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BLOG vom 03.08.2014


Bundesfeier Biberstein: Schärfen der Axt nicht vergessen
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
In des Platanenhofs lichten Räumen, umgeben von den Bibersteiner Schlossbauten, fand sich am frühen Abend des 01.08.2014 eine festlich gestimmte, alle Bänke belegende internationale Gesellschaft in Feierlaune ein. Die eingeborene Alphorngruppe garantierte für jene friedliche Stimmung, wie sie in der Alpenwelt des hehren Vaterlands nach getanem Tageswerk als Aufruf zu Ruhe und Besinnung verstanden werden kann. Der Jodlerklub Haselbrünneli verstärkte dieses Bemühungen aus voller Brust, ein Multifunktionsverein, der auch das Grillieren beherrscht, und die Musikgesellschaft Küttigen-Biberstein belebte die Atmosphäre in auffrischender Art, die Harmonie erhaltend. Ein Bratwurst- und Steakduft, vermischt mit jenem von ofenfrischem Gebäck, um es in der Werbesprache auszudrücken, rief zu einem individuell kombinierbarem Abendessen auf, derweil Gemeinderat René Klemenz als Vertreter der Kulturkommission seine Willkommensbotschaft verbreitete. Der Vergleich mit einem akustisch und olfaktorisch unterlegten Bilderbuch lag auf der Hand. Zu den erfreulichen Aspekten gehört, dass im Schlosshof und im Dorf kein Feuerwerk mit der damit verbundenen Verbreitung von stinkender Kriegsstimmung abgebrannt werden darf.
 
Und selbst die Ansprache des Aargauer Regierungsrats Urs Hofmann, die das Thema Offenheit variantenreich abwandelte, passte genau ins Konzept. Er, der in der nahen Telli in Aarau aufgewachsen war, lobte Biberstein mit dessen Südlage als eine der attraktivsten Wohngemeinden des Kantons. Der Referent freute sich über die Schweizer Zustände im Allgemeinen: „Eus gohts i dr Schwiiz guet“. Und infolgedessen meinte Urs Hofmann anschliessend denn auch nicht die Schweiz und schon gar nicht Biberstein, als er bildhaft von einem reichen Stadtstaat irgendwo auf der Erde erzählte, der an einem grossen Fluss entstanden war und über die Wasserstrasse mit dem Meer und der weiten Welt verbunden war. Einheimische und Handwerker aus fremden Ländern verhalfen der Siedlung zur Blüte, und alle wollten bei wachsender Anspruchsmentalität am Reichtum teilhaben. Diese Stadt, träge geworden, gedieh allmählich nicht mehr; die Menschen zogen aus, Häuser vergammelten, und der Kanal, der die Stadt mit der Welt verbunden hatte, versandete. Armut und Arbeitslosigkeit breiteten sich aus.
 
Der Referent warnte mit dieser Metapher vor der Abschottung der Welt gegenüber. Zum Glück brauchten wir Bibersteiner und Schweizer uns nicht allzu sehr betroffen zu fühlen, hatte unser erfolgreiches Land doch schon seit Menschengedenken intensive Handelsbeziehungen zu allen Erdteilen, soweit ihr das nicht durch US-Sanktionen verwehrt wurde. Bei den offenen Türen für Flüchtlinge belegt sie trotz aller Steuerungsbemühungen einen der vordersten Ränge – das ging mir durch den Sinn.
 
Hofmann fuhr fort, die Stärke der Schweiz messe sich am Wohlergehen der Schwachen. Alle, auch die nicht akademisch Gebildeten, sollten eine angemessene Arbeit haben. Selbst diesbezüglich machen wir, wie man sicher beifügen darf, keinen schlechten Eindruck, im Gegenteil. Und der Staat sollte nicht alles übernehmen wollen, sagte der Referent, ein grosses und wichtiges Wort.
 
Die Bibersteiner Offenheit wurde an der 1.-August-Feier durch die Anwesenheit von 45 Gästen, hauptsächlich aus Syrien, aber auch aus dem dem Iran, aus Jordanien, Palästina und Ägypten bewiesen. Es handelte sich um eine Gruppe von Muslimen und Christen, die im Freundes-Dienst-Haus in der Bibersteiner Buhalde 3 Tage lang eine preiswerte Unterkunft in TV-freien Zimmern gefunden hatte und mit den schweizerischen Eigenarten vertraut gemacht werden sollte, wie ich von Samuel Schmid, Präsident und Geschäftsführer der Freundesdienst- und der Elim-Stiftung erfahren habe. Der Freundes-Dienst ist als Hilfswerk international tätig und betreibt das Web-„Radio Freundes-Dienst“. Die seiner Einladung gefolgten netten Leute aus den infolge der westlichen Einmischungspolitik bedrängten und übel zugerichteten und teilweise in Schutt und Asche gelegten Ländern sangen voller Inbrunst Lieder mit afrikanischem Einschlag, eine Bereicherung der dörflichen Feierstunde im Schlosshof.
 
Das Zusammentreffen der Thematik der Rede des bekannten, volksverbundenen Regierungsrats mit der Anwesenheit der ausländischen Asylanten, Flüchtlinge und seit längerer Zeit in der Schweiz ansässigen Ausländer war das Werk des Zufalls. Und wenn Urs Hofmann dazu aufrief, unsere politische Kultur zu pflegen, ist die Vermutung naheliegend, dass er die soziale Kultur einbezogen hat. Er sieht in solch einer Kulturpflege eine permanente Aufgabe und erläuterte dies am Bild jenes Holzfällers, der von einem Forstamt angestellt wurde und sich enorm anstrengte. Mit seiner Axt fällte der kräftige Waldarbeiter pro Tag 5 Bäume: 2 Tannen, 2 Buchen und eine dicke Eiche. Doch dann brauchte er immer mehr Zeit, um einen Baum zu Fall zu bringen, obschon er seine körperliche Anstrengung noch vergrösserte. Er erzählte von seinem Frust dem Förster, der ihn fragte, ob der denn daran gedacht habe, die Axt regelmässig zu schärfen. Und genau in diesem Sinne müssen wir laut Hofmann unser Gemüt und unseren Geist alleweil in Hochform bringen, uns entspannen, frische Idee gebären und neue Ziele anstreben. Das könnte der Zaubertrank sein, der Asterix übernatürliche Kräfte gab, um alle Schwierigkeiten siegreich zu bestehen.
 
Beim Zuhören hatte ich ebenfalls meine Probleme, denn neben mir unterhielt sich während des Vortrags ein lebenswürdiges, aufgestelltes Schlossbewohner-Pärchen lautstark über die Gestaltung des anstehenden Wochenends, so dass mir gewissen Feinheiten der Vortagsformulierung von Urs Hofmann entgingen. Doch lag es mir fern, bei meinen Tischgenossen massregelnd einzugreifen, geschah dies alles doch im Wohnumfeld dieser jungen Leute, das wir ein paar Stunden mitbenützen durften. Bei der schriftlichen Wiedergabe der gesprochenen gehörten und überhörten Wörter, wie das hier geschieht, musste ich etwas zusammenfassend klittern, was mir Urs Hofmann gewiss verzeihen wird. Immerhin bin ich überzeugt, der kurzen Rede langer Sinn richtig verstanden und interpretiert zu haben. Und der Applaus der Bundesfeiergesellschaft war intensiv, ein Indiz dafür, dass die Ausführungen gut angekommen sind.
 
Weniger überzeugend war dann die Stimmenfülle beim stehenden Absingen des Schweizerpsalms „Trittst im Morgenrot daher“ von Albert Zwyssig (1808‒1854), der hohe Ansprüche an die gesanglichen Interpretationskünste des Volks stellt, denen ich schon gar nicht gewachsen bin, abgesehen von den patriotischen Aspekten. Dabei ist diese Schweizer Landeshymne seit 1961 provisorisch und seit 1975 einigermassen offiziell in Gebrauch, sodass seither hinreichend Übungsgelegenheiten bestanden hätten. Und wenn ich die momentanen Bemühungen um eine Modernisierung dieser Hymne mit ihren gewiss überholten religiösen Bezügen betrachte – am Schlimmsten wäre ihr Ersatz durch einen Globalisierungssong –, dann sehe ich in der Beibehaltung des traditionellen Lieds das kleinste aller denkbaren Übel. Im Prinzip ist jede Tradition als etwas Übergebenes, Überliefertes veraltet, auch das Brauchtum, das herkömmliche Wissen. Und trotzdem hat dies alles seinen hohen Stellenwert, seinen Eigenwert wie ein kunstvoll geschaffenes, antikes Möbelstück von bleibendem Wert.
 
Auch die Bibersteiner Bundesfeier mit dem Lampion- und Fackelumzug zur „Heidechile“ (Heidenkirche) gehört zu den liebens- und erhaltenswerten Traditionen, die zum frohen und seligen Träumen Anlass geben.
 
 
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