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BLOG vom 30.06.2014


Röbi Kappeler: Hommage auf einen Aargauer Bezirkslehrer
„Botschaft“-Autor Pirmin Meier, Beromünster LU, zum Tode von Bezirkslehrer Robert Kappeler, Bezirksschule Endingen (Lehrtätigkeit: 1955‒1990)
 
 
Robert Kappeler-Mosberger, verstorben am 30. Mai 2014 in Baden im Limmattal, geboren am 14. Juni 1925, war ein vorzügliches Beispiel eines Lehrers, der seine Schülerinnen und Schüler auf der progymnasialen Stufe, im Kanton Aargau seit 1835 Bezirksschule genannt, zu fördern verstand. Ein Ur-Badener. Der Sohn eines Sattlermeisters lebte gegen neun Jahrzehnte lang im Vaterhaus am Cordulaplatz, zu dem er in Zeiten eines grossen städtischen Umbaus engagiert Sorge trug. Der Platz erinnert an eine Episode vom 22. Oktober 1444, als im Alten Zürichkrieg, einem Vorläufer der Villmergerkriege von 1656 und 1712, die Badener von hier aus einen Angriff abgewehrt haben.
 
Auch bei den anderen genannten Kriegen spielte die Bäderstadt, das ehemalige habsburgische Verwaltungszentrum, eine zentrale Rolle. Der geschichtsbewusste Robert Kappeler starb wenige Monate vor dem 300. Jahrestag des Friedens von Baden (7. September 1714), bei welchem das Städtchen via das Reich, Frankreich und Spanien ein letztes Mal europäisch ausstrahlte. Robert Kappeler hat in den traditionsreichen Badener Neujahrsblättern, dem Publikationsorgan der Gesellschaft der Biedermeier, historische Essays veröffentlicht. Dazu gehören ein Wunderbericht von Gilg Tschudi, Landvogt in Baden, welcher auf das Jahr 1534 zurückblickte, ferner heimatkundliche Themen wie der Kartoffelanbau in Baden zur Zeit des 2. Weltkrieges. Mit in die Lebenszeit des Verstorbenen fallen unvergessliche Badener Feste wie die Badenfahrt zum 100. Jahrestag des Eisenbahnbetriebs Baden – Zürich (1947) mit Nachfolgefesten bis in die Gegenwart, einzig schön etwa im Jahre 1967 und besonders nachhaltig 1997. Zur Lebenszeit des jungen Robert Kappeler war Hermann Hesse in Baden AG regelmässig Kurgast. Damit durfte das Städtchen 600 Jahre nach dem berühmten Besuch des italienischen Humanisten Poggio Bracciolini abermals auf ein weltliterarisches Echo zählen.
 
Um Robert Kappeler, der nach langer Krankheit vor seinem 89. Geburtstag in der Stiftung Rosenau, einem ehemaligen Hotel an der Limmat, seine Augen für immer schloss, war es in den letzten Jahren seines Lebens still geworden. Eine heimtückische Krankheit vergällte ihm die letzten Jahre. Endingens Bezirksschuljahrgang 1959–1963, welcher sich im vergangenen November im Badener Kursaal traf, musste seine Klassenzusammenkunft ohne den hier ansässigen beliebten ehemaligen Lehrer durchführen. Eine letzte Begegnung mit ihm hatte 12 Jahre zuvor am gleichen Ort stattgefunden.
 
Robert Kappeler hatte sich im pädagogisch vorzüglich geführten Lehrerseminar Wettingen, heute Kantonsschule Wettingen, zum Primarlehrer ausbilden lassen. Der musische Typ sah sich bei seinen literarischen und historischen Interessen, aber auch als beweglicher Turnlehrer, vorzüglich im Fachlehrersystem der Aargauer Bezirksschule beheimatet. An der Badener Bezirksschule lehrten zur Zeit seiner Ausbildung, noch vor der Gründung der Kantonsschule Baden, vorzugsweise Akademiker mit Doktortitel. Ein Bezirkslehrer bloss mit der durchaus anspruchsvollen Aargauer Bezirkslehrerprüfung musste sich oft mit einer ländlichen Lehrstelle zufrieden geben. Eine solche fand Robert Kappeler 1955 an der Bezirksschule Endingen, kaum 15 Kilometer von Baden im einst jüdisch besiedelten Surbtal. Mit den notwendigen Prüfungen liess er sich, wie auch zur Familiengründung, Zeit, um dann seiner Lebensaufgabe umso vorzüglicher gerecht zu werden. Ein später erwünschter Wechsel an die Bezirksschule Baden kam dann aber nicht zustande, weil „Röbi“, wie er unter Kollegen genannt wurde, die Atmosphäre und ländliche Beschaulichkeit Endingens lieben gelernt hatte.
 
Seine Gattin Susanne Mosberger, wie er selber ein feiner distinguierter und kultivierter Mensch, passte wie Robert vorzüglich in das gebildete und traditionsbewusste Badener Milieu am Cordulaplatz und in der Weiten Gasse. Die Badener Buchhandlungen, beide mit Namen Doppler, verfügten mit Kappelers über zuverlässige Stammkunden. Um den Familienvater trauern gemäss Todesanzeige nebst Witwe Susanne Kappeler die Nachkommen Luzia und Tommaso Marvulli mit dem Enkelkind Nina, Stefan Kappeler und Bettina Kappeler. Der Sohn Stefan trägt den Zweitnamen des Vaters.
 
Es darf an dieser Stelle nicht vergessen gehen, einen grundguten Lehrer zu würdigen. Vom Erscheinungstyp her war der junge Robert Kappeler so etwas wie der klassische Mädchenturnlehrer. Diese Eigenschaft erweist sich aber bei den wenigsten als 35 Jahre lang erfüllend. Nicht die Turnhalle, das Schulzimmer wurde Robert Kappelers wahres Element, und dort, nicht mal unbedingt, der Unterricht in Französisch.
 
Geopraphie und Geschichte
Seine Meisterschaft entfaltete er als Lehrer des muttersprachlichen Unterrichts, besonders Aufsatz, Poesie, Sprachstrukturen und Klassenlektüre. Mit dazu gehörte der gelegentliche Besuch des Badener Kurtheaters, seiner Heimatbühne. Auf unvergessliche Weise vermochte er Gedichte zu inszenieren, etwa den Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe und die skurrilen Verse von Christian Morgenstern. Das „Grosse Lalula“, bei Kappeler 1961 gelernt und auf der Bühne des Restaurant Schützen Endingen vorgetragen, kann ich heute noch auswendig.
 
Béatrice, eine Würenlinger Kameradin vom Berghof, unweit der Wasserfassung des „Ursprung“, rezitierte beim gleichen Anlass ein Gedicht, aus dessen Versen klar wird, „warum das Wasser besser schweigt“. Ihre leise Stimme kam dabei endlich in Fahrt.
 
Mit zur bodenständigen Didaktik von Robert Kappeler gehörten Betriebsbesichtigungen. Im Schuljahr 1961/62 war die Mühle Mühlebach in Würenlingen an der Reihe, die Heimatbasis einer der besten Schülerinnen sowohl der Bezirksschule Endingen wie später der heutigen Kantonsschule Baden, Prof. Silvia Dorn-Mühlebach, der nachmaligen ETH-Pionierin auf dem Gebiet der Entomologie (Insektenkunde). Mein Versuch, dieser ihren Kolleginnen entflogenen Spitzenschülerin wenigstens auf dem Gebiet des deutschen Aufsatzes Paroli zu bieten, wurde von Robert Kappeler unterstützt. Sein Deutschunterricht hatte jederzeit gymnasiales Niveau. Da er kein Langweiler war, schlief man trotz seiner nicht übermässig lauten Stimme im Unterricht nicht ein. Unterhaltungswert war gegeben, und es ist keine Kleinigkeit, dass sich gerade starke Schülerinnen und Schüler, an der Bezirksschule keineswegs eine Seltenheit, von ihm gefördert wussten, niemals unterfordert.
 
Robert Kappeler erklärte dann und wann sogar, was Logik und Rhetorik sei. Bei der Lektüre kamen neben Gottfried Keller, Lessing und Hildesheimer sogar Aussenseiter wie Georg Herwegh und Ernst Moritz Arndt, von denen wir Gedichte auswendig lernten, zur Rezitation. Dieser Herwegh wurde der Klasse erst im letzten Herbst des Schulunterrichts von einem Badener Stadtführer abermals erklärt. Als ich mich als 14-Jähriger Lesevielfrass damit brüstete, in Baden Dürrenmatts Physiker gesehen zu haben, fragte mich der Deutschlehrer: „Hast du das Stück auch verstanden?“ Meine Antwort: „Selbstverständlich!“ Darauf Kappeler: „Ich nicht.“ Da kam ich mir fast etwas gedemütigt vor.
 
Kappeler war eben ein grundbescheidener Mensch und hat sich als geistige Persönlichkeit von Format möglicherweise unterschätzt. Jederzeit war er als Lehrer in der Lage, was keineswegs selbstverständlich ist, Schüler und Schülerinnen als das eigentliche Intelligenzkapital einer Schule einzuschätzen. In diesem Sinn hatte er ein quasi erotisches Verhältnis zum Unterricht, was nicht falsch zu verstehen ist. Er freute sich nämlich über jeden gut geschriebenen Aufsatz auf eine Art und Weise, wie ich es vorher und nachher nicht mehr erlebt habe. In meinem Fall war er sogar davon überzeugt, dass ich es zu einem brauchbaren Autor bringen würde. Damals war ich 14 Jahre alt, und das Lob tat mir nicht nur gut.
 
Trotzdem kann ich mich an eine vergleichbare Förderung, abgesehen bei meinem späteren Doktorvater Peter von Matt, kaum erinnern. Das war zu einem Zeitpunkt, da in der Schule, wo ich oft anderem nachträumte, meine Leistungen in verschiedenen Fächern nachzulassen begannen.
 
Mit zur Pädagogik von Robert Kappeler gehörte ein ethisches Engagement. Er hatte eine klare Haltung und liess einem im Aufsatz Unmoralisches nicht einfach durchgehen. Sogar dann nicht, wenn ich dergleichen nur als literarisches Stilmittel einsetzte. Einer November-Betrachtung des Jahres 1961 warf er „unchristlichen Weltschmerz“ vor, beanstandete einen künstlich wirkenden Pessimismus, weshalb der Aufsatz „nur“ mit der Note „Gut“ bewertet wurde.
 
Robert Kappeler war ein feiner, gepflegter und sauberer Mensch, in jeder Hinsicht, und einer der besten und wichtigsten Lehrer, die mir je begegnet sind. Gerne hoffe ich, dass andere ähnlich von ihm profitiert haben. Einigen war er vielleicht zu schöngeistig. Er liebte seine Schülerinnen und Schüler. Darum ist es nicht mehr als recht, dass in diesem Nachruf ein Stück Gegenliebe angedeutet wird. Diese Gegenliebe verdient auch die 1938 gegründete Bezirksschule Endingen. Einige wenige Lehrkräfte, die schon vor 50 Jahren unterrichteten, sind noch am Leben. Dass übrigens Robert Kappeler nach seiner Pensionierung noch bis ins 79. Lebensjahr Stellvertretungen annahm und Deutsch für Fremdsprachige unterrichtete, zeigt, dass er wie wenige wusste, wozu ein guter Lehrer auf Erden ist.
 
In der Pfingstausgabe der ältesten Lokalzeitung des Kantons Aargau, der einst in Baden gegründeten „Botschaft“, später in Klingnau, jetzt in Döttingen erscheinend, erschien eine hochverdiente Todesanzeige der Bezirksschule Endingen in memoriam Robert Kappeler. Die Zeitung brachte in der gleichen Woche einen Bericht über die Verhandlungen betreffend den Frieden von Baden. Dieser Friede liegt 300 Jahre zurück. Der Friede des lieben verstorbenen Robert Kappeler darf ewig währen.
 
 
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