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BLOG vom 28.07.2014


Mali: Luxemburg trauert, Schweiz verschweigt den Namen
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 
Die am 24.07.2014 bei Gao in Mali abgestürzten Luxemburger Drittweltaktivisten Camille Arend und Noémie Siebenaller lösen bei Premierminister Xavier Bettel und Aussenminister Jean Asselborn Aktivitäten und nationale Trauer aus. Der Name der Schweizer Menschenrechtsaktivistin Florie Pingoud aber wird, aus Gründen eines angeblichen Persönlichkeitsschutzes, beinahe totgeschwiegen.
 
Bei der Flugzeugkatastrophe in Mali kamen neben der Schweizerin Florie Pingoud, die gemäss 24 heures vom 26. Juli 2014 im Gegensatz zu ihrem Aufenthalt vor Jahresfrist aus privaten Gründen in Ouagadougou (Burkina Faso) geweilt hatte, auch zwei junge Luxemburger Hilfswerks-Aktivisten ums Leben. So der um dreissig Jahre alte Lehrer und Sportvereinstrainer Camille Arend und die 21jährige Studentin Noémie Siebenaller. Sie gehörten, analog zu den Aktivitäten von Co-Präsidentin Florie Pingoud bei Codap, ebenfalls einer von jungen Menschen getragenen humanitären Organisation an, nämlich „Le soleil dans la main“. Camille Arend war deren Vorsitzender.
 
Mit Noémie Siebenaller, Jahrgang 1993, sowie noch einem halben Dutzend weiterer Kollegen und Kolleginnen flog er zu Beginn der Sommerferien nach Burkina Faso, um dort ein bedrängten Kindern gewidmetes Projekt in seinem Fortgang zu überprüfen. Da er indes in seiner Wohngemeinde Wintger (Wincrange im Grossherzogtum Luxemburg) am Wochenende vom 26./27. Juli bereits wieder für eine Sportveranstaltung organisatorisch hätte zuständig sein sollen, flog er – mit Noémie – im Gegensatz zu den übrigen Kollegen und Kolleginnen schon am Donnerstag ab, mit dem verhängnisvollen Kurs AH5017 der Air Algérie, der dann über Mali abstürzte.
 
Die Vereinigung ASDM – Le soleil dans la main – existiert seit 2002. Ihr Projekt für Kinder in der Provinz Boulkiemdé in Burkina Faso wird in Kofinanzierung auch vom luxemburgischen Aussenministerium unterstützt. Die Aktivitäten der Organisation sollen, wie es heisst, zumal auch der Sensibilisierung der Öffentlichkeit in der Sahel-Zone dienen. Nach dem Schweizer Afrika-Experten Al Imfeld ist diese Sensibilisierung langfristig das Wirksamste an vielen Entwicklungshilfe-Projekten.
 
Wie auch immer, im Gegensatz zu der von der Öffentlichkeit mit geradezu extremer Diskretion gehandhabten Afrika-Reise der Schweizerin Florie Pingoud wurde das Unglück von Arend und Siebenaller in Luxemburg zu einer Staatsaktion. Der Premierminister Bettel setzte, zur Rückschaffung der sterblichen Überreste der beiden wie auch zur Betreuung der Angehörigen, einen Krisenstab ein. Der Aussenminister Jean Asselborn, bei uns bekannt für seinen Auftritt bei Anne Will betr. die Schweizer Masseneinwanderungsinitiative, engagierte sich persönlich bei den Familien der Betroffen. Der Sportanlass im Heimatdorf von Camille Arend wurde zum Traueranlass umfunktioniert. Die Luxemburger Presse berichtet ausführlich, auch mit Fotos der Verunglückten. In Luxemburg hatte auch eine vierköpfige britisch-holländische Familie gelebt, welche beim Flug MH17 über der Ukraine ums Leben gekommen war.
 
Bemerkenswert ist zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes (27. Juli 2014), dass die beiden Luxemburger Jung-Aktivisten in ihrem Land öffentlich betrauert und vor allem als öffentliche Personen behandelt werden. Im Gegensatz dazu galt es bis anhin als inopportun, den Namen der Lausannoise Florie Pingoud auch nur zu nennen. In der Schweizer Presse wurde sie entweder nur F. oder Florie P., genannt; eine Ausnahme bildete die Blogseite vom Textatelier.com aus Biberstein AG/CH.
 
Als Autor gehe ich davon aus, dass eine Publizistin, deren Name Florie Pingoud zum Beispiel im Schweizer Archiv für Volkskunde als Verfasserin einer relevanten Studie zur Ethnomedizin verzeichnet ist, die zudem als Copräsidentin einer humanitären Organisation und Mitorganisatorin eines Filmfestivals eine öffentliche Person ist, nicht anonym bleiben kann. Für das Bedürfnis der Trauernden nach Diskretion darf man Verständnis haben. Der Flugzeugabsturz in Mali, wo ihr Name insgesamt einige Dutzend Male auf vielfach veröffentlichten Listen auftaucht, war und ist aber alles andere als eine private Angelegenheit. Die Namen von Toten können nicht verschwiegen werden. Hier geht meines Erachtens der Persönlichkeitsschutz zu weit.
 
Es wäre wohl noch heute vertretbar, wie es früher der Fall war, dass jeder Verstorbene, jede Verstorbene allenfalls in einer amtlichen öffentlichen Todesanzeige vermerkt werden. Die amtliche Todesanzeige hatte früher in der städtischen Gesellschaft, z. B. Zürich, die Funktion zu verhindern, dass irgendein Todesfall unbemerkt bleibt. Indem jeder Todesfall zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht wird, vermeidet man das unbemerkte Verschwinden eines Menschen aus der Gesellschaft: ein Befund, der im Einzelfall Verdacht erregen kann. In Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ vermerkt Frau Marthe über ihren in Padua verschollenen Mann: „Will ihn auch tot im Wochenblättchen lesen.“
 
Die hohe letzte Ehre, welche die beiden jungen Luxemburger in ihrer Heimat erhielten, war überaus verdient. Auch die Schweizer Öffentlichkeit sollte meines Erachtens über den Todesfall der vielversprechenden jungen Frau Florie Pingoud nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
 
Der Lebensinhalt der hier genannten jungen Menschen war in vieler Hinsicht idealistische Solidarität. Wie klug es indessen für den Präsidenten von ASDM war, für bloss eine gute Woche nach Mali zu fliegen, um dann möglichst schnell wieder für den Luxemburger Sport da zu sein, darf mit einem Fragezeichen versehen werden. Die Kolleginnen und Kollegen, die ein anderes, späteres Flugzeug – über Paris – genommen haben, hatten in der Tat einen „Schutzengel“, wie hier festgestellt werden darf. Solange jedoch die Reisenden nach Burkina Faso ebenso häufig oder noch häufiger dem Hilfswerk-Tourismus angehören als dass sie vor allem aus geschäftlichem Interesse dorthin fliegen würden, befindet sich dieses Land in der Tat in einem ökonomisch wenig beneidenswerten Zustand. Desgleichen gibt es keinen Zweifel, dass für innerafrikanische Flüge mit älteren Maschinen der Sicherheitsstandard garantiert nicht die Kreditmarke AAA verdient.
 
Als Vater zweier Töchter hätte ich mich ziemlich stark dafür verwendet, dass meine Kinder auf Abenteuer dieser Art verzichten. Vor 100 Jahren und noch später war der frankophone Teil von Afrika eine Herausforderung für junge Fremdenlegionäre. Heute suchen Drittweltaktivistinnen und -aktivisten aus humanitären Motiven manchmal Abenteuer, deren langfristiger Nutzen für die Menschheit ihrerseits nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Es bleibt zumal, wie es in den Statuten von Le soleil dans la main heisst, bei der Sensibilisierung.
 
 
Hinweis auf den vorangegangenen Bericht von Pirmin Meier über Florie Pingoud
 
Hinweis auf weitere Biografien von Pirmin Meier
 
 
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