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BLOG vom 14.07.2014


Götze oder Messias? Nebensache Fussball und Grenznutzen
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU
 
Dass der Fussball immer eine politische Dimension hatte, erwies sich schon bei den ersten Fussballweltmeisterschaften in den dreissiger Jahren, von denen einerseits Benito Mussolini profitierte, weil Italien 1934 und 1938 den Titel holte, andererseits ist der Sieg der Schweiz gegen Grossdeutschland in Paris 1938 mit Abegglen und Bickel gegen die mit dem Hitlergruss antretende Kombination Deutschland – Österreich das bis heute symbolisch bedeutendste Sportereignis der Schweizer Geschichte. Es war sogar nicht nur ein Fehler, dass die Schweiz während des 2. Weltkriegs ein Länderspiel mit Deutschland austrug. Damit demonstrierte man, wenn auch ein bisschen verlogen, Neutralität und Normalität.
 
Für Deutschland, mit dem gleichen Trainer, der 1938 mit dem Hitlergruss angetreten war, Sepp Herberger, war der 4. Juli 1954 mit dem Weltmeistertitel so etwas wie eine Rückkehr zur europäischen Zivilisation. Dabei wäre der Titel für den Favoriten Ungarn, der sich im Hotel Krone Solothurn auf das Endspiel vorbereitete, wohl nicht weniger bedeutsam gewesen. In der „Schweiz am Sonntag“ ist am 13. Juli 2014 einer der schönsten Artikel zum Thema Fussball erschienen, den ich je gelesen habe. Die Erinnerung der Solothurner Wirtstochter Pia Wyss an die ungarische Nationalmannschaft mit Puskas, Sandor Kocsis (später bei Barcelona), Hildekuti, Bozsik, Czibor und wie sie alle hiessen, welche im Restaurant „Schlachthaus“ am Töggelikasten spielten und sich im Trainingsanzug jeweils zu Fuss durch Solothurn bewegten. Bei einem inoffiziellen Trainingsspiel mit dem FC Solothurn, das nirgends angekündigt werden durfte, sollen 4500 Zuschauer anwesend gewesen sein. Am Vorabend des Finals fand in Solothurn ein Musikfest statt, was für die ungarische Nationalmannschaft, von kommunistischen Aufpassern begleitet, eine Nachtruhestörung bedeutete. Für die Solothurner Stadtbevölkerung bedeutete die Niederlage ihrer ins Herz geschlossenen Fussballkünstler dann eine herbe Enttäuschung. „Abends kehrten die Ungarn nach Solothurn zurück, wo alles für die Siegesfeier vorbereitet gewesen wäre. Wir standen auf dem Kronenplatz, die unglücklichen Verlierer winkten nochmals kurz vom Hotelbalkon herunter. Wir applaudierten, dann verschwanden sie.“ Wäre Ungarn Weltmeister geworden, Solothurns Stadtmusik hätte für sie gespielt, der Stadtpräsident gesprochen. Man vergleiche das mal mit dem Titelgewinn der Deutschen in Rio de Janeiro!
 
So ging es also 1954 zu. Kein Vergleich auch zur Fanmeile an der Zürcher Langstrasse in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 2014, wo der deutsche Weltmeistertitel ähnlich gefeiert wurde wie früher Titel von Italienern und Spaniern. Diese Feiern drücken nur aus, auf welche Weise auch in der Schweiz der Fussball heute eine globalisierte Angelegenheit ist. Da gibt es nichts zu räuspern, selbst wenn eine Massenfeier für eine deutsche Mannschaft in der Schweiz wohl vor wenigen Jahrzehnten noch schlicht undenkbar gewesen wäre.
 
Falls es am Massenphänomen Fussball Elemente gibt, die als unheimlich bis ungemütlich einzuschätzen sind, so das sich immer stärker verbreitende pseudoreligiöse Element. Wenn ein Mario Götze in verschiedenen Medien als „Erlöser“ bezeichnet wird, Messi als „Messias“, scheinen die Proportionen eines faszinierenden Spiels, dessen Vermarktung sich zur Massendroge gewandelt hat, nicht gewahrt.
 
In keinem Verhältnis, etwa zu den Eintrittspreisen im Stadion, stehen auch die Honorare der Spitzenfussballer. Goetze, Sohn eines Informatikprofessors, steht im Gegensatz zu den Albanern, Kosovaren und Mazedoniern, welche die Schweiz repräsentieren, nicht mehr für den mit dem Fussball oft verbundenen sozialen Aufstieg. Er wurde für 37 Millionen Euro von Dortmund an Bayern verkauft, wo er trotz nicht regelmässigem Einsatz über einen Jahreslohn von 12 Millionen Euro verfügt.
 
Es sind dies genau jene Grössenordnungen, für welche in der Wirtschaft und bei den Banken das Prädikat „Abzocker“ herhalten muss, was aber beim Publikum nicht die gleichen negativen Reaktionen auslöst. Vielleicht wegen dem illusionären Glücksgefühl, das ein weltmeisterliches Tor auslöst. „Messias“ Messi soll indes um die 40 Millionen Euro jährlich verdienen, sein Transferwert wird auf 120 Millionen Euro geschätzt. Insofern sollte sich seine Untröstlichkeit um den entgangenen Weltmeistertitel in Grenzen halten. Immerhin ist zu berücksichtigen, dass angesichts der Einschaltquoten von Weltmeisterschaften und grossen Tennisturnieren sich für die Vertreter dieser Massensportarten eine Entlöhnung in Richtung Pop-Stars im Prinzip sicher vertreten lässt. Solange auf der Welt wohl gegen eine Milliarde Menschen von Fussballspielen begeistert sind, solange werden auch diejenigen, welche für Show sorgen, in den genannten Dimensionen abkassieren. Dabei mag man es als ungerecht empfinden, dass ein ehemaliger Orientierungslauf-Weltmeister wie mein ehemaliger Spitzenschüler Matthias Merz aus Beinwil am See AG in seiner ganzen Karriere vielleicht ein Honorar einheimsen konnte, welches für die Götzen und Messiasse der Weltsportart Fussball vielleicht ein paar Tageslöhne ausmachte.
 
Nicht sicher ist, ob die auf der Tribüne anwesenden Politiker und Politikerinnen, auch FIFA-Präsident Sepp Blatter, nur annähernd gleichwertig von der allgemeinen Massenbegeisterung profitieren können. Was hatte zum Beispiel ein jordanischer Prinz oder der ungarische Ministerpräsident, „dessen“ Mannschaft gar nicht qualifiziert war, unter den Ehrengästen auf der Tribüne zu suchen? Auch bei Wladimir Putin, dem nächsten Ausrichter einer Fussball-WM (nach seiner triumphalen winterlichen Sotschi-Show) scheint es offensichtlich, dass sportliche Mammutveranstaltungen dieser Grössenordnung nicht nur in Katar kaum mehr im Zeichen politischer Unschuld durchgeführt werden können. Diese politische Unschuld hat der Sport mutmasslich schon 1936, bei den Olympischen Spielen in Berlin, verloren. Aus meiner Sicht muss sich die Schweiz, mit der FIFA und dem Sitz des IOC in Lausanne, schon genügend involviert, nicht noch einmal als Veranstalter von Olympischen Spielen oder Fussballweltmeisterschaften aus dem Fenster lehnen. Das bereits angesprochene Projekt Olympische Winterspiele in Lausanne mit Skiveranstaltungen im Wallis wird hoffentlich, wie am 3. März 2013 die Winterspiele in Graubünden, vom Volk mit seinem durch nichts zu übertreffenden gesunden Menschenverstand beerdigt.
 
Der Grenznutzen von Veranstaltungen einer Pseudoreligion ist erreicht. Dies schliesst nicht aus, dass man sich auch in Zukunft an faszinierenden Fussballspielen oder Leichtathletikveranstaltungen wie das bekannte Zürcher Meeting erfreuen darf. Das Zürcher Meeting gehört sogar, im Gegensatz zum heutigen Schweizer Spitzenfussball, zu denjenigen Sportanlässen, bei denen das Verhältnis von Preis und Leistung noch zu stimmen scheint. Hingegen sind die grossen Zeiten meines früheren Lieblingsvereins „Grasshoppers“ mutmasslich vorbei.
 
Ohne die Übernahme durch einen oligarchischen Multimilliardär, vielleicht aus dem Osten oder aus einem Ölstaat, wird der einstige Club von Bickel, Ballaman und Claudio Sulser, heute Ethik-Beauftragter der FIFA, wohl nie mehr in der Champions-League spielen.
 
In der Schweiz ist der Grenznutzen gewisser Weltsportarten (Ausnahme: Tennis) wohl erreicht. Für den FC Basel, der soeben wieder einige der besten Spieler des Landes aufgekauft hat, wäre wirklich interessante Konkurrenz langfristig wohl nur in der deutschen Bundesliga, eventuell in der französischen Liga, zu finden.
 
PS. Der FC Sion, dessen Cupsiege zu den schönsten Ereignissen der Schweizer Sportgeschichte gehören, ist seit Jahren kein FC Wallis mehr. Wenn keine Walliser mehr in der ersten Mannschaft mitspielen, oder ausnahmsweise maximal einer oder zwei, ist die pädagogische und soziale, auch für die Schweiz wichtige Funktion dieses Traditionsclubs eines Alpenkantons im Prinzip nicht mehr gegeben.
 
 
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