hatte er in den wirklich wichtigen Fragen, etwa der Formulierung und Lancierung von Initiativen, nie das geringste Mitbestimmungsrecht. Die Initiativen, z.B. diejenige für die Bestätigungswahl des Bundesrates durch das Volk, wurden, wie ich als Zentralvorstandsmitglied durch das „Echo der Zeit“ im Radio erfuhr, von der Nationalratsfraktion formuliert und lanciert. Dabei vernahm jedoch auch der Vizepräsident der Nationalratsfraktion, der ehemalige Landesring-Politiker Walter Bräm, ein klar gemässigter Politiker, ebenfalls aus dem Radio, dass „scheint’s“ eine Initiative lanciert worden war. (Walter Bräm, geb. 1915, gest. 1996, bemerkenswerter Sozialpolitiker und Kämpfer gegen den Alkoholismus, hat sich 1974 von Schwarzenbach losgesagt. P.M. 2013).
 
3. Im Prinzip hatte Schwarzenbach, eine auf geradezu beeindruckende Weise undemokratische, von Haus aus aristokratische Persönlichkeit, den Rechtstatus des Parteigründers erfunden. Man hatte sich ihm angeschlossen und war nicht einfach ein freies Fähnlein unter Gleichen in der Art von Gottfried Keller. In für ihn wichtigen Fragen liess sich der Parteiführer grundsätzlich nicht in die Minderheit versetzen. Selbst der Zentralvorstand war fast nur ein Bestätigungsorgan.
 
4. Gemäss diesem System war es möglich, dass Schwarzenbach glaubte, sich sogar in personellen Fragen in Angelegenheiten der nach den Märzwahlen 1973 gebildeten republikanischen und nationalen Grossratsfraktion einzumischen. Einem sich dagegen verwahrenden Grossrat seiner eigenen Partei sagte er: „Widersprechen Sie im Militär Ihrem Vorgesetzten auch ständig?“
 
5. Den oben nur angedeuteten Aargauer Konflikt, bei dem sich die Frage der parteiinternen Demokratie stellte, löste Schwarzenbach dadurch, dass er die Aargauer Partei durch eine von ihm, angeblich dem Zentralvorstand, eingesetzte „Junta“ von vier Personen, u. a. dem 2012 verstorbenen einzigen republikanischen Nationalrat des Kantons Aargau, Dr. Josef Fischer (Bremgarten, Nationalrat 1971–1979) führen liess. (Darauf schlossen sich überfremdungspolitisch Engagierte wie z. B. der langjährige spätere SD-Grossrat Dragan Najman der Nationalen Aktion Oehens an; der katholische Verleger Herbert Meier, den Schwarzenbach als politisch starken Konkurrenten nie hatte aufkommen lassen wollen, wechselte zur SVP, analog zum Bülacher Zeitungsbesitzer Hans Ulrich Graf; während ich, als Bruder eines CVP-Grossrates und Mitglied des Schweiz. Studentenvereins im Aargauer Verfassungsrat, in den ich soeben gewählt worden war, mich als „Hospitant“ der mir aus Familientradition naheliegenden CVP-Fraktion anschloss. Dort war ich wegen meinem Antrag auf Trennung von Kirche und Staat und wegen meinem beinahe kompromisslosen Eintreten für eine konservativ interpretierte, der Bremsung der Staatstätigkeit geneigte direkte Demokratie bald einmal umstritten. Mit meinem verstorbenen Freund, dem Badener Apotheker Edi Zahnder, verwendete ich mich für die Erwähnung von Standplätzen für „nicht sesshafte ethnische Minderheiten“, ein Begriff in der aargauischen Kantonsverfassung, den ich eingebracht zu haben behauptete. In jenem Sonderparlament mit vielen klugen Leuten aus allen Lagern war es auch als Parteiloser möglich, dann und wann einen Vorschlag durchzubringen. 
 
Sechster Gedankengang: Programm- und Konzeptionslosigkeit
Anstelle langfädiger Ausführungen:
Hier wird im Pamphlet von 1973 das Urteil von Sebastian Speich im Tages-Anzeiger-Magazin vom 21. März 1971 zitiert, der über Schwarzenbachs Parteiprogramm schreibt: „Die 16 Maximen wirken wie ein zufällig entstandener Cocktail aus allen schweizerischen Parteiprogrammen von links bis rechts: Sie sind sowohl wischi als auch waschi, schenken jedem ein kleines unverbindliches Rosinchen…“
 
(Mein Versuch, durch Programmarbeit nach Prinzipien des Liberalismus und des Konservativismus hier Abhilfe schaffen zu wollen wie auch die Kritik vor allem an der wirtschaftspolitischen Inkompetenz der Republikaner, die noch und noch „ein nicht gerade schamhaftes Zeugnis von Ignoranz“ abgäben, war fruchtlose „konstruktive Kritik“ an einer politischen Formation, die nicht zu retten war. Ich habe programmatische Gedanken zu einer liberal-konservativen Politik viel später noch einmal ausgeführt im Büchlein „Politik, Prinzipien und das Gericht der Geschichte“, welches Schwarzenbachs einstiger Sekretär Dr. Ulrich Schlüer als Nr. 48 in seiner „Schweizerzeit-Schriftenreihe“ publiziert hat und wo mir sogar, analog zu Schwarzenbach (vierter Gedankengang über aussenpolitische Ungereimtheiten), eine Kritik an der Türkei-Politik des damaligen Bundesrates Dr. Christoph Blocher möglich war. Dr. Ulrich Schlüer hat die massive Inkompetenz Schwarzenbachs als Parteiführer nicht nur nicht zu verantworten; er hat sie am besten kennengelernt und sich 2012 in einem Video-Interview zuhanden einer Matura-Arbeit der Kantonsschule Beromünster kompetent darüber geäussert. P.M. 2014).
 
Siebter Gedankengang: Kann die Republikanische Bewegung das Jahr 1984 erleben?
Kurz-Zusammenfassung: Diese Frage wird negativ beantwortet, doch wird Valentin Oehens Nationaler Aktion für Volk und Heimat, dessen extreme Überfremdungsinitiative von 1974 auch für Schwarzenbach nicht goutierbar war, dank demokratischer Kompetenz und seinem rechtsökologischen Ansatz eher eine Zukunft zugetraut, was sich dann bei den länger überlebenden „Schweizer Demokraten“ auch bestätigte. Der Vorschlag von 1973, die Republikanische Bewegung einerseits und die Nationale Aktion für Volk und Heimat sollten in Richtung einer rechtsökologischen und liberalkonservativen Bewegung fusionieren, war als Rettungsanker gemeint, kam nicht zustande und wäre wohl auch im Falle eines Gelingens illusionär gewesen. Ohne eine entsprechende Selbstreinigung der Partei, jenseits von Kampfliedern, nationalistischen Parolen, Verzicht auf Polemik gegen die damaligen z. B. tschechischen politischen Immigranten usw., Verzicht auf „politische Ohrfeigensprache“ hätte die Partei keine Zukunft, wurde von mir moniert. Und bei Beibehaltung von dem allem „wird es um den Untergang der Republikanischen Bewegung auch nicht schade sein“.
 
Die Abhandlung schliesst mit einem Zitat von Robert Kennedy: „Die heissesten Plätze in der Hölle sind für diejenigen reserviert, die auf Erden zu allem zustimmend genickt haben.“
 
PS von 2014. Noch interessant ist, dass ich mich in meiner Pamphlet-Studie über die Perspektive Schwarzenbachs, bald würden in Bern nicht sieben, sondern sieben mal sieben Republikaner politisieren, lustig machte. Der Politiker, der später eine vergleichbare Zunahme einer Kleinpartei zustandegebracht hat, ist der von Schwarzenbach klar unterschiedene Christoph Blocher. Zwei Gemeinsamkeiten bleiben jedoch zu konstatieren: Ein starkes Geschichtsbewusstsein, nicht in jedem Fall auf dem neuesten Stand der Forschung, und im Denken ein theologischer Ansatz, wobei Karl Barth mit seiner Dogmatik, in welche dessen linke politischen Ansichten kaum einflossen, bei Blocher das Bedürfnis nach festem Halt analog zu Schwarzenbachs Wendung zum Katholizismus wohl teilweise zu befriedigen vermochte. Dass Schwarzenbach ein Konvertit war, machte meinen Religionslehrer Pater Augustin Holbein skeptisch, indem er von dessen „Konvertitenmentalität“ sprach. Dies fand ich als Verächtlichmachung eines Mannes, dem man Mut zu seiner Überzeugung nie, oder fast nie, absprechen konnte. Dass Schwarzenbach den Glauben, in dem ich erzogen worden war, aus freien Stücken gewählt hatte, beeindruckte mich lange, war ab 1964 sogar ein Bindungselement zu einem Manne, den ich damals als „Rechtsintellektuellen“ bewunderte. Ab Januar 1972, als Schwarzenbach mich in seinen ersten formellen Zentralvorstand berief (in dem man aber nichts zu sagen hatte), wuchsen meine Zweifel exponentiell. Im gleichen Jahr hetzte jedoch der Verleger Otto Wanner, der von anonymen Drohbriefen heimgesucht wurde, mir bzw. meiner frisch angetrauten Ehefrau den Staatsanwalt auf den Hals. Dass Schwarzenbach diesem gegenüber für meine Integrität einstand – die Verbindung zu ihm war ein Teil des Verdachtes – machte mir Eindruck und veranlasste mich, das Wintersemester 1972/73 für den Wahlkampf zugunsten der Aargauischen Republikanischen Bewegung zu opfern. Es gelang „uns“ dabei, zusammen mit den Weggefährten Oehens, im Grossrat und im Verfassungsrat nicht weniger als je 10 Mandate zu ergattern, die wir ausnahmslos den Sozialdemokraten und dem Landesring abgenommen hatten, was als doppelter Erfolg gewertet wurde. Ich verliess die Partei schon nach einem halben Jahr, blieb jedoch, weil kaum Ersatzleute vorhanden waren, bis 1980 Mitglied des aargauischen Verfassungsrates. Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Das überparteiliche „Komitee für die Volksrechte im Aargau“ mit dem Fricktaler Grossrat Isidor Bürgi an der Spitze vertrat konsequent den Gedanken der direkten Demokratie, womit die Interessen der kleinen Leute, die auch mich und andere gewählt hatten, glaubwürdig vertreten schienen. Integriert war ich später in der CVP-Fraktion. Dass ich innerhalb derselben einmal nur knapp dem Ausschluss entging, war ich mir gewissermassen schuldig. Man kann nicht einen immerhin bedeutenden Politiker wie Schwarzenbach scharf kritisiert haben, um sich dann in einer bürgerlichen Fraktion allzu angepasst zu verhalten. Der Präsident der SP-Verfassungsratsfraktion, Kurt Wernli, später parteiloser Regierungsrat, verhielt sich ebenfalls mit der Zeit dissident, ohne je seine Prinzipien preisgegeben zu haben. Dies führte, unbeschadet der Rededuelle im Verfassungsrat, mit der Zeit zu einem prima gegenseitigen Verständnis. Besonders nahe stand ich meinem Förderer und Sympathisanten Dr. Samuel Siegrist, gest. 1987, Chefredaktor des Aargauer Tagblattes, Kirchenkritiker und Kämpfer gegen Geheimhaltung und Filz. Ihm widmete ich eine Studie über den Dichter und Verfasser von Studentenliedern, Joseph Victor von Scheffel (1825‒1876).
 
Mit Schwarzenbach kam später weder eine Wiederbegegnung noch eine Aussöhnung zustande. Beeindruckend scheint mir, wie der ehemalige Gastarbeiter und linke Polit-Aktivist Sergio Giovannelli, verheiratet mit Blochers Schwester Judith, zusammen mit seiner Frau in St. Moritz das Grab Schwarzenbachs aufsuchte, es dort ehrfurchtsvoll fotografierte. Das Dokument eines Überlebenden, Verfasser von „Va pensiero“, den wohl eindrucksvollsten Gastarbeitermemoiren aus der Zeit von Schwarzenbach.
 
 
Hinweis auf weitere Biografien von Pirmin Meier
 
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