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BLOG vom 10.08.2014


Rätsel 2: Pfaffenröhrlein, Gummilieferant und ein Diuretikum
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Kennen Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, eine Heilpflanze, die den Namen von der Blattform erhielt, deren Blütenkopf 100 bis 200 Einzelblüten enthält, die im deutschen Sprachgebiet etwa 500 Volksnamen hat?
 
Es entstanden die kuriosesten Namen, wie Pfaffenröhrlein, Pfaffenstiel, Mönchskopf, Kuhblume oder Bettseicherle. Die volkstümlichen Bezeichnungen beziehen sich auf das Aussehen, die Blütezeit und auf die Wirkung. Die Bezeichnung, die auf einen Pfaffen hindeutet, wurde deshalb geboren, weil der Fruchtboden – wenn die Samen entfernt sind – eine Ähnlichkeit mit der Tonsur eines Geistlichen hat. Weil die Pflanze gerne von Kühen gefressen wird, entstand die Bezeichnung Kuhblume.
 
Die gesuchte Pflanze, die in Europa, Asien, Nordafrika und Amerika weit verbreitet ist, wurde bei den arabischen Ärzten des Mittelalters (Rhazes, Ibu-Sina) als stoffwechselanregendes Diuretikum sehr geschätzt. Nach Leonhart Fuchs (1501−1566) gilt die Pflanze als zusammenziehend, magenstärkend, blutstillend, schlaffördernd, blutreinigend, menstruationsfördernd und harntreibend. Laut Hieronymus Bock (1498−1554) verwendeten Frauen Wurzelwasser zur Schönheitspflege und zur Beseitigung von Sommersprossen.
 
Arzneilich werden das Kraut und die Wurzel verwendet. Die Wurzel enthält im Frühjahr 1 bis 2 % Inulin, im Sommer 15 bis 24 % und im Herbst bis zu 40 %. Im Kraut und in der Wurzel sind Bitterstoffe, Sitosterol, Stigmasterin, Karotinoide, Flavonoide, Kaffeesäure und, besonders in der Wurzel, sind neben Inulin Schleimstoffe und Fruchtzucker enthalten. Frische Blätter zeichnen sich durch einen beachtlichen Gehalt an Kalium (590 mg/100g) und Vitamin C (115mg/100g) aus.
 
Die Pflanze wirkt appetitsteigernd, stoffwechselanregend, verdauungsfördernd, gallesekretionssteigernd und mild abführend. Sie ist ein Förderer der Harnausscheidung. Aus diesem Grund bezeichnet man sie vielerorts als „Bettseicher“ und in Frankreich „pissenlit“.
 
Die Pflanze ist auch Bestandteil von Frühjahrs- und Blutreinigungskuren. Die 4 bis 6 Wochen dauernden Kuren sind besonders angezeigt bei Hautleiden, Gicht und rheumatischen Erkrankungen. Gegenanzeigen: Entzündung oder Verschluss der Gallenwege, Darmverschluss.
 
Pflanze als Gummilieferant?
In den 1930er-Jahren haben russische Forscher die Produktion von Kautschuk aus dieser Pflanze untersucht. Forscher der Nazis knüpften daran an. Rund um das Konzentrationslager Auschwitz in Polen ernteten KZ-Häftlinge die Pflanze auf grossen Feldern (Quelle: www.proplanta.de).
 
Zurzeit laufen Forschungen in dieser Richtung. Der aus dieser Pflanze gewonnene Kautschuk könnte eine Alternative zum Natur-Kautschuk sein. Manche Biochemiker sind so euphorisch, dass sie von einem wichtigen Rohstoff des 21. Jahrhunderts sprechen.
 
Ein Problem gibt es: Der Milchsaft gerinnt schnell, sobald dieser in Kontakt mit Luft kommt. Die Kautschukproduktion wird durch diesen Prozess erschwert. Verursacht wird die Gerinnung durch ein Enzym. Biochemiker haben durch Gentechnik erreicht, dass dieses Enzym ausgeschaltet wird. Erschwerend kommt hinzu, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht auf freiem Feld angebaut werden dürfen. Aus diesem Grund soll die Pflanze auf konventionellem Weg gezüchtet werden. Es wird laut Prof. Dirk Prüfer jedoch noch einige Jahre dauern, bis die Sorte in grossem Stil anbaufähig ist.
 
Haben Sie die Würz-, Salat- und Heilpflanze erkannt?
 
 
Auflösung: Die gesuchte Pflanze ist der Löwenzahn (Taraxacum officinalis Weber).
 
Anhang 1: Kinderspielzeug
Der Löwenzahn diente früher auch als Kinderspielzeug. Wir Buben fertigten damals aus den Löwenzahnstängeln Pfeifen und Brummer an, während die Mädchen aus diesen Ketten und Ringe herstellten. So manche Blütenkette verschönte das Antlitz eines Mädchens und manch eine Pusteblume landet im Mündchen („Augen zu, Mund auf, Du bekommst etwas Gutes!“).
 
Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seinen morphologischen Schriften („Spiraltendenz der Vegetation“) über die Löwenzahnstiele Folgendes: „Wenn man die Stiele des Löwenzahns an einem Ende aufschlitzt, die beiden Seiten des hohlen Röhrchens sachte voneinander trennt, so rollt sich jede in sich nach aussen und hängt in Gefolge dessen als eine gewundene Locke spiralförmig zugespitzt herab, woran sich Kinder ergötzen und wir dem tiefsten Naturgeheimnis näher treten.“
 
Anhang 2: Löwenzahnhonig
300 g Blütenköpfe in 1 Liter Wasser kalt ansetzen, langsam zum Kochen bringen, sieden und aufwellen lassen. Topf vom Herd nehmen, mit Pergament abdecken und über Nacht stehen lassen. Blüten auspressen und durch ein Leinentuch geben. Die klare Lösung mit 1 kg Zucker versetzen und eine kleine, geschälte und in Stücken geschnittene Zitrone zugeben, zum Kochen bringen und bis zur Honigkonsistenz eindampfen. Abkühlen, Zitronenschalen herausnehmen und Geleeprobe machen. Hat sich noch kein Gelee gebildet, nochmals eindampfen. Dieser Löwenzahnhonig hilft bei Rheuma, Gicht und hat eine wohltuende Wirkung auf den Organismus.
 
Anhang 3: Löwenzahnschnaps
Zutaten: Wurzeln während der 2. Blüte (die Wurzeln sind saftiger und grösser), 50-prozentiger Hefeschnaps.
 
Zubereitung: Die Wurzeln bürsten, fein schneiden und in ein grosses Einmachglas füllen; die Wurzelstücke mit Hefeschnaps bedecken und 3 Monate an einen hellen Ort – ohne direkte Sonnenbestrahlung – stellen. Während dieser Zeit das Glas jeden Tag wenden, dadurch wird eine gute Auslaugung der Wurzeln erreicht und das braune Anlaufen dieser Pflanzenteile verhindert. Nach 3 Monaten das Ganze durch ein Haarsieb mit Leinentuch geben und zu einem Liter Filtrat 1,5 Liter Hefeschnaps geben.
(Rezept von Familie Stückler, vormals Todtnauberg)
 
 
Literatur
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa Verlag, Vaihingen, 2013.
 
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